Interview mit Dave Hause

Interview mit Dave Hause

Dave Hause hat noch nie ein Blatt vor den Mund genommen. Mit dieser Maxime haben The Loved Ones lange für Furore gesorgt. Mittlerweile ist die Band Geschichte und Mr Hause umtriebiger denn je! Sein famoses Solodebüt klingt besonders den Freunden der Revival Tour noch in den Ohren, wo er sich mit Bravour im Kreis der Herzbluthelden etablierte. Einem Dave Hause reicht das aber natürlich noch lange nicht! Auf „Devour“ nimmt er nun die ganz großen Themen ins Visier. Um diese ging es auch in unserem Interview: Ein Gespräch über Gott, die Welt – und Rotwein.

Stageload: „Devour“ klingt deutlich weniger folkig als noch „Resolutions“. Hattest du einfach Sehnsucht wieder eine Band im Rücken zu haben?

Dave Hause: „Resolutions“ war meine erste Soloplatte, da wollte ich einfach mit diesem gebräuchlichen Singer-Songwriter-Schema rumexperimentieren. Ich war richtig heiß drauf, das ganze Handwerkszeug selbst zu gebrauchen.
Jetzt bei „Devour“ waren die ersten vier, fünf Songs eigentlich für das dritte The Loved Ones-Album bestimmt. Als ich mich dann also dafür entschieden hatte allein weiter und stattdessen eine zweite Solo-Platte zu machen, wollte ich trotzdem genau das Album haben, was ich beim Schreiben der Songs ursprünglich im Kopf gehabt hatte.
Ganz gleich ob ich nun in diesem Singer-Songwriterkarussell sitze oder nicht. Letztendlich bin ich ein Typ der Rock n’Roll-Musik spielt und „Devour“ ist eine solches Album geworden, daher macht das Ganze für mich absolut Sinn. Sobald ich’s finanzieren kann, werde ich auch auf jeden Fall eine Band mit auf Tour nehmen, da freue ich mich so richtig drauf!

Stageload: In „The Great Depression“ kritisierst du sehr direkt die neoliberale Politik der Reagan-Ära. Nun ist Reagan mittlerweile Geschichte, aber das Denken der Zeit – wie du es ausdrückt “get what you can for yourself, leave the rest behind“ – ist auch in unserer heutigen Gesellschaft noch allgegenwärtig, vielleicht sogar stärker denn je. Fühlst du dich angesichts dessen eigentlich noch als Teil dieser Gesellschaft, wenn du so durch die Straßen läufst?

Hause: Ich habe schon immer Fehler in dem System gesehen, in welchem ich aufgewachsen bin. Ich war immer kritisch, schon in jungem Alter. Genau das hat mich wohl ursprünglich am Punkrock gereizt.
Ein großes Thema, dass die letzte Rezession für mich ans Licht gebracht hat, ist die Erkenntnis, wie sehr sich das Leben der Working Class seit meiner Jugend verändert hat und wie du heutzutage doppelt so hart Arbeiten musst, um gerade mal noch die Hälfte dafür zu bekommen. Das ist frustrierend, geradezu befremdlich und trägt letztendlich weiter dazu bei, dass ich mich in meinem eigenen Heimatland wie ein Fremder fühle.

Stageload: Du bist schon viel herumgekommen, hast dementsprechend verschiedenste Kulturen kennengelernt. Mit all dieser Erfahrung: Wo siehst du die größten Baustellen für die USA um den besungenen „Crash“ zu verhindern?

Hause: Das musst du wen fragen, der sich für seinen Lebensunterhalt nicht bloß Songs ausdenkt, zumindest falls du auf eine intelligente Antwort aus bist, aber bitte schön: Mir scheint es, als müssten die USA dringend ihre Außenpolitik überdenken, insbesondere angesichts der jüngsten Entwicklungen in Syrien. Unsere jungen Männer dürfen nicht mehr unter Vortäuschung falscher Tatsachen in Gefahr gebracht werden. Außerdem ist universale Gesundheitsfürsorge in einer modernen Gesellschaft für mich ein „must have“ und nicht mal das scheinen die USA hinzukriegen.
Ein weiteres extrem gefährliches und möglicherweise fatales Problem, dass wir unbedingt in den Griff bekommen müssen, ist die stetig wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Keine Gesellschaft kann diese krassen Unterschiede auf Dauer überleben. Und was auch noch wichtig ist: Wir müssen Drogen legalisieren – Party macht Spaß!

Stageload: Vor 50 Jahren hielt Dr. Martin Luther King seine berühmte Rede. Wie weit ist die amerikanische Gesellschaft von der Erfüllung seines „Traumes“ entfernt?

Hause: Lichtjahre! So großartig Amerika als Idee und Experiment war, die Achillesferse ist schon immer der unsägliche Umgang mit den Ureinwohnern und die auf Sklaverei basierende Wirtschaft gewesen. Dabei liegen den Gründungsdokumenten einige brillante Ideale zu Grunde, wie sind die bloß dermaßen verstümmelt worden? Wir haben mittlerweile Fortschritte gemacht, ja, aber nichtsdestotrotz liegt noch ein verdammt langer Weg vor uns! Bürgerrechte und die Beziehungen unter den verschiedenen Rassen werden in diesem Land noch weit in der Zukunft große Themen sein.

