The Revival Tour

The Revival Tour

Chuck Ragan hat gerufen! Und natürlich sind sie alle gekommen. In Köln bestand der Tross des stimmgewaltigen Holzfälleridealtypen nicht nur aus den Herren Andriano, Fallon und Hause, nein, auch das WDR wollte nicht mit Abwesenheit glänzen. Verständlich, denn wer kann da schon widerstehen, zumal in die ausverkaufte Live Music Hall bestimmt auch noch mehr Leute gepilgert wären, nachdem das Gloria schnell für zu klein befunden werden musste. Wer jetzt nicht nur das Glück hatte im Besitz einer gültigen Eintrittskarte zu sein, sondern es auch vollbracht hatte durch die riesige Pfütze Köln zu schwimmen um dann sein Gefährt dezent im omnipräsenten Parkverbot abzustellen, den erwartete eine einmalige Portion Pathos, Herzblut und Romantik.
Punkt 8 wurde der Reigen dann eröffnet, ganz so wie es das „Revival Tour-Konzept“ vorsieht: Andriano, Fallon, Hause und Ragan gemeinsam auf der Bühne nur mit Akustikgitarre bewaffnet, unterstützt von Joe Ginsberg samt Kontrabass und dem alten Bekannten Jon Gaunt an der Geige. Vier Songs später (jeweils einer aus der Feder eines der vier Herren), die Stimmung war ohnehin schon beim Intro auf Champions League-Niveau, wurde dann Loved Ones-Fronter Dave Hause allein gelassen um das Soloprogramm einzuläuten. Gut, wirklich allein war er nie, sein Rotwein war immer in Griffnähe und während seines Sets sprangen spontan auch immer mal wieder Andriano oder Ragan ans Mikro, aber das sollte die gesamten dreieinhalb Stunden so gehen und auch die Bartvirtuosen Jon & Joe ließen sich immer wieder blicken. Super gelaunt spielte der gute Dave sich punkig-rotzig durch die Loved Ones Diskographie (Highlight: „Jane“) und seine hausgemachte vom kürzlich erschienen Soloalbum. Mit „Trusty Chords“ war auch noch ein feiner Tribut an Papabär Ragan im Gepäck, der nach „C’mon Kid“ dann hauptamtlich übernahm.
Wie gewohnt der Inbegriff von Authentizität und nach einem Lied schweißnass, schrie sich nach dem Punkgiftzwerg der Chef höchstpersönlich die Seele aus dem Leib. Als Initiator ist er das natürlich wirklich irgendwie, doch wird so etwas keiner der Beteiligten hören wollen. Denn hier sind alle gleich; Freunde geeint in der unbedingten Liebe zur Musik und nie erweckt einer der Beteiligten auch nur den leisesten Zweifel daran. Ragan präsentiert selbstverständlich „The Boat“ und „For Broken Ears“, hauptsächlich mit der Hilfe von Dave Hause der wirklich so gar keine Lust zu haben scheint mal hinter der Bühne zu sein, gönnt aber auch „Covering Ground“ einiges an Rampenlicht. So widmet er „Nothing Left To Proove“ seiner Frau, auf deren Konto übrigens die gesamte Voraborganisation der Tour geht und die das Tourmanagment dann praktischerweise an Hollie Fallon weitergereicht hat, deren Mann, wie auf Platte, mit Ragan „Meet You In The Middle“ präsentiert.
Mit bereits genanntem Überhit „The Boat“ übergibt Chuck dann schließlich das Ruder an ein Drittel des Alkaline Trios und wenn man unbedingt einen Schwachpunkt an diesem Mittwochabend ausmachen will, findet man ihn hier. Schlecht ist das nicht was Dan Andriano da bringt, aber irgendwie fehlt ihm allein einfach die Energie und auch der Witz seiner Vorgänger, an die man natürlich erinnert wird, wenn Dave Hause mal wieder durch’s Bild hüpft. So verkörpert er eben die gern beschriebene Ruhe vor dem Sturm. Dieser kommt zu „Crawl“ schonmal vorab auf die Bühne und wirkt jetzt mit breitem Grinsen wieder ganz er selbst, nachdem er bis dato nur selten zu sehen war und da auch irgendwie ungewohnt zurückhaltend rüberkam. Laut eigener Aussage hat ihm Dave Hause (wer auch sonst?!) backstage ein paar Youtubeclips gezeigt und was auch immer da Spaßiges lief, es zeigte Wirkung.
Trotzdem wird es erstmals düster, denn mit Fallon betritt Ian Perkins die Bühne und die Horrible Crowes haben sich ja nicht gerade den schönen Seiten des Lebens gewidmet. Also tragen „Black Betty And The Moon“ und „Ladykiller“ auf wunderbarste Art und Weise die Melancholie ins Haus; doch bei all der Begeisterung, die die Menge zeigt und vorher schon zeigte: Mal wieder warten die meisten offensichtlich auf die Gaslight Anthem-Hitparade. So genial diese Songs zweifellos sind, ist es doch etwas schade, bzw. unfair. Nun kann man’s aber eh nicht ändern und im Gegensatz zum letzten TGA-Konzert im E-Werk bleibt es wie gesagt noch im Rahmen, sodass es nicht sonderlich stört. Zumal der Umjubelte das „Blue Jeans And White T-Shirts“-Geblöke verlegen lächelnd mit (schwarzem) Humor nimmt und ohnehin alle Anwesenden köstlich unterhält. Natürlich spielt er dann auch die heiß ersehnten Songs und bekommt zum Abschluß seines Sets Verstärkung von seinen Kumpanen, mit denen er den Hauptteil durch „American Slang“ beschließt.
Jetzt hätte man meinen können der Höhepunkt ist erlebt und es war ein herrlicher Mittwochabend, aber nein, es ging nicht nur weiter sonderm dem ganzen Treiben wurde eine schillernde Riesenkrone aufgesetzt!
Erst gab’s eine kleine A-Capellaeinlage des Sextetts, dann bewies Brian Fallon, dass er definitiv nicht breakdancen kann, der Dave Hause-Flummi hüpfte mit Tamburin durch’s Publikum, dass jetzt erst recht kein Halten mehr kannte und während alldem wurde sämtlicher verbliebener Atem für u.a. „The 59′ Sound“ und „California Burritos“ geopfert, bis dann nach dem letzten „let’s play one more song!“ mit „Revival Road“ nach dreieinhalb Stunden tatsächlich endgültig Schluß war.
Ein paar Tage später, kann ich immernoch nicht sagen wer da wohl mehr Spaß hatte, Publikum oder Protagonisten, und warum wir, wie auch etwa 1000 andere keinen saftigen Strafzettel mit nach Hause nahmen; was aber feststeht: Dieser Abend wird so schnell nicht getoppt werden, ich habe mal wieder gesehen warum ich Musik so sehr liebe und dass ich damit ganz und gar nicht allein bin.

Für alle die nicht konnten, nicht wollten oder einfach nicht genug bekommen können: Das WDR überträgt das komplette Konzert am 17.10. um 0:15.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Journalist
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Redigatur
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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Kommentare

  2 kommentare

  1. Jannik Holdt

    Ein großartiger Abend! Das beste Konzert in diesem Jahr bisher!

  2. Sascha Schüler

    Dem ist nichts hinzuzufügen. Riesiger Abend!

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