Southside 2012. Meine Premiere. Die Zeit wohl reif, das Line Up ohnehin überragend; allzu viel Überzeugungskunst war also nicht mehr nötig, um mich 134 € ärmer zu machen. Mitinbegriffen war die Anreise mit der Bahn und so begann das Unternehmen donnerstags mit einer schönen Nahverkehrsreise durch die Weiten des Schwarzwalds, weitestgehend sogar mit Sitzplatz – sehr angenehm. Einmal angekommen im beschaulichen Tuttlingen, war’s aber erstmal vorbei mit Komfortreisen. Im Vergleich zu den vorher passierten Dörfern zwar eine Stadt von Welt, ist der Bahnhof definitiv nicht für ein Festival dieser Größe konzipiert worden, was der Bahnhofsbäckerei zwar gefallen haben wird, aber ansonsten eher für Unmut sorgte. Grund hierfür war freilich nicht der Bahnhof selbst, der kann ja nichts dafür, dass einmal im Jahr tatsächlich ein paar Leute freiwillig nach Tuttlingen kommen, sondern vielmehr der Shuttleservice zum eigentlichen Festivalgelände. Ein paar Busse mehr, dürfen’s nächstes Jahr schon sein.
Letztlich ging aber sogar das Anstehen/Andrängeln schneller als erwartet, sodass vor mir recht bald zum ersten Mal der Take Off Park Neuhausen Ob Eck in der Abendsonne auftauchte! Schöner Anblick, der noch viel besser wurde, als wir vor unseren aufgebauten Zelten ankamen (noch mal vielen Dank an die Autovorhut!). Die Formalitäten also erledigt, stellte sich der unbedarfte Festivalneuling auf einen geruhsamen, bzw. zumindest arbeitslosen Abend ein. Leider hatte der abendliche Sturm diesbezüglich etwas andere Pläne, sodass ich zwei Stunden (erfolgreich!) Pavillonbeschwerer spielen durfte, mit der stillen Hoffnung heute nur einmal nass zu werden. Auch diese sollte sich wenig später als trügerisch erweisen, denn das offizielle Partyzelt war eine so vortreffliche Sauna, dass es alsbald äußerst appetitlich von der Decke tropfte. Aber allem Schweiß zum Trotz: Besser losgehen hätte das Ganze nicht können, nur mein Zelt hätte ich vielleicht etwas länger von innen sehen sollen.
Der bunte Reigen begann demzufolge mit einem deftigen Schlafdefizit und Kakkmaddafakka. Dass allein der Name der Norweger auf einem deutschen Festival schon für Freude sorgt, erklärt sich von selbst, die durchgedrehte Bühnenshow setzte allerdings noch einen drauf! Musikalisch gab’s gefälligen Indiepop, aber der war fast zweitrangig da besonders die Backgroundsängertänzerfahnenschwenker mehr Zeit damit verbrachten, in ihren Kniestrümpfen die Menge köstlich zu unterhalten, was den Keyboarder gleich noch zu einem kleinen Flick-Flack anstachelte. Nach der norwegischen Turnauswahl kehrte Ruhe ein auf der blauen Bühne, ostfriesische Ruhe um genau zu sein, denn Thees Uhlmann war an der Reihe. Auf den ist auch außerhalb von Tomte Verlass und so erzählt er ganz wie der Boss (nach dem sein Banner einfach schreit) höchstpersönlich, seine kleinen Geschichten aus dem Alltag mit der entsprechenden Portion Herzblut und ja, auch im Süden gab’s „XOXO“ auf die Ohren, alles leider mit etwas bescheidenem Sound, was kein einmaliges Problem bleiben sollte. Nun folgte aber erstmal ab 18:50 eine kleine Lehrstunde für mich Ignoranten. Oft genug lag mir meine Schwester in den Ohren, wirklich angehört hatte ich mir Florence & The Machine trotzdem nie. Ich Idiot.
Engelsgleich betrat Miss Welch im wallendem Kleid die Bühne, barfuß und irgendwie zerbrechlich. Die Illusion sollte bis zu ihrem ersten Ton bestand haben, was danach folgte war vieles, aber nicht zerbrechlich. Diese sagenhafte Stimme, gepaart mit dem geballten Bombast von Hymnen wie „No Light, No Light“ oder „Shake It Out“, überrollte förmlich alles und dürfte nur völlig gefühlslose Eisberge unberührt gelassen haben. Schierer Wahnsinn.

