Interview mit Brian Fallon

Interview mit Brian Fallon

Manchmal verhagelt das Weltgeschehen selbst einem Brian Fallon die gute Laune. Am 8. November war es mal wieder so weit. Wie unzählige andere liberal gesinnte Amerikaner war der dauergrinsende Romantiker vom Dienst noch optimistisch aufgestanden und wird gedacht haben: Das geht schon nochmal gut. Falsch gedacht. Je älter der Wahltag wurde, desto mehr US-Bundesstaaten färbten sich rot, als gehe da eine feindliche Übernahme von statten – und am Ende triumphierte ein Mann, dessen einzige Leitplanke im Leben sein Ego zu sein scheint. Auch gut einen Monat danach scheint der Gaslight Anthem Frontmann a.D. diesen denkwürdigen Dienstag noch nicht so recht verdaut zu haben. Geschockt sei er gewesen, erzählt er eingemummelt in seinem altgedienten Parka. Die abermalige Solo-Tour durch Europa komme da gerade zur rechten Zeit. Abstand gewinnen ist die Devise. Darin hat er freilich Erfahrung. Auch wenn es später auf der Bühne der Frankfurter Batschkapp ganz anders aussehen sollte.

Die Wahl von Trump ist nun gut einen Monat her, aber jeder Tweet von ihm hat das Potential, eine Staatskrise auszulösen. Vor allem steht aber weiter eine Frage im Raum, wie konnte dieser Mann wirklich gewählt werden?
Das musst du die Leute fragen, die für ihn gestimmt haben, ich hab’s nicht getan. Aber die Mehrheit entscheidet, das passiert eben, wenn man die Leute entscheiden lässt. Wo ich herkomme, in New Jersey, hat ihn so gut wie keiner gewählt. Wir sind ein „blauer“ Staat, hier haben die Demokraten die Oberhand. Ich weiß wirklich nicht, wie das passieren konnte. Jetzt müssen wir uns jedenfalls mit der Situation auseinandersetzen und schauen, wie wir das Beste draus machen.

Aber es ist doch interessant: Trump hat im Wahlkampf permanent gelogen, mit rassistischen Beleidigungen um sich geworfen, sexistische Sprüche geklopft und vieles mehr von dieser Güte. Wie konnte ihn all das nicht beschädigen?
Um ehrlich zu sein: Mich hat das auch überrascht. Wenn du mich fragst, hat all das etwas Komisches an sich, weil ich glaube, ganz ehrlich, Trump hat nie damit gerechnet zu gewinnen. Ich denke, er hat diese Sachen auch deshalb gesagt, er dachte: „Wenn ich das öffentlich sage, werden die mich niemals wählen, niemals“. Ich habe keine Ahnung wie Donald Trump tickt, ich kenne ihn nicht. Aber ich glaube, er hat das ursprünglich alles als eine Art Witz verstanden. Er dachte wohl, es wäre lustig seinen Hut in den Ring zu werfen und sich in all dem Rummel zu sonnen, einfach als ein Ego-Boost eben.

Aber warum er am Ende tatsächlich gewonnen hat, liegt glaube ich daran, dass es in unserem Land unzählige Menschen gibt, die nicht wie der Durchschnittsbürger aus der Stadt ticken. All diese Leute, die nicht täglich andere Kulturen und deren Einflüsse erleben. Wo ich herkomme, kann ich dir sofort zehn Muslime nennen, die ich kenne und die unglaublich coole und korrekte Leute sind. Ich bin mit unzähligen Afro-Amerikanern aufgewachsen und als ich neun war, wusste ich was Transgender bedeutet und kannte auch welche.

All das schockt mich nicht und es sollte auch niemanden schocken. Nur weil jemand oder etwas anders ist als ich, macht es das doch nicht unheimlich. Menschen sind nunmal verschieden und haben unterschiedlich Vorstellungen für ihr Leben. Nur weil ich kein Transgender bin, heißt das doch nicht, das ich diese Leute und ihre Gefühle nicht verstehen kann. Normalerweise denke ich über solche Dinge überhaupt nicht nach. Das tue ich erst, wenn ich es erleben muss, wie Menschen anderen vorwerfen anders zu sein, als sie selbst.

Und da gibt es eine ganze Menge von Leuten, die so ticken, die jede Form von Andersartigkeit ablehnen. Nur haben sie es vielleicht nicht immer offen gesagt. Aber jetzt wo ein Donald Trump ihnen nach dem Mund redet, denken sie, es ist ja völlig in Ordnung, wenn ich das auch öffentlich rausposaune. Viele Menschen in Amerika vertreten solche Ansichten, wie er. Da gibt es zum Beispiel im Süden eine Stadt, wo ein Mann lebt, der in seinem Vorgarten ein Denkmal für die Südstaaten-Armee aus dem Bürgerkrieg errichtet hat. Das Ding gefällt niemandem in der Stadt, im Gegenteil, die übrigen Leute hassen es, sie besprayen es oder bewerfen es mit Eiern. Aber Fakt ist, da gibt es diesen einen Kerl, der sich stark genug fühlt, sowas in seinem Vorgarten zu haben, für jeden sichtbar. Das ist verrückt, genau wie diese, wie nennen sie sich noch gleich…

