Interview mit City Light Thief

Interview mit City Light Thief

Benjamin Mirtschin (dritter von links) war bei der ersten Bandprobe von Whisk?! gerade einmal 14 Jahre alt – das war 2003. Inzwischen sind 12 Jahre vergangen, er ist 26, verheiratet und Vater einer kleinen Tochter. Aber er ist auch noch immer Sänger und Haupttexter bei der Band, die ihn seit Teenager-Tagen begleitet und seit 2009 City Light Thief heißt. Außerdem ist er ein Youtube-Hooligan, wie er sagt. Er schaut sich oft schlechte Bands an, von denen er weiß, die sie mal irgendeinen Bandcontest gewonnen haben und wie eine Schülerband ihr erstes Musikvideo machen. Meistens ist das allerdings ätzend. Aber junge Leute haben eben einen anderen Horizont und wenn man jung ist, darf man auch alles, sagt er. City Light Thief sind auch noch jung – ätzende Musik machen sie allerdings nicht. Dagegen sind nun jedoch zwei Jahre nach dem letzten Release des Sextetts aus den nordrhein-westfälischen Karpaten vergangen. Zwei Jahre, in denen die Stadtlichtdiebe ein und dieselbe Masche bei ihren Raubzügen absolvierten. Dank ihrer neuen EP „Shame“ haben sie aber nun vier schicke, neue Songs parat. Da konnten wir uns natürlich nicht lumpen lassen, den Frontmann gleich mal zum Interview zu bitten.

Wie kommt es, dass wir uns gerade unterhalten können? Immerhin ist doch Donnerstag Vormittag. Habt ihr neben der Band nicht noch andere Jobs?

Ja, doch, haben wir. Ich habe eine Musikpromotion-Firma, bei der ich zum Beispiel auch Adam Angst betreue, und sitze gerade auch tatsächlich in meinem Büro. Seitdem ich aus der Schule raus bin arbeite ich sozusagen in der Musik und da ich quasi mein eigener Chef bin, kann ich mir jetzt auch die Zeit nehmen, was herrlich ist. Der Mario ist jetzt in seinem Referendariat und der Tobi fängt sein Referendariat nächstes Jahr an. Bringo (Anmerkung der Redaktion: Tobias Brings) ist Jura-Student und damit auch quasi fertig – also ich kenne mich mit Jura nicht aus, aber der arbeitet jetzt irgendwie für die Universität. Und Roman und Robert sind in den letzten Zügen ihres Biologie- beziehungsweise Ingenieur-Studiums. Wir sind also ganz erwachsen und ganz normal. Glaube ich (lacht).

Ist es dann sehr schwierig – gerade in der Zeit eines Releases – allem gerecht zu werden und nichts schleifen zu lassen?

Es ist total schwierig! Wenn wir schreiben, aufnehmen oder für Konzerte proben, sind alle on fire, aber dann – wie gerade – gibt es wieder so eine Phase, in der wir alle wahnsinnig viel arbeiten müssen und kaum mit den Sachen, die wir für die Band machen wollen, hinterherkommen. Aber es ist ja nicht unser Job, sondern das, was wir nebenbei machen, also ist das okay.
Es ist aber auch das einzige Hobby, das wir uns zeitmäßig leisten können, weil die ganze Zeit, die es neben dem echten Leben gibt, schon dafür draufgeht. Ich habe ja auch noch eine Tochter und bin verheiratet, das heißt, ich muss mich um eine Familie kümmern. Deswegen freue ich mich, dass diese Band für mich das einzige ist, was ich sonst mache, wenn ich Spaß haben will. Ich habe natürlich auch mit der Arbeit und meiner Familie Spaß (lacht), aber das ist eben das, was ich für mich mache.

Gibt es deswegen auch nur vier neue Songs, obwohl euer letzte Release schon zwei Jahre her ist?

Ja, genau. Aber bei uns ist es auch so, dass wir sechs Leute sind und keinen Chef haben, der sagt, was die anderen zu spielen haben. Es gibt ja Bands, die fünfzig Songs schreiben und davon dann zehn aufnehmen, aber wir schreiben zu 99% nur das, was wir nachher auch aufnehmen und herausbringen. Und weil ich zu der Zeit des letzten Albums Vater geworden bin, haben wir auch nicht so wahnsinnig viel gespielt, sondern alles erst ein Jahr später gemacht. Ende letzten Jahres haben wir uns dann zusammengesetzt und innerhalb von vier Monaten diese vier Songs geschrieben.

