Interview mit City Light Thief

Interview mit City Light Thief

Über ein Jahr haben City Light Thief an ihrem dritten Album „Nothing Is Simple“ gearbeitet – und es dann im Eilverfahren veröffentlicht. Im Zuge ihrer Releaseshow im Artheater in Köln am 4. Mai haben wir mit Benjamin Mirtschin, Tobias Brings und Tobias Schmidt die vergangenen Monate rekapituliert und über die textliche Qualität englischsprachiger Bands in Deutschland gesprochen.

Vor zweieinhalb Jahren haben wir über eure EP „Shame“ gesprochen – habt ihr seitdem an eurem neuen Album „Nothing Is Simple“ gearbeitet?

Mirtschin: Im Prinzip haben wir ein Jahr lang „Shame“ gespielt und dazu Sachen gemacht und danach langsam wieder angefangen, neue Songs zu schreiben – allerdings nur vier, die wir im Februar letzten Jahres aufgenommen haben. Danach haben wir die nächsten vier geschrieben und sie im Oktober aufgenommen. Die letzten vier dann im Dezember und Januar. Was das Songwriting angeht, sind wir eine sehr langsame Band, weil wir dafür einfach nicht so viel Zeit haben. Hinzu kommt, dass wir einen gewissen Anspruch an die Musik haben, die wir machen – es darf nicht das erste und einfachste sein, was uns in den Sinn kommt.

Dann habt ihr sozusagen drei EPs geschrieben und sie als ein Album veröffentlicht?

Mirtschin: Genau, ich würde aber wetten, dass du es nicht schaffst, die Songs den drei Sessions zuzuordnen. Wir haben zum Beispiel nicht zuerst die harten Songs geschrieben, dann die poppigen und dann die durchgeknallten – das war gemischt. Wir wussten immer, dass es ein Album werden soll und haben darauf hingearbeitet. In der Session, in der „Death Trip“ und „Trickster“ entstanden sind, haben wir außerdem „Communion“, also den ruhigsten Song des Albums, und „Say Yes To Everything“, den wahrscheinlich poppigsten Song des Albums, aufgenommen – und „Trickster“ ist einer der härtesten, die wir jemals gemacht haben. Sie passen nicht direkt zusammen und wir haben damals schon gemerkt, dass genau das unser Feld ist.

Habt ihr euch, weil die Songs eben nicht im selben Zeitraum entstanden sind, vorher überlegt, welche Themen ihr behandeln möchtet?

Mirtschin: Wir wollten ehrlich sein – mit weniger Metaphern und weniger Geschwurbel – und echte Geschichten erzählen. Im Laufe des Albumprozesses habe ich mich entschieden, dass es nicht nur um mich und meine Gedanken mit mir selbst gehen soll, sondern auch um einen größeren Kontext. Ich habe irgendwann verstanden, dass ich total egal bin und dass es viel wichtigere Dinge im Leben gibt. Aus diesem Grund geht es in den später entstandenen Songs dann auch mal um alles andere; darum, dass wir als Gesellschaft ein Problem haben.

Brings: Bei uns funktioniert der Schaffensprozess mit Blick auf die Thematik sowieso immer andersherum: Wir schreiben drauflos und gucken am Ende, was die Summe der Teile ist. Das war schon bei „Vacilando“ und „Laviin“ so und dadurch sind die Albumtitel auch immer erst nachher entstanden. Wir haben nie ein proggiges Themenalbum gemacht, mit dem wir bewusst die Gesellschaft ankreiden möchten, weil uns alles so nervt. Es sind Bestandsaufnahmen, von den Dingen, die uns umtreiben – textlich vor allem Benni – aber damit, dass sich am Ende doch noch alles zusammenfügt, haben wir bis dato tatsächlich immer Schwein gehabt. Weil es ein fließender, natürlicher Prozess ist, schaffen wir es, das Ganze zu betiteln.

Sprecht ihr über die Texte?

Mirtschin: Ich komme nicht zur Probe und sage: „So Jungs, ich habe einen Text geschrieben, der geht genau darum!“. Es ist eher so, dass ich einen Text scheibe und sich jeder seinen Teil dazu denkt. Im Studio haben wir gerade dann viel darüber gesprochen, wenn ich etwas Neues schreiben musste und nicht weiterwusste, aber ich erkläre einen Text nicht haarklein. Wir kennen uns alle ewig und machen schon lange zusammen Musik – hier und da werden sich die anderen also Sachen zusammenreimen können. Super schön war dieses Mal, dass es Zeilen gab, mit denen nicht alle einverstanden waren. Sie haben mich gefragt, worum es geht, ich habe es erklärt und entweder verteidigt oder angenommen – „stimmt, vielleicht ist das scheiße“.

Ist euch bewusst, dass es für den Hörer bei manchen Songs schwierig sein könnte, die Texte zu verstehen, weil in der Musik so viel passiert? In meiner Rezension habe ich es als „Chaos“ bezeichnet, als wären etlichen Spuren übereinandergeprügelt worden.

Mirtschin: Total! Ich freue mich über jede einzelne Person, die sich das mal durchliest, und deswegen geben wir die Lyrics auch immer mit. Es gibt aber nie Chaos bloß um des Chaos‘ Willen. Alles hat seine Daseinsberechtigung und alles löst sich irgendwann auch auf; jede Gitarrenspur kommt in einer anderen Form nochmal vor. Es klingt wie Chaos, aber im Herzen sind wir auch noch kleine Popper, es muss Sinn machen. Es geht nicht darum, die Leute wegzuholzen und zu zeigen, wie geil wir spielen können.

