Tonbandgerät (15.11., Columbia Theater Berlin)

Tonbandgerät (15.11., Columbia Theater Berlin)

Es war mal wieder Zeit für Tonbandgerät. Nach zwei Jahren kreativer Pause kehrten die Hamburger mit ihrer “Record Nie Pause”-Tour und einem neuen Album im Gepäck endlich zurück in die Hauptstadt! Es folgte ein Abend voller Überraschungen.

Vor der Show

Etwa zwei Stunden, bevor das Konzert begann, saß ich während der Berliner “Rushhour” in einer vollen U6 und fuhr eine gefühlt lange Strecke zur U-Bahnstation “Platz der Luftbrücke”. In dieser angebrochenen Winterzeit geht bekanntlich die Sonne am späten Nachmittag unter und so war es eine kleine Herausforderung im Dunkeln das Columbia Theater zu finden. Dank der gelben Radio Fritz Fahnenstangen, die mich schon außen vor dem Gebäude an lachten, sah ich schon von Weitem, dass es dort sein würde.

Eine mittelgroße Schlange hatte sich draußen bereits gebildet und tapfer standen die Fans bei Minus drei Grad in der Kälte an. Nach dem Einlass um 19 Uhr trudelten allmählich Menschen in den großflächigen Saal hinein, der vom Ambiente her, tatsächlich einem modernen Theater entspricht und wo ca. 800 Menschen stehen können. Die Bühne des Columbia Theaters misst eine Höhe von etwa 1,5 m und Fans in der ersten Reihe konnten sich direkt an der vorderen Bühnenkante entspannt anlehnen. Die Stimmung vor Konzertbeginn war gediegen und aufgeladen. Verschiedene Altersgruppen waren zu erblicken, als der Saal sich füllte.

It’s Showtime!

Kurz nach 20 Uhr gingen die Bühnenscheinwerfer auf Hochbetrieb und vier charmante Männer aus der Schweiz eröffneten das Konzert. Eine große Leuchttafel mit PANDA LUX stand hinter ihnen geschrieben und als Vorband legten sie mit Elan direkt mit einem tanzbaren Song los. Die Menge im Publikum verhielt sich reserviert, aber dennoch hörten sie mit gespitzten Ohren aufmerksam zu. Durch die tanzbaren Beats kam bei mir eine leichte Vorfreude auf, was der noch Abend mit sich bringen würde. Panda Lux brachte die Stimmung auf eine sphärische Ebene nach oben. Ein futuristisch vielschichtiger Popsound, begleitet von synthetischen Klängen gemixt mit Safari-artigen Elementen brannte sich hinterher als mein erster Eindruck ein. Mir gefiel diese Art von unkonventioneller Musik. Allerdings hatte ich ebenfalls den Eindruck, dass es bei manch Älteren vor mir nicht wirklich deren Geschmack entsprach.

Ein kleiner Fauxpas

Plötzlich setzte beim dritten Song die Soundanlage aus. Zunächst kamen verzerrte Störgeräusche an der E-Gitarre auf und dann der komplette Ausfall samt stummen Mikrofone. Silvan, der Frontsänger schaute natürlich ziemlich verdutzt Richtung Mischpult, aber dann löste er die Situation souverän, indem er mit seiner Gitarre von der Bühne sprang. Die Zuschauer reagierten mit schallendem Applaus auf seinen Einfall. So bat Silvan dann auch seine Band und alle anderen im Publikum, sich relaxed auf den Boden hinzusetzen und spielte solange ein improvisiertes akustisches Set, bis jemand hinter der Bühne den Soundanlagen-Streich beendete. Das war nochmals eine große Chance für Panda Lux das restliche Set mit der gesamten Band zu spielen. Und für mich war das wieder einmal eine tolle Auflösung, immer weiterzumachen, egal was unerwartet dazwischen kommen kann. Jeder, der an dem Abend im Saal war, kann sich nun an die Jungs von Panda Lux erinnern!

