Interview mit Editors

Interview mit Editors

London, Wien, Athen – der dreimonatige Städte-Trip der Editors kann sich sehen lassen. Die Briten machen in so gut wie jeder sehenswerten Metropole Europas halt. Da dürften selbst ewige Studenten mit Interrail-Abo vor Neid erblassen – lässt man den heutigen Tour-Stop mal beiseite. Sie seien aus Berlin die Nacht durchgefahren, erzählt Drummer Edward „Ed“ Lay (1. von links). Aufgewacht ist er in Offenbach – Kulturschock, mindestens mittelschwer. Immerhin liegt die Stadthalle am Rand des malerischen Städtchens. Die bildhübsche Betonwüste namens Marktplatz ist Lay und seinem Kollegen Elliott Williams (2. von links) also erspart geblieben. Hier draußen herrscht Ruhe. Wenige Autos sind unterwegs, noch weniger Menschen. Von der Schlange aus die-hard-Fans mal abgesehen, die schon um 17:30 für die erste Reihe anstehen. Eine Erwähnung wert sind da höchstens noch die Brötchen von der Tanke um die Ecke. Vorzüglich. Tief in den Innereien der Stadthalle bekommt das freilich niemand mit. Frontmann Tom Smith döst scheinbar demonstrativ mit Kopfhörern bewehrt auf einem Sofa in der Ecke. Im Nebenraum aber sind Lay und Mädchen für alles Williams (Keyboard, Synthies, Gitarre) hellwach, bestens gelaunt und immer noch überrascht, dass sie tatsächlich ihr fünftes Album dabei haben.

Ihr habt euer neues Album „In Dream“ in den schottischen Highlands aufgenommen – oder wie einer von euch jüngst sagte: „an einem einsamen Ort irgendwo in Schottland“. Warum dieser abgeschiedene Fleck? Allein in London gibt es doch unzählige coole Studios, die ihr hättet wählen können.
Lay: Ich glaube, genau deshalb haben wir ihn ausgesucht. Eins ist wichtig zu wissen: Wir hatten nicht die Absicht ein Album mit Heim zu bringen. Wir sind also nicht nach Schottland gefahren und haben angefangen aufzunehmen. Uns ging es vor allem darum, wegzukommen aus den Städten in denen wir Leben und einfach zu schreiben. Der Alltag nimmt manchmal Überhand, wenn du in einer Band bist, wo die einzelnen Mitglieder Familie und so eben auch andere Verpflichtungen haben.

Tom hat den Ort entdeckt und war sofort begeistert. Ursprünglich sollte es ein Konzerthaus sein. Ein ziemlich dämliches Konzept für ein Haus, das irgendwo im Nirgendwo steht und niemand findet (lacht). Heute ist es eine Hochzeit-Location. Jedenfalls sind wir dann hingefahren und haben etwas Studio-Equipment mitgenommen, um ein paar Demos einzuspielen – und von da an hat alles seinen Lauf genommen. Es hat sich wirklich großartig angefühlt dort oben zu sein, an einem so atmosphärischen Ort, atemberaubend schön, stets die Highlands vor Augen mit ihren schneebedeckten Gipfeln – einfach genial.

Wie lange wart ihr dort?
Lay: Ursprünglich sollten es dreieinhalb Wochen werden. Gegen Ende haben wir dann aber beschlossen, dass wir hier zu Ende bringen sollten, was wir angefangen haben. Also haben wir den nächsten freien Zeitraum wieder gebucht. Das Ganze war ein Experiment für beide Seiten. Vor uns war noch kein Band dort gewesen. Von Januar auf Februar sind wir dann für noch mal dreieinhalb Wochen wiedergekommen. Wir haben dort oben wirklich ein paar verdammt kalte Tage erlebt, aber es einfach derart augenöffnend, zu erkennen, was wir als Band eigentlich erschaffen können und uns wirklich nur auf unser Gespür zu verlassen. Das haben wir natürlich schon immer getan, aber normalerweise hast du ja immer noch einen Produzenten als eine Art Rückversicherung an der Hand. Ich glaube, wir haben aber auch eine Menge darüber gelernt, wie wir zusammenarbeiten und miteinander kommunizieren.

