Interview mit Hafensaengers

Interview mit Hafensaengers

Morgen beginnt die gemeinsame und von uns präsentierte Tour von Storyteller und Hafensaengers. Drei Wochenenden und sechs Shows verteilt in halb Deutschland. Wir haben mit Hafensaengers-Sänger Thomas Schipper über die Vorbereitungen, eine eventuelle Tourplaylist und über die Unterschiede gesprochen, die den Ex-Light Your Anchor-Mitgliedern besonders in den letzten Tagen aufgefallen sind – warum es gut ist, wieder zurück am Anfang zu sein.

Ab morgen seid ihr mit Storyteller auf Tour. Welche Band hatte die Idee, die andere mitzunehmen?

Wir sind sozusagen der Support für Storyteller, aber ich habe zusammen mit Nils die Tour gebucht. Das sind noch Kumpels aus der Light Your Anchor-Zeit, da haben wir sie mitgenommen – und jetzt wo Hafensaengers noch ganz am Anfang ist, nehmen sie uns mit. Weil Storyteller dieses Jahr schon viele Touren gespielt haben, die Leute ihre Songs und ihr Album kennen und wir nur eine kleine Tour gemacht haben, werden wir der Support sein. Eigentlich ist das aber schon freundschaftlich auf Augenhöhe. Wir haben zwar eine EP mit fünf Songs veröffentlicht, spielen live aber auch zehn, wobei dann natürlich einige größtenteils unbekannt sind. Es wäre also Quatsch, wenn wir Headliner wären. Ich persönlich finde, Storyteller haben es auch mehr verdient. Da gibt es überhaupt keine Diskussionen.

Bereitet ihr euch auf eine Tour anders vor als auf einzelne Shows?

Wir wohnen alle in Norddeutschland verstreut. Wenn wir eine Einzelshow spielen, proben wir das Wochenende davor, weil jeder von uns etwa eine Stunde zum Proberaum fahren muss – außer Max, der wohnt da direkt. Vor der Tour haben wir jetzt ein paar Mal öfter geprobt. Ich finde, ein Tourkonzert ist anders als eine Einzelshow am Wochenende. Bei einer Tour machen wir uns mehr Gedanken über eine Show oder Übergänge. Wir gehen mit ganz vielen neuen Songs im Januar, Februar wieder ins Studio und da haben wir uns schon überlegt, welche wir auf der Tour spielen wollen.

Gibt es dann noch eine EP oder das Debütalbum?

Wir werden auf jeden Fall nochmal eine EP machen. Ganz einfach aus dem Grund, weil sich der Stil geändert hat. Es ist immer noch Punkrock, aber eben anders. Das liegt daran, dass ich die erste EP ganz alleine geschrieben habe, wir jetzt aber vier Musiker sind, die zusammen Songs geschrieben haben. Ich finde das aber auch gut. Wir machen einfach das, worauf wir Bock haben und sind da nicht so verkopft wie wir früher zum Beispiel bei Light Your Anchor waren. Es bringt Bock! Es wird auf jeden Fall anders als die erste EP klingen, aber irgendwie auch gleich (lacht).

Einen neuen Song habt ihr neulich auch schon veröffentlicht: „Pessimist“.

Man muss aber dazu aber sagen, dass es die Akustikversion ist. Die Originalversion spielen wir dann auf der Tour und da ist er dann nicht so ruhig. Wir wollten etwas machen, damit die Leute nicht so lange warten müssen und es ist einfacher für eine Band, einen Akustiksong aufzunehmen und Studiozeit zu kriegen, wenn man nur mit einem Musiker ins Studio gehen muss. Und man kann so trotzdem auf dem Laufenden halten und zeigen, dass man an neuer Musik arbeitet.

Ist die Version auch extra als Anheizer für die Tour entstanden?

Ich weiß nicht, ob ein Akustiksong ein Anheizer für eine Tour ist (lacht). Wir waren im März auf Tour, dann haben wir im Mai noch ein kleines Festival gespielt und das war’s. Wir wollten einfach etwas machen, damit uns die Leute weiterhin auf dem Zettel haben.

Fahrt ihr mit Storyteller zusammen in einem Bus?

Wir fahren tatsächlich nicht mit einem Bus, sondern mit einem Caddy und ich nehme an, dass Storyteller das genauso machen werden. Es würde aber auch nicht viel Sinn machen, wenn wir zusammenfahren, weil die Tour ja nur über die Wochenenden geht. Wenn wir in Hamburg einen Bus mieten, nach Leipzig oder Dessau fahren, um die Jungs abzuholen und dann nach Wiesbaden oder Norddeutschland hoch, wäre das Quatsch.

Bei Light Your Anchor war das Level so, dass wir einfach immer einen Bus hatten. Wir hatten immer einen Neunsitzer mit Bett und Fernseher beziehungsweise DVD-Player. Jetzt sind wir aber wieder an dem Punkt, wo wir überlegen, wie wir überhaupt zu einer Show fahren, wie viel Geld wir bekommen und was wir mitnehmen können. Es ist aber ganz cool, wieder so zu fahren. Es ist nicht ganz so komfortabel wie man das vielleicht zum Schluss gewohnt war, aber es macht trotzdem Spaß.

