City and Colour, Bahamas

City and Colour, Bahamas

Entspanntes Kontrastprogramm dann also am Abend darauf: City and Colour kommen endlich mal wieder nach Europa – leider natürlich auch deshalb, weil Dallas Green sich nach dem Aus von Alexisonfire jetzt ausgiebig seinem Akustikprojekt widmen kann. Bitterer Beigeschmack, dennoch große Vorfreude darauf, die Intensität der drei bisherigen Platten mal live zu erleben.

Richtig cool los geht’s mit Bahamas. Bescheuerter Bandname, aber irgendwie ganz passend. Der Kanadier Afie Jurvanen spielt sehr zurückgelehnten Blues mit Vintage-Touch und ordentlich Strandfeeling. Reduzierte Arrangements begleitet nur von Drums und zwei Backgroundsängerinnen, den Rest erledigt der versierte Jurvanen selbst: Hektisch zuckende Soli, groovige Basslines und violinenartige Melodiebögen zaubert er aus seiner Fender, und singt dazu auch noch mit lässiger Baritonstimme. Zeitweise swingt’s auch ordentlich im Sixties-Style, doch Support-Acts für heiß erwartete Headliner scheinen immer dem Fluch ausgesetzt, dass die gespannten Zuschauer am liebsten sofort zum Hauptteil des Abends springen würden und nur leicht genervt im Saal rumstehen.

Der entspannte Kanadier lässt sich davon nicht beeindrucken und witzelt mit den Mädels in der ersten Reihe, die unmotiviert im Gatter hängen. „You know, City and Colour are back there… if they hear how excited you are right now, they will be veeery excited for the show tonight…“ Nervös winden sich die Zuschauerinnen und versuchen, dem süffisanten Blick des Sängers zu entkommen, der sie schließlich mit dem nächsten Riff befreit – ohne sie dabei aus den Augen zu lassen. Herrlich. Der Typ hat Style und Talent. Empfehlenswert!

Der restliche Abend sollte dann leider nur vermeintlich entspannt werden. Dass das Konzert überhaupt im Abart und nicht im kleineren Exil stattfindet, war der großen Nachfrage zu verdanken. Leider ist die maximale Ticketanzahl auch proportional zum neu gewonnenen Raum gestiegen und so hat irgendwie niemand was von der neuen Location. Bevor Green und seine Band die Bühne betreten, ist das Abart zum Platzen gefüllt, die Leute stehen sich gegenseitig auf den Füßen. Dazu scheint die Klimaanlage nicht wirklich zu funktionieren oder gar nicht vorhanden zu sein – unerträgliche Bedingungen zum geplanten wohligen Lauschen. Ein Viertel der Leute sieht noch nicht mal etwas, weil die im Raum verteilten Säulen den Blick zur Bühne versperren. Da war das Ticketkontingent definitiv überspannt. Für hundert Leute im Raum weniger hätten die restlichen Zuschauer sicher auch gerne etwas mehr gezahlt. Sehr schade, gerade bei einer solch seltenen Gelegenheit.

Kurz vergessen macht das dann Dallas Green, als er mit seinen Mitstreitern an Schlagzeug, zweiter Gitarre, Bass und Orgel die Bühne betritt und mit dem Opener des aktuellen Albums „Little Hell“ den Abend eröffnet: „We found Each Other in the Dark“. Es ist offensichtlich, wie der bescheidene Kanadier sich live nicht in den Mittelpunkt von City and Colour stellen will, auch wenn er natürlich die treibende Kraft dahinter ist. Auf der Bühne steht er wie alle anderen im feinen (und etwas überzogenen) Anzug, die tätowierte Haut fast vollständig bedeckt. Und vor allem außen am rechten Mikrofon, die Bühnenmitte überlasst er seinem Bassisten. Trotzdem richtet er mit seiner beeindruckenden Live-Performance alle Aufmerksamkeit auf sich, ob er will oder nicht. Seine Songs singt er mit Herzblut und einer Leidenschaft, wie man sie bei Alexisonfire-Shows selten erlebt hat. „The Grand Optimist“, „Day Old Hate“ oder „What Makes A Man“  sind live schlichtweg noch ergreifender als auf Platte, Greens Talent als Sänger und Songschreiber außer Frage.

