Interview mit Alexander Schröder von Redfield Records

Interview mit Alexander Schröder von Redfield Records

Über Spotify lässt sich gefühlt alles hören, das Internet dient sich als scheinbar omnipotentes Marketinginstrument an und auch eine Platte aufnehmen und produzieren, ist kein Hexenwerk mehr. Wie behauptet man sich da heutzutage als kleines Label? Wir haben uns passend zum gerade begangenen 15. Labelgeburtstag mit dem Chef von Redfield Records zusammengesetzt. Alexander Schröder hat namhafte Bands wie Breathe Atlantis, Cedron oder A Traitor Like Judas unter Vertrag. An ein Ende der Labels glaubt er nicht, doch werde sich auch die Arbeit seiner Firma in Zukunft wohl ändern. Ein Gespräch über die Tücken der Trends, Verrat an der Szene und den Reiz der Rolle im Hintergrund.

Redfield Records gibt es seit 15 Jahren. Doch wie hat es sich zu dem entwickelt, was es heute ist?

Gegründet wurde das Label von Kai Rostock. Er hat dann mit seiner Band eine EP veröffentlicht, ich selbst bin etwa zwei Jahre später eingestiegen. Dann hat sich das von einem Fulltime-Hobby in den letzten Jahren zu einem richtigen Job entwickelt. Zu einem richtigen kleinen Unternehmen würde ich sogar sagen. Die größte Veränderung gab es vor fünf oder sechs Jahren. Kai ist ausgestiegen und ich mache seitdem als Inhaber weiter. Im Moment gibt es noch drei festangestellte Mitarbeiter und eine Praktikantenstelle. Eine Person macht viel im Social Media-Bereich und ein bis zwei kümmern sich um die A&R-Angelegenheiten. Ich mache von allem etwas, aber auch so etwas wie Buchhaltung. Sachen, die ein Chef eben machen muss.

Welche Aufgaben übernehmt ihr als Label denn genau?

Wir sind in erster Linie Bindeglied zwischen dem Künstler und dem Vertrieb oder dem Management. Es wird also mit dem Künstler an einem Produkt zusammen gearbeitet und dann veröffentlicht. Da wir aber eigentlich einen allumfassenden Ansatz haben, was die Bandbetreuung angeht, wollen wir den Künstler als Gesamtkonstrukt verstehen. Denn wenn man die Band nicht als ein Gesamtbild betrachtet, dann wird das auch nie richtig erfolgreich. Deshalb ist bei uns auch immer schnell der Schritt da, auch quasi Managementtätigkeiten zu übernehmen, ohne dass wir die Manager einer Band sind. Momentan arbeiten wir sehr eng mit der Band Breathe Atlantis zusammen. Da sind wir schon sozusagen das offizielle Management.

Darüber hinaus haben wir seit ungefähr 2008 einen Verlag am Start und führen einen kleinen Merchshop. Über den werden aber nur Redfield-Sachen verkauft. Ein Vertrieb sind wir allerdings nicht. Es gibt in den jeweiligen Ländern Vertriebe, die dafür zuständig sind unsere physischen Produkte in den Handel zu stellen. Weltweit arbeiten wir zudem mit zwei Digitalvertrieben zusammen – einmal für Redfield Records und einmal für Redfield Digital.
Vor einigen Jahren gab es bei Redfield Records ja gewissermaßen einen „Genre-Wechsel“. Inwiefern war dieser für das Label notwendig?

Viele Dinge, die bei uns gelaufen sind, waren schon durchdacht. Aber gleichzeitig sind diese Sachen auch immer im Rahmen einer natürlichen Entwicklung passiert. Klar, das erste war diese Emo/Emocore-Phase, weil das ja auch das Ding war, aus dem wir kamen. Die erste Band auf dem Label war ja eine der bekanntesten deutschen Emocore-Bands. Da war es ganz natürlich zu sagen, wir sind erstmal in diesem Umfeld unterwegs. Wir haben dann aber irgendwann gemerkt, dass diese Welle einfach abebbte und so Sachen wie We Butter The Bread With Butter oder His Statue Falls kamen. Und gleichzeitig haben sich viele Leute, die sich vorher in diesem Emocore/Emo-Umfeld aufgehalten haben, dahin orientiert. Leute von His Statue Falls waren ja auch vorher bei Crash My Deville und haben dann gesagt, wir machen jetzt was Neues, was Moderneres, wollt ihr das nicht rausbringen? Das war jetzt gar nicht so, dass wir gesagt haben, so, das Ganze funktioniert nicht mehr, wir müssen jetzt unbedingt was Neues finden.

