The Gaslight Anthem & Deer Tick & Bayside, 14.11.14, Frankfurt (mit Bildergalerie)

The Gaslight Anthem & Deer Tick & Bayside, 14.11.14, Frankfurt (mit Bildergalerie)

Ein bisschen böse pointiert könnte man sagen, Brian Fallons zerbrochene Ehe ist das Beste was seiner Band passieren konnte. Natürlich ist das Schwachsinn. Total daneben sowieso. Dass die Jersey-Natives jedoch live zunehmend ins Biedere abgedriftet waren, ist Fakt. Um ein Haar aufgelöst hätten sie sich obendrein. Nicht gerade die beste Basis um freudig nach Frankfurt zu fahren. Wohl sollte der Abend aber Anlass geben mit einem breiten Grinsen heimzukommen. Denn The Gaslight Anthem sind zurück – in lange vermisster Höchstform! Und für diese Überraschung hätten sie keinen besseren Rahmen wählen können.

Die Jahrhunderthalle im schmucken Frankfurt-Höchst hat eine Menge in Petto: herrschaftlich braunes Parkett in feschem Fischgräten-Muster, ein nach beiden Seiten offenes Foyer (damit der Sound sich auch ja verläuft) und eine stattliche Armada an polsterbewehrten Tribünensesseln. Hier kann Mario Barth billige Klischees als witzig verkaufen oder Helene Fischer das Volk bezirzen – aber tunlichst nicht The Gaslight Anthem spielen! Wie als müssten sie das beweisen, legten sie hier erst 2012 einen richtigen Rotzauftritt hin. Überzeugen konnte seiner Zeit nur Dave Hause als rotweinbeseelter Opener. Heute sollten sich die Rollen rumdrehen.

Eröffnen durften diesen Freitagabend Bayside. Das taten sie auch, aufgrund von Störungen im Betriebsablauf allerdings ohne den Autor. Der kam erst zu Deer Tick und hätte im Nachhinein lieber noch eine S-Bahn-Ehrenrunde gedreht: In lichten Momenten machte der Fünfer aus Rhode Island mit seinem flotten Folk-Rock (die Betonung liegt hier auf Rock) durchaus Laune; in düsteren wurde die Menge mit stupidem Rockabilly-Revival und Bon Jovi-Hommagen gestraft. Die lichten waren rar gesät – 45 Minuten können sehr lang sein. Besser würde es also definitiv werden. Denn Fallon & Co war über die Jahre schließlich nicht ihr Talent abhanden gekommen. Ihr Enthusiasmus war es, der merklich Schaden genommen hatte. Und geballte Professionalität allein begeistert live naturgemäß nur bedingt. Auf Platte hatte man mit „Get Hurt“ den Restart bereits gemeistert, jetzt war die Rückeroberung der Bühne dran!

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Das biestige „Stay Vicious“ als Begrüßung in den Saal zu hämmern kann man auf dieser Mission getrost als gute Wahl bezeichnen. Ein Hitfeuerwerk aus „59 Sound“, „1000 Years“ und „Handwritten“ nachzulegen ist auch nicht die schlechteste aller Ideen. Wenig überraschend, dass dann die neuen Stücke den frühen Abend zunächst dominierten. Schon eher überraschend, dass sie live grandios funktionierten; allen voran „Helter Skeleton“ und „Rollin‘ & Tumblin“ (nur das große „Dark Places“ blieb leider im Sack). Der überragende Sound trug natürlich seinen Teil dazu bei (wo war der eigentlich vor zwei Jahren?). Was aber wirklich den Ausschlag gab, offenbarten die Mienen der Protagonisten: Hier hatte eine Band endlich wieder Riesenspaß an ihrem Handwerk!

Vor allem Brian Fallon war in Höchstform. Gesanglich heute über jeden Zweifel erhaben, gab er den herrlich bescheuerten Stand-Up-Comedian wie zu seligen Revival Tour-Zeiten. Da wurden flugs einmal „Benny Horowitz“-Sprechchöre angestimmt, über die Mysterien der Herrenunterwäsche fabuliert („they always come in a three pack, if your boyfriend comes home and says he bought two – time to break up“) oder Ian Perkins beim nächsten Tourstop Rosensträuche anbefohlen („via Twitter doesn’t count!“). Selbst der Brite konnte da seine ewig-eiserne Miene nicht mehr vor einem Lachen bewahren.