Wir wollten das auch übersichtlich halten, weil wir zum ersten Mal live aufnehmen wollten und zwölf Songs sind ja auch in der Aufnahme nochmal teurer. Aber für uns ist es aber auch ein guter Workflow, EP und Album abwechselnd zu veröffentlichen. Das macht uns Spaß und das werde wir wohl auch so beibehalten. Aber weil ich ja auch selber viel Musik höre, weiß ich, wie schwierig das als Hörer und Konsument ist, wenn man „nur“ vier Songs kriegt, das fühlt sich einfach total wenig an. Diesem kurzen Format wohnt aber auch eine Schönheit inne. Wenn du ein Album machst, selektierst du danach, welche Songs direkt ins Ohr gehen sollen, bei welchen wir uns austoben und welche nur für’s Album sind, weil es bei denen etwas gibt, das wir live einfach nicht machen können. Bei einer EP fällt das weg.

„Shame“ ist auch wieder über Midsummer Records erschienen. Hattet ihr beim Aufnehmen dann auch dasselbe Team wie sonst um euch?

Nein, das haben wir dieses Mal ein bisschen anders gemacht. Bisher hatten wir immer mit Bastian Hartmann aufgenommen, der ein guter Freund von uns ist, aber momentan mehr als Live-Mischer unterwegs ist, mit Adam Angst zum Beispiel. Mit Nico Vetter hatten wir aber mal an einem Tag zwei Videos für die Prettylive Session gedreht, was wahnsinnig gut funktioniert hat. Und weil wir Lust hatten, etwas Neues auszuprobieren und wir live aufnehmen wollten, haben wir Nico gefragt. Wegen seiner Empfehlung waren wir auch in einem Studio in Duisburg, wo von uns noch keiner war. Mastering und Artwork stammen auch von anderen als sonst. Bis auf das Label haben wir also quasi alles neu gemacht. Aber nicht, weil wir mit etwas unzufrieden waren, sondern weil es für uns einfach ein guter Zeitpunkt war, Neues auszuprobieren.

Aber ihr seid trotzdem genauso zufrieden, wie ihr es bei den früheren Sachen wart?

Ja, absolut. Natürlich – und ich denke, das ist ganz normal – gibt es immer Sachen, die man im Nachgang anders machen würde. Ich würde zum Beispiel manches auf dem letzten Album anders einsingen, nachdem wir die Songs jetzt zwei Jahre gespielt haben. Aber ich bin eben auch sehr selbstkritisch und habe einen sehr hohen Anspruch an die Sachen, die wir machen. Das bringt die Band auch sehr gerne mal hier und da zur Weißglut, weil ich immer noch irgendeinen Scheiß habe, den ich noch ändern will (lacht). Wenn ich unsere Platten aber auch mal selber höre, wird mir jedes Mal trotzdem ganz wohlig warm ums Herz. Einfach, weil ich mich freue, dass wir so jung schon so schöne Sachen gemacht haben.

Denkst du, dass ihr euch bei „Shame“ klanglich verändert habt?

(zögert) Wir haben nicht wie früher gesagt: der Song hat eine ganz normale Struktur – also Strophe, Refrain, Strophe – und das ist so langweilig, ab jetzt „zerficken“ wir dieses Ding mal richtig, machen Chaos, um danach wieder einen Refrain zu bringen. Dann sind da oft Songs bei rausgekommen, die schizophren waren, die mit einem Stil anfingen und mit einem ganz anderen Stil aufhörten. Ich weiß nicht, ob das für Außenstehende auch so klingt, aber für uns war das immer so. Solche Songs sind auch cool und schön, aber ich finde, dass wir diese Art so gut wir momentan können, auf dem letzten Album gemacht haben. Doof gesagt: wir können es für diese Art von Songs gerade nicht besser, als wir es da gemacht haben.