Dieses ganze Metalcore/Electrocore-Ding ist natürlich schon sehr modern. Es hat ja auch ehrlich gesagt viel mit Life-Style und Klamotten zu tun. In dieser Phase hat sich ja die ganze Merchandise-Industrie massiv weiterentwickelt. Man muss jetzt allerdings auch sehen wie lange das überhaupt Bestand hat. Mit der Größe unseres Labels muss man jetzt auch schon mal gucken. Wenn man diesen Stand halten will, kann man es sich jetzt nicht leisten einfach mal abzuwarten, was passiert. Das Gute ist, dass uns so neue Sachen ja auch begeistern. Diese ganze Melodic-Hardcore/ Modern-Hardcore-Schiene, die da jetzt kommt, ist ja auch was, das sich mit zum Beispiel Burning Down Alaska, in kürzester Zeit entwickelt hat in der „Szene“. Und da sind wir ja eigentlich auch mit Bands wie Cedron oder Pariah gut dabei.

https://youtube.com/watch?v=ipRYheIAzC4%3Fecver%3D1

Du hast gerade schon das Thema Lifestyle angesprochen. In der Szene wird oft darüber gejammert, dass gewisse Werte „verraten“ werden und nur noch das Aussehen zählen würde. Wie steht ihr mit Bands wie Breathe Atlantis oder ehemalig We Butter The Bread With Butter dazu?

Ich glaube, wir werden teilweise etwas zu einseitig wahrgenommen. Ich finde das auch gar nicht schlimm. Es ist aber zum Beispiel schon so, dass wir nicht nur Metalcore oder Elektrocore machen. Wir haben auch immer wieder andere Sachen gemacht. Gleichzeitig ist es aber auch so, dass wir immer Bands haben, die in diese Lifestyle-Richtung gehen. Bei denen geht es dann mehr um Spaß oder Party, was ich völlig in Ordnung finde. Musik soll ja auch Unterhaltung sein. Aber auf der anderen Seite haben bzw. hatten wir auch Bands wie Kmpfsprt oder A Traitor Like Judas. Gerade mit letzteren habe ich ganz viel zusammen gearbeitet beim letzten Album, um zu schauen, wie man deren Message cool und ohne den erhobenen Zeigefinger rüberbringen kann. Antillectual sind zum Beispiel auch sehr stark engagiert. Cedron aus Schweden vertreten ebenfalls eine ganz klare Meinung in ihrem Auftreten. Manche Bands können oder wollen vielleicht auch solche Messages gar nicht in ihrer Musik ausdrücken. Aber wir sind uns hier im Redfield-Umfeld schon relativ einig, was vielleicht so eine gewisse Grundausrichtung angeht.

Wie seht ihr eure eigene Rolle als Label? Seid ihr vielleicht ein „Pusher“ für kleinere Bands, die später zu größeren Labels gehen?

Das ist definitiv so. Es wäre komisch, wenn Eskimo Callboy mit ihrem ersten Album bei Universal gewesen wären. Unter Umständen hätten sie dann auch nicht diesen Erfolg gehabt. Man kann schon behaupten, dass wir einige Bands entdeckt und zusammen groß gemacht haben. Mit viel Arbeit, viel Glück und dem richtigen Riecher. Ich denke aber auch, dass wir uns nach all der Zeit in einer ganz guten Lage befinden. In einer gewissen „Szene“ sind wir bekannt und können auch Achtungserfolge vorweisen.

Wie denkt man denn darüber, wenn Bands wie Vitja jetzt zum Beispiel zu Century Media wechseln?

Wenn Bands zu anderen Labels wechseln, hat man natürlich immer gemischte Gefühle. Es hat nie immer den gleichen Grund, wieso Bands wechseln. Es gibt da ganz viele unterschiedliche Beweggründe. Ich würde mich jetzt schon so weit aus dem Fenster lehnen und sagen, dass wir das, was bei den anderen Labels gemacht wird, auch schaffen könnten. Es ist natürlich die Frage, mit wie viel mehr Aufwand das verbunden wäre. Aber ich glaube schon, dass das Resultat nahe an dem liegen würde, was die anderen auch erreichen. Ich glaube, aus wenig viel machen können wir einfach etwas besser, da wir nie das große Geld hatten. Man ist einfach auch dicht an der „Szene“ dran und versteht, wie das alles so funktioniert und deshalb vielleicht auch flexibler. Wobei auch einfach der Reiz da ist, mit jungen frischen Bands was zu machen. Wir waren nie so, dass wir uns um die eine große Band bemüht haben. Ich glaube, die Rolle kleine Bands aufzubauen, ist schon ganz cool.

Ihr habt auf euer Homepage einen Blog, auf dem ihr jungen Bands, die auch gar nicht bei eurem Label sind, Tipps gebt. Wieso?

