Interview mit Deaf Havana

Interview mit Deaf Havana

Vor wenigen Wochen haben Deaf Havana ihr neues und mittlerweile fünftes Album „Rituals“ veröffentlicht – und aus Alternative-Rock wurde Alternative-Pop. Im Interview erzählt Frontmann und Mastermind James Veck-Gilodi vom großen Schritt aus der Komfortzone.

Ihr habt fünf Jahre an „All These Countless Nights” gearbeitet, aber nur drei Monate an „Rituals“. Ich stelle es mir sehr schwierig vor, die Songs in so kurzer Zeit fertigzustellen.

Vor allem ist es nur durch Zufall passiert (lacht). Bei „All These Countless Nights” haben wir alles durchkalkuliert und eine Menge Zeit in den Sound der einzelnen Songs investiert, bei „Rituals“ war es anders und ich hätte nie gedacht, dass wir in der Lage wären, so schnell ein Album zu schreiben – es ist wie aus dem Nichts gekommen, aber trotzdem sehr natürlich und nicht erzwungen.

Als ich mit dem Schreiben angefangen habe, habe ich mir vorgenommen, dass die Aufnahmen Ende April fertig sein sollen, damit wir das Album im Sommer veröffentlichen können. Mit dieser Deadline habe ich mir selber etwas Druck gemacht und zeitweise sah es sogar gar nicht so gut aus, aber schließlich haben wir es doch geschafft. Ohne Deadlines halte ich mich nur unnötig lange mit diversen Sachen auf und verschwende dadurch Zeit.

Du hast das Album nur zusammen mit eurem FOH-Mischer Phil Gornell geschrieben. Hast du währenddessen auch darüber nachgedacht, was die anderen Bandmitglieder wohl über die Songs denken könnten?

Sehr oft und sehr viel. Wenn ich Songs schreibe, mache ich das meistens mit meiner Gitarre; ich nehme ein Demo auf und schicke es allen, damit sie es sich anhören und ihren Stil dazu beitragen können. Dieses Mal war es ganz anders und ich habe mir mehrmals Gedanken darüber gemacht, was die anderen sagen würden, weil die neuen Sachen ganz anders funktionieren. Ich erinnere mich noch gut an ihre Reaktion, als ich die ersten Songs rübergeschickt habe: „Das ist zu viel Pop, das können wir nicht machen!“ (lacht).  Eine Woche später hatten sie jedoch allesamt ihre Meinung geändert. Da liebten sie sie plötzlich.

Stimmt es, dass die Songtitel bereits standen, bevor du überhaupt die Songs dazu geschrieben hast?

Ja, tatsächlich. Ich habe „Sinner“ und „Rituals“ geschrieben, die Titel festgelegt und mir danach überlegt, dass genau dies ein schönes Thema ergeben würde – Sünden und Religion. Also habe ich über die Titel entschieden und mich damit selber in eine bestimmte Richtung geschoben – ich habe noch nie so geschrieben. Es hat mir geholfen, aber weil es nicht immer ganz einfach war, würde ich es niemals wieder so machen (lacht). Ich wollte mit „Rituals“ eine ganz neue Erfahrung machen als mit allem anderen, was ich bislang geschrieben habe. Alles, was ich normalerweise nicht tun würde, habe ich mit diesem Album gemacht (lacht).

Also hast du dir selber eine ganz neue Art des Songwritings beigebracht?

Ungefähr so (lacht). Wie gesagt, eigentlich schreibe ich nur mit meiner Akustikgitarre, damit fühle ich mich am wohlsten. Als ich da vor einem Computer saß und mit verschiedenen Sounds experimentiert habe, war ich meilenweit von meiner Komfortzone entfernt.

Hattest du dabei im Kopf, dass du die Songs nicht nur für ein Album schreibst, sondern auch für Konzerte? Dass ihr vier irgendwie in der Lage sein solltest, sie auf die Bühne zu bringen?

(lacht) Nein, und genau das versuchen wir gerade herauszufinden. Ich habe beim Schreiben nicht einmal an Liveshows gedacht und bevor wir die ersten zum ersten Mal live gespielt haben, mussten wir sehr lange überlegen, wie wir das am besten machen. Wir möchten nach wie vor die Instrumente selber spielen, wenn du verstehst, was ich meine; sie sollen nicht vom Band kommen. Die neuen Sachen werden live etwas rockiger klingen, da wir ein paar Gitarren hinzugefügt haben, um den Full Band-Stil auszubauen.

Würdest du „Rituals“ aufgrund der durchdachten Titel und der religiösen Thematik als Konzeptalbum bezeichnen?

In gewisser Weise schon. Es beinhaltet auch eigene Erfahrungen – so schreibe ich einfach – aber das macht es nicht weniger zu einem. „Rituals“ handelt von den Sünden, die ich in der Vergangenheit begangen habe, begründet sich aber nicht auf Fakten. Vieles ist übertrieben, manches habe ich sogar gar nicht gemacht. Das meiste allerdings schon.

Ich habe schon von vielen Musikern gehört, dass es wichtig sei, ehrliche Songs zu schreiben. Aber ist genau das nicht auch furchterregend?

Glücklicherweise habe ich es immer als sehr einfach empfunden, offen zu schreiben, da ich so am besten eine Verbindung zum Publikum herstellen kann. Schwierig ist folgendes: Ich bin 28 Jahre alt und so langsam werden schon jetzt die Themen, über die ich schreiben kann, immer weniger.

Hast du dich schon mal in der Thematik wiederholt?

Ich glaube, ich habe bereits 20mal denselben Song geschrieben (lacht). Ich checke aber immer wieder, ob etwas nicht zu ähnlich zu einem anderen Song ist, den ich bereits geschrieben habe. Ärgerlich ist, wenn ich gerne eine bestimmte Textzeile benutzen würde, die jedoch schon woanders integriert habe.

Gut, dass du es ansprichst. Mir ist aufgefallen, dass du in „Heaven“ die Zeile „all these countless nights“ singst. Eine Hommage an euer letztes Album?

Am Anfang lautete die Zeile „all these pointless nights“, doch es hat so gut gepasst, dass ich es umgeändert habe – damit es zum Throwback wird.

Foto: Wolf James

Autor Leonie Wiethaup
Wohnort Nähe Münster
Beruf PR-Assistenz
Dabei seit Februar 2015
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, News, Gewinnspiele
Top-Alben Apologies, I Have None - London; The Wonder Years - No Closer To Heaven; Cold Reading - Sojourner; Shoreline - You Used To Be A Safe Place; Twoonacouch - And I Left
Die besten Konzerterlebnisse Jimmy Eat World @ Skaters Palace, Münster, Frank Carter & The Rattlesnakes @ Dour Festival, The M-Pire Strikes Back-Festival 2016

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