Das ist der nächste interessante Punkt an „In Dream“: Zum ersten Mal in eurer Laufbahn habt ihr ein Album komplett selbst produziert. Was verleitet Musiker zu diesem Schritt?
Lay: Bei uns war es purer Zufall. Es war nie unsere Intention, ein Album aufzunehmen und es dann auch noch selbst zu produzieren. Wir wollten Songs schreiben, damit zu einem Produzenten gehen und dann ein Album machen. Aber als wir dann sechs Demos im Kasten hatten, fiel uns auf, wie schnell alles zusammenpasste. Wir fingen wortwörtlich Momente ein, die wir partout nicht mehr loslassen wollten. Es wäre völlig sinnlos gewesen, Parts neu einzuspielen, die wir längst fertig hatten und nicht verändern wollten. Im Prinzip war es dann unser Manager, der sagte: „Was soll ein Produzent noch machen, dass ihr nicht längst selbst erledigt habt?“ Und er hatte Recht. Wir hätten nie das Selbstvertrauen gehabt zu sagen, „cool, produzieren wir das mal eben selbst“, aber es sollte wohl so sein.

Spielte da die Befürchtung eine Rolle, ein Produzent könnte euch insofern rein reden, als dass es für ihn nicht „Editors-like“ klinge?
Lay: Technisch betrachtet ist es doch nur natürlich oder? Du gehst mit etwas in den Prozess und beabsichtigst daran mit einem Fremden zu arbeiten. Da ist die Intention natürlich gewisse Elemente zu reproduzieren oder neu zu schaffen. Aber wie gesagt, wir hatten das Gefühl Momente einzufangen. Warum also mit einem anderen noch mal die Köpfe zusammenstecken und versuchen diesen Moment nachzustellen, wo er doch beim ersten Mal so großartig war?

„In Dream“ ist ein Stück weit experimenteller geraten. Es ist nicht nach dem Schema entstanden: Eine Band versammelt sich im Proberaum und spielt Demos ein. Wir haben im Gegenteil strukturierte Fragmente aufgenommen. Im Prinzip haben wir die ganze Zeit produziert. Wir haben ein Album aufgenommen, ohne es zu wissen. So lange, bis unser Manager kam und sagte: „Leute, ihr nehmt gerade ein Album auf!“ Und wir dachten, „okay, cool“. Dann bleiben wir gleich noch mal drei Wochen hier (lacht).

https://player.vimeo.com/video/135684019 Editors – Life Is A Fear (Official Video) from PIASGermany on Vimeo.

„In Dream“ markiert nun den nächsten Wechsel in eurem Sound nach „The Weight Of Your Love“, vielleicht noch radikaler.
Lay: „In Dream“ ist mehr eine exakte Abbildung der Musik, die wir mögen und hören. „The Weight Of Your Love“ waren wir als eine neuformierte Band. Elliot und Justin (Lockey) waren gerade dazugestoßen und wir mussten schnell ans Arbeiten kommen. Also haben wir entschieden, der beste Weg dafür ist einfach in einem Raum draufloszuspielen mit den traditionellen Elementen einer Rock-Band. Und das fühlte sich absolut richtig an. Die Idee war, ein modern klingendes traditionelles Rock-Album aufzunehmen. Wir hatten mit Jaquire King einen grandiosen Produzenten und sind dann nach Nashville gereist und haben mit all diesen wunderschönen alten Instrumenten gearbeitet, die schon für abertausende von Aufnahmen verwendet wurden. Das war ein sehr spezieller Prozess.

Es ist schon amüsant: Der Sprung zwischen diesen beiden Alben ist für uns wohl der weiteste was den Sound angeht. Aber wir hätten „In Dream“ niemals schreiben können, ohne vorher den Prozess von „The Weight Of Your Love“ durchlaufen zu haben. Es ist tatsächlich ein extrem wichtiges Album.

