Lygo, Havarii (18.10.2018, Juha West, Stuttgart)

Lygo, Havarii (18.10.2018, Juha West, Stuttgart)

Dies ist eine kleine Geschichte von einem Donnerstagabend in Stuttgart. Ein Abend, der wie viele andere zuvor und viele andere danach hätte sein können, aber viel besonderer wurde, weil er von Lygo und Havarii begleitet wurde.

Dies ist eine kleine Geschichte von Havarii, die mit gesprochenem Intro vor ihrem Auftritt und dem Bühnenbild, das zwei händchenhaltende Kinder zeigt, die zusammen einem Wald entgegen gehen, neugierig machen, die von der ersten Sekunde an das Gaspedal durchtreten und eine unbändige Energie auf die Bühne bringen, die mit ihrem brachialen und zweistimmigen Sound Hardcore zelebrieren, der durch Mark und Bein fährt. Dies ist eine kleine Geschichte von Lars, der am Schlagzeug den Taktgeber gibt, seiner Band zuverlässig den Rhythmus vorgibt und trotz der Komplexität der Songs und seinem impulsiven Spiel nie den Überblick verliert, jeden Break auf den Punkt serviert und den Sound seiner Band so maßgeblich perfektioniert. Dies ist eine kleine Gesichte von Patrick und Fabian, die an ihren Gitarren tosende Sturmwellen und sphärische Wohlfühlmomente erzeugen, die sich Bälle zuspielen und durch ihr eigenes Spiel das des anderen ergänzen und bereichern, die Klangwände schaffen und wieder einreißen. Dies ist eine kleine Geschichte von Mareike, die mit ihrem Bass über die Bühne wirbelt, auf den Boden stampft und sich um ihr Instrument zu stimmen immer auf die Zehenspitzen stellt, die auch mal am Schlagzeug aushilft und in dem Song, der an diesem Abend sein einwöchiges Bestehen feiert, zeigt, dass sie nicht nur schreien, sondern auch richtig gut singen kann, die durch ihr einnehmendes Charisma die Leute abholt, sie mit irren Blicken irritiert, nur um bei der nächsten Ansage wieder ihr freundliches Naturell zu zeigen. Dies ist eine kleine Geschichte dieser Hamburger Combo, die eine Unterbrechung durch einen technischen Defekt so charmant umspielt, das keiner den Saal verlässt, um sich ein Bier zu holen, die auf das Publikum eingeht und rät in nächster Zeit viel Kraft zu tanken und Dinge zu tun, die einem Spaß machen, da wir diese Kraft wohl brauchen werden, bei allem, was uns bevorsteht, die ihre Musik lieben und erzählen, dass sie sie gerne schon viel früher in Stuttgart präsentiert hätten, die freudestrahlende Gesichter zurücklassen und sich sichtlich über ihren herausragenden Auftritt freuen.


Foto: Sebastian Igel

Dies ist eine kleine Geschichte von Lygo, die, ganz in schwarz gekleidet, auf einmal auf der Bühne im Juha West stehen und keine Sekunde verschwenden, sondern sofort mit dem Intro ihres aktuellen Albums „Schwerkraft“ loslegen. Eine kleine Geschichte von dieser Band aus Bonn, die keine zwei Minuten braucht, um Bewegung in die Zuschauerreihen zu bringen, die sich offensichtlich selbst nicht ganz so wichtig nimmt, sondern ihre Musik ganz in den Vordergrund stellt, die mit ihren offenen und intelligenten Texten einen Nerv im Publikum trifft und von auffallend vielen Besuchern mit beeindruckender Textsicherheit begleitet wird. Die neuen Songs werden genauso abgefeiert, wie die älteren Lieder, die hier zurecht auch einen Platz in der Playlist finden. Eine kleine Geschichte von Jan, Daniel und Simon, die sich auf dieser Bühne so wohl zu fühlen scheinen, weil sie das, was sie machen lieben, die auf diesen Brettern zu einer Einheit verschmelzen und so zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk funktionieren, die dann für einen Song nochmal gesangliche Verstärkung von Mareike und Fabian von Havarii bekommen, die zuerst mit ihnen auf der Bühne und auf einmal Mitten im Publikum tanzen. Dies ist eine kleine Geschichte von diesem Punktrio, das über eine Stunde beinahe ohne Unterbrechung durchpowert und viele Besucher überglücklich mit seiner Energie macht, das mit „Schraubzwinge“ einen der intensivsten Songs seines neuen Albums als Schlusspunkt gewählt hat und mit Sicherheit nicht nur mit diesem Lied viele Menschen im Publikum zum Grübeln gebracht hat, das mit seiner Intensität und Bodenständigkeit in so vielen Momenten an die genialen Muff Potter erinnert und an diesem Abend die Lücke schließt, die diese Band zurückgelassen hat.

Dies ist eine kleine Geschichte von zwei großartigen Bands, die nach ihren Konzerten nicht im Backstage verschwinden, sondern die Nähe zum Publikum suchen, die sich Zeit für ein kurzes Gespräch oder ein Bierchen nehmen, die so ursympathisch in ihrer Art wirken und Musik spielen, die ein Leben einfach nur bereichern kann. Von diesen zwei Gruppen, die sich für Schwächere stark machen, die harte Musik spielen aber so menschlich sind, wie man es sich von viel mehr Leuten wünschen würde, die ihre Stimme nutzen, um Missstände anzusprechen und unser aller Zusammenleben ein bisschen freundlicher und besser zu machen.

Dies war eine kleine Geschichte von einem Donnerstagabend in Stuttgart, der den Gästen noch lange in Erinnerung bleiben wird, weil er so voll von positiven Gedanken und mitreißenden Emotionen war. Ein Abend, der sich selbst noch erleben lässt, denn die Schwerkraft-Tour dauert noch bis 28. Oktober 2018 an.

Foto: Sebastian Igel

Autor Andreas Steiner
Wohnort Stuttgart
Beruf Redakteur
Dabei seit März 2011
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