Brings: Ich finde, es ist gar nicht der Musik verschuldet. Für mich macht es keinen Unterschied, ob mir jemand Wortfetzen, die ich nicht verstehe, entgegenbrüllt, mir eine Frikadelle ans Ohr nuschelt oder im Chaos der Musik etwas untergeht. Ich glaube, es gibt signifikante Textzeilen, die man sich sowieso merkt, weil sie von vornherein prägend sind, und einen Teil, der kein Selbstzweck ist, sondern im Endeffekt der Musik dienen soll und mit dem man sich wirklich auseinandersetzen muss. Bei uns muss man das vielleicht nochmal mehr, aber ich hatte in der Vergangenheit das Gefühl, dass man sich ohnehin die Zeit für Texte nehmen muss, wenn man sie wirklich verstehen möchte.

Mirtschin: Ich glaube, wir sind eine Band, die du nur dann richtig gut finden kannst, wenn du dich mal mit den Texten beschäftigst. Die Musik ist super, ich bin selber ein Riesenfan davon, aber sie wird oft von den Texten zusammengehalten. In uns als Band muss man Zeit investieren – das machen nicht viele und das ist auch der Grund, warum wir sind, wie wir sind. Es fühlt sich aber richtig gut an, wenn man merkt, dass es Leute gibt, die sich damit beschäftigen. Wir haben zwar wenige Fans, aber die finden es gut.

Schmidt: Ein guter Freund, der bei seiner Meinung kein Blatt vor den Mund nimmt, hat mir vorgestern erzählt, unser größtes Problem sei es, dass wir uns keine Freiräume lassen, da überall Gesang ist. Mir ist das vorher noch nie so richtig aufgefallen, aber es ist tatsächlich so – wahrscheinlich, weil der Gesang als zusätzliches Instrument gedacht ist. Der Punkt ist auch, dass wir Texte haben, die wir reinbringen wollen und die wir nicht kürzen oder verfälschen möchten. Ich finde es außerdem total wichtig, dass der Gesang nicht nur aus sinnentleerten Worten besteht, sondern dass auch etwas dahintersteckt und das ist bei aller Bescheidenheit, die wir hier nicht an den Tag legen auch etwas, das uns von vielen anderen Bands, die in Deutschland englischsprachig singen, unterscheidet.

Ehrlich gesagt finde ich, dass unsere englischen Texte so gut sind, weil andere so scheiße sind. Es ist wirklich erstaunlich, was teilweise veröffentlicht wird. Da fragt man sich wirklich, ob sich die Band auch nur fünf Minuten hingesetzt und darüber nachgedacht hat, was sie eigentlich sagen möchte.

Durch Fleet Union hast du sehr viel Kontakt zu Musikjournalisten und Bloggern, Benjamin, und jetzt machst du die Promo für euer Album auch noch selber. Merkst du schon, dass manche ihre Rezension etwas höflicher schreiben oder besser ausfallen lassen, weil sie wissen, dass du Teil von City Light Thief bist?

Mirtschin: Ich versuche, das herauszuhalten und schreibe auch in die Mails nicht rein, dass ich es bin. Richtige Promo mache ich aber auch gar nicht dafür. Ich habe die Platte ein paar Tage vorher ein paar Leuten gezeigt, von denen ich weiß, dass sie sich für die Band interessieren, sie aber nicht gleich an 200 Menschen geschickt, damit wir überall fett besprochen werden. Ich möchte durch das, was ich beruflich mache, nicht mit der Band schummeln – dann würde ich nämlich selber nicht mehr wissen, was wir uns selbst erarbeitet haben und was ernst gemeint ist. Ich bin inzwischen alt genug und was die Musik betrifft selbstbewusst genug, dass ich damit klarkomme, wenn es jemand nicht versteht – ich verstehe es total, wenn man unsere Musik nicht versteht, daher würde ich es niemandem übelnehmen. Die Wahrnehmung von unserer Musik ist mir total egal, die von unserer Band aber nicht.

Brings: Benni arbeitet nicht bei Warner oder BMG und hat nicht mit Bands und Künstlern zu tun, die Selbstläufer sind, und bei denen es egal ist, wie die Promo läuft, sondern welche, in die man noch Zeit investieren muss. Ich glaube, das hat viel mit gegenseitigem Vertrauen zu tun. Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir, als Benni angefangen hat, in dem Bereich zu arbeiten, ihn öfter nach Gästelistenplätzen gefragt haben, wenn ein Konzert ausverkauft oder die Tickets zu teuer waren. Er hat aber immer abgeblockt, weil es doof aussieht, wenn man Leute ausnutzt und seine Kontakte spielen lässt. Man geht sich damit nur auf den Keks und verliert sein ehrliches Standing. Ich glaube, genau das wendet er auch ganz verstärkt auf die Band an und das schätze ich mittlerweile sehr stark an ihm. Früher habe ich mich immer gefragt, warum wir nicht auf mehr Festivals spielen – „Benni kennt doch jeden Booker“. Jetzt weiß ich, dass es eine Frage von Ehrlichkeit ist. Es würde vielleicht einmal funktionieren, aber kein zweites oder drittes Mal.

Foto: Sebastian Igel

Autor Leonie Wiethaup
Wohnort Nähe Münster
Beruf PR-Assistenz
Dabei seit Februar 2015
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, News, Gewinnspiele
Top-Alben Apologies, I Have None - London; The Wonder Years - No Closer To Heaven; Cold Reading - Sojourner; Shoreline - You Used To Be A Safe Place; Twoonacouch - And I Left
Die besten Konzerterlebnisse Jimmy Eat World @ Skaters Palace, Münster, Frank Carter & The Rattlesnakes @ Dour Festival, The M-Pire Strikes Back-Festival 2016

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