The National, Adia Victoria (15.07.2019)

The National, Adia Victoria (15.07.2019)

The National an diesem recht herbstlich wirkenden Montagabend Mitte Juli zu finden, ist einfach. Vor der Jahrhunderthalle versammelt sich schon eine Stunde vor Einlass eine recht ansehnliche Menschentraube – Altersdurchschnitt und mögliche demografische Gemeinsamkeiten lassen sich höchstens vermuten. Der Fünfer aus Cincinnati spricht seit jeher viele verschiedene Menschen an: Beate, 47, Industriekauffrau aus Friedrichsdorf, ist Fan, seit sie „Slow Show“ im Fernsehen gehört hat. Sie steht in der Schlange direkt hinter Steffen, 21, zweites Semester Kunstgeschichte, Man Bun und sogar die „Cherry Tree“-EP zuhause auf Vinyl. Dirk, 39, freut sich einfach auf einen erdigen Rockabend mit seinen Jungs. Ausverkauf aber kann Frankfurt im Gegensatz zu Hamburg nicht vermelden, zu mächtig der Werktag, zu umständlich die Anreise ins Höchster Industriegebiet.

Vergleichsweise riesig und ein bisschen edel ist die Jahrhunderthalle. Matt Berninger stellt sich in etwa so eine Wellness-Etage im Todesstern vor, wird er später sagen. Pfand auf Plastikbecher gibt es interessanterweise nicht. Der Konzertsaal füllt sich schleppend. Die Vorband um Sängerin Adia Victoria darf eröffnen, kommt aus Nashville und „bringt den Blues“. Zwischen Tarantino-Soundtrack und angejazztem Pop-Rock ist es aber ausgerechnet ihre vergleichsweise dünne Stimme, die das gewisse Etwas vermissen lässt. Der Funke will nicht recht überspringen, das Set ist schnell vorüber. The National sollen später ungefähr ein Dutzend Mal Lobeshymnen auf den Support anstimmen, das Frankfurter Publikum applaudiert aus Höflichkeit. Grundsätzlich ist die Crowd ohnehin heute nur schwer aus der Reserve zu locken.

Dreiteilige Lightscreens werden installiert, ein breites Sammelsurium von Instrumenten aufgebaut, ein episches Intro vom Band ertönt und dann stehen The National auf der Bühne. Elektrogeglucker, „You Had Your Soul With You“, „Quiet Light“, „The Pull Of You”, es geht Schlag auf Schlag. Der Abend steht klar im Zeichen des achten Albums der Band – „I Am Easy To Find“ ist erst zwei Monate alt, nimmt aber schon jetzt eine Sonderstellung im Repertoire der Indie-Rocker ein. Der introvertierte männliche Blickwinkel wird durch die Beteiligung mehrerer weiblicher Gaststimmen aufgebrochen – mit Gail Ann Dorsey und Bryce Dessners Ehefrau Pauline de Lassus sind zwei davon auch in Frankfurt mit von der Partie. Das Publikum lauscht andächtig, wippt stellenweise ein kleines bisschen. „Bloodbuzz Ohio“ und „Sea of Love“ dann ziehen das Tempo an, sind eigentlich nicht zu diskutierende Hits, und die Lichtshow explodiert. Frankfurt wippt weiterhin.

Für kontrolliertes Ausrasten ist die neue Platte jetzt zwar nicht unbedingt das beste Argument, aber auch bei den alten Gassenhauern verbleiben die Zuhörerinnen und Zuhörer im gemütlichen Stand-by-Modus. Es ist ein bisschen schade: „The System Only Dreams in Total Darkness“ mit seinem catchy Refrain und gestörten Gitarrensolo verpufft ins Leere. „Graceless“ zündet wenigstens ein bisschen, auf der Bühne wird frivol abgegangen, im Publikum sieht man hie und da vereinzelt ein zaghaftes Lächeln. Mensch, eigentlich macht’s ja schon Spaß, denkt sich Dirk, aber in 10 Stunden beginnt halt auch wieder die Schicht.