Das Publikum hatten die fünf da längst für sich eingenommen. Eine derart ausgelassene Stimmung in Frankfurt und dann noch in der Jahrhunderthalle – Weihnachten scheint etwas früh dran gewesen zu sein. Wenn gefühlt die ganze Mehrzweckhalle zum überlebensgroßen „1930“ in „and you said I love you more than the stars in the sky“ einstimmt, ist das beinahe nicht einmal übertrieben. Noch beliebter waren zwar die „Handwritten“-Vertreter, doch gerade die übrigen alten, „We Came To Dance“ oder „Wooderson“ zeigten, dass die Band auch ihr Gaspedal endlich entrostet hat. Akustisch wurde es dementsprechend nicht. „Great Expectations“ in Andachtsvariante (weil der Alex Levine-Ersatz, die richtige noch nicht drauf hat) war das höchste der sanften Gefühle. Dafür durfte hier Bayside-Sänger Anthony Ranieri mit ran. Brian Fallon verplapperte dann noch munter die durch die ausgelassene Encore gewonnene Zeit, bis mit „The Backseat“ der Abend sein euphorisches Ende fand.

Mit „Get Hurt“ hat sich Brian Fallon radikal von seiner Vergangenheit befreit. Nur so konnte das Album zur Entschlackungskur für die bald zehnjährige Band werden. Gleichsam ist auch die Live-Lethargie endlich Geschichte – die Jukebox Romeos strahlen wieder! Da bleibst du auch selig, wenn dir am Hauptbahnhof um ein Haar in die Kapuze gekotzt wird.

Fotos: Thomas Eger

Ein Interview mit Gaslight Anthem-Drummer Benny Horowitz findet ihr hier: www.stageload.org/interviews/interview-mit-the-gaslight-anthem

Das biestige "Stay Vicious" als Begrüßung in den Saal zu hämmern kann man auf dieser Mission getrost als gute Wahl bezeichnen. Ein Hitfeuerwerk aus "59 Sound", "1000 Years" und "Handwritten" nachzulegen ist auch nicht die schlechteste aller Ideen. Wenig überraschend, dass dann die neuen Stücke den frühen Abend zunächst dominierten. Schon eher überraschend, dass sie live grandios funktionierten; allen voran "Helter Skeleton" und "Rollin' & Tumblin" (nur das große "Dark Places" blieb leider im Sack). Der überragende Sound trug natürlich seinen Teil dazu bei (wo war der eigentlich vor zwei Jahren?). Was aber wirklich den Ausschlag gab, offenbarten die Mienen der Protagonisten: Hier hatte eine Band endlich wieder Riesenspaß an ihrem Handwerk!Vor allem Brian Fallon war in Höchstform. Gesanglich heute über jeden Zweifel erhaben, gab er den herrlich bescheuerten Stand-Up-Comedian wie zu seligen Revival Tour-Zeiten. Da wurden flugs einmal "Benny Horowitz"-Sprechchöre angestimmt, über die Mysterien der Herrenunterwäsche fabuliert ("they always come in a three pack, if your boyfriend comes home and says he bought two - time to break up") oder Ian Perkins beim nächsten Tourstop Rosensträuche anbefohlen ("via Twitter doesn't count!"). Selbst der Brite konnte da seine ewig-eiserne Miene nicht mehr vor einem Lachen bewahren.Das Publikum hatten die fünf da längst für sich eingenommen. Eine derart ausgelassene Stimmung in Frankfurt und dann noch in der Jahrhunderthalle - Weihnachten scheint etwas früh dran gewesen zu sein. Wenn gefühlt die ganze Mehrzweckhalle zum überlebensgroßen "1930" in "and you said I love you more than the stars in the sky" einstimmt, ist das beinahe nicht einmal übertrieben. Noch beliebter waren zwar die "Handwritten"-Vertreter, doch gerade die übrigen alten, "We Came To Dance" oder "Wooderson" zeigten, dass die Band auch ihr Gaspedal endlich entrostet hat. Akustisch wurde es dementsprechend nicht. "Great Expectations" in Andachtsvariante (weil der Alex Levine-Ersatz, die richtige noch nicht drauf hat) war das höchste der sanften Gefühle. Dafür durfte hier Bayside-Sänger Anthony Ranieri mit ran. Brian Fallon verplapperte dann noch munter die durch die ausgelassene Encore gewonnene Zeit, bis mit "The Backseat" der Abend sein euphorisches Ende fand.Mit „Get Hurt“ hat sich Brian Fallon radikal von seiner Vergangenheit befreit. Nur so konnte das Album zur Entschlackungskur für die bald zehnjährige Band werden. Gleichsam ist auch die Live-Lethargie endlich Geschichte - die Jukebox Romeos strahlen wieder! Da bleibst du auch selig, wenn dir am Hauptbahnhof um ein Haar in die Kapuze gekotzt wird.
Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
Die besten Konzerterlebnisse The National (Tanzbrunnen)

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