Marilyn Manson, Dinos Chapman (25.11.17, Velodrom, Berlin)

Marilyn Manson, Dinos Chapman (25.11.17, Velodrom, Berlin)

Bei 23 Jahren Bandgeschichte, einem Karrierehoch vor über zehn Jahren und fast unmöglichen Tabubrüchen hat so manch einer schon den Untergang von Marilyn Manson prophezeit. Persönlichen Tiefs zum Trotz – Brian Warners Vater verstarb im Juli diesen Jahres, der langjährige Bassist Twiggy wurde wegen Vergewaltigungsvorwürfen aus der Band verbannt – geht es gerade aber wieder bergauf: „Heaven Upside Down“, das zehnte Studioalbum der sogenannten „Schockrocker“, performt ganz ordentlich in den Charts und auch die Deutschlandtour scheint gut zu laufen: Die 9.000 Tickets für die Show im Berliner Velodrom jedenfalls waren ratzfatz weg.

Bei freier Platzwahl von begrenzt guten Sitz- und Stehplätzen – ein paar Stühle befanden sich „quasi in einer anderen Stadt“, wie sich ein Besucher im Nachhinein beschwerte – war der Andrang schon früh groß. Demzufolge legte Support-DJ Dinos Chapman vor fast komplett gefüllten Rängen auf. Wirklich viel Spaß dürfte er dabei trotzdem nicht gehabt haben: Ein Publikum voller Hardrock- und Metal-Fans weiß naturgemäß wenig mit Electronica anzufangen und so gab es tatsächlich Buh-Rufe nach der dreißigminütigen Performance. Chapmans groteske Kunstwerke passen perfekt zum Marilyn Manson Kosmos, aber musikalisch hätte es sicherlich geeignetere Opener gegeben.

Marilyn Manson Berlin

Der Marilyn Manson-Vorfreude tat die zweifelhafte Supportwahl allerdings keinen Abbruch. Eine erwartungsvolle Spannung auf den „Anti Christ Superstar“ lag in der Luft, regelrecht spürbar waren die großen Erwartungen des etwas in die Jahre gekommenen Publikums. So eröffnete Brian Warner dann auch begleitet von ordentlich Fangeschrei mit „Revelation #12“ die Show – stilecht in einer Thron-Konstruktion und Gruselschminke im Gesicht. Zusammen mit einem The Doors Intro vom Band („The End“) und der gelallten Wilkommensansage „Thank you for coming tonight and I don’t mean that in a sexual way YET“ blieben so schon von Beginn an keine Wünsche an die durchgeplante Inszenierung der Kunstfigur offen.

Schön, dass auch die Setlist direkt ein paar Highlights bereit hielt: Mit „This Is the New Shit“, „Disposable Teens” und „mOBSCENE“ kam der vordere Innenraum schnell in Bewegung, das Jubeln und Mitgröhlen von den Rängen wurde noch stärker. Generell überzeugte die Liedauswahl mit einem bunten Sammelsurium der Marilyn Manson-Diskografie: Mit vier Songs machte „Heaven Upside Down“ nur ein Viertel der Setlist aus – ungewöhnlich für Album-Promotouren, aber super für alle langjährigen Fans.

So ganz konnte die euphorische Grundstimmung jedoch nicht anhalten. Das mag an den vielen Unterbrechungen gelegen haben: Ließen sich die großflächigen Bühnen-Hintergründe und -Dekorationen in Windeseile tauschen, verursachten Warners Kostümwechsel stets eine ein- bis zweiminütige Wartezeit im Stockdunklem – nach quasi jedem Song! Wegen seines Bühnenunfalls Ende September und des daraus resultierenden Beinbruchs ging sowieso alles schon etwas umständlicher vonstatten, da wäre eine Outfitabfolge, die Popsternchen Konkurrenz macht, nicht nötig gewesen. Letzten Endes zählt bei derlei Konzerten schließlich die Musik – und 15 Songs bei einem Repertoire von zehn Alben waren doch etwas wenig. Besonders, wenn nie eine Art „Flow“ aufkommt, sondern es sich mehr anfühlt wie ein Stakkato-Spiel.

Autor Ines Kirchner
Wohnort Berlin
Beruf Project Manager
Dabei seit Juli 2009
Deine Aufgabe bei Stageload Akkreditierungen, Organisatorisches, Reviews
Top-Alben u.a. Gallows - Grey Britain, Bon Iver - Bon Iver, The National - Trouble Will Find Me, Touché Amoré - Parting the sea...
Die besten Konzerterlebnisse u.a. Have Heart (2009, Köln), Gallows (2010, London), Basement (2012, London), Iron Chic, Ceremony, Trash Talk, Rise & Fall, Touché Amoré (divers)

Kommentare

  2 kommentare

  1. Rock out

    Ines, das Du den immer Warner nennst, is ja schon mal putzig! Aber das Du nicht verstehst, wenn jemand mit einem Beinbruch (+Stützprothese) einfach mal ein bisschen länger zum Umziehen braucht, als z.B. Du, das is leider echt schwach an Deiner Einschätzung und Deinem Artikel.
    Das Konzert war nämlich in Summe der Hammer. Man hatte ja regelrecht das Gefühl, dass es „Warner“ (hi hi) auch gefallen hat. Allein die Location war mega cool! Sound und Lightshow haben auch prima gepasst.
    Nirgends steht geschrieben, dass unser Warner sogar 2 Zugaben gegeben hat. Das is Dir wahrscheinlich gar nicht aufgefallen, Ines. Und die Zweite sogar, nachdem das Hallenlicht eigentlich schon wieder angeschaltet war und mit Coma White ein absolutes Highlight des Abends darstellte. Das ist für unseren Warner schon selten und auch bemerkenswert. (wenn man ihn kennt)
    Also, bitte nicht immer so negativ und schon gar nicht mit unserem behinderten Warner, der für seine momentanen Verhältnisse echt sein Bestes gegeben hat.
    Geiler Typ! Geiles Konzert!

  2. Ines

    Danke für das Feedback! Ich habe extra geschrieben, dass man wg. des Beinbruchs auf das ein oder andere Outfit hätte verzichten können. Und Zugaben nicht erwähnt, weil das nun mal gar nichts Besonderes ist – aber bei der Songanzahl mitgezählt. Alles in allem überrascht mich, dass der Bericht so negativ rüberkommt – das war nicht die Intention.

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