Touché Amoré, Angel Du$t, Swain (28.01.17, Musik & Frieden, Berlin)

Touché Amoré, Angel Du$t, Swain (28.01.17, Musik & Frieden, Berlin)

Schlechte Nachrichten, wohin man nur schaut, da ist es umso schöner, wenn sich im grauen Januar Ablenkung vom ständigen News-Scrollen bietet. Eine solche ist die aktuelle Touché Amoré Tour zweifelsohne und entsprechend beliebt: Köln hochverlegt, Münster, Hamburg und Berlin ausverkauft – läuft bei den Amerikanern. Und auch für alle, die Tickets für die Show im Berliner Musik & Frieden ergattern konnten. Schließlich mag es für Touché Amoré cool gewesen zu sein, in der Kölner Essigfabrik die größte europäische Headline-Show „to date“ zu spielen, Fans bevorzugen aber ja doch eher das schwitzige Gewühl in zu kleinen Clubs und „Arena-Gefühl“ gab‘s letztes Jahr beim Togetherfest im Astra genug.

Dass allerdings auch das Musik & Frieden einen gewissen Respekt einflößen kann, merkte man dem Opener Swain anfangs an. Wer will schon vor einem halb vollen Club spielen, den man nicht wirklich mitreißen kann. Mit „The Long Dark Blue“ haben sich Swain zwar eine gewisse Fanbase erspielt, wer wollte, konnte sich die Wahlberliner jedoch schon ein paar Wochen zuvor mit Dangers & Co. in der Linse anschauen. Die dortige Stimmung konnte an diesem Abend auch nicht getoppt werden, es wurde aber trotzdem mit jeden Song besser: Vermutlich hing noch der ein oder andere Fan an der überfüllten Garderobe fest, denn es wurde zusehends mehr vor der Bühne und irgendwann steckte Sänger Noam das Publikum mit seinem Rumgetanze endlich an, allen Mikrofon-Problem zum Trotz.

Angel Du$t wiederum waren seit „Rock The Fuck On Forever“ wohl den meisten Konzertbesuchern ein Begriff, fand sich die Platte doch in der ein oder anderen Jahresbestenliste wieder. Auch in unserem Rückblick wurden Angel Du$t mehrfach erwähnt und schafften es in die Redaktions-Top5. Seitdem versuche ich, mich von der Begeisterung anstecken zu lassen, doch selbst live gab mir die Band einfach nichts und ich fand mich schnell ganz hinten wieder. Sehr vielen wird es anders ergangen sein, der oldschoolige Hardcore Punk wurde vorne nämlich frenetisch gefeiert und auch die Tourkollegen von Touché Amoré fanden nur lobende Worte für ihren Wunschsupport, der sicherlich auch ganz alleine einige Leute gezogen hätte.

Bereits um 21 Uhr war’s dann Zeit für den Headliner. Nach all den Jahren und unzähligen Touren weiß man genau, was einen bei Touché Amoré erwartet und doch überrascht es immer wieder, wie viele loyale Fans textsicher jedes Lied feiern als wäre es das letzte. Dabei kam auch das neue Album „Stage Four“, das natürlich einen Großteil der 22 Songs starken Setlist ausmachte, wirklich gut an. So konnten „Flowers & You“ oder auch „Palm Dreams“ stimmungstechnisch problemlos mit Klassikern wie „Home Away From Here“ oder „~“ mithalten. Bei „Honest Sleep“, normalerweise der Garant für eine völlig überfüllte Bühne, ging es da fast zu ruhig zu. Hin und wieder ein ebenso ungewohntes Bild: Jeremy Bolm an der Gitarre. Das tat der Stimmung aber keinen Abbruch – irgendwie gönnt man es ihm, dass ihm so nicht durchgehend das Mikro wegreißen kann und dadurch etwas Ruhe ins Set einkehrt. Passt auch irgendwie zur Gesamtstimmung der neuen Platte: der Tod der Mutter – mittlerweile zwei Jahre her, wie die geänderten Lyrics bei „New Halloween“ („Somehow it’s already been two years“) zeigen – wird schließlich nie komplett verdaut sein. „One just doesn’t get over it“, wie Bolm treffend allen Leidensgenossen vor Ort verkündete. Auch „Gravity, Metaphorically“ als durchaus ungewöhnliche, emotionale Zugabe ganz zum Schluss traf direkt ins Herz. Ein noch aufwühlenderer Moment kam eigentlich nur auf, als der ganze Saal „Fuck Trump“ rief. Und damit wäre man wieder bei den News, die man eigentlich sonst komplett ausgeblendet hätte…

Ein von Alex Urban (@urbsi) gepostetes Video am

Unsere Fotos von Münster, Köln und Hamburg gibt hierhier und hier. Ein Interview mit Jeremy Bolm folgt die Tage.

Autor Ines Kirchner
Wohnort Berlin
Beruf Project Manager
Dabei seit Juli 2009
Deine Aufgabe bei Stageload Akkreditierungen, Organisatorisches, Reviews
Top-Alben u.a. Gallows - Grey Britain, Bon Iver - Bon Iver, The National - Trouble Will Find Me, Touché Amoré - Parting the sea...
Die besten Konzerterlebnisse u.a. Have Heart (2009, Köln), Gallows (2010, London), Basement (2012, London), Iron Chic, Ceremony, Trash Talk, Rise & Fall, Touché Amoré (divers)

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