Bane – The Final European Show Part I (12.12, Conne Island, Leipzig)

Bane – The Final European Show Part I (12.12, Conne Island, Leipzig)

Die Uhr zurück auf Anfang drehen, Geschehenes noch einmal erleben, etwas niemals zu Ende gehen lassen. Auch wenn es nicht möglich ist und so etwas wie Unendlichkeit nicht existiert, wer hat sich das nicht schon einmal gewünscht? All das dürfte den Besuchern des ausverkauften Conne Island auch tatsächlich durch den Kopf gegangen sein, als sie sich am 12.12.2015 zu einem denkwürdigen Konzert versammelten, bei welchem Freud und Leid sehr nah beieinander lagen. Es war nicht irgendeine Show: Es war die Abschiedsvorstellung einer der, wenn nicht sogar der einflussreichsten, sympathischsten und ehrlichsten Hardcore-Bands der letzten 20 Jahre. Es war Banes allerletztes Deutschland-Konzert und das vorletzte auf europäischem Boden. Und weil sie sich nur ungern alleine oder gar im stillen Kämmerlein verabschieden wollten, luden Bane gleich sieben (!) befreundete Bands zu ihrer Abschiedsvorstellung im Leipziger Süden sein.
Dementsprechend lange mussten die Besucher auf Banes endgültigen Schwanengesang warten, was Einigen vielleicht ganz recht war. Jedoch schafften es Backtrack, No Turning Back, World Eater, Wolf Down, Light Your Anchor, Tausend Löwen unter Feinden und Jail die Zeit im Fluge vergehen zu lassen, weshalb der Abend für Publikum, Bands und alle Anderen nie langweilig wurde und ein Highlight das nächste jagte.

Wie nah sich Anfang und Ende sind, das wurde bereits recht früh deutlich. Während Bane Adiós sagten, durften Jail aus Oberhausen den Abend bereits um 16:30 mit ihrer erst vierten Show überhaupt eröffnen. Trotz der ungewöhnlichen Uhrzeit, fanden sich erstaunlich viele Leute vor der Bühne ein, die ihr frühes Kommen sicherlich nicht bereut haben. Sie wurden Zeuge einer kurzen, aber umso intensiveren Show. Das lag zum einen am knackigen Sound und zum anderen am Auftritt von Sänger Björn, der vor Energie nur so strotzte und einfach nicht still stehen wollte. Ebenfalls voller Energie ist auch Jails mit Sing-Alongs, Two-Steps und Side-to-side’s gespickter Oldschool-Hardcore. Dieser kann gewisse Ähnlichkeiten zu Black Friday ’29 nicht leugnen und muss das auch nicht, schließlich ist Björn deren ehemaliger Sänger und Jail seine neueste Band. Eins ist nach dem vielversprechenden Auftritt jedenfalls klar: Jail werden uns in Zukunft noch sehr viel Freude bereiten.

Als zweites betraten Tausend Löwen unter Feinden die (für sie noch ein klein wenig zu) große Bühne. Bereits seit einigen Wochen unterstütze das selbsternannte Kollektiv Bane bei ihrer scheinbar endlosen Abschiedstour, die in knapp zwei Monaten in 25 europäischen Ländern Halt machte. Tausend Löwen Unter Feinden hatten so endlich einmal Gelegenheit, ihre beiden großartigen Platten „Licht“ und „Machtwort“ ausführlich live zu präsentieren. Und auch im Conne Island zeigten sie, warum sie als die deutsche Hardcore-Band der Stunde gelten und ihre Releases ausschließlich positive Kritiken erhielten. Auch das Leipziger Publikum schien sich diesen Meinungen anzuschließen und hatte deswegen keinerlei Berührungsängste. So bildeten sich während der knapp 25-minütigen Show immer wieder kleine Menschenansammlungen vor der Bühne, die wie bei „Immer und ewig“ und „Bis zum letzten Tag“ die Texte leidenschaftlich und intensiv ins Mikro brüllten und so ebenfalls zum Teil des Kollektivs wurden.