Doch das Erlebnis leidet doch arg unter den Bedingungen. Dass Zuschauer während einer Akustikshow scharenweise den Saal verlassen, um kurz Luft zu schnappen: Ein seltenes und unbedingt zu vermeidendes Ereignis. Green geht’s in den Schweinwerfen sowie Hemd und Tweedsakko natürlich auch nicht besser und witzelt, er könne im Moment kaum einen Akkord greifen, das sei auch so schon schwer genug. Tipps, wie man das Konzerterlebnis maximieren kann, hat der sonst so höfliche Kanadier dennoch: Bevor er „Body in a Box“ anstimmt, regt sich Dallas Green freundlich, aber bestimmt über die Digitalisierungskultur auf:

„Put all those cameras down, please. Instead of posting on facebook what a great night you just have and stuff, you could for a change use your OWN eyes and enjoy the moment, regardless of what you can share afterwards. This is OUR time together, so just turn ‘em off.“

Word, Mister Dallas! Die Zuschauer folgen brav seiner Aufforderung und die nächsten Songs sieht man dann wirklich keine Digitaldisyplays in der Dunkelheit herumschweben. Außerdem können Kameras wohl kaum die Intensität von Songs wie „Coming Home“ einfangen, die Dallas Green nur mit einer Akustikgitarre begleitet und sich dabei so wunderbar in seinem Gesang verliert. Gänsehautgarant.

Beschwingt geht’s zwischendurch bei „Waiting“ zu, wo das Publikum auch mal zur regen Stimmteilnahme aufgefordert wird. Für den Rest der Zeit hätte Green vielleicht auch noch all die Möchtegernsänger bitten sollen, die Klappe zu halten- die schrecklich verfehlten Töne vom Nebenmann braucht man in den meisten Momenten echt nicht. Einfach zuhören! Oder mitwippen zu „The Girl“, das City and Colour mit einem ordentlichen Schuss Country zum waschechten Lagerfeuerhit machen.

Den großartigen Abschluss bildet „Sometimes“, das mit Band noch einmal an emotionaler Durchschlagskraft gewinnt. Vor allem wenn Dallas Green am Ende das Mikro verlässt und den Raum quasi unplugged beschallt, bis schließlich ein donnernder Paukenschlag die Show beendet. Und damit eine beeindruckende und nachhaltige Performance, die durch die Außenbedingungen leider nicht in vollem Maße genossen werden konnte. Bis nächstes Mal, Dallas!