Die „Alt-Rights“? (Anmerkung der Redaktion: ein loser Zusammenschluss von über ganz Amerika verteilten Rechtsextremen)
Genau. Im Ernst, die sind völlig wahnsinnig. Ich dachte, wir wären längst so viel weiter als Gesellschaft. Aber das verdeutlicht die Ignoranz mancher Leute und wie viel Ignoranz es da in der ganzen Welt nach wie vor gibt. Ich glaube aber nicht, dass man dem mit Gewalt begegnen kann. Da hilft nur Bildung und zu versuchen mit diesen Leuten ins Gespräch zu kommen, auch wenn du es abstoßend findest, was sie sagen und denken.

Auch wenn sie nicht zuhören wollen?
Ja, auch dann. Denn sobald du gewalttätig wirst, hören sie erst recht auf zuzuhören und außerdem gibst du ihnen einen Anlass ebenfalls Gewalt anzuwenden. Es ist eine höchst komplizierte Lage – und ich hab all das wirklich nicht kommen sehen. Ich war ein paar Tage lang geschockt.

Du hast das ganze Land betourt mit Gaslight Anthem, Horrible Crowes und alleine. Hast du ein gespaltenes Land gesehen?
Nicht wirklich. Zumindest die Leute, mit denen wir zu tun haben, sind ja alle sehr aufgeschlossen. Wir haben mit den Leuten, die Donald Trump gewählt haben, nichts zu tun. Ich kenne auch niemanden, der für ihn gestimmt hat. Das ist einfach bizarr.

Ihr seid kurz nach dem 8. November zur Tour aufgebrochen. Wie erlebt ihr Europa im Vergleich zu den USA?
Europa fühlt sich für uns an wie eine Atempause. Einfach mal runterkommen und Zeit haben über all das, was geschehen ist, nachdenken. Die Leute hier wissen ja auch, dass wir nicht Trump gewählt haben. Natürlich gibt’s da ab und an jemanden in einer Bar, der uns begrüßt a la „oh, ihr dämlichen Amerikaner, was habt ihr euch denn da eingebrockt?“. Aber da sage ich nur, „ schau mich an, ich bin von Kopf bis Fuß tätowiert, du glaubst ernsthaft, ich hab’ für Trump gestimmt? Hau ab.“ Aber das kümmert mich nicht.

Ich habe getan, was ich konnte. Ich habe sogar bei Twitter für Hillary geworben und ich war wirklich optimistisch! Sie ist eine gute Politikerin, sie hat Erfahrung und war sogar schon im Weißen Haus mit Bill Clinton. Außerdem wäre es einfach cool gewesen, eine Präsidentin zu haben. Das wäre mal wirklich fortschrittlich gewesen.

Aber es ist ja nicht nur Amerika. Schau dir Großbritannien an, da hat man für den Brexit gestimmt.
Ich weiß, ich bin ja tatsächlich auch Brite. Ich habe eine doppelte Staatsbürgerschaft, also habe ich mich mit dem Thema bestimmt mehr beschäftigt als der Durchschnittsamerikaner. Mein Vater ist immerhin in Großbritannien geboren, es ist wirklich wichtig für mich, was dort passiert. Natürlich bin ich Amerikaner, Amerika ist mein Land, aber die Situation in England bewegt mich trotzdem. Ich bin mir nicht sicher, ob das am Ende gut ausgeht. Mir jedenfalls macht es Angst. Sich zu isolieren ist niemals eine gute Idee, weder als Person, noch als Nation. Und gerade von der EU, wo diese doch an sich gut funktioniert – eine Hand wäscht die andere.

Du bist jetzt das dritte Mal in einem Jahr auf Tour in Europa. Fliehst du ein wenig vor Amerika?
Mir gefällt es hier einfach so gut! Ich mag die Kids, die Shows sind klasse und es ist einfach schön hier zu sein und etwas Abstand zu gewinnen. Mit Gaslight Anthem haben wir ja quasi unsere Karriere in Deutschland gestartet. Wir haben alle möglichen Jugendherbergen und AZs gesehen. Das waren unsere ersten Schritte in Europa und sie sind uns sehr wichtig.

Mittlerweile betrachte ich Europa als mein zweites Zuhause. Wir sind so oft hier, ich habe hier viele gute Freunde gefunden, wie auch im Rest der Welt. Ich fühle mich eher als Weltbürger als als Amerikaner. Natürlich bin ich aber trotzdem ein Typ aus New Jersey! (lacht) Was mich einfach rasend macht, ist: Ich bin stolz, ein Amerikaner zu sein, aber vieles was die Amerikaner tun macht mich überhaupt nicht stolz, ganz im Gegenteil – und ich glaube, es ist wichtig das auszusprechen.