Tonbandgerät – Die Show

Gegen 21 Uhr startete dann wie erwartet das Konzert von Tonbandgerät. Das große Papierboot, das im Hintergrund hing, leuchtete hell in rot und die Lichttechnik zauberte beeindruckende Farben, als die Fünf die Bühne betraten. Sie spielten als Erstes den Song “Beckenrand” vom neuen Album. Im Saal war eine Aufbruchsstimmung zu Gange und die aufgeregten Fans fingen an ausgelassen zu tanzen. Als ich mich kurz nach hinten drehte, merkte ich, wie voll nun der ganze Saal war. Ole, der Sänger der Band, zeigte sich mit einer äußerst ansteckenden guten Laune und an Bühnenpräsenz fehlte es ihm auch nicht. Auch Sophia (Gitarre), Isa (Bass), Jakob (Schlagzeug) und Marcel (Gitarre) strahlten eine wohltuende Ruhe aus und traten sicher auf – das spricht eindeutig für 11 Jahre Bandgeschichte. Ole begrüßte das Berliner Publikum ganz charmant mit den Worten: “Schön, dass ihr da seid, gut seht ihr heute Abend aus!”. Es folgten Songs wie “Brennesselblumen” und “Halbmond”, die zum Tanzen einluden. Wie Ole es spaßeshalber während des Konzerts nebenbei erwähnte, gibt es eine gewisse Mitsingpflicht. Tatsächlich entstand bei mir der Eindruck, dass vielmehr die Fans ein Konzert für Tonbandgerät gaben, als anders herum. Viele der Anwesenden beherrschten den Text 1A.

Nachdem sie “Mariokart” und “Landebahn” spielten, kam eine wichtige Ansage von Ole über das Thema Fremdenfeindlichkeit, unter anderem aktuell gegenüber Flüchtlingen. Der Band liegt es sehr am Herzen ein Zeichen zu setzen. “Es ist super wichtig, wenn man die Chance dazu hat, zu sagen: Ey, wir finden das Scheiße! Es ist wichtig, in einen Dialog zu treten, um später sagen zu können, wir haben es überwunden, es war lange her.” Dieser Satz knüpfte passenderweise an das Lied “Lange her” an, woraufhin es Applaus gab. Im Publikum waren auch ein paar Punks dabei, die “Nazis raus!” durch den Raum brüllten. Insgesamt hatten Tonbandgerät eine lange Setlist mit 24 Songs (davon drei Zugaben) an diesem Donnerstagabend gespielt. Für die Fans lohnte sich das Ganze vollkommen. Als Ole nach der Halbzeit mit Mikro in der einen und einem Bier in der anderen Hand von der Bühne sprang und die unsichtbare Barriere zwischen Bühne und Publikum durchbrach, hielten alle ihre Smartphones mit Handylicht nach oben. Etwa fünf romantische Minuten eines Lichtermeeres mit der dazu gesungenen Ballade “Ich komm’ jetzt heim”. Die Überraschung des Abends fing damit an, als das Setup der Bühne verändert wurde und auf dem nun eine bequeme Couchecke bereit stand. Die Band brachte sozusagen ihr “Wohnzimmer” mit nach Berlin auf die Bühne. Den Klassiker “Superman” bekam das Publikum zu hören. Aber spannender wurde es, als Ole den Fynn auf die Bühne bat, ihn als Videograf und Fotograf der Band vorstellte und überraschenderweise ein Duett mit ihm sang. Sie coverten den alten Song “Ohne dich” der Band Münchener Freiheit und binnen Sekunden hatte Fynn, der ja wirklich über eine hammer gute Stimme verfügt, die Herzen der weiblichen Fans im Sturm erobert. Applaus und aufgeregte Pfiffe hallten durch den gesamten Saal. Doch das Beste kam tatsächlich zum Schluss bei der Zugabe: Die Menschen, die um mich herum waren! Neben mir stand ein älterer Herr, der völlig überwältigt von der ausrastenden Masse war, sodass selbst er beim Medley von “Sekundenstill” und Alphavilles bekanntem Hit “Forever Young” sich die Seele aus dem Leib sang. Ein seltener Anblick auf Konzerten. Dann die zwei, drei Punks, die zuvor gegrölt hatten, bildeten ihren eigenen Pogo-Kreis und gingen richtig ab. Hinter mir standen etwa fünf Mädchen in weißen T-Shirts, die im Singkanon textsicher ein paar Dezibel lauter sangen als der ältere Herr neben mir und gar eine Frau hinter mir, die ich zufällig sah, verdrückte heimlich eine Träne am Ende.

( Alle Fotos von Geraldine Hutt )

Autor Geraldine Hutt
Wohnort Berlin
Beruf Studentin
Dabei seit 2018
Deine Aufgabe bei Stageload Fotos
Top-Alben Hey Ruin - Irgendwas Mit Dschungel | City Light Thief - Nothing Is Simple | The Maine - Black & White
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