Stageload: Bei so vielen Problemen, woher nimmst du die Hoffnung, dass die Leute deine übergeordnete Message “it’s love my friend in the end that can save us tonight” doch hören?

Hause: Ich hoffe das ist offensichtlich! Und zwar nicht bloß beim Anhören meiner Alben, sondern auch auf meinen Shows, meinem Auftreten an sich, meinem Werdegang und angesichts meines Freundeskreises.
Thematisch ist „Devour“ ein recht bedrückendes Album. Mit viel Schmerz und generell sehr düster. Aber es war mir wichtig trotzdem Hoffnung zu verbreiten. Das empfinde ich als meine Pflicht, egal wie freudlos das Leben manchmal sein kann. Schließlich habe ich eine Stieftochter, jüngere Geschwister, Nichten, Neffen und viele Freunde, die selbst Kinder haben, da wäre es unverantwortlich immer nur die negativen Seiten rauszukehren, bei all den Chancen, die ich selbst bekommen habe! Wir können das packen, gemeinsam, schließlich sitzen wir alle in einem Boot. Wir müssen uns nur damit identifizieren wo wir herkommen, wo wir sind und wo wir einmal hinwollen! Ich glaube mit „Devour“ ist mir das gelungen.

Stageload: Ein weiteres großes Thema auf “Devour” ist Religion. “we were good Christian kids, went to church on Sunday mornings like mama did“ Wie stehst du persönlich dazu?

Hause: Religion ist meines Erachtens eine der größten Gefahren der wir in Zukunft begegnen müssen. Ich kann absolut verstehen, dass viele Leute durch sie ihren Frieden finden, aber Religion hat in all den Jahren schon so viel Unheil gebracht. Krieg, Terror, und viele andere abscheuliche Taten wurden im Namen von irgendwelchen erfundenen Lehren begangen, die allesamt die Wahrheit für sich gepachtet haben wollen – das ist einfach widerlich! Ich respektiere jedermanns Recht zu glauben woran er mag, aber im Umkehrschluss erwarte ich dann eben auch von Anderen, mich mit dem Mist in Ruhe zu lassen.

Stageload: Brian Fallon wurde vor einiger Zeit scharf kritisiert, nachdem er in einem Interview kundgetan hatte, mit der Evolutionstheorie nichts anfangen zu können. Warum scheint in der Musikszene generell so wenig Akzeptanz für Religiösität zu herrschen?

Hause: Es ist absolut richtig ihn dafür zu kritisieren, das ist völlig absurd. Ich schätze den Kerl unheimlich, er ist ein großartiger Freund, der mich unterstützt wo er nur kann und ich liebe seine Musik. Aber bei dem aktuellen Forschungsstand nicht an die Evolution glauben ist einfach verrückt. Er weiß nur zu gut, dass ich so denke und wir haben uns schon tausendmal aus genau diesem Grund in den Haaren gehabt. Am Ende respektiert aber jeder von uns den anderen für was er ist.

Rock n’ Roll, Jazz, Folk, Rap, Punk – all diese Musikrichtungen waren ihrer Zeit schon immer voraus und übten Sozialkritik. Alle diese Bewegungen kamen von Leuten, die mit bestehenden Normen gebrochen haben. Leute, die gewillt waren sich gegen den gesellschaftlichen Konsens ihrer Zeit zu stellen. Wenn also nun jemand im Rock n’Roll-Zirkus ein eher archaisches Weltbild vertritt, wird er eben kritisiert – da stehe ich voll und ganz dahinter! Nichtsdestotrotz waren einige meiner absoluten Lieblingskünstler ziemlich religiös und das mindert für mich keinesfalls den Wert ihrer Kunst. Ich bin der Letzte der Intoleranz gutheißen würde, doch einen kritischen Diskurs über die Welt um uns herum halte ich für absolut unerlässlich – am besten bei ein paar feinen Bierchen.

Stageload: Du hast in Deutschland schon die unterschiedlichsten Shows gespielt. Da wäre einerseits die Revival Tour, andererseits der Supportpart für The Gaslight Anthem auf den ganz großen Bühnen. Wie hast du bei den Gelegenheiten das deutsche Publikum kennengelernt?

Hause: Wir sind immer super miteinander ausgekommen. Euch scheint wirklich zu gefallen was ich versuche rüberzubringen, wofür ich unheimlich dankbar bin.

Stageload: Freust du dich auf eine Show ganz besonders auf der kommenden Tour?Hause: Nein, das würde ich nicht sagen, aber auf die Deutschland-Shows an sich freue ich mich definitiv am meisten! Das deutsche Publikum ist echt der Wahnsinn. Wie’s aussieht werden wohl die meisten, vielleicht sogar alle Shows ausverkauft sein und in Köln wird die größte Headlinershow meiner gesamten Solokarriere steigen. Ein absoluter Meilenstein!

Stageload: Wie hat das angefangen, dass du stets mit einer Flasche Rotwein auf der Bühne stehst?
Hause:
Ich steh auf Wein und wir haben immer welchen am Start. Noch ein Glas mit raus zu bringen säh’ doch einfach total lächerlich aus. Ich meine, ich bin immer noch aus Philadelphia. Ich finde, ich sollte trinken wie ein Rumtreiber – direkt aus der Flasche.
Stageload: Vielen Dank für das Interview und eine gelungene Tour!

Hause: Auch von meiner Seite besten Dank für’s Interviewen und den Support. Man sieht sich!

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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