Interview mit AYS

Interview mit AYS

Es wäre übertrieben, AYS als die Last Men Standing des deutschen Hardcore Punk zu bezeichnen. Doch rund um die 2002 gegründete Band wird es immer einsamer. Nun bringen die Fünf aus Düsseldorf ihr viertes Album „Worlds Unknown“ raus. Ein Gespräch mit Sänger Florian Schommer über das Älterwerden, die trügerische Geschlossenheit der Szene und seine frühere Schüchternheit auf der Bühne.

Schommer, du bist nun 31 und arbeitest als Grafikdesigner zwölf Stunden am Tag, euer Bassist hat letztes Jahr geheiratet. Wie viel „Against Your Society“ steckt noch in AYS?

Punk hieß für mich nie, auf der Straße rumzusitzen, den ganzen Tag zu saufen und übers Leben zu fluchen. Punk, das ist für mich mit voller Energie ein Ziel zu haben und es selbst zu erreichen. Das mag für jeden unterschiedlich aussehen. Ich genieße es, keinen Chef zu haben. Dass ich heute diesen Job ausüben kann, dafür habe ich hart gekämpft. Und weil ich schon früher die AYS-Sachen gestaltet habe, verdanke ich es auch dem DIY-Gedanken, dass ich heute so hier stehe.

Was ist mit den anderen?

Die handhaben das ganz genauso, dafür steht die Band. AYS ist aus jugendlicher Wut heraus entstanden, daher der Name, den wir uns als 15-jährige ausgedacht haben. Aber auch wenn wir nun alle älter sind und Jobs haben, sehe ich diesen DIY-Gedanken noch immer. Nur ist er jetzt keine Phase mehr, sondern tief verinnerlicht.

Eine Show, die ihr dieses Jahr spielen werdet, ist das Impericon Fest. Manche würden sagen, sowas sei beliebig bis kommerziell, der Punk-Gedanke fehle. Was sagt man dazu?

Denen sage ich, dass sie am besten selbst 15 Jahre eine Band haben sollten. Uns war immer wichtig, kleine Clubshows zu spielen, aber uns ist mittlerweile auch eine gewisse Abwechslung wichtig, um andere Leute zu erreichen. Wenn wir immer die gleichen Clubs gespielt hätten, die laut Meinung der Szene „real“ sind, hätten wir vermutlich keine fünf Jahre als Band ausgehalten, weil uns irgendwann niemand mehr hätte sehen wollen. Wir waren schon immer in unterschiedlichen Clubs, ohne den Ursprung aus dem Auge zu verlieren.

„3 AM“, euer erster veröffentlichter Song vom neuen Album, klingt atmosphärisch und hochwertig produziert – aber ein wenig rundgelutscht. Wo ist die Härte von früher?

„3 AM“ ist nur das Intro. Wenn dir das noch nicht hart genug war, dann keine Bange. Da kommt noch einiges. Das Album ist facettenreicher als unsere bisherigen Sachen. Stimmlich hört man mehr die Punk-Roots, zudem ist es abwechslungsreicher geworden, Die Riffs sind härter.

Erwartet ihr, dass euch das neue Album noch einmal populärer macht?

Ich kann mir vorstellen, dass sich die Leute freuen, uns live zu sehen. Gerade weil wir ein, zwei Jahre nicht gespielt haben. Sollte es nicht so sein, werde ich aber auch keine schlaflosen Nächte haben. Es gibt immer weniger Hardcore-Bands in Deutschland, gerade lösen sich zum Beispiel Gone To Waste auf. Als wir uns über das Line-Up der Release-Shows Gedanken gemacht haben, ist uns aufgefallen, wie wenige Bands es gibt. Man kann das nicht vergleichen mit der Zeit um 2008, 2009, als es in jedem Kaff fünf Hardcore-Bands gab.

Rar geworden sind auch Sänger, die wie du über die Bühne wüten, herumspucken und das Publikum scheinbar kaum wahrnehmen. Woher kommt dein Zorn?

Das ist tagesabhängig. Es entsteht ziemlich viel bei mir aus einer gewissen Wut, auch wenn ich als Designer arbeite. Woher ich das genau nehme, weiß ich nicht. Was ich weiß, ist, dass es immer da ist. Ich hätte Probleme, wenn der Zorn nicht da wäre.

Manche finden das unsympathisch. Wie oft bekommst du das zu spüren?

Man muss mich ja auch nicht sympathisch finden, um bei einer AYS-Show vor der Bühne zu stehen. Ganz ehrlich: Wer das unsympathisch findet, schaut sich besser was anderes an.

Wie viel davon ist Inszenierung?

Ich würde lügen, wenn ich sage, dass es nie Inszenierung ist. Wenn man vier Wochen auf Tour ist, gibt es Tage, an denen man sich gar nicht danach fühlt. Wenn man am liebsten auf der Couch liegen bleibt und nichts machen will. Trotzdem: 95 Prozent der Konzerte sind real und nicht inszeniert. Es hat ewig gedauert, bis ich meine Schüchternheit abgelegt habe und wusste: Ich muss mich nicht so bewegen wie die anderen Sänger, sondern kann auch einfach mal von einer Box fallen oder über den Boden kriechen. Ich habe zwei, drei Jahre gebraucht, bis ich aus den Hardcore-Stereotypen ausgebrochen bin.

Was fordert mehr den Künstler in dir, AYS oder dein Job als Illustrator?

AYS, weil ich nicht soweit gehen würde, mich als Musiker zu bezeichnen. Daher fällt mir es viel schwerer. Die Musik fordert mich mehr als der Job, den ich kann. Alles was AYS betrifft, ist extrem persönlich. Man will immer wieder einen drauf setzen, es ist sehr herausfordernd, das Cover zu gestalten und die Platte zu schreiben. Wir haben einen hohen Ehrgeiz.

15 Jahre seid ihr als Band unterwegs. Gibt es Dinge, die dich in der Zeit desillusioniert haben?

Hardcore war noch nie ein Wohlfühlort. Hardcore war schon immer ein Sammelbecken für Leute, die in irgendeiner Hinsicht Probleme haben, auch wenn sie bis heute vielleicht nichts davon wissen. Ich tue mich seit geraumer Zeit schwer mit dem typischen Unity-Gelaber, für mich laufen in der Hardcore-Szene genauso viele Trottel rum wie in allen anderen Szenen, nur dass sich die Hardcore-Szene sich oft für etwas Besseres hält. AYS hält sich da gerne ein wenig raus, bei uns ist jeder willkommen.

Der Unity-Gedanke wird auf fast jeder Show von irgendeiner Band beschworen.

Ich würde es nicht verfluchen. Aber ich habe keinen Bock, Hardcore als Verein zu sehen, in den man eintreten und gewisse Normen erfüllen muss. Das ist Schwachsinn.

Hinterlasse einen Kommentar