Das 7. New Noise Fest am 7.7. – ein besonderes Datum schon allein deswegen, weil das beliebte Hardcore Festival aus dem Süden dieses Jahr zum ersten Mal an einem anderen Ort stattfand. Und zwar mitten in Karlsruhe; im von Baustellen geplagten Ostauenpark. Zwar mit den schon bekannten Zirkuszelt-Bühnen, jedoch nicht mehr kostenlos. Dank illustrer Bandankündigungen wie Brutality Will Prevail, Celeste oder Defeater waren die 25 € aber durchaus gerechtfertigt. Das dachten sich wohl auch viele andere, denn als ich um 13.30 das Festivalgelände erreichte, war es schon gut voll mit lauter Sonne badenden Musikfans.
The Tidal Sleep hatte ich mit dieser Ankunftszeit leider genau verpasst (scheiß Stau!) und so war meine erste Band des Tages June Paik – mehr oder weniger aus Gruppenzwang. Abgesehen von mir scheinen aber sehr viele Besucher die Band zu mögen: Das Zelt war voll. Die 25 Minuten Spielzeit gestalteten sich für den langatmigen, düsteren Screamo der Münchener dann auch fast ein bisschen zu kurz. Verlängern ging aber nicht, schließlich sollten eine Viertelstunde später schon TITAN auf der Bühne stehen. Das Zelt leerte sich völlig zu unrecht. Die Jungs aus Toronto boten mit ihrem metallastigem Hardcore nämlich einen der überzeugendsten Auftritte des Tages. Schade, dass ich die Band vorher noch gar nicht auf dem Schirm hatte. Wird nachgeholt.
Danach musste erst einmal dem Gelände ein bisschen Zeit gewidmet werden. Auf den ersten Blick gut ausgestattet mit Distro-Ständen und Fressbuden entpuppte sich das Essenangebot auf dem Gelände dann doch als eher läppisch. Gerade als Veganer hatte man nicht allzu viel Auswahl – das fiel selbst mir Fleischesserin auf. Es fehlten einfach die darauf spezialisierten Vegan Fast Food Crews, denn „Onkel Tom’s Hot Dog Bude“ gehört da wohl sonst eher nicht zu. Nun ja, für einen Tag noch auszuhalten. Die Getränkepreise waren auch gerade noch so akzeptabel (Wasser 2 €, Bier 3€). Leider war im Voraus nicht kommuniziert worden, dass man Wasserplastikflaschen entgegen aller Verbote aufs Gelände mitnehmen kann. Das hätte Geld gespart.
Aber wieder zurück zu den Bands. Bei mir sollte es mit Code Orange Kids weitergehen. Die extrem junge Band aus den Staaten tat sich etwas schwer mit dem Aufbau der Verstärker, zusätzlich gingen direkt am Anfang des Sets auch noch Mikro und Drumsticks kaputt … kein Wunder, dass alle zunächst über die „Schülerband“ in Unterhose (siehe Drummer) lästerten. Dann legte die Band jedoch los und es wurde klar, wieso das Label Deathwish Inc. die vier zu sich holte. COK sind musikalisch einfach gut. Zumindest die alten Sachen überzeugten live – ich persönlich kann und möchte mich immer noch nicht damit abfinden, dass Reba neuerdings „singt“. Nach 15 schnellen Minuten war dann schon Schluss. Vielleicht war das der Grund, wieso die Band trotz sehr positiver Resonanz des Publikums durchweg angepisst wirkte. Für mich ging es direkt im Anschluss weiter mit Birds in Row im kleineren Zelt. Die Franzosen waren einer meiner Hauptgründe für den Besuch des New Noise und so war es kaum verwunderlich, dass ich den Auftritt der Dreierkombo als durchaus gelungen empfand. Das Cottbus-Intro „Among the Ashes“ war ein sehr passender Start für die zwanzig überzeugenden Live-Minuten. Ihr Debüt „You, Me and the Violence“ wird mit Spannung erwartet.