So sind wir einfach als Typen. Ich würde nie einer Band, die hier an der Tür klopft oder mir eine vernünftige Mail schreibt, einfach nicht antworten. Das finde ich scheiße. Wenn mich jemand fragt, kann ich ihm auch antworten. Man darf auch nett sein in seinem Leben. Am Ende zahlt sich das auch irgendwie aus. Selbst wenn wir alle die Musik einer Band feiern, sie sich aber nicht verkauft, haben wir das alles gut miteinander erarbeitet und kommen einfach gut miteinander klar. Diese Motivation und positive Grundstimmung sollte eigentlich immer da sein.

https://youtube.com/watch?v=Zxra_wCwfzw%3Fecver%3D1

Worin seht ihr eigentlich eure Rolle für die Zukunft? Auch mit Blick auf euren Blog.

Das ist schwierig. Generell hoffe ich, dass wir auch immer diejenigen waren, die immer mal versucht haben, einen Blick in die Zukunft zu werfen. Vor allem auch zu gucken, wie man verkrustete Strukturen aufbrechen kann. Ich denke, dass die Musikbranche gar nicht so hip und jung ist, wie sie oft tut. Gerade wenn man das mit flexiblen, modernen und jungen Start-Ups vergleicht. Die Musikbranche ist da noch weit, weit von entfernt. Aber auch wir sind da sicherlich noch weit von entfernt.

Ich denke, ein Label wird noch mehr in diese Beraterrolle gehen. Wo wir wieder beim Blog wären. Einfach einen Anlaufstelle zu sein für Wissen. Die momentane Entwicklung wird schon so weiter gehen. Denn theoretisch brauchst du heute kein Studio mehr. Du kannst dir Software runterladen und wenn du dich da ordentlich reinhängst, können da gute Sachen bei raus kommen. Ich darf das eigentlich gar nicht sagen, aber du brauchst heute auch gar keine Label mehr. Es gibt heutzutage Anbieter, die bringen deine Musik auf alle digitalen Plattformen oder andere, die deine CD auf Amazon bringen. Was du aber nicht ohne weiteres erkaufen kannst, ist dieses Wissen, was du alles machen kannst. Labels können den Musikern, die auch nur einen 24-Stunden Tag haben, sehr helfen und unter die Arme greifen. So wird das Label auch weiter in der Zukunft eine Daseinsberechtigung haben.

Inwiefern spielen Streamingdienste wie Spotify da mit rein?

Was Tonträger betrifft, da geht der Trend ja ganz klar immer mehr zum Streaming. Das ist ja auch total logisch. Spotify ist halt einfach total easy. Wenn irgendwann überall gutes Wlan verfügabr ist und auch Autos dieses zur Verfügung haben, sehe ich gar keinen Grund, noch eine CD reinzuschieben. Da ist dann die Frage, ob das überhaupt noch die Aufgabe des Labels oder vielleicht schon einer andere Position ist. Denn es geht ja stark um das Vorfiltern. Du kannst ja auf Spotify alle mögliche Musik hören. Doch die Frage ist ja, was willst du jetzt überhaupt hören? Was gibt es denn? Das ist halt der Unterschied zu einem CD oder Vinyl-Regal. Da kannst du einfach durchgehen und sagen, “Geil, das habe ich lange nicht mehr gehört, da für habe ich gerade die richtige Stimmung.“ So kann es halt auch bei Spotify passieren, dass du Bands die früher geil fandest, komplett vergisst.

Wir haben nun viel über euer Label und die Musikbranche an sich geredet. Doch der eigentliche Grund wieso wir uns treffen ist ja euer Jubiläum. Zum Abschluss also die Frage, wieso hat man so gut wie gar nichts davon mitbekommen in der Öffentlichkeit?

Das hat mehrere Aspekte. Natürlich ist es so, dass nicht wir, sondern unsere Bands die „Rockstars“ sind. Es fällt uns ein bisschen schwer, auch wenn wir das schon machen bzw. auch machen müssen, sich bei Social Media mehr in den Vordergrund zu stellen. Am liebsten wäre es mir auch gar nicht groß in Erscheinung zu treten. Das sollen eigentlich mal schön die Bands machen. Wir haben das jetzt auch nicht so an die große Glocke gehängt, denn die Bands und ihre ganzen Releases, zum Beispiel Any Given Day, sind erstmal wichtiger, als eine Geburtstagsfeier. Wir machen das Ganze lieber, wenn etwas Luft ist und in einem intimen Rahmen. Aber es gibt, wie gesagt, bei uns wichtigere Dinge als eine Feier.

Autor Aaron-Corin Hane
Wohnort Lüneburg/ Wolfenbüttel
Beruf Student
Dabei seit März 2015
Deine Aufgabe bei Stageload Interviews, Reviews
Top-Alben Stick To Your Guns - die letzten 3 Alben, Black Sabbath - Paranoid, Wolf Down - Stray From The Path, Dream Theater - Train Of Thought, The Beatles - Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band, Parkway Drive - Atlas
Die besten Konzerterlebnisse Tour Of The Year 2014; Taste Of Anarchy Tour 2015; Summer Breeze 2014; Destruction Derby 2015

Hinterlasse einen Kommentar