Interview mit Kettcar

Interview mit Kettcar

Kettcar gastieren mal wieder in