Fjørt, We Never Learned To Live (09.03.16, Artheater, Köln)

Fjørt, We Never Learned To Live (09.03.16, Artheater, Köln)

Wo ist es schon schöner als daheim? Dort, wo man sich wohlfühlt und die Liebsten, Freunde und Familie, sind. Dort, wo man ganz man selbst sein kann und mit all seinen Charakterzügen akzeptiert und geliebt wird. Home sweet home. Und wie schön muss es dann erst sein, wenn einem dieses Gefühl auch abseits der Heimat vermittelt wird?

Fjørt kommen aus Aachen. Am 9. März 2016 durften sie ihr (bislang) größtes Konzert als Headliner aber in Köln spielen – im Artheater. Sicher, die Stadt am Rhein könnte man schon länger als ihr zweites Wohnzimmer bezeichnen, aber das wird wahrscheinlich weniger der Grund dafür gewesen sein, dass die Show ausverkauft war. Das Ende Januar veröffentlichte Album „Kontakt“ spielte wohl die größere Rolle.

Den Abend eröffnen sollten die Briten von We Never Learned To Live. Und entweder spielte das Quintett einfach nur sehr lange Songs, die in sich höchst facettenreich waren, oder aber sehr viele Songs ohne die kleinste Pause, dafür aber mit perfektem Übergang. Das Publikum schien jedenfalls mehr nach Gefühl als nach Wissen zu klatschen. Von Herzen kam der Applaus aber dennoch und das auch vollkommen zu Recht. Der bunte Mix aus Post-Rock und Screamo hatte nämlich derart viele plötzliche Umschwünge von ruhigen zu gewaltig-durchdringenden Passagen in Petto, dass hier niemandem langweilig werden konnte. Fjørt hätten sich kaum eine bessere Unterstützung wünschen können. Genauso wenig das Kölner Publikum einen stimmungsvolleren Anheizer. Und auch die Briten schienen sich durchaus wohl zu fühlen.

Bei Fjørt stand das ohnehin außer Frage. Die Aachener sind mittlerweile eine der gefragtesten Bands in der deutschen Post-Hardcore-Szene. Fjørt haben das gewisse Etwas. Was das Trio aber ganz besonders aus dem großen Pool der Post-Hardcore-Kapellen hervorhebt, ist gerade auch ihre Bühnenpräsenz. Passenderweise ging es im Artheater so intim und familiär zu wie bei einem Wohnzimmerkonzert. Was es ja quasi auch war – nur einfach in einem größeren Rahmen. In diesem schicken Ambiente bewiesen Fjørt ein ums andere Mal, dass ihre Werke live noch einmal besser klingen als vom Band. Gar nicht mal so einfach, wenn schon die Studioaufnahmen kaum mehr gefeiert werden könnten.

An Ansagen und Anekdoten mangelte es auch nicht und ganz besonders die zu „Paroli“ wird den meisten hoffentlich noch ein wenig länger im Gedächtnis bleiben. Seit etwa zwei Wochen seien sie nun unterwegs, erzählte das Trio und gleich zu Beginn der Tour seien ihnen an einer Brücke mehrere Plakate mit fremdenfeindlichen Parolen begegnet. Das Problem sei, dass diese Gedanken in die „Mitte“ wandern und es „an uns sei, dem entgegenzutreten“. Vor allem in den kommenden Wochen, wenn doch vielerorts Wahlen seien. Mit „Paroli“ und der lautstark mitgeschrienen Zeile „auf zwei von denen kommen zehn von uns“ folgte daraufhin eines der Highlights.

90 Minuten neue und alte Songs in heimeliger Atmosphäre: Bei den meisten Anwesenden dürfte dieser Abend von und mit Fjørt schon jetzt als eines der Konzerthighlights des Jahres verbucht werden; Gänsehautmomente mitinbegriffen. Gänsehautmomente – von denen auch Fjørt schlussendlich wohl nicht verschont blieben. So eine Liebe gibt es wahrlich nur daheim.

Foto: Jannik Holdt

Unser Review zu „Kontakt“ findet ihr hier: www.stageload.org/reviews/fjort-kontakt

Fotos von der Show in Berlin findet ihr hier: www.stageload.org/fotos/fjort-we-never-learned-to-live

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