Eigentlich sollten Midnight Souls teilweise parallel zu Birds in Row spielen, die Band hatte aber nebenan mit so vielen Problemen zu kämpfen, dass die Belgier noch nicht einmal angefangen hatten, als ich das Zelt erreichte. Erst war der Strom ausgefallen, dann war das Mikro zum zweiten Mal kaputt. Dadurch begann der doch erhebliche Zeitverzug in Zelt 1, der sich noch über den ganzen Abend hinziehen würde. Mit einer halben Stunde Verspätung fingen Midnight Souls dann doch noch an. Leider war das Mikro immer noch halbwegs defekt, sodass man im hinteren Bereich so gar nichts verstand: Nicht irgendwelche Gesangseinlagen, nein, nur die Werbung fürs eigene Merchandise konnte ich akustisch verstehen. Denn da spielte die Band nicht. Zum Glück waren die Soundprobleme bei Loma Prieta behoben. Die Band mit dem schönsten Merch des Tages war nämlich tatsächlich auch eine der besten Bands des Tages. Hits wie „Fly by night“ wurden bis in die letzten Reihen frenetisch gefeiert. Die positive Energie des Publikums schien auch bei der Band anzukommen: beim letzten Song stagedivte der Drummer samt Schlagzeug (!). Solch spektakuläre Aussicht hatte man bei Brutality Will Prevail zwar nicht, dafür aber eine der bewegungsfreudigsten Crowds. Nicht überraschend, die Musik der Briten ist auch sehr viel „moshbarer“ als die der Bands zuvor. Schon etwas zu brutal ging es in dem Gemenge zu, abgesehen davon war der Auftritt aber definitiv sehenswert. Irgendwie zünden BWP live mehr als auf Platte.
Fast direkt danach waren dann Graf Orlock an der Reihe. Eine der Bands, deren Lieder meine Mutter nicht als Musik bezeichnen würde. Ich aber schon. Da nun endlich auch die lustigen Samples der Longplayer live mit dabei sind, war der Besuch des Auftritts durchaus lohnenswert. Ist schon etwas Anderes, wenn auf einem Festival der Jurassic Park Theme Song vom ganzen Publikum mitgesummt wird. Da nimmt man es der Band auch fast nicht übel, dass sie sehr wortkarg war. Wortkarg waren natürlich auch Celeste – da passt es aber besser. Wie erwartet war das Zelt stockdunkel, mit Ausnahme von den roten Kopflichtern der Bandmitglieder und einem spärlich benutzten, hellweißen Scheinwerfer. Das kreierte die perfekte Stimmung für die Denovali-Band. Bei mir setzte nur leider langsam die Müdigkeit ein. Der Bandmarathon war doch schon etwas anstrengender als gedacht (welch Luxusproblem!). Nichtsdestotrotz lugte ich auch schnell noch einmal ins Defeater-Zelt, wo es die meisten Besucher hinzog. Für Fans der Amerikaner war deren Auftritt mit Sicherheit ein Fest. Bis danach dann die Church of Ra auftreten konnte, sollte es noch dauern. Mit dem Anschalten der Außenbeleuchtung verabschiedete sich nämlich auch der Strom im großen Zelt. Dadurch dauerte der Umbau so lange, dass mit dem bereits schon da gewesenen Zeitüberzug, Raein, nicht nach, sondern gleichzeitig mit der Church of Ra spielen sollten. Mist aber auch. Ich entschied mich für das „exklusive Showcase der Church of Ra“, denn darunter konnte ich mir so gut wie gar nichts vorstellen. Letztendlich war es ein sehr überzeugender und sphärischer Zusammenschnitt und Mix von Oathbreaker, Hessian und Syndrome Songs. Den langen akustischen Teil hätte man verkürzen können, ansonsten war der Auftritt aber ein sehr passender und gelungener Abschluss eines wirklich schönen Tages in Karlsruhe.
Bericht: Ines Kirchner
Fotos im Text: 1, 2 - Ines Kirchner / 3 - Christian Le Pome
Fotos in der Galerie: Felix Froehlich
Es folgen in den nächsten Tagen noch weitere Fotos und Videos!



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