Ist „In Dream“ somit das erste Album, dass so klingt wie die neuen Editors, wo ihr ja jetzt zum ersten Mal als Quintett ausgiebig Zeit hattet?
Lay: Für den Moment wohl schon (lacht). Das ist wirklich schwer zu sagen, da wir nie große Pläne machen. Vielleicht reizt uns bald etwas gänzlich Anderes oder wir wollen doch eine Richtung in der wir schon mal unterwegs waren weiter erkunden. Es funktioniert nie nach dieser Schwarz & Weiß-Logik. Wir fühlen uns jedenfalls sehr wohl da, wo wir gerade als Band stehen und freuen uns darauf, noch mehr Alben zusammen zu machen.

Es besteht also auch die Möglichkeit, dass ihr ins Studio geht und wieder eine völlig neue Richtung rauskommt?
Lay: Klar! Es ist aber auch gut möglich, dass wir ins Studio gehen und überhaupt nichts dabei rauskommt (lacht).

Durchforstet man das Internet nach „In Dream“, stößt man permanent auf die Bilder und Videos des iranisch-niederländischen Künstlers Rahi Rezvani. Wie ist die Kollaboration mit ihm zustande gekommen?
Lay: Wir haben uns über einen gemeinsamen Freund kennengelernt, Damien Jalet, ein belgischer Choreograph. Er hat damals unser Video zu „You Don’t Know Love“ gedreht, ein richtig schönes Stück. Er hat mit Rahi schon einige Male zusammengearbeitet und ihm auch unsere Musik gezeigt. Die hat ihm gut gefallen und so kam er dann zu ein paar Konzerten von uns und hat fotografiert. Seine Bilder waren die interessantesten Live-Shots, die wir je gesehen hatten. Er hat auf seine Art etwas völlig Anderes eingefangen, als diese Standard-Bilder, für die einfach von vor der Bühne draufgehalten wird. Zwischen uns entstand eine gute Beziehung und irgendwann schlugen wir ihm dann vor, für uns zu arbeiten. Er hatte völlig freie Hand. Bilder, Videos, das Album-Cover oder Poster – alles ist komplett aus seiner Feder. Anstatt verschiedene Künstler zu engagieren und am Ende passt das eine nicht zum anderen, haben wir jetzt ein homogenes Projekt: Jeder erkennt, dass diese Bild von uns zu „In Dream“ gehören.

Rezvanis Arbeiten haftet immer eine fast monumentale Aura an. Wart ihr auf eine solche Ästethik aus?
Williams: Unsere Musik hat Rahi ja erst zu uns geführt. Es war ein bisschen wie eine Hochzeit: Endlich findest du jemanden, dem du vollends vertraust und den du einfach machen lassen kannst. Rahi hat ein Faible für diese starke Ästhetik. Er lebt es in allen seinen Arbeiten aus und so hat er auch uns in Szene gesetzt. Wir fühlen uns mit dem Ergebnis sehr wohl: Ja, das ist die Band in 2015.

Zu dieser Ästhetik passt, was Tom in einem Interview mit Gigwise gesagt hat: „Was auch immer es ist, für uns ist es dann interessant, wenn es Dunkelheit in sich trägt.“ Dunkelheit flößt den meisten nun eher Furcht ein, ihr aber mögt sie. Was reizt euch an Dunkelheit?
Lay: Emotion. In der Musik findest du die stärkste emotionale Kraft, wenn es etwa um die Schattenseiten von Liebe geht. Und textlich bleibt Tom ja immer vage, er erzählt keine Geschichten. So können die Leute sich mit ihren Gefühlen ohne Weiteres wiederfinden, ob in seinen Texten oder in dem, was wir spielen. Wir gelten für viele als eine Band mit Hang zu großen Gesten und obwohl wir alle fünf glücklich sind, gibt es uns am meisten, wenn es ein bisschen dramatisch ist. Wir haben daher auch nie versucht, komplexe Songs mit hochintellektuellem Anspruch zu schreiben

Williams: Es geht immer um’s Gefühl. Wir mögen es, wenn dich etwas emotional packt. Ich glaube, viele Leute suchen eher Etwas, das Tiefe und Düsterkeit hat, anstatt zuckersüße Pop-Songs. Es ist ja auch nicht so, dass wir trübselig in der Ecke sitzen und uns anschweigen. Wenn du Musik machst, weißt du nie genau wo sie eigentlich herkommt, aber so klingt sie eben für uns (lachst).

https://player.vimeo.com/video/131076421 Editors – Marching Orders [Official Video] from PIASGermany on Vimeo.

