Capsize, 68, Casey (03.06.15, JuHa West)

Capsize, 68, Casey (03.06.15, JuHa West)

Rumsitzen und Bier trinken oder durchschwitzen und das Moshbein schwingen? Eine kleine, aber motivierte Gemeinde von knapp 100 Leuten fand sich vergangenen Mittwochabend im Stuttgarter JuHa West zur Vorfeiertags-Feierei ein. Auf dem Programm Capsize, ’68, und Casey: Ein fies pulsierendes Soundgewitter bei drückender Hitze, bei dem nicht nur Beine fliegen sollten, sondern auch die Beleuchtung.

Den Anfang machen Casey aus England. Nach einem sehr atmosphärischen Einstieg mit flirrenden Gitarren und verzweifelten Wortfetzen bricht das Inselquartett in ein emotionales, aber etwas unentschiedenes Soundgewitter. Brachiale Passagen und anklagende Schreie wechseln sich ab mit vorsichtig ausgebreiteten Instrumental-Parts und apathischem Spoken Word. Das funktioniert innerhalb des 20-Minuten-Sets teilweise sehr gut, lässt aber immer etwas Eigenständigkeit vermissen. Gerade von den Texten kriegt man heute so gar nichts mit, was entweder am Mischpult liegt oder an der Matte von Sänger Tom, hinter der er sich das ganze Set versteckt. Dazu muss man sagen, dass Casey als Band aber auch noch gar nicht so lange existieren, und dafür sind die Handvoll Songs, die die Band heute präsentiert, schonmal ziemlich gut ausgearbeitet. Die meiste Aufmerksamkeit seitens des Publikums bekommt an diesem Abend zwar das eher hardcore-lastige „Hell“ – irgendwo zwischen Pianos Become The Teeth, La Dispute und Post-Rock zeigen die Waliser allerdings ihr meistes Potential.

Während der Bühnenraum zu Casey noch höflich voll ist, trennen sich bei ’68 die Wege ein bisschen. Für alle, die das Schaffen von Josh Scogin bei Norma Jean und The Chariot verfolgt haben, dürfte das Chaos-Duo das Highlight des Abends ein. Für den Rest ist jetzt eher die Gelegenheit, die wunderbar warme Luft zu genießen. Das alles ist Josh Scogin und Michael McClellan ziemlich egal. Ihnen ist eigentlich aber auch so ziemlich alles egal: Ob Songtitel („Here’s Track 01, here’s Track 02…“), GEMA-Formalitäten (der arme Jan!), Proben („We haven’t been in one room since January“) – oder auch die Deckenbeleuchtung, die Scogin beim Schwingen des Mikros in Teilen mitnimmt. ’68 sind nicht nur pure Energie, sondern auch pure Exzentrik. McClellan sitzt im 90°-Winkel zum Publikum, drischt auf das Drumset ein und lässt sich vom ebenso 90° ausgerichteten Scogin anschreien. Dass Scogin früher nur mit Mikro auskam, ist ein Wunder, so fest wie er jetzt die Gitarre im Griff hat. Raue Grunge-Riffs werden zu groovigen Rock-Parts werden zu kratzenden Dissonanzen werden zu schief quietschenden Breakdowns. Gefühlt die Hälfte des Sets ist improvisiert und ebenso oft hängt Scogins Gitarre hinter seinem Rücken oder über seinem Kopf oder in anderen unspielbaren Winkeln. Da sitzt nicht alles, aber das ist dem Duo aus Atlanta eben ziemlich egal. Und das macht ihr Set auch so herrlich. „We just feel it. Just feel it“, entschuldigen sich die Alleinunterhalter zwischendurch. Wer sich schonmal in dem überbordenden, überwältigenden Noise-Wahnsinn der frühen Norma Jean oder den 2014 aufgelösten The Chariot verloren hat hat, weiss tatsächlich: It’s all about the feeling. Allen anderen kann das natürlich ziemlich egal sein, aber was Scogin macht, das fühlt er – ob er bei ’68 leise vor sich hin flüstert und dann wieder unverständliche Satzfetzen keift oder sich bei auf dem letzten Chariot-Album „One Wing“ zu düsteren Klaviertönen seine Seele rausschreit („Speak.“). The Chariot waren für manche Religion und für viele einfach nur Rauschen. Das ändert sich mit den eigenwilligen Rock’n’Roll-Experimenten von ’68 kein Stück. Das Duo aus Atlanta bricht ein bisschen Glas, aber nicht unbedingt das Eis.

Beim Headliner Capsize wird (oder wirkt?) nach ’68 alles wieder etwas metallischer und atmosphärischer, aber auch routinierter und eben auch konventioneller. Capsize sind aus Kalifornien und sie rauchen gern Gras und sie machen die Art von Metalcore, zu der dann auch die Typen mit Impericon-Turnbeutel und den großen Tunnels plötzlich mehr können als nur Mitnicken. Die Meute kommt schnell in Bewegung und schart sich den zu den eingängigen Passagen dankbar ums Mikro. Das hält ihnen Sänger Daniel gerne hin, bevor er den Moshpit mit lauwarmen Ansagen wie „Move it! I wanna see you move it! I wanna see a real circle pit!“ wieder auf die Reise schickt. Der volltätowierte Frontmann hat die Show im Griff, aber scheint mit dem Herz nicht so bei der Sache. „Do you feel it?“, fragt Daniel das Publikum und schaut dabei die Wand gegenüber an. Nee, sorry, nicht so wirklich. Capsize liefern ab, aber eher abgeklärt. Feeling war da – allerdings eher bei Casey, und vor allem bei ’68.

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Autor Enno Küker
Wohnort Tübingen
Beruf Student
Dabei seit Mitte 2011
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews
Top-Alben ...kommen und gehen. Immer gut: Bahamas - Pink Strat // Brand New - The Devil and God are Raging Inside Me // Bruce Springsteen - The River // The Chariot - One Wing // Cigarettes After Sex - s/t // Emery - I'm Only A Man // Every Time I Die - New Junk Aesthetic // Godspeed You! Black Emperor - Allelujah! Don't Bend, Ascend // La Dispute - Wildlife // Taking Back Sunday - Tell All Your Friends
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