Twoonacouch, Danny McClelland, Cold Reading (27.01.2018, Treibhaus, Luzern)

Twoonacouch, Danny McClelland, Cold Reading (27.01.2018, Treibhaus, Luzern)

In Zeiten von Fake News und Halbwahrheiten kann man sich bei der täglichen Google-Nutzung einer Sache dennoch ganz sicher sein: Bei den Bildern von Luzern in der Schweiz wurde Photoshop garantiert nicht im übermäßigen Rahmen angewendet. Die Stadt ist mit ihrem See und den umliegenden Bergen eine Postkarten-Landschaft mit so viel Kitsch, dass es schöner kaum sein könnte. Ein Ort, den man einmal besucht, und nie wieder verlassen möchte; und obendrein die Heimat vieler hochtalentierter Musiker und Bands. Twoonacouch sind eine ebensolche.

Nach vier Jahren als Band haben Lars Imgrüth, Lauro Meier und Nicolas Bortoluzzi am 19. Januar in Eigenregie ihr Debütalbum „And I Left“ veröffentlicht. Die Platte handelt von Problemen und Ängsten, die jeder, der sich traut, sein Leben auch zu leben und es nicht nur an sich vorbeiziehen zu lassen, kennen dürfte. Und so sehr diese Dinge auch mit der Unzufriedenheit und der zumeist nur oberflächlichen Schönheit ihrer Heimatstadt zu tun hat – der Plattengeburtstag sollte dennoch daheim in ihrem zweiten Wohnzimmer stattfinden: Im Treibhaus; organisiert von ihren Freunden und DIY-Veranstaltern Hundredandone.

Hinter diesem Namen verstecken sich zwei Personen: Arthur Londeix und Reto Stadelmann – und Londeix stand an diesem Abend nicht nur vor der großen Bühne, die schätzungsweise immerhin gut ein Drittel des Raumes einnimmt, sondern mit Cold Reading als Opener auch obendrauf.

Erst vor wenigen Monaten haben die Luzerner Emo-Local-Heroes mit ihrer „Sojourner“-EP den Nachfolger ihres Debütalbums „Fractures & Fragments“ (2015) veröffentlicht und nach wie vor ist es eine wahre Freude zu sehen, mit wie viel Herz und Leidenschaft die vier jungen Männer sie auch live präsentieren. Man hörte es dem Quartett nicht nur an, dass es beim Spielen die Zeit seines Lebens hat, nein, man sah es auch. Für Cold Reading scheint keine Bühne zu groß zu sein; sie könnten in riesigen Konzertsälen spielen und würden mit ihrer Energie dennoch den gesamten Raum einnehmen. Zuhause im Treibhaus sollte dies nicht anders sein und so wurden nicht nur Hits wie „Books & Comfort“ oder „Oh Brother“ lautstark aus Dutzenden Kehlen mitgesungen.

So laut und intensiv es bei Cold Reading war, so ruhig sollte es im Anschluss bei Danny McClelland werden. In der Venue ist er bereits seit Jahren durch seine Band Redensart ein bekanntes Gesicht, an dem Samstagabend stand er jedoch ganz alleine auf der Bühne. „Es ist komisch, gerade nach Cold Reading akustisch aufzutreten. Eigentlich soll ein Konzert doch immer einen Spannungsbogen von leise zu laut haben“, gab der Freiburger im Vorfeld noch zu bedenken. Gänzlich fehl am Platz und zu klein für die große Bühne war McClelland aber gewiss nicht. Mit seiner Mischung aus deutsch- und englischsprachigen Songs – teilweise Akustikversionen von Redensart-Liedern – zog er das Publikum genauso in den Bann wie Cold Reading vor ihm. Sympathisch, mit viel Spielfreude und einem großen Clou in der Hinterhand: sein Cover von Apologies, I Have Nones „Long Gone“. Bei solchen Supports kann man durchaus kurz vergessen, dass eigentlich eine ganz andere Band im Vordergrund stehen sollte.

Gegen 23:15 Uhr war es schließlich so weit. Nachdem die Bühne unter anderem mit der namensgebenden Couch ausgestattet worden war, wurde das Licht auf die drei „Geburtstagskinder“ ausgerichtet. Sichtlich stolz auf ihr Debütalbum „And I Left“, aber nicht minder offensichtlich nervös ob ihres ersten Konzertes nach dem Release und vor all ihren Freunden und Eltern spielten sich Twoonacouch durch die neun Songs, nur unterbrochen von minutenlangen Danksagungen. Die kollektive Reaktion: Begeisterung. Es kommt wahrlich nicht häufig vor, dass eine Band, die noch nicht allzu oft aufgetreten ist, ein Album von allerhöchstem Niveau schreibt – und wohl noch seltener, dass sie dann auch live absolut zu überzeugen weiß. Ob ihre Nervosität so schnell verflogen war, wie es den Anschein hatte, wird das Trio derweil nur selber beantworten können. Fest steht aber, dass sie keine Angst davor haben müssen, ihre Lieder zu präsentieren – das haben die Reaktionen des Publikums, ihrer Freunde und auch ihrer sichtlich stolzen Eltern nur allzu deutlich gemacht.

Die einzige Enttäuschung war wohl schließlich nur die fehlende Zugabe. „Wir haben das gesamte Album gespielt, wir haben es komplett vorgestellt“, erzählte Imgrüth später. „Das war „And I Left“ und es wäre komisch, wenn wir nur einen Song nochmal spielen würden.“ Recht hat er zwar, doch schade war es trotzdem. Denn ganz im Gegensatz zu ihrer Heimat Luzern überzeugt „And I Left“ nicht nur mit seiner Schönheit auf dem ersten Blick, sondern wird von Mal zu Mal noch schöner, besser, interessanter und spannender. Twoonacouch sind eine Alternative-(Post-)Emo Band aus der Postkarten-Schweiz, die gerade einmal anfängt, die Aufmerksamkeit zu bekommen, die ihnen gebührt. Nach solchen Abenden und Geburtstagsfeiern wird es nun Zeit für die erste richtige Tour.

Foto: Elio Meier

Autor Leonie Wiethaup
Wohnort Nähe Münster
Beruf PR-Assistenz
Dabei seit Februar 2015
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, News, Gewinnspiele
Top-Alben Apologies, I Have None - London; The Wonder Years - No Closer To Heaven; Cold Reading - Sojourner; Shoreline - You Used To Be A Safe Place; Twoonacouch - And I Left
Die besten Konzerterlebnisse Jimmy Eat World @ Skaters Palace, Münster, Frank Carter & The Rattlesnakes @ Dour Festival, The M-Pire Strikes Back-Festival 2016

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