Matt Berninger lässt sich davon freilich wenig beeindrucken, ist gut aufgelegt und plaudert aus dem Nähkästchen. Seinen Weißwein im Plastikbecher teilt er allerdings nur ungern, schließlich sei er krank („Willst du wirklich meine Erkältung haben?“). Becher und Inhalt landen schließlich an der Hallendecke. Ein anderes Mal freut Berninger sich über ein im Publikum erspähtes Band-Shirt, welches eventuell Bassist Scott Devendorf designt haben könnte, aber die Erinnerungen verschwimmen. Und dass es sich bei Backgroundsängerin Pauline tatsächlich um die Frau von Kollege Bryce handele, wäre ihm neu, so hätte sie sich bei ihm nie vorgestellt.

Die Mischung aus zerstreutem Professor, liebevollem Familienvater und weinduseligem Intellektuellen ist Aushängeschild der Band und erntet gerne einen Großteil der Lorbeeren. Berningers unverwechselbarer Bariton und sein Charisma sind neben den ausgefeilten Kompositionen und der originellen Instrumentierung aber nur Teile des Puzzles The National. Hier wird grundsätzlich auf allerhöchstem Niveau musiziert und performt – nicht viele Bands können den Amerikanern aktuell das Wasser reichen.

Mittendrin sorgt das quasi-akustische „Green Gloves“ für die „Boxer“-Quote. „Roman Holiday“ mit einer sehr prominenten Gail Ann Dorsey gewinnt in der an diesem Abend erstmals präsentierten Live-Version im Vergleich zur Studioaufnahme noch dazu. Und bei „About Today“ bleibt dann doch ein bisschen die Zeit stehen – der Song ist einfach zu groß, als dass ein derart wenig aufnahmefreudiges Publikum seine Wirkung schmälern könnte. Die todtraurige Ballade wird von den Instrumentalisten mit ausuferndem Wabern beschlossen, das Hauptset ist vorbei. Aber jeder weiß, was bei The National als Finale folgt.

„Not in Kansas“ ist die Ruhe vor dem Sturm, bevor der altbekannte Mr. November aus dem Käfig gelassen wird und bei manch zarter Seele dann doch Irritation hervorruft: Das „rockt“ ja, reibt sich Beate verwundert Augen und Ohren. „Terrible Love“ dann der Schlussakt: Eine Wissenschaft für sich wird auf ewig bleiben, wie lang eigentlich Berningers Mikrokabel sind. Der Frontmann nimmt das wenig überraschende, aber immer wieder grandios unterhaltsame Bad in der Menge, schafft es irgendwann zu den Sitzplätzten auf der Tribüne: Handshakes, Selfies, Tuchfühlung mit den Fans. Von denen sehr viele leider nur Augen für ihn haben. Die Dessners, die Devendorfs und der Rest der Mannschaft fackeln gleichzeitig auf der Bühne alles ab, was die Technik hergibt, belohnt werden sie mit Hinterköpfen und grellen Smartphone-Displays: Onkel Berninger, wie er zerzaust überm Geländer hängt, ist spannender, und da singt er nicht mal.

Wie von Zauberhand taucht er im Anschluss wieder auf der Bühne auf, ein bisschen aus der Puste. „Light Years“ ist der Rausschmeißer – und der kleine Texthänger sehr sympathisch. „Danke, habt einen schönen Abend!“ Aber „Vanderlyle Crybaby Geeks“ kommt dann tatsächlich noch, und auch, wenn es ein wenig dabei hapert, die Einsätze richtig zu treffen, die Jahrhunderthalle singt mit. Steffen muss ein bisschen weinen. 26 Songs in zweieinhalb Stunden an einem Montag sind dann eben doch etwas Besonderes, eigentlich sogar sehr, und die Wenigen, die das begriffen haben und zu schätzen wissen, wurden belohnt. Der Großteil des deutschen Montagspublikums in der Finanzhauptstadt aber reagiert auf die Ausnahmeband The National wie auf den Wetterbericht: Zur Kenntnis genommen.

Foto: Pressebild

Autor Ralf Hoff
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Beruf Student
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Top-Alben Jawbreaker - Dear You, Elliott Smith - Either/Or, The Smashing Pumpkins - Siamese Dream
Die besten Konzerterlebnisse Black Rebel Motorcycle Club (Luxemburg), Cloud Nothings (Köln), Foxing (Wiesbaden) und ganz ganz viele Shows im Exhaus in Trier

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