Deichbrand 2017

Deichbrand 2017

Das Deichbrand hat sich in den vergangenen Jahren in die Oberschicht der Festivallandschaft katapultiert. 2009 besuchten noch schlappe 10.000 Menschen das Open-Air in der Nähe von Cuxhaven – dieses Jahr waren es knapp 55.000 (Rekord!). Musikalisch und wirtschaftlich hat das Festival nicht mehr viel mit dem beschaulichen Alternative-Festival der Anfangszeit gemein. Das Line-Up liefert aber jährlich nicht nur den mainstreamigen Flunky Ball-und Glitzer-im-Gesicht-Besuchern Argumente, die Reise in den Norden anzutreten. Stageload war am Freitag und Samstag vor Ort.

Freitag
Die erste positive Überraschung gleich zum Festival-Start lieferte das Hip-Hop-Duo Audio88 & Yassin im Palastzelt. Mit imposantem Bühnebild, Rednerpult und Priester-Look glich ab 17.00 Uhr ihr Auftritt einer Messe. Das Publikum agierte besonders bei den Texten der „Hallelujah“-Veröffentlichung aus dem vergangenen Jahr erstaunlich textsicher. Mit minimalistischen Beats, starken Texten und beeindruckender Bühnenpräsenz sorgten die Berliner gleich für das erste Festival-Highlight. Weniger musikalisch, aber politisch schlug die nächste Band in eine ähnliche Kerbe: Feine Sahne Fischfilet. Sichtlich erfreut über die große Zuschauerzahl an der Water Stage jagten die Rostocker mit viel Energie durch ihre Punk-Songs. Es ist nach wie vor faszinierend zu sehen, wie die immer noch relativ rumpelige Band mit ihrem charismatischen, aber stimmlich eher durchschnittlichen Sänger Monchi auch große Mengen der Republik begeistern kann. Der Höhepunkt bot allerdings nicht der wohl bekannteste Song („Komplett im Arsch“), sondern das wahnsinnig berührende „Warten auf das Meer“ – großes Kino.

Etwas virtuoser ging es im Anschluss bei FJØRT zu. Dem Aachener Trio kann man eigentlich keinen Vorwurf machen – sie brachten wie gewohnt irrsinnig präzisen, abwechslungsreichen Post-Hardcore auf die Bühne des Palastzelts. Einzig der Rahmen machte der Intensität einen Strich durch die Richtung. Diese Band gehört eben vor allem in die kleineren Clubs. Placebo dagegen sind nur die allergrößten Bühnen gewohnt – und auch zum 20-jährigen Jubiläum läuft die Alternative-Rock-Maschine reibungslos. Große Ansagen oder gar Interaktionen mit dem Publikum waren zwar Fehlanzeige, die Menge nahm das aber sichtlich locker und genoss besonders die älteren Songs (u.a. Song to Say Goodbye) der Altmeister. Dennoch wurde auch Kehrseite der „Maschine“ sichtbar. Licht und Videos sind penibel vorbereitet, die Lieder zum 2000. Mal gespielt und auch die Briten selbst wirken nur bei wenigen Songs so richtig entfesselt oder gar euphorisch. Der Großteil des Sets ließ leider etwas an Lebendigkeit und Spannung vermissen. Songs wie „The Bitter End“ bleiben aber selbstredend auch unter diesen Umständen einfach groß.

SamstagManual Kant eröffneten den Samstag auf der Fire Stage. Der stark verzerrte, poppig angehauchte Punkrock wusste musikalisch zu überzeugen – wären da nicht die Texte gewesen. Zeilen, die plump und prollig z.B. von „leichten Girls“ erzählen, klingen nach der unsympathischen B-Seite von AnnenMayKantereit. Unausgereifte Texte konnte man dem Rapper Fatoni im Anschluss mitnichten vorwerfen. Der Rapper spielte sich vor allem verbal in die Herzen des Festivals; umjubelte Freestyle-Einlagen inklusive. Und als wäre das nicht alles schon überzeugend genug, unterstützte ihn bei den letzten Songs auch noch Rap-Kollege Juse Ju. Ein bärenstarker Auftritt, der aufzeigen konnte, wie komplex und gleichzeitig leichtfüßig Rap sein kann. Young Guns, die sich bisher vor allem in England einen Namen gemacht hatten, spielten im Anschluss gepflegten Alternative Rock für das Stadion. Stimmlich erinnerte der Sound an Emo-Bands wie Red Jumpsuit Apparatus oder June Spirit, instrumental vor allem an Billy Talent. Das Ganze geriet allerdings leider etwas zu glatt, um das Deichbrand mitzureißen. Warum es gut tut, extrem verschiedene Genres bei einem Festival anzubieten, zeigte dann aber der Auftritt von Patrice am späten Nachmittag. Mit ansteckender Spielfreude verbreitete die Reggae-Band um den sympathischen Frontmann Unmengen an positiver Energie. Da macht es auch nichts, wenn das Set nur mit einem echten Hit (Soulstorm) bestückt ist.