Neben eurer Musik, seid ihr auch bekannt dafür schon seit geraumer Zeit die Hilfsorganisation Oxfam zu unterstützen. Momentan befinden wir uns in der größten humanitären Krise des noch jungen Jahrhunderts. Was geht euch durch den Kopf, wenn ihr die aktuellen Entwicklungen betrachtet?
Lay: Es ist einfach unfassbar traurig, wenn man so viel Unterdrückung sieht und dann die befremdliche Reaktion gewisser EU-Staaten beobachtet. Stimmen, die sagen, es gebe nicht genug Platz für all diese Menschen in den westeuropäischen Ländern. Das ist irrsinnig.

Williams: Wir leben in unheimlichen Zeiten. Da ist viel Panikmache im Gange in der Presse und zwischen einzelnen Staaten. Es gehört viel dazu, die harten Fakten hochzuhalten und zwar, dass diese Menschen irgendwo unterkommen müssen. Und in Anbetracht dieser Tatsache kann man entweder die kalte Schulter zeigen – was ich als herzlos empfinde – oder man kann sein Menschenmögliches tun, um zu helfen. Das ist die Realität, mit der wir uns auseinandersetzen müssen. Es beginnt sich gerade eine gruselige Kluft in der Gesellschaft aufzutun.

Gerade heute hat auch der britische Premier David Cameron eine Liste mit seinen Reform-Forderungen für die EU übergeben. Fürchtet ihr euch vor einem möglichen EU-Austritt Großbritanniens?
Williams: Ich kann mir nicht vorstellen, dass das in einer Volksabstimmung durchkommt.

Lay: Sollte es doch passieren, ich glaube, ich würde auswandern.

Wirklich?
Lay: Ich fühle mich als Europäer. Gerade mit dem Job, den wir haben. Wir genießen eine unschätzbar wertvolle Freiheit, indem ohne Weiteres all diese Länder bereisen und erleben können. Wir erfahren aus erster Hand wie gut die EU ist.

Williams: England kann manchmal ein ulkiges Land sein. Bisweilen befällt es ein Insel-Fieber und manch einer vergisst, dass man Teil eines Ganzen ist und es nicht bloß um das eigene Land geht. Das ist definitiv eine Schattenseite am Inseldasein.

Warum hat es euch bei eurem offenkundigen Interesse für gesellschaftspolitische Themen eigentlich nie gereizt solche auch in eurer Musik anzusprechen?
Lay: Ich glaube wir alle haben leicht unterschiedliche politische Ansichten, was natürlich absolut in Ordnung ist und gerade was die Texte angeht, will Tom nicht seine Sicht der Dinge, als Sicht der Band präsentieren.

Williams: Und es ist einfach nicht das, worum es bei unserer Band geht. Ich halte es in vielerlei Hinsicht für extrem kompliziert, sich als Politik-Prediger zu inszenieren. Wir sind keine Politiker. Wir sind hier für eine kurze Flucht aus dem Alltag. Wir wollen Menschen zusammenbringen, nicht einen Keil zwischen sie treiben.

Lay: Wir haben vor ein paar Jahren einmal in Tel Aviv gespielt und da hagelte es förmlich Kritik auf Grund des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern. „Warum zur Hölle geht ihr da hin?“ Wir haben damals geantwortet: Der einzige Grund, warum wir in Tel Aviv auftreten, sind unsere Fans dort, weil wir wissen wie viele auf uns warten. Es war am Ende ein unglaublicher Abend, eine großartige Erfahrung. Natürlich wissen wir, dass die Leute durchaus verschiedener Ansicht gegenüber Israel sind, genau so wie es auch bei anderen Ländern der Fall ist. Aber dafür sind wir nicht da. Wir wollen den Leuten Ablenkung bieten, sodass sie einfach tanzen können.

Fotos vom Tour-Stop in Berlin und unser Review zu „In Dream“ findet ihr hier:

www.stageload.org/fotos/editors-the-twilight-sad

www.stageload.org/reviews/editors-in-dream

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
Die besten Konzerterlebnisse The National (Tanzbrunnen)

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