Nach den tausend Löwen setzten Light Your Anchor das Schaulaufen deutscher Bands fort. Leider wurde recht schnell deutlich, dass die fünf sympathischen Hamburger mit ihrem melodischem Hardcore an diesem Abend ein wenig aus der Reihe fielen. Das Publikum reagierte zunächst verhalten und die respektvolle Lücke vor der Bühne wurde erst nach mehrmaligen Aufforderungen des Gesangsduos Daniel und Thomas geschlossen. Light Your Anchor ließen sich davon jedoch nicht mal ansatzweise entmutigen, hatten ihren Spaß und lieferten eine kraftvolle Show ab, die aus Songs ihrer beiden Alben „Hopesick“ und dem in diesem Jahr veröffentlichten „Homefires“ bestand. Beim auch in Leipzig wohlbekannten Song „Buried In My Mind“ sollte es dann doch noch zu intensiven Momenten zwischen Publikum und Band kommen, was sich die Jungs nach diesem beherzten Auftritt redlich verdient hatten.

Nur wenige Stunden vor Beginn des Konzerts fand im alternativ-subkulturellen Leipziger Süden eine Nazi-Demonstration statt. Dieser stellten sich glücklicherweise tausende Gegendemonstranten in den Weg, sodass die Hohlbirnen-Fraktionen nur wenige Meter laufen konnte. Deswegen positionierten sich im Laufe des Abends alle Gruppen unmissverständlich gegen Nazis, Rassismus und sonstigen Dreck. Musikalisch lieferte die vierte Band den passenden Soundtrack der Proteste: Wolf Down. Wenn auch ursprünglich im Ruhrpott beheimatet, ist das links geprägte Leipzig jedes Mal auf’s Neue eine Art Heimspiel für die inzwischen fünf Jungs und so wurde der Auftritt von frenetischen Publikumsreaktionen getragen. Das Conne Island durchfuhr eine Energiewelle, welche sich vor allem bei den neuen Songs „Torch of Reason“ und „Flames of Discontent“, sowie beim altbekannten „Stray from the Path“ in massenweise Stagedives und Sing-Alongs entlud. Auch bewies die Show eindrucksvoll, wie gut Wolf Down der Sängerwechsel getan hat, denn auch live passt Neu-Sänger Dave hervorragend zum jetzt noch kompromissloser wirkenden Sound und macht Lust auf das 2016 erscheinende neue Album.

Nach Wolf Down war es Zeit für World Eater, welche später von Bane-Schreihals Aaron als „The band, that represents everything what Hardcore should be about.“ geadelt werden sollte. Mit dieser Aussage sollte er definitiv Recht behalten. World Eater spielten sich mit einem sympathischen Auftritt in die Herzen all derer, die sie zuvor noch nicht live gesehen haben, denn bei dieser Show passte einfach alles: Musik, Ton und Publikum. Die Saarbrücker gehören zu den wenigen Bands, die es tatsächlich schaffen, den typischen New-York-Hardcore-Sound abwechslungsreich und ohne Gähn-Effekt zu präsentieren. Zur Freude vieler wurde für 2016 ein neues Album angekündigt, dass unmittelbar nach Ende der Tour im Studio eingespielt wird.

No Turning Back waren dann die erste Band, die nicht aus heimischen Gefilden stammte. Aber da die Jungs scheinbar immer auf Tour sind und in den letzten Jahren jede deutsche Hardcore-Location schon mindestens einmal gespielt haben müssten, könnte man ihnen auch problemlos die hiesige Staatsbürgerschaft zuerkennen. Auch wenn es ihrer Musik etwas an Abwechslung und Unterscheidbarkeit fehlt, gelten No Turning Back seit Jahren als sehr gute Liveband und auch die Show im Conne Island sollte diese Einschätzung bestätigen. Ein sangesfreudiges Publikum, auch hier wieder euphorische Publikumsreaktionen und eine gut aufgelegte, sichtlich Spaß habende Band (welche sich einfach nur darüber freute Teil dieser besonderen Show sein zu dürfen) sorgten für gelungene 30 Minuten und ließen die Erwartungen an die noch zwei kommenden Bands weiter steigen.