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Entspanntes Kontrastprogramm dann also am Abend darauf: City and Colour kommen endlich mal wieder nach Europa – leider natürlich auch deshalb, weil Dallas Green sich nach dem Aus von Alexisonfire jetzt ausgiebig seinem Akustikprojekt widmen kann. Bitterer Beigeschmack, dennoch große Vorfreude darauf, die Intensität der drei bisherigen Platten mal live zu erleben.Richtig cool los geht’s mit Bahamas. Bescheuerter Bandname, aber irgendwie ganz passend. Der Kanadier Afie Jurvanen spielt sehr zurückgelehnten Blues mit Vintage-Touch und ordentlich Strandfeeling. Reduzierte Arrangements begleitet nur von Drums und zwei Backgroundsängerinnen, den Rest erledigt der versierte Jurvanen selbst: Hektisch zuckende Soli, groovige Basslines und violinenartige Melodiebögen zaubert er aus seiner Fender, und singt dazu auch noch mit lässiger Baritonstimme. Zeitweise swingt’s auch ordentlich im Sixties-Style, doch Support-Acts für heiß erwartete Headliner scheinen immer dem Fluch ausgesetzt, dass die gespannten Zuschauer am liebsten sofort zum Hauptteil des Abends springen würden und nur leicht genervt im Saal rumstehen.Der entspannte Kanadier lässt sich davon nicht beeindrucken und witzelt mit den Mädels in der ersten Reihe, die unmotiviert im Gatter hängen. „You know, City and Colour are back there… if they hear how excited you are right now, they will be veeery excited for the show tonight…“ Nervös winden sich die Zuschauerinnen und versuchen, dem süffisanten Blick des Sängers zu entkommen, der sie schließlich mit dem nächsten Riff befreit – ohne sie dabei aus den Augen zu lassen. Herrlich. Der Typ hat Style und Talent. Empfehlenswert!Der restliche Abend sollte dann leider nur vermeintlich entspannt werden. Dass das Konzert überhaupt im Abart und nicht im kleineren Exil stattfindet, war der großen Nachfrage zu verdanken. Leider ist die maximale Ticketanzahl auch proportional zum neu gewonnenen Raum gestiegen und so hat irgendwie niemand was von der neuen Location. Bevor Green und seine Band die Bühne betreten, ist das Abart zum Platzen gefüllt, die Leute stehen sich gegenseitig auf den Füßen. Dazu scheint die Klimaanlage nicht wirklich zu funktionieren oder gar nicht vorhanden zu sein – unerträgliche Bedingungen zum geplanten wohligen Lauschen. Ein Viertel der Leute sieht noch nicht mal etwas, weil die im Raum verteilten Säulen den Blick zur Bühne versperren. Da war das Ticketkontingent definitiv überspannt. Für hundert Leute im Raum weniger hätten die restlichen Zuschauer sicher auch gerne etwas mehr gezahlt. Sehr schade, gerade bei einer solch seltenen Gelegenheit.Kurz vergessen macht das dann Dallas Green, als er mit seinen Mitstreitern an Schlagzeug, zweiter Gitarre, Bass und Orgel die Bühne betritt und mit dem Opener des aktuellen Albums „Little Hell“ den Abend eröffnet: „We found Each Other in the Dark“. Es ist offensichtlich, wie der bescheidene Kanadier sich live nicht in den Mittelpunkt von City and Colour stellen will, auch wenn er natürlich die treibende Kraft dahinter ist. Auf der Bühne steht er wie alle anderen im feinen (und etwas überzogenen) Anzug, die tätowierte Haut fast vollständig bedeckt. Und vor allem außen am rechten Mikrofon, die Bühnenmitte überlasst er seinem Bassisten. Trotzdem richtet er mit seiner beeindruckenden Live-Performance alle Aufmerksamkeit auf sich, ob er will oder nicht. Seine Songs singt er mit Herzblut und einer Leidenschaft, wie man sie bei Alexisonfire-Shows selten erlebt hat. „The Grand Optimist“, „Day Old Hate“ oder „What Makes A Man“  sind live schlichtweg noch ergreifender als auf Platte, Greens Talent als Sänger und Songschreiber außer Frage.Doch das Erlebnis leidet doch arg unter den Bedingungen. Dass Zuschauer während einer Akustikshow scharenweise den Saal verlassen, um kurz Luft zu schnappen: Ein seltenes und unbedingt zu vermeidendes Ereignis. Green geht’s in den Schweinwerfen sowie Hemd und Tweedsakko natürlich auch nicht besser und witzelt, er könne im Moment kaum einen Akkord greifen, das sei auch so schon schwer genug. Tipps, wie man das Konzerterlebnis maximieren kann, hat der sonst so höfliche Kanadier dennoch: Bevor er „Body in a Box“ anstimmt, regt sich Dallas Green freundlich, aber bestimmt über die Digitalisierungskultur auf:„Put all those cameras down, please. Instead of posting on facebook what a great night you just have and stuff, you could for a change use your OWN eyes and enjoy the moment, regardless of what you can share afterwards. This is OUR time together, so just turn ‘em off.“Word, Mister Dallas! Die Zuschauer folgen brav seiner Aufforderung und die nächsten Songs sieht man dann wirklich keine Digitaldisyplays in der Dunkelheit herumschweben. Außerdem können Kameras wohl kaum die Intensität von Songs wie „Coming Home“ einfangen, die Dallas Green nur mit einer Akustikgitarre begleitet und sich dabei so wunderbar in seinem Gesang verliert. Gänsehautgarant.Beschwingt geht’s zwischendurch bei „Waiting“ zu, wo das Publikum auch mal zur regen Stimmteilnahme aufgefordert wird. Für den Rest der Zeit hätte Green vielleicht auch noch all die Möchtegernsänger bitten sollen, die Klappe zu halten- die schrecklich verfehlten Töne vom Nebenmann braucht man in den meisten Momenten echt nicht. Einfach zuhören! Oder mitwippen zu „The Girl“, das City and Colour mit einem ordentlichen Schuss Country zum waschechten Lagerfeuerhit machen.Den großartigen Abschluss bildet „Sometimes“, das mit Band noch einmal an emotionaler Durchschlagskraft gewinnt. Vor allem wenn Dallas Green am Ende das Mikro verlässt und den Raum quasi unplugged beschallt, bis schließlich ein donnernder Paukenschlag die Show beendet. Und damit eine beeindruckende und nachhaltige Performance, die durch die Außenbedingungen leider nicht in vollem Maße genossen werden konnte. Bis nächstes Mal, Dallas! << Zurück zu Enter Shikari| zurück zum Intro >>
Autor Enno Küker
Wohnort Tübingen
Beruf Student
Dabei seit Mitte 2011
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews
Top-Alben ...kommen und gehen. Immer gut: Bahamas - Pink Strat // Brand New - The Devil and God are Raging Inside Me // Bruce Springsteen - The River // The Chariot - One Wing // Cigarettes After Sex - s/t // Emery - I'm Only A Man // Every Time I Die - New Junk Aesthetic // Godspeed You! Black Emperor - Allelujah! Don't Bend, Ascend // La Dispute - Wildlife // Taking Back Sunday - Tell All Your Friends
Die besten Konzerterlebnisse Bier in der Hand, Gänse auf der Haut

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