Marilyn Manson, New Years Day (12.11.2015, Porsche Arena, Stuttgart)

Marilyn Manson, New Years Day (12.11.2015, Porsche Arena, Stuttgart)

Es ist kurz nach acht Uhr am Donnerstag Abend, als New Years Day die ersten Akkorde ihres Sets anstimmen. Der Metal der kalifornischen Kombo um Sängerin Ashley Costello kommt in der Porsche Arena in Stuttgart ganz gut an und erinnert stellenweise an In This Moment. Die Band ist gut drauf, wütet unermüdlich auf der Bühne und bietet einen satten kernigen Sound. Damit scheint die Frontfrau mit der markanten, zweifarbigen Frisur allerdings ab und an Probleme zu haben – vor allem die hohen Töne dringen nicht immer durch den kräftigen Gitarrensound. Dennoch spielen New Years Day einen soliden Auftritt, auch wenn der Funke nur bei wenigen Songs, wie dem mitreißenden „Angel Eyes“, aufs Publikum überspringt. Das liegt wahrscheinlich aber auch daran, dass die Band nach rund zwanzig Minuten die Bühne schon wieder räumt.

Gegen neun Uhr kündigt dann endlich eine Trilogie aus David Bowies „Ziggy Stardust“, The Louvin Brothers’ „Satan Is Real“ und Rick Ross feat. Jay-Zs „The Devil Is A Lie“ den Großmeister des düsteren Rock an – Marilyn Manson. Um viertel nach Neun betritt der Schock-Rocker, natürlich ganz in Schwarz, die puristisch gestaltete und komplett eingenebelte Bühne. Die „Hell Not Hallelujah Tour“ in Stuttgart kann beginnen. Mit den Klängen von „Deep Six“ aus dem aktuellen Album „The Pale Emperor“ schreitet der Mann, auf den hier alle gewartet haben, aus dem Nebel begleitet von überschwänglichem Jubel. Der Sound ist klar und druckvoll – so wie es sich gehört und alles deutet noch auf einen grandiosen Abend hin. Mansons Gesangsleistung schwankt allerdings schon zu Beginn zwischen Sprechgesang und Geschrei – er selbst wirkt gedanklich nicht bei der Sache und ausgebrannt. Seine Lederjacke behält er nur den ersten Song über an, um nach einer kurzen Verschnaufpause (nach jedem Song versinkt die Bühne für kurze Zeit im Dunkel) „Disposable Teens“ anzustimmen. Die vordersten Reihen sind sofort elektrisiert und feiern den Song frenetisch.

Obwohl Manson nicht den vitalsten Eindruck macht, scheut er nicht das Bad in der Menge oder sich bei „Sweet Dreams“ auf seine Riesen-Stelzen zu begeben. Auch das obligatorische Zerlegen des Bühneninventars bleibt in Stuttgart nicht aus. Szenen wie die, in der er in einer kurzen Pause zwischen den Songs Twiggy Ramirez zu sich holt und ihn auf der Bühne herzlich umarmt, lassen erahnen, dass er an diesem Abend etwas Vertrauliches sucht, ja, etwas Rückhalt braucht. Den „Irresponsible Hate Anthem“ gibt er dann gemeinsam mit seinem langjährigen Gefährten zum Besten. Manson kämpft sich weiter durchs Set und wirkt alles andere als nüchtern. Auch eine Ansage, in der er verkündet, dass Stuttgart ein wunderbarer Ort zum Sterben sei, lässt sicher viele der rund 4.500 Fans nicht kalt. Aber Manson lobt auch sein Publikum und zeigt, dass er gerne in Deutschland auf der Bühne steht. „Germany you are amazing“ hört man ihn nicht nur ein Mal an diesem Abend sagen.

Mit „The Dope Show“ erreicht die Show ihren Höhepunkt an diesem Abend. Manson mobilisiert seine letzten Kräfte und macht den Song zu dem Erlebnis, wie es viele gerne von mehr Songs gesehen hätten. Gegen Ende des Sets besteigt Manson dann noch seine berühmte Kanzel, um zu seinen Jüngern zu sprechen. Wutentbrannt feuert er seine Worte in die Menge, hängt besorgniserregend stark über die Kanzel und verlässt sein Podium bereits vor Ende des Songs. Danach leitet ein Sturz des Schock-Rockers das Ende des Abends ein. Manson muss von der Bühne begleitet werden, gibt sich aber zuvor noch alle Mühe, den letzten Song „The Man That You Fear“ abzuschließen – was schlussendlich seine Band übernimmt. Es folgen zehn düstere Minuten in der Halle, ehe langsam die Deckenbeleuchtung wieder einsetzt. Nach nicht einmal eineinhalb Stunden und zwölf Songs ist Schluss. Das hat Buh- und Pfui-Rufe zur Folge, hatten die meisten Besucher doch noch eine Zugabe erwartet. Richtig nachzuvollziehen sind die Schmähungen allerdings nicht. Wer auf ein Konzert von Marilyn Manson geht, erwartet nun mal Eskapaden und einen Verlauf abseits der Norm. Was Manson an diesem Abend bietet ist zwar nicht umwerfend oder beeindruckend – aber es trennt ihn und seine Musik vom weichgespülten Metal vieler anderer Bands.

Autor Andreas Steiner
Wohnort Stuttgart
Beruf Redakteur
Dabei seit März 2011
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