Danach wäre eigentlich eine (freilich ebenfalls äußerst bewegende) Verschnaufpause geplant gewesen, aber City And Colour mussten leider absagen und so ging’s eben mit den Kooks aus meinem Lieblingsstädtchen Brighton weiter, anstatt die arrogante Gallagheralternative zu wählen. Denen sah man den wiedergewonnenen Spaß am Job erfreulicherweise wirklich an und mit den alten Hits hatten sie auch umgehend gewonnen; „Junk Of The Heart“ will hingegen live ebenfalls nicht richtig zünden.
Nun stand neben Nichtigkeiten wie EM-Viertelfinale oder dem Auftritt irgendsoeiner doofen deutschen Band, schon am ersten Tag das absolute Festivalhighlight an. Mumford & Sons. Allein für die gentlemen of the road hätte ich einen Großteil der 134 € bereitwillig hingeblättert, umso erleichternder die Nachricht im Vorfeld, dass der Auftritt an Marcus Mumfords gebrochener Hand nicht scheitern werde. So war also angerichtet und was aufgetischt wurde, bediente alle restlos überzogenen Erwartungen. Es ist schwer das Ganze auch nur annähernd angemessen in Worte zu fassen; vielleicht ist das der beste Weg: Auf Platte sind „Little Lion Man“ und wie sie alle heißen nun eigentlich schon viel zu emotional, live gehen sie wortwörtlich durch Mark und Bein direkt ins Herz. Und was das ominöse neue Album angeht: Falls wer „Below My Feet“ oder „Lover Of The Light“ noch nicht kennen solllte, nur keine Angst, wann immer es auch nun kommt, ihr werdet selig sein. Als die kaputte Hand dann noch zur Gitarre wanderte und ihrem Besitzer ob dieser offenkundigen Schnapsidee die Tränen in die Augen trieb, war das Bild perfekt.
Tag zwei sollte ausgeschlafener (wenn man das so nennen kann) und früher beginnen. Zuverlässig wie immer von unseren Nachbarn mit dem neuen Silbermondhit „An Tagen Wie Diesen“ geweckt, saß ich pünktlich um 12 Uhr an der Green Stage und wartete auf Brad Pitts Musikprojekt, We Are Augustines. Die whiskeyschwangere Reibeisenstimme des Frontmanns (der natürlich nicht wirklich Angelina Jolies Babysitter ist, ihm aber täuschend ähnlich sieht) war auch bei viel zu kurzer Spielzeit beeindruckend. „Juarez“, „Chapel Song“ oder „Book Of James“ sollte man sich dringendst mal zu Gemüte führen!
Als nächstes an der Reihe waren We Invented Paris, wenn auch nur vor dem Zelt in der Sonne liegend, Flavian Graber und Co. kamen an und klangen gut – drinnen bestimmt auch. Danach war aber Aufstehen angesagt; wenn Frank Turner vorne die blaue Bühne entert, wird nicht an der weißen gedöst, niemals! Der Sympath aus Winchester spielte sich gut gelaunt und energisch wie immer durch das bunte Hitprogramm, und auch einen neuen Song gab’s zu hören; Turners eigens kreierter Tanzteereigen. Warum die Menge vor der Bühne eigentlich viel zu licht für diesen genialen Künstler war, hatte einen simplen Grund und der hieß Kraftklub. Das Zelt der roten Bühne zum ersten und letzten Mal wegen Überfüllung geschlossen, wurde drinnen ekstatisch auf der (verdienten) Hypewelle gesurft und über die selben doofen Witze wie im März gelacht.
Nach Gaucks Enkeln ging’s dann rein in eben jenes Zelt zu Boy. Das erste Mal also wirklich ruhige Töne, passenderweise untermalt vom allgegenwärtigen K.I.Z.-Bass draußen vor der Tür. Den beiden Damen war’s sichtlich egal, den Zuhörern auch, da passte alles. Wieder im Licht führte der Weg zu The xx. Manchen zu steril, trafen die schwarzgewandten Minimalisten im Grunde aber die perfekten Töne für den malerischen Sonnenuntergang im Hintergrund. Für The Cure war die Nacht dann bereits hereingebrochen, doch mehr als eine knappe Viertelstunde Robert Smith wurde es für mich nicht. Haben mir nie was gegeben und taten es noch immer nicht. Zur Abendmusik luden ohnehin andere: Akkordeon und Mandoline, Beirut empfingen auf der altbekannten roten Bühne und angenehmer als mit dem sanften Folk der Amerikaner hätte der Samstag nicht zu neige gehen können. 