Deswegen haben wir einfach mal einen Song gemacht, der auch nur drei Minuten geht und eine klare Aussage und eine klare Linie von vorne bis hinten hat. Wir wollten Songs schreiben, die ganz und gar verständlich sind. Aber nicht, weil wir denken, dass sich das viel besser verkauft – das hat bei uns keine Relevanz (lacht), wir wissen alle, wo wir stehen, wenn es um Verkaufszahlen geht. Für uns war ein Punkrock-Stück wie „Plus + Plus“ aber beispielsweise eine Herausforderung. In der Musik wirkt er vertraulich, ist aber im Textteil etwas ganz Ernstes und spricht ein kompliziertes, großes Thema an. Ich glaube schon, dass wir bei aller „Vereinfachung“, die in der Musik stattgefunden hat, in den Texten noch mehr Ernst drin haben.

Ist der EP-Titel „Shame“ auch schon ein Zeichen dafür? Wie kam der überhaupt zustande?

Den hat sich unser Bassist Bringo ausgesucht, mit dem ich auf den letzten Alben die Texte auch zum größten Teil zusammen gemacht habe. Ich hatte eine Idee, wie ich die Texte und die vier Songs aufbauen will, wir haben aber alle relativ schnell gemerkt, dass es so nicht funktioniert und die Idee nicht aufgeht – was ich mir aber nicht eingestehen wollte. Letztendlich waren wir mit den Songs schon fast fertig, ich aber noch nicht mit den Texten, weswegen ich mich vor der Band wahnsinnig geschämt habe. Bringo hat dann den Text zu „Wild Truth“ geschrieben, der von mir handelt. Wie ich an mir selbst verzweifle und wie ich lernen muss, die anderen Jungs mehr in meinen Kopf zu lassen, damit sie mir helfen können. Genau das hat bei mir dann einen Knoten gelöst und ich konnte die anderen Texte dann entweder wegschmeißen oder neu machen.

Als wir uns die Texte dann angeguckt haben, haben wir gesehen, dass es um die verschiedenen Arten von Scham geht. Im Falle von „Plus + Plus“ um die Scham, in einer Gesellschaft zu leben, wo wir nicht alle gleich sind. „Wild Truth“ behandelt meine Scham gegenüber der Band und anderen Menschen, weil man sich unwürdig fühlt. In „Quick Fix“ geht um Unzulänglichkeiten, also die Scham vor sich selbst und dass man sich selbst nicht genug ist, was ja auch ganz viele Menschen kennen. Und „Younger You“ hat auch diesen Scham-Aspekt, weil die Strophen im Prinzip ein Text sind, den ich vor ungefähr drei Jahren, als ich irgendwann mal besoffen nach Hause gegangen bin, in richtigem Selbsthass ins Handy getippt habe. Ich hatte aufgeschrieben, was ich alles an mir scheiße finde. In einem Moment, in dem ich relativ zufrieden mit mir war, habe ich den dann wiedergefunden und dann auch den Refrain zu dem Song geschrieben: „Don’t be afraid to tell us it keeps the shame in vigour and balance“. Damit ist der Moment gemeint, wo ich versuche, meinem jüngeren Ich auf die Schulter zu klopfen.

Zu „Younger You“ gibt es ja auch seit Kurzem ein sehr sportliches Video. Warum veranstaltet ihr ein Tischtennisturnier?

Die Idee, dass es konkret Tischtennis ist, hatte Michael Winkler von Iconographic, der das Video gedreht hat. Es ist zwar ein sehr ernster Song, aber wir wollten ein positives Video drehen bei dem wir zeigen können, dass es irgendwann auch wieder besser wird, was ja auch die Message in dem Song ist.
Und weil es eben um dein jüngeres Ich geht, dachten wir, wäre es cool, ein Video zu drehen, das wir alle mit unserer Jugend und unserer Schulzeit verbinden, in der man ja auch unsicher war. Bei uns an der Schule war es zum Beispiel so, dass man in der Pause Tischtennis gespielt hat. Und obwohl ich damals schon unglaublich schlecht war, denke ich bei Tischtennis trotzdem an den Schulhof von meinem alten Gymnasium und das ging uns allen so. Es ist egal, dass wir mit dem Sport sonst gar nichts zu tun haben, wir waren zum Beispiel niemals in einem Verein oder so ein Scheiß. Aber es erinnert einen daran, wie es mal war.

Wenn man eure „Vorband“ Whisk?! dazunimmt, gibt es euch schon 12 Jahre. Seid ihr in der Zeit abgeklärter geworden was Studiozeit, Videodreh, Interviews oder das Lesen von Reviews angeht?

