The National, This Is The Kit

The National, This Is The Kit

Dieser Abend versprach etwas Besonderes zu werden. Da kann das Wetter nicht zu schlecht, der Weg nicht zu weit und das Dreieck Heumar nicht zu furchteinflößend sein. Wenn The National endlich wieder zurück nach Deutschland kommen, hat man vor Ort zu sein, hat man dieser Ausnahmeband beizuwohnen und sich vollends dem unvergleichbaren Reigen hinzugeben. So oder so ähnlich hätte das laufen sollen, doch irgendetwas stimmte nicht.

Die erste unerwartete Szene bot sich dem geübten Beobachter schon bei Betreten der Mitsubishi Electric Hall: Die Halle war künstlich verkleinert worden. Wenngleich sie immer noch mehr als stattlich wirkte, machte diese Tatsache stutzig. Da hatte man sich im Juni in Windeseile seine Karte gesichert und jetzt sollte das einzige Konzert im Westen nicht mal das Venue füllen können? Verkehrte Welt! Obwohl da zweifellos mehr dahinter stecken musste als der Champions League-Kracher, Bayern vs. Pilsen – die Vorfreude vermochte diese Randnotiz nicht mal ansatzweise zu trüben. Außerdem ist ein halb volles Konzert mit Leuten, die wissen wofür sie eigentlich da sind ja allemal besser als ein ausverkauftes mit lauter Klatschpappen.

Zunächst sah es für Opener This Is The Kit aber vergleichsweise düster aus. Immerhin das vordere Drittel lauschte angeregt und ließ sich bisweilen auch zu mehr als dem obligatorischen Anstandsapplaus hinreißen. Der Rest des Publikums hatte dagegen aber wenig Scheu sein Desinteresse hörbar zur Schau zu stellen, sodass der Folkpop auf der Bühne permanent gegen ein sonores Brabbeln davor anzukämpfen hatte. Die Geschichte zum Auftritt selbst ist schnell erzählt: Nachdem es zunächst nach einer recht farblosen Solobanjoshow von Frontfrau Kate Stables aussah, gesellte sich glücklicherweise bald die gesamte Band dazu und besonders Gitarrist Neil Smith sorgte mit schicker Bluesgitarre für einige Ausrufezeichen. Mit einem letzten artigen Dankeschön, samt dem Hinweis auf ihre Gratis-EP räumten die Briten dann pünktlich die Bühne und hinterließen bei vielen zumindest ob ihres eigenwilligen Outfits Eindruck. „Hinterwäldler“ stand da nicht zufällig im Raum.

Dass The National stets im vergleichsweise feinen Zwirn ihr Werk darbieten, ist hinlänglich bekannt, ebenso wie ihre Qualitäten als Liveband. Beides wurde mit dem eröffnenden „I Should Live In Salt“ bravourös bestätigt – Gänsehautfeeling garantiert. Einen angemessen Rahmen bildete der Mix aus Live-Aufnahmen und der hochgelobten Banddoku, „Mistaken For Strangers“, garniert mit ausladender Lightshow. Alles angerichtet also möchte man meinen. Auf der Bühne jedenfalls stimmte von Beginn an wirklich fast alles. Matt Berninger watete wie immer meisterhaft durch die Abgründe seiner tiefdunklen Texte und war zu „Heavenfaced“ dann auch endlich mit der Arbeit des Tontechnikers zufrieden. Offenbar vom jetzt deutlicheren Klang seiner eigenen Stimme überrascht, vergas er prompt den Text und das ausgerechnet bei seinem Lieblingslied der neuen Platte. Oder auf berning’sche Art: „actually it’s the only one I like“.