Wer das Conne Island kennt, der weiß, dass sich die Bühne unglaublich gut für Stagedives aller Art eignet. Deshalb sollte man beim Auftritt Backtracks eins vor allem nicht getan haben: sich hier freiwillig in die erste Reihe stellen und dort längere Zeit verweilen. Trotzdem Glückwunsch all denen, die wider besseren Wissens genau das getan und den Gig ohne ernsthafte Verletzungen überstanden haben. Was sich in diesen knapp 20 Minuten vor und besonders auf der Bühne abgespielt hat, lässt sich perfekt in drei Worte fassen: Stagedives, Stagedives, Stagedives! Irgendwer sprang immer ins Publikum und Backtrack-Sänger Vitalo musste mehrmals aufpassen, nicht von der Bühne in die Massen gestoßen zu werden. Ansonsten war es eine routinierte Show der Bane-Buddies, die für manche Geschmäcker leider etwas zu amerikanisch, zu abgeklärt, zu professionell war und es von Seiten der Band ein wenig an echten Emotionen mangelte.

Dann, nach über sechs Stunden warten, sollte endlich der Moment gekommen sein, den Viele zur gleichen Zeit herbeigesehnt und auch gefürchtet haben. Bane betraten die Bühne und eröffneten ihr letztes Deutschland-Konzert passenderweise mit „My Therapy“ – und (laut Aussage Aarons) dem wohl schlechtesten Konfettiregen aller Zeiten. Es schien so, als wollten Band und Publikum noch einmal alles geben, sämtliche Register ziehen, für eine Show sorgen, die niemand, wirklich niemand vergessen sollte. Und so verwandelte sich das Conne Island vom ersten bis zum letzten Song in ein Meer aus Stagedivern, sich umher schubsenden Menschen und in die Höhe gestreckten Armen und Beinen. Zu jeder Sekunde folgte Sänger Aaron eine Menschenmasse, um jede Textzeile voller Inbrunst und Leidenschaft ins Mikro zu brüllen und die eigenen Stimmbänder ordentlich zu strapazieren. „Superhero“, „All The Way Through“, „Ante Up“, „Calling Hours“ und selbstverständlich „Count Me Out“, „Final Backward Glance“, „Can We Start Again?“ – aus jeder Phase ihres Schaffens pickten sich Bane das Beste heraus und hauten es der gierigen Leipziger Crowd regelrecht um die Ohren. Doch zwischen den Songs gab es immer wieder ruhigere und sehr emotionale Momente, in denen Aaron (dem es dabei immer wieder die Stimme versagte) zwei Jahrzehnte Bandgeschichte rekapitulierte und so viele private Anekdoten erzählte wie wohl nie zuvor: Warum sie sich schon 2005 beinah aufgelöst haben, warum die letzte Europatour mehr als 30 Stationen umfasste, warum die letzte Deutschland-Show nur im Conne Island (und sonst nirgendwo) stattfinden konnte – und dass Bane genau an diesem 12.12 ihren zwanzigsten Geburtstag feierten. Auch hier zeigt sich wieder, dass Anfang und Ende immer untrennbar miteinander verbunden sind. In Form ihres „Swang Song“ kam das Ende dann leider auch und Bane verabschiedeten sich nach knapp einer Stunde vom Island, von Leipzig, von Deutschland. Zurück blieb ein euphorisches und dankbares, aber auch trauriges Publikum, das nicht wirklich fassen konnte, Aaron und Co. in dieser Form nie wieder auf einer Bühne sehen zu können. What’s done is done.

Thank you so much for everything Bane, I already miss you.

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