All die Jahre hast du ja immer gesagt, du würdest niemals ein Solo-Album machen. Bei Horrible Crowes hast du ja darauf bestanden, dass es eine Kollaboration mit Ian Perkins ist. Was hat dich umdenken lassen?
Damals hatte ich eine Band – und wenn du in einer Band bist, willst du keine Solo-Platte machen. Aber zu der Zeit als die Idee mit „Painkillers“ konkrete Züge annahm, hatte ich ja keine Band. Ich stand also vor der Wahl, alleine Musik zu machen oder keine. Wenn sich die Umstände derart verändern, änderst du auch mal deine Meinung.

Zunächst hast du trotzdem Molly And The Zombies gegründet. Warum hast du das nicht weiter verfolgt?
Es war schlichtweg einfacher, alles unter meinem eigenen Namen zu machen. So konnte ich einfach machen, was mir in den Sinn kam. Molly And The Zombies, das war nur so eine Gelegenheitssache. Wir hatten nie geplant ein Album aufzunehmen, wir hatten bloß unseren Spaß. Ich habe nie daran gedacht, dass daraus mehr werden könnte.

Was ist denn nun anders daran, Musik „für“ Brian Fallon zu schreiben, als für The Gaslight Anthem?
Ich habe alle Fäden in der Hand, vor allem das ist anders. Wenn ich für Gaslight schreibe, verändern die anderen ja immer etwas, wenn sie ihre Parts dazuschreiben. Jetzt bin da nur ich und meine Idee von einem Song. Was die Art und Weise wie ich schreibe angeht, hat sich eigentlich nichts verändert.

Das letzte Gaslight-Album, „Get Hurt“ war ja deutlich poppiger und experimenteller als seine Vorgänger. Warum bist du bei „Painkillers“ wieder zurück zum klassischen Folk-Rock?
Ich hatte einfach Lust darauf. Im Vorraus habe ich mich selbst gefragt: Wie würde wohl ein Brian Fallon-Album klingen? Ich halte nichts davon, sich vorher groß den Kopf über die Struktur und ein Konzept zu zerbrechen. Du musst da anfangen, wo du gerade stehst.

„Painkillers“ ist nun ein ziemlich direkter Titel. An wen ist er gerichtet?
Ich glaube, Menschen hören Musik, um sich besser zu fühlen. Also ist genau das mein Job. Den Menschen das zu liefern, was ihnen gut tut. „Painkillers“ klang da nach einer guten Idee, weil genau das ist es ja doch, was Songs für die Leute darstellen. Ich schreibe immer für mich selbst und für andere. Es gibt da kein „ich und die anderen“ – nur uns. So verstehe ich das Musik machen. Und jedes Album, das du schreibst, steht dabei immer für eine gewisse Zeit in deinem Leben. Ich weiß zum Beispiel nicht, ob ich „Get Hurt“ jetzt oder in Zukunft noch einmal schreiben würde.

Was wird denn dein nächstes Album sein: Ein Brian Fallon-Album oder eines mit Gaslight?
Definitiv ein Brian Fallon-Album!

Und wie ist der Status bei Gaslight?
Da gibt es keinen Status oder ein Update. Wir machen einfach nichts im Moment.

Es ist ja leidlich bekannt, dass du ein großer Springsteen-Fan bist. Nun hat er dem „Zeit-Magazin“ vor der Präsentation seiner Autobiographie ein interessantes Interview gegeben. Er sagte, es gibt da einen privaten Bruce und einen öffentlichen Bruce. Kommt dir das bekannt vor?
Natürlich! Du musst dich schützen, wo du nur kannst als Künstler. Ich glaube, wenn du dein ganzes Ich ins Musikerdasein steckst, kann das gefährlich werden. Du verlierst dich und beginnst zu denken, du seist rund um die Uhr dieser Kerle von der Bühne. Wenn Bruce Springsteen einkaufen geht und so drauf wäre, würde er rumlaufen und tönen: „Ich bin Bruce Springsteen, warum soll ich für irgendwas hier bezahlen?!“ (lacht). Du musst eine Balance finden, zwischen deinem alltäglichen Leben und der Musik. Du bist kein Rockstar, wenn du deine Kinder zur Schule bringst. Du bist einfach nur ein Vater von vielen.

Er hat auch erwähnt, dass er seit über einem Jahr keinen Song mehr geschrieben hat. Wäre das was für dich?
Puh, das ist eine verdammt lange Zeit. Aber gut, er ist jetzt 67, er muss keine Songs mehr schreiben, wenn er keine Lust hat, so viel wie er schon geleistet hat. Für mich wäre das nichts. Ich habe noch einiges an Arbeit vor mir. Ich bin so weit weg von seinem Level und ich will ja noch etwas erreichen. Ich glaube nicht, dass ich meine besten Songs schon geschrieben habe, da geht noch viel mehr. Und ich werde besser mit jedem, den ich schreibe, hoffe ich zumindest (lacht).

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Journalist
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Redigatur
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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