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In guter Tradition gehört zu einem The National-Konzert auch eine gute Flasche Weißwein, der sich Berninger in trauter Regelmäßigkeit widmet. Da verwundert es kaum, dass er nach eigener Aussage regelmäßig bis 17 Uhr im Tourbus liegt und daher von Gitarrist Aaron Dessners nachmittäglichen Ausflug in den offenbar höchst sehenswerten Stadtpark nicht allzu viel mitbekam. Manch eine Band geht an ihrem trinkenden Frontmann zu Grunde, The National blühen dagegen nur noch weiter auf. Die brillanten Studiostücke sind live grundsätzlich ein gutes Stück dynamischer und wachsen spätestens gegen Ende ins Unermessliche. Was passt da besser als ein Berninger, der bei „Graceless“ oder dem Gassenhauer „Mr November“ bis zur totalen Erschöpfung in sein Mikro keift, beziehungsweise es in Ekstase zertrümmert. Dass der 42-jährige nicht selten ein wenig zu sehr in seinen Songs aufgeht, dokumentiert das beliebte Crewspiel „Dead Audio Equipment Bingo“. Vor allem der Mikroständer hat es da augenscheinlich nicht leicht.

Obwohl seit je her elementarer Bestandteil einer jeden The National-Show, schien das Düsseldorfer Publikum, sagen wir, leicht irritiert. Der Eindruck bestätigt sich, wenn man im Nachgang liest, man sei doch eigentlich nur für den betörenden Bariton gekommen. Mehrheitlich gab es diesen natürlich auch zu hören. „I Need My Girl“, „Daughters Of The Soho Riots“ oder der Hit der eigentlichen Anti-Hit-Band, „Fake Empire“, bewiesen gekonnt, dass Berningers Stimme mit dem geregelten Toursuff bestens klarkommt. Auch das gelungene Perfume Genius Cover, “Learning”, war ein Hochgenuss für Liebhaber der ruhigen Töne, wobei man berechtigterweise anmerken kann, warum eine Band mit sage und schreibe fünf Überalben nicht lieber möglichst viel aus eigener Feder spielt.

Extra für Düsseldorf kramte man aber „Available“ mit angehängtem „Cardinal Song“ aus der Mottenkiste! Das kongeniale Duo vom mittlerweile zehn Jahre alten „Sad Songs For Dirty Lovers“ feierte sein redlich verdientes Tourdebüt und bot Berninger eine weitere Möglichkeit zu zeigen, wie man „Authentizität“ definiert. Eigentlich müsste man Angst haben um den Familienvater und Ehemann, aber ein bisschen egoistisch sind wir ja doch und es ist einfach viel zu herrlich, wie dieser Typ im Professorlook jede affektierte Hardcoreband in den Schatten stellt. Je älter das Konzert aber wurde, desto mehr verfestigte sich der Eindruck, dass das Gros des Publikums gerade mit dieser Eigenschaft wenig anfangen konnte. An dessen reservierter Art scheiterte letztlich auch Berningers Sprung über die Absperrung und damit war der Beweis wohl endgültig erbracht: Der berühmte Funke wollte nicht so recht überspringen.

Die Ursachenforschung ist kompliziert, sicher ist nur eins: An den Brooklynern hat es nicht gelegen. Was sie auf die Bühne gezaubert haben, verdient wie ihre gesamte Vita nur ein Prädikat – herausragend. Vielleicht ist schlichtweg die Beziehung Deutschland und The National nicht so innig wie anderswo. Vielleicht ist ihre Musik auch einfach zu harte Kost für ein Land mit Kay One und Helene Fischer an der Spitze der Albumcharts. Wenn die Berliner Zeitung „Trouble Will Find Me“ jedenfalls allen Ernstes als „glattgebügelt und auswechselbar“ brandmarkt, könnte da womöglich noch weitaus mehr im Argen liegen, als dieser Abend vermuten lies.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
Die besten Konzerterlebnisse The National (Tanzbrunnen)

Kommentare

  1 kommentar

  1. Ines

    Guter Bericht! Mir hat die ganze Zeit beim Konzert etwas gefehlt, bis sie mich dann endlich bei Mr. November von den Socken gehauen haben. Trotzdem leider kein Konzert des Jahres Potential.

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