Ist es nicht total schwierig, sich nach einem höheren Standard mit weniger begnügen zu müssen?

Also mit Light Your Anchor waren wir auch keine Band, die einen übertrieben hohen Standard hatte, aber man muss auch sagen, dass ein höherer Standard mehr Verpflichtungen bedeutet. Ein Beispiel: Du gehst ins Studio und bezahlst 5.000 bis 6.000€ für ein Album. Dann kommen noch die Presskosten, die Promo, die Kosten für die Tour und einen Bus dazu – du steigst mit einem Riesenhaufen Schulden in den Bus ein und denkst, ihr müsst jetzt richtig abliefern und Merch verkaufen, um das wieder reinzukriegen. Das haut auch immer irgendwie alles hin, ist aber kein befreiendes Gefühl.

Bei Hafensaengers haben wir weder Management, noch Label. Wir bringen alles selber raus, machen alles selber und das wird auch vertrieben, aber wir haben keine Verpflichtungen. Wir steigen ins Auto, fahren dahin, versuchen, so viel Spaß wie möglich zu haben – und ich denke, das sieht man uns bei einer Show auch an – und dann fahren wir nach Hause. Wir müssen noch nicht einmal aufschreiben, was und wie viel Merch wir verkauft haben, weil das Geld eh uns gehört. Früher mussten wir alles aufschreiben und dann gingen bestimmte Prozentsätze an das Management, an denjenigen, der das gemacht hat, und an uns. Zurück zum Anfang und nicht alle Fehler, die man vielleicht gemacht hat, wiederholen, ist schon super entspannt.

Ich will auch nicht alles schlecht reden. Die Schritte, die wir damals gemacht haben, haben schon Sinn gemacht und ohne das Management und ohne die Booking-Agentur wären wir auch nicht dahingekommen, wo wir waren, aber irgendwann gab es den Punkt, wo es fast mehr Stress war, als es Spaß gemacht hat. Klar, auf der Bühne hat es immer Spaß gemacht und Songs schreiben hat auch immer Spaß gemacht, aber der Druck war krass. Mit Hafensaengers haben wir keinem etwas zu beweisen. Es ist alles cool und es läuft auch alles, aber wir haben nicht im Kopf, dass wir ganz dringend 10.000€ reinkriegen müssen. Der Druck artet manchmal auch in Streitereien aus, die nicht sein müssen. Ganz ohne geht es natürlich auch nicht. Man muss ja auch immer gucken, wo man hinwill.

Habt ihr euch denn schon überlegt, wohin ihr mit Hafensaengers wollt?

Alles kann, nichts muss. Aber ich werde auf jeden Fall nicht mehr alles dafür in Kauf nehmen. Ich möchte sehr gerne auf Tour gehen, aber es wird nicht so sein, dass wir mit irgendeiner Band auf Tour gehen, wo wir jeden Abend kein Geld kriegen. Nur um den Namen großzumachen – das müssen wir auch nicht. Ich kann jeder Band sagen, dass place-to-play niemandem etwas bringt, höchstens vielleicht den Bands, die man supportet, weil dann mehr Leute kommen. Aber wenn du es dem Veranstalter nicht wert bist, dass er dir 50 oder 100€ Spritgeld gibt, dann musst du die Show auch nicht spielen. Gerade jüngere Bands wollen natürlich immer alles Mögliche spielen – so waren wir ja auch – aber teilweise lässt man sich da echt über den Tisch ziehen. Sowas würde ich heutzutage nicht mehr machen. Außer bei Rock Am Ring oder dem Hurricane – die spiele ich auch umsonst (lacht).

Variiert ihr die Setlist von Abend zu Abend?

Nein. Das ist jetzt das Tourset und das wird genau so durchgezogen und zur nächsten Tour wieder geändert. Viele Leute, die auf ein Konzert gehen, denken, die Band mache alles spontan und würde auch spontan mit dem Publikum reden. Aber das ist alles geskriptet! Alles, jeder Sprich. Das ist auch das Traurige daran, was es nicht mehr so cool macht. Bei uns ist es so, dass wir zumindest die Übergänge der Songs jeden Abend gleich machen wollen. Ich finde das besser und denke, den Leuten muss auch eine Show geboten werden, bei der es nicht so aussieht, als wäre die Band gerade aus ihrem Keller gekommen und sich zwei Minuten vorher überlegt, welchen Song sie spielen soll. Mich würde das im Publikum stören.

Gerade dann, wenn man Geld dafür bezahlt hat.