Wieso die Zeit manchmal rasend schnell und manchmal kriechend langsam zu verstreichen scheint, ist so eine der Fragen des Lebens. Sonntagmorgen hätte ich jedenfalls schwören können, ich wäre gerade erst angekommen. Groß Muse zum Sinnieren und munteren Phrasendreschen blieb zum Glück nicht. Casper hatte Priorität, höchste. Wie nicht anders zu erwarten, sahen das auch noch ein paar andere recht ähnlich: So voll war’s vor der blauen Bühne um 16:30 Uhr an keinem anderen Tag. Und everybodies darling Benjamin ließ sich natürlich nicht lumpen! Der Laden kochte von Beginn an über und das Gänsehautlied #1 „Michael X“, bekam mit „Unzerbrechlich“ einen kongenialen Partner an die Hand. Für all die Nörgler, die ihm weder Gesangs- noch Rapskills zusprechen wollen, gab’s auch noch eine kleine Doubletimelektion.
Nach einer Stunde und gefühlt zehn Entschuldigungen, dass er halt wirklich keine Zugabe spielen dürfe, verließ Cas um halb sechs endgültig die Bühne; nächstes Jahr dürfte er um die Zeit wohl noch nicht drauf gewesen sein. Für Madsen reichte dann eine kurze Stippvisite zum Schluß, um zu vermerken, dass „Die Perfektion“, bzw. „Nachtbaden“ immernoch klargehen, die neuen Songs aber schon verdammt grausam sind. Die bestmögliche Therapie folgte stante pede in Form von Hot Water Music. Gott und die Welt wartete da schon auf Rise Against, entsprechend viel Platz hatte man vor der Bühne und entsprechend viele verpassten die heimlichen Stars des Tages. Denn das altehrwürdige Quartett zeigte in nur 45 Minuten wie der Hase verdammt nochmal läuft. Spielfreude, Stimmgewalt, völlige Hingabe, Chuck Ragan naß wie der gern beschriebene Pudel und wir kleine singende Menge glücklich. Danach waren die Kollegen aus Chicago dran, standesgemäß auf großer Bühne.
So ein Rise Against-Konzert ist schnell erzählt und das völlig wertfrei: Gute Show, keine Stimme, etwas politische Leichtkost. Aus diesem Rahmen fiel allerdings die sehr direkte Ansage zu Sea Shepherd (falls unbekannt,jetzt bitte googlen!) und deren Fahne im Hintergrund; gute Sache meine Herren!
Das sollte es aber gewesen sein mit Politik, überhaupt mit so etwas wie Hirn auf der Bühne. Endlich Blink 182! Musikalisch strengstens limitiert, waren die Kalifornier trotzdem eine Überband meiner „Jugend“, es gab einfach nie eine andere, die diese donutsüße American Pie-Traumwelt so gut verpacken konnte. Jetzt waren die Erwartungen natürlich erstmal herunterzuschrauben, schon der Fairness halber. Geistreiche Konversationen über den Penis des jeweils anderen sind bei knapp 40 jährigen bestimmt nicht mehr so lustig, Tom DeLonge konnte live ohne Autotune noch nie singen und die Frage, ob die drei überhaupt noch Lust auf diese Band haben, steht ja auch noch im Raum.
Ob dem jetzt so ist oder nicht, was kam war eine einzige Enttäuschung und die begann schon beim Sound. Auch wenn DeLonge nur seinen völlig unpassenden AvA-Gesang zum besten gibt, will ich den schon ganz gern hören und nicht nur den Bass seines Kollegen, mal ganz abgesehen davon, dass so ein „What’s My Age Again“ ohne hörbare Gitarre völlig für’n Arsch ist. Das Gelaber unterbot dann noch mit Bravour alle quasi nicht existenten Erwartungen und so war nach einer halben Stunde mein Jugendtraum „erfüllt“. Die Lightshow war übrigens super, ja, die war toll, wirklich grandios, überwältigend, da ging einem das Herz auf, herzlichen Dank dafür.

Und wenn der Abend einmal mies anfängt, lässt er sich’s bekanntlich nicht nehmen noch einen draufzusetzen. In der Nacht kam nochmal der Regen zum Zug und mein Zelt (das diesen Namen eigentlich nie verdient hatte) kapitulierte, ohne groß Widerstand zu leisten. Am nächsten Morgen war aber auch das wieder egal, die Sonne kam zwar nicht zurück, aber nach drei Tagen Permanentbestrahlung war ihr die Pause gegönnt. Besser hätte mein erstes Southside jedenfalls kaum werden können und das lag definitiv nicht nur am Wetter.
Viel Glück beim Versuch das zu toppen, Southside 2013!
Pictures: Elisa M. – Sincere thanks!
Berichte
Southside Festival 2012



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