FJØRT, Yellowknife (26.01.2019, Schlachthof, Bremen)

FJØRT, Yellowknife (26.01.2019, Schlachthof, Bremen)

Kurz nach 19.00 Uhr – Einlass im Schlachthof. Die imposante Tribüne hat herzlich wenig mit den Bühnen von FJØRTs Anfangstagen oder auch dem Tower gemein – jener Location, die ursprünglich für dieses Konzert vorgesehen war (allerdings der Nachfrage nicht gerecht wurde).

Als Yellowknife überpünktlich um 20.00 Uhr den Abend eröffnen, ist der Saal nur sporadisch gefüllt. Das Spiel von Werder Bremen gegen Eintracht Frankfurt ist halt noch nicht vorbei, so traurige Realität. Diejenigen, die das Konzert der Supportband vorgezogen haben, werden aber nicht enttäuscht. Das Trio aus Köln liefert Indie/Rock irgendwo zwischen The Notwist und Placebo ab. Musikalisch ist das Ganze leichtfüßig und melancholisch zugleich und bietet dem Hauptact noch genügend Luft für Explosionen.

FJØRT ziehen dann bei ihrer Show alle Register. Ausgedehntes Intro, eindrucksvolle Lichtshow – die Aachener sind für die großen Bühnen gerüstet. Schon früh spring der Funke über. Die beiden Sänger David Frings (Bass) und Chris Hell (Gitarre) fliegen über die Bühnen und suchen immer wieder den körperlichen Kontakt zum Publikum. Da kommt es gut gelegen, dass die Leute textsicher und voller Inbrunst besonders die Zeilen des aktuellen Albums „Couleur“ mitbrüllen. Songs wie „Eden“ entfalten durch die beeindruckende visuelle Performance und den kollektiven Gesang eine völlig neue Energie. Zusätzlich spielt die Band vor allem mit dem Zusammenspiel aus laut und leise. Fragile, andächtige Intros lassen das Publikum bei aller Entfesselung in den Songs immer wieder innehalten. Wie Frings vor dem Konzert verraten hat (das ausführlich Stageload-Interview folgt), nutzen die beiden Sänger diese Intermezzos, um in die Stimmung der Songs zu kommen und nicht bloß Track für Track herunter zu rattern. Die Drei entfachen eine Energie, die völlig ohne Mitklatscher, Wall of Deaths oder sonstigen Entertainment-Methoden, die für den Großteil der etablierten Bands zum Standardrepertoire gehören, auskommt.

Auch die Ansagen sitzen. Die ausgedehnte Ansprache von Bassist David Frings zum Anti-Nazi-Song „Paroli“ mag hier und da ein bisschen auswendig gelernt und dadurch uncool wirken. „Ich wette von den jubelnden Kids waren 80 Prozent noch nie auf einer Demo“, sagt eine junge Frau neben mir zu ihrer Begleitung. Mag sein, aber vielleicht fühlen sich diese Kids nun für die nächste Demonstration bestärkt. Zumindest lässt die Entschlossenheit, mit der das Publikum die Zeilen „Auf zwei von denen kommen zehn von uns“ mitbrüllt, darauf hoffen. Hier brechen gerade sämtliche Dämme.

FJØRT fühlen sich wohl auf der großen Bühne. So wohl, dass sich Gitarrist Chris Hell dazu hinreißen lässt, das Intro der Zugabe von der Tribüne aus anzuspielen – im Spotlight, versteht sich. Das Publikum klatscht frenetisch im Takt mit – Stadionrock in Perfektion. Die beiden Bandkollegen kommen aus dem Schmunzeln nicht mehr raus. Welch absurde Situation für eine Post-Hardcore-Band, die noch vor wenigen Jahren die autonomen Zentren bespielt hat. Ein goldener „Rolling Stones“-Moment, bei dem auch der strengste Szene-Polizist ein Auge zu drücken sollte. Was für ein Abend.

Fotos: Jannik Holdt

Autor Lennart Sörnsen
Wohnort Hannover
Beruf Referent Jugendschutz
Dabei seit Juli 2016
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Top-Alben The Hirsch Effekt - Holon Anamnesis, We Were Promised Jetpacks - These Four Walls, Apologies I Have None - London, The Offspring - Smash, Herrenmagazin - Das Wird Alles Einmal Dir Gehören
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