Wir haben das Riesenglück, dass es über uns nur zwei schlechte Artikel gibt, in denen uns jemand richtig scheiße fand. Bei einer Metal-Seite hat mal jemand „Musik, klebrig wie Kaugummi“, „Fünf Teenager, die einen auf hart machen“ und so weiter geschrieben (lacht). Und dann gab es noch eine Live-Besprechung. Aber ich bin auch so überzeugt von unseren Sachen, dass, wenn sie auf den Markt kommen, mich so etwas tatsächlich auch wenig berührt. Es ist ist okay, wenn es jemand nicht mag, das kann ich total nachvollziehen. Ich fühle mich deswegen aber nicht schlecht oder stelle uns dafür in Zweifel.

Aber „abgeklärter“? Als Live-Band sind wir seit der Heisskalt-Tour vielleicht abgeklärter, weil wir nach der viel, viel, viel, viel besser geworden sind. Vorher waren wir da durchaus chaotisch. Aber jetzt im Interview siehst du ja auch, dass ich auch beim fünfzigsten Mal noch stundenlang erzähle und es dem Interviewer schwierig mache, die Antworten herauszufriemeln. Von daher sind wir, glaube ich, eine gute Mischung aus Erfahrung und Naivität (lacht).

Das Interview erscheint bei uns – natürlich – passend um den EP-Release. Für dich ist es jetzt also die perfekte Gelegenheit, um nochmal richtig Werbung zu machen. Warum sollte man sich „Shame“ denn nicht nur anschaffen und in das Plattenregal stellen, sondern auch auf Rotation laufen lassen?

Es ist definitiv die schönste und aufwendigste Aufmachung einer Platte, die wir jemals gemacht haben. Die vier Songs kommen auf einer einseitig-bespielten 12“-Vinyl, also ist die Rückseite ohne Rillen und wie ein Spiegel, das hat man nicht aller Tage. Die ersten 100 Platten haben wir auf transparent-rotem Vinyl pressen lassen, die coolerweise auch schon ausverkauft sind. Die restlichen sind in Weiß gehalten, das sieht dann aus wie ein großes Spiegelei, was ganz gut ist, weil ich Eigelb wahnsinnig ekelig finde. Ich kann auch nur Eiweiß essen (lacht).

Und unsere Musik ist nach wie vor anspruchsvoll und verlangt dem Hörer immer noch genug ab – da muss sich auch keiner vor den Kopf gestoßen fühlen. Aber ich glaube, dadurch, dass wir die Songs gradliniger gemacht haben, kannst du sie besser in deinen Tag hören. Es gibt Platten, die zu anstrengend sind, um sie mitten am Tag zwischen anderen zu hören, aber ich glaube, das ist mit der neuen Platte anders.

Gibt es etwas, das du immer schon mal in einem Interview loswerden wolltest, aber noch nie die Gelegenheit dazu hattest?

Ich hatte fast nie die Gelegenheit zu sagen, wie wichtig ich Texte finde. Sie sind etwas Essentielles über das viel zu selten nachgedacht wird – weder von Hörer, noch von Presse. Blöd gesagt kommen viel zu viele Bands mit viel zu blöden Texten davon und werden trotzdem abgefeiert (redet sich immer mehr in Rage). Ich würde ja auch ein Buch weglegen, was schlecht geschrieben ist – es sei denn du liest „50 Shades Of Grey“, dann ist eh alles egal. Texte müssen einfach Inhalt haben und ich würde mich sehr freuen, wenn Leute, die unsere Musik hören, auch auf die Texte achten. Unsere Musik ist zwar großartig – natürlich -, aber sie lädt dazu ein, nicht auf die Texte zu hören. Wenn man ernsthaft Musik hören will, sollte man einfach mal ausprobieren, wie geil das ist, sich neben den Plattenspieler zu setzen und die Texte mitzulesen, während die Platte durchläuft!

Unser Review zu „Shame“ findet ihr hier.

Autor Leonie Wiethaup
Wohnort Nähe Münster
Beruf PR-Assistenz
Dabei seit Februar 2015
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, News, Gewinnspiele
Top-Alben Apologies, I Have None - London; The Wonder Years - No Closer To Heaven; Cold Reading - Sojourner; Shoreline - You Used To Be A Safe Place; Twoonacouch - And I Left
Die besten Konzerterlebnisse Jimmy Eat World @ Skaters Palace, Münster, Frank Carter & The Rattlesnakes @ Dour Festival, The M-Pire Strikes Back-Festival 2016

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