Interview mit FJØRT

Interview mit FJØRT

FJØRT sind eine der Post-Hardcore-Bands der letzten Stunde. Kurz vor dem Konzert in Bremen haben wir mit David Frings, Bassist und Sänger bei FJØRT, über magische Momente im Proberaum, spontane Roadtrips und die unterschiedlichen Wege zum Erfolg gesprochen.

Wie intensiv die Shows der Aachener sind, zeigen nicht zuletzt die Verletzungen der Bandmitglieder. Frings erzählt von Prellungen, Aufenthalten in der Notaufnahme (ein Konzertbesucher hatte ihm im Eifer des Gefechts die In-Ear-Monitore aus dem Ohr gefeuert) und dem normalen Tour-Wahnsinn. FJØRT sind angekommen. Ein großes Label, ausverkaufte Clubs und Slots auf den ganz großen Festivals. Und das alles mit Musik, die alles andere als einfach und schon gar nicht gefällig ist. Warum funktioniert das alles und wie geht eine Band, die eigentlich in der Nische zu Hause ist, mit dem Erfolg und dem damit verbundenen Druck um? 

Wie fällt euer Zwischenfazit für Part 2 der Couleur-Tour aus? Was ist anders für euch als bei Teil 1?
Wenn du eine Platte im Nacken hast, also direkt nach Veröffentlichung tourst, dann ist das Interesse von den Leuten üblicherweise nochmal krasser. Und natürlich wohnen in den Großstädten halt einfach mehr Leute, die dann vorbeikommen. Und deshalb haben wir eigentlich gedacht, dass diese Tour ein bisschen kleiner wird. Aber wir wurden eines Besseren belehrt. Wirklich krass – z.B. mehr 400 Leute in Marburg – ich hatte die Stadt nie auf dem Zettel! Uns wird da gerade super viel Gutes zuteil und wir merken gar nicht, dass es nach dem Release dieser Platte und der ersten Tour irgendwie abgeflacht ist. Für uns wird es immer größer.

Macht ihr euch dadurch auch mehr Stress? Dass ihr eben nicht mehr nur vor 50 Leuten im AZ spielt, sondern vor teilweise 500 Leuten?
Ich glaube, wir haben uns immer schon sehr intensiv auf alles, was wir gemacht haben vorbereitet. Das haben wir aber auch gemacht, als wir eine DIY-Tour 2014 mit 21 Dates gespielt haben. Wir wissen immer, dass sehr viel auf uns zu kommt. Und da trainieren wir auch wirklich drauf. Wir sind dann keine Hänger, die dann irgendwie zwei Wochen im Proberaum sitzen und nix machen. Wir sehen das schon so ein bisschen wie wenn du einem Marathon laufen willst. Wir spielen jeden Tag 90 Minuten, die Stimmen müssen halten, die Gesundheit muss halten. Es kommen Leute und bezahlen Eintritt. Und das ist bei FJØRT nicht mehr wenig, nicht mehr drei oder vier Euro wie im JUZ damals. Wenn Chris (Anm. der Red.: Gitarrist & Sänger) und ich von null auf hundert kalt in eine Tour starten würden würden, hätten wir am zweiten Tag keine Stimmen mehr! Das ist einfach so eine physische Sache, glaube ich, die die Stimme dann einfach nicht durchhält. So wie wenn du einmal im Monat ins Stadion gehst, mitbrüllst und danach zwei Tage platt bist.

Brüllen ist ein gutes Stichwort. Was mir bei euch immer besonders auffällt, ist diese extrem emotionale Atmosphäre  und die Intensität, mit der die Texte mitgebrüllt werden. Besteht für euch, bei 20 Dates in Folge, nicht auch die Gefahr, dass sich für euch das Gefühl der Songs abnutzt?
Gute Frage. Da muss man wirklich immer aufpassen, weil man sich natürlich Abend für Abend wiederholt und bei einer Wiederholung schreit es oft danach, gar nicht mehr darüber nachzudenken. Das gehört zu den Sachen, die Chris und ich im Vorfeld oft besprechen. Es gibt halt Songs bei uns, die für Chris oder mich eine ganz andere persönliche Bedeutung haben. Meistens haben die Songs ein relativ langes Intro, damit wir genau in diesen Modus kommen. Damit wir uns immer sagen: „So. Darum tust du das!“ Und das ist dann eben kein Abspulen mehr. Das Risiko besteht bei gewissen Nummern. Ich wundere mich immer, wie das bei so großen Karneval-Bands läuft, achtmal am Tag den gleichen Hit! (lacht) Wir können es uns Zeit zum Glück die Zeit nehmen, das Set so anzupassen.