Genau! Wenn eine Show 10 oder 12€ Eintritt kostet – dafür müssen manche Leute zwei Stunden arbeiten. Und wenn sie dann ihr Geld dafür ausgeben, das zu gucken, dann kann man sich als Musiker auch die Mühe geben, etwas auf die Beine zu stellen und abzuliefern. Ich kann es auch nicht nachvollziehen, wenn eine Band todesbetrunken auf die Bühne geht und überhaupt nichts mehr auf Reihe bekommt. Die Floskel „Stadtname einfügen ist die beste Show auf der Tour“ kann ich auch nicht mehr hören – was einfach jeden Abend gesagt wird. Ich versuche, Ansagen vor den Songs abzuwandeln. Klar, ähneln sie sich, weil das Thema des Songs auch gleich bleibt, aber ich versuche schon, nicht etwas Auswendiggelerntes herunterzuspulen. Oder am besten noch einen Zettel vorne hinzulegen, damit man auch ja nichts vergisst.

Überlegst du dir trotzdem vorher, was du auf jeden Fall erwähnen willst?

Ich habe auf jeden Fall drei, vier Songs, zu denen ich eine Geschichte habe und zu denen ich auch gerne etwas sagen möchte – ganz besonders zu der Weihnachtszeit. Ich liebe Weihnachten und ich weiß, dass man auch eine Phase durchmacht, in der man denkt, man müsse Weihnachten wegen des Konsums hassen – und das sehe ich auch völlig ein – aber Weihnachten bedeutet für mich, sich mit seiner Familie zu treffen, seine Zeit mit seinen Engsten zu verbringen und zusammen gut zu essen. Ich mag das richtig gerne. Ich weiß aber auch, wie es ist, wenn man an Weihnachten ganz alleine ist. Und gerade für die Leute, die depressionsanfällig sind, ist dadurch die Zeit, die für andere die schönste im Jahr ist, die schwierigste. Ich sage dann auch gerne, dass man die Leute, die an Weihnachten niemanden haben, mit zu sich nehmen soll – es ist eh immer genug zu essen da.

Gibt es eine Show oder eine Stadt, auf die du dich besonders freust?

Ich freue mich auf Dessau. Die Show dort im Beatclub ist die vorletzte der Tour und auch ein kleines Festival gegen Rassismus. Ich glaube, dass dort vermeidlich viele Leute AfD gewählt haben und deswegen auch das Festival entstanden ist. Man muss ja trotzdem Flagge zeigen. Zuhause sitzen und rumheulen bringt einfach gar nichts. Es sollen aber auch diejenigen zum Konzert kommen, die die AfD gewählt haben und vielleicht über die Schiene auch mal etwas Anderes kennenlernen.Für mich ist es selbstverständlich, dass es einfach übelster Quatsch ist, was sie erzählen, aber es gibt eben tatsächlich Leute, die sich da reinsteigern und alles glauben. Hamburg ist eine relativ weltoffene Stadt – wir sind einfach mit Migranten großgeworden und das war überhaupt nichts Besonderes. Für mich ist es immer schwierig nachzuvollziehen, wie man einer Randgruppe seine Probleme in die Schuhe schieben kann.

Andererseits ist man auch immer das Produkt seines Umfeldes. Wenn dein soziales Umfeld aus zehn Leuten besteht, von denen neun Nazis sind, dann wirst du auch einer. Was willst du denn machen, wenn du 16, 17 Jahre als bist, aus deinem Dorf nicht rauskommt und alle in einem Umkreis gegen Migranten wettern? Dann ist es umso wichtiger, dass es solche Sachen wie dieses Festival gibt, wo Jugendliche hingehen und sehen können, wie cool es ist, wenn alle Menschen miteinander sind.

Habt ihr euch schon Gedanken über eine Tourplaylist fürs Auto gemacht?

Wir haben tatsächlich alle einen richtig krass unterschiedlichen Musikgeschmack. Oftmals hören wir Radio, jeder über Kopfhörer seins oder wir hören einfach alles durcheinander. Es gibt ein paar Songs, die wir hören wollen, wenn wir unsere Sachen aufbauen oder kurz vor der Show, um reinzukommen, aber eine Playlist fürs Auto haben wir nicht.

Was sind das für Songs, die ihr beim Aufbauen und Vorbereiten hören wollt?

Das ist ein Geheimnis. Um das herauszufinden, muss man zur Tour kommen (lacht).


Storyteller & Hafensaengers – live:
08.12. – Wiesbaden – Schlachthof
09.12. – Salzgitter – Forellenhof
15.12. – Alfeld – Rock Cafe
16.12. – Greifswald – Klex
22.12. – Dessau – Beatclub
23.12. – Lüneburg – Salon Hansen
Foto: Daniel Prieß

 

Autor Leonie Wiethaup
Wohnort Nähe Münster
Beruf PR-Assistenz
Dabei seit Februar 2015
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, News, Gewinnspiele
Top-Alben Apologies, I Have None - London; The Wonder Years - No Closer To Heaven; Cold Reading - Sojourner; Shoreline - You Used To Be A Safe Place; Twoonacouch - And I Left
Die besten Konzerterlebnisse Jimmy Eat World @ Skaters Palace, Münster, Frank Carter & The Rattlesnakes @ Dour Festival, The M-Pire Strikes Back-Festival 2016

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