Im Anschluss folgte auf der Red Stage ein schier wahnsinniger Auftritt von den Donots. Das gefühlt komplette Festivalgelände sprang, tanzte und pogte. Die Ibbenbührer rissen das Publikum mit sympathischen, animierenden Ansagen und einer herausragenden Bühnenpräsenz mit. Die Herzen des Publikums ergatterten sie allerdings auf unkonventionelle Weise: die Mutter von Sänger Ingo und Gitarrist Guido Knollmann feierte ihren 70. Geburtstag auf dem Deichbrand und ihre Söhne zelebrierten diesen mit einer rührenden Ansage und einem Geburtstagsständchen.
Wer mal ein bisschen Hype schnuppern wollte, bewegte sich im Anschluss dann in Richtung Zelt. Der Schweizer Songwriter Faber ist im Moment so ziemlich auf allen Festivals und in allen Musikmagazinen vertreten. Seine Mischung aus Folk, Pop und Blues wurde auch beim Deichbrand frenetisch gefeiert. Mit dieser Stimme und Hits wie „So soll es sein“ sind die Hauptbühnen-Slots wohl nur eine Frage der Zeit. Am gleichen Ort konnte man um 19:30 Uhr das Berliner HipHop-Duo Zugezogen Maskulin erleben. Sicherlich weniger „Street“ als die fast parallel spielende Straßenbande 187 – aber immer noch „Street“ genug, um den Soundcheck selbst durchzuführen. Das Publikum feierte die bekannteren Songs wie „Plattenbau O.S.T“ ab und durfte schon mal in das im Oktober erscheinende Album „Alle gegen Alle“ schnuppern. Dabei überzeugte vor allem die aktuelle Single-Auskopplung „Was für eine Zeit“.

AnnenMayKantereit ließen derweil die Herzen des Publikums vor der Hauptbühne schmelzen. So kitschig und „studentisch“ man einige Songs der Kölner finden mag – es ist erstaunlich wie unangepasst diese Band nach wie vor auf der Bühne agiert. Vor ca. 20.000 Menschen wurde keine einziges Mal zum Mitsingen oder Mitklatschen eingeladen. Stattdessen baten die Jungs das Publikum inständig, endlich mal ihr Smartphone zu ignorieren. Über jeden Zweifel erhaben sind die Songs „Oft gefragt“ und „Barfuß am Klavier“ – da können die Bendzkos und Bosses einpacken. Spannend bleibt die Frage, wohin die Reise von AnnenMayKantereit musikalisch zukünftig gehen wird. Der Award für das aufwändigste Bühnenbild geht in diesem Jahr aber zweifellos an die Headliner Kraftklub. Etwa 30 im Kraftklub-Look gekleidete, junge Frauen nickten und tanzten zur Musik der Festival-Veteranen. Musikalisch boten die Chemnitzer bis auf die kleine Rap-Einlage zu „500 k“ wenig Überraschungen. Das war aber auch nicht nötig, um die Menge von Anfang bis Ende mitzureißen.

Die Krönung des sonnigen Samstags behielt das Deichbrand um Punkt 00.00 Uhr standesgemäß Marteria vor. Der Rostocker Rapper stieg ohne Warmmachen mit der Single „Aliens“ ein – inkl. Teutilla alias Arnim Teutoburg-Weiß von den Beatsteaks als Feature. Eine Überraschung, die durch den häufigen Gebrauch eigentlich keine mehr ist, gab es in der Mitte des Sets: Marteria transformierte sich zu Marsimoto. Mit Kostüm und gepitchter Stimme gab es gleich mehrere Songs seines Nebenprojektes zu hören. Ein würdiger Abschluss eines vielseitigen Festival-Tages. Der gute Sound, das vielseitige Line-Up und die gelungene Organisation lassen einen auch über unangenehme Begleiterscheinungen wie das Beauty-Zelt von Rossmann („selbst im Matsch gut aussehen“) hinwegsehen. Danke, Deichbrand.

Autor Lennart Sörnsen
Wohnort Hannover
Beruf Referent Jugendschutz
Dabei seit Juli 2016
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Berichte
Top-Alben The Hirsch Effekt - Holon Anamnesis, We Were Promised Jetpacks - These Four Walls, Apologies I Have None - London, The Offspring - Smash, Herrenmagazin - Das Wird Alles Einmal Dir Gehören
Die besten Konzerterlebnisse Zinnschauer (Hildesheim 2013), We Were Promised Jetpacks (Hamburg 2014), The Xcerts (London 2012, Supprt: Yearbook)

Hinterlasse einen Kommentar