Ihr bringt ja alle auch individuell sehr viel Erfahrung mit. Du hast zum Beispiel früher wahnsinnig viele Konzerte mit Longing for Tomorrow gespielt. Jetzt bin ich auf dein Statement gestoßen, was du zu deinem damaligen Ausstieg gepostet hattest. Dort sagst du ja sinngemäß, dass LFT immer vor allem ein Ventil für dich war und für dich der Wunsch, damit erfolgreich zu werden, nie dazu gehört hat. Deine Bandkollegen wollten aber offenbar für den Erfolg Wege gehen, die dir nicht gepasst haben. Jetzt befinden sich FJØRT in Sphären, die sich deine damaligen Bandmitglieder wahrscheinlich erträumt hatten. Hat sich deine Haltung zum Thema Erfolg geändert?
Das klingt jetzt ein bisschen blöd, aber ich glaube, ich war damals schon relativ gefestigt, was das angeht. Es gibt zwei Arten, mehr Leuten mit seiner Musik zu erreichen. Eine Sache ist, du forciert das, du sagst ganz klar: Ich muss meine Texte, meine Musik anpassen. Ich muss vielleicht auch bei gewissen Labels Klinken putzen. Ich würde nicht direkt sagen verkaufen, aber ich muss sehr viele Dinge tun, wo ich Bauchschmerzen habe. Und es gibt die Sache mit der Band, mehr Leute zu erreichen, wenn es halt passiert, du aber deine eigenen Prinzipien nicht über Bord wirfst.

Das war damals einfach meine Entscheidung. Ich habe auch gar nichts gegen die Jungs – mit denen habe ich ja sehr lange Musik gemacht. Aber die hat das halt gestört, dass es nicht mehr größer wurde. Und die Meinung beim Rest der Band war dann eben mehrheitlich, die Musik deshalb umzustellen. Und für mich war es eben so – ich habe meine Gitarre, ich habe meine Vocals, ich habe das, was mich bewegt. Das brettere ich rein. Wenn Leute das hören und es gut ist, dann spricht es sich sowieso rum. Dann kann du es nicht aufhalten. Aber du musst es nicht drauf anlegen.

So war es dann mit FJØRT?
Als wir FJØRT gegründet haben, war es genau das. Ich habe damals parallel in mehreren Projekten gespielt und irgendwann in allen Bands die Frage gestellt: Wir spielen jetzt ein halbes Jahr zusammen. Was ist das für euch? Dann hat Frank (Anm. der Redaktion: Schlagzeuger) – und das war für mich ein magischer Moment – gesagt: „Guck mal wie ich alt bin. Das ist meine letzte Chance. Ich fühle mich hier so gut, mit guten Leuten Mucke zu machen.“ Das war für mich die Initialzündung, wo ich gesagt habe, diese Band braucht mich oder wir brauchen uns. Lasst uns das Ding machen. Lasst uns Musik schreiben rauskommt und mal gucken was passiert.

Wir sind drei Aachener Homies. Und ich glaube, das haben Leute relativ früh gemerkt, dass wir unser Ding machen. Ich kritisiere keinen, der an der deutschen Pop Musik studiert, sich mit zwei zusammensetzt und sagt: Kraftklub hat geklappt. Lass uns mal in die Richtung gehen – vielleicht ein bisschen anders und wir versuchen das über Marktforschung genau da zu platzieren. Macht ja jedes Unternehmen so. Ich habe dann nur immer ein Problem mit der Kunst. Weil ab dem Moment gehe ich auf Gleise, auf Bahnschienen, die schon liegen. Aber ich will Offroad fahren. Ich muss mich irgendwie finden.

Gleichzeit kam die Aufmerksamkeit bei euch ja auch nicht über Nacht. Ihr habt unzählige Konzerten mit teilweise grotesken Routen, Zagreb und am nächsten Tag Wiesbaden, gespielt! Das sieht für mich nicht nur nach Spaß aus.
(lacht) Ich hab damals das Booking gemacht! So blöd sich das für jeden anhört – absoluter Bock und solche Sachen schweißen dich zusammen. Das sind genau die Momente, von denen wir uns immer noch gerne erzählen. Kurz vor der Show in Zagreb habe ich gegoogelt, wie weit wir später fahren mussten. Das erste, was mir angezeigt wurde, war eine Flugroute! Da habe ich den Jungs gesagt: Ey Leute, dass ist zwar echt scheiße, aber wir müssen nach der Show sofort los. Wir fahren durch. Das wird über 10 Stunden dauern. Dann habe ich Frank und Chris angeguckt und beide haben überhaupt nicht geseufzt oder so, sondern nur signalisiert: Roadtrip, cool! Wir nehmen Bier mit. Wir setzen uns hinten rein und erzählen uns Geschichten. Das hat diese Band so zusammengeschweißt! Es ist so gut, dass wir das gemacht haben und ich bin so froh, dass sich die Band gesund entwickelt hat.

Also gab es auch nie so richtig den Moment, dass euch das neben Job/Studium/Privatleben auch mal zu viel wurde?
Das hört sich zwar jetzt total blumenmäßig an, aber wir wussten alle, dass wir das wollten. Klar kommt man nach einer Tour gerne nach Hause und legt sich zwei Tage auf die Couch und guckt ein paar Serien. Ja, total gerne! Aber dann muss es auch wieder losgehen. Dazu kommen unsere Freunde; die sind am FOH, am Ton am Licht. Wir sind mit unseren Homies unterwegs und haben, glaube ich, auch ganz große Angst davor, wenn das mal nicht so ist.
Konflikte gibt’s bei uns gibt’s natürlich auch! Aber eigentlich immer nur im Rahmen vom Songwriting. Das sind dann künstlerische Konflikte und die sind immer förderlich. Ich tendiere zum Beispiel immer dazu, immer zu viele Gitarren zu machen. Chris bremst mich dann immer und sagt „ey, das reicht!“ oder Frank sagt: „den Beat, den du dir ausgedacht hast. Den würde ich so nicht spielen!“ Alle Arbeiten irgendwie mit Legoteilen an einem Haus und jeder sieht noch etwas anderes.

Ihr investiert ja schon sehr viel Zeit in die Band und allem, was dazu gehört. Wäre es für euch denkbar, euch „Vollzeit“ auf die Musik zu konzentrieren?
Das muss natürlich immer alles finanzierbar sein. Klar, würden wir das sehr gerne machen. Ich denke dann halt immer so an Bands wie Muse. Die schließen sich ein Jahr im Studio ein und arbeiten teilweise acht Stunden an einer Geigen-Linie. Klar, da hab ich Bock drauf! Und irgendwann kann es vielleicht auch sein, dass 3000 Leute in der Columbiahalle stehen, ohne dass wir uns jemals verstellt haben. Wir haben uns sehr früh für eine verdammt harte Musik entschieden, auf die – so glaube ich – aber auch verdammt viele Leute Bock haben. Das entscheiden aber immer noch nicht wir, sondern das entscheidet das Publikum. Beispiel AnnenMayKantereit – gute bekannte aus Köln. Mit Straßenmucke angefangen und die Leute feiern das. Ist doch geil, dass die dann zwei, drei Monate in der Toskana Mucke machen können. Das ist doch ein Auftrag von den Leuten. Wenn wir den Auftrag bei FJØRT irgendwann kriegen, sehr gerne.

Foto: Andreas Hornoff

Autor Lennart Sörnsen
Wohnort Hannover
Beruf Referent Jugendschutz
Dabei seit Juli 2016
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Berichte
Top-Alben The Hirsch Effekt - Holon Anamnesis, We Were Promised Jetpacks - These Four Walls, Apologies I Have None - London, The Offspring - Smash, Herrenmagazin - Das Wird Alles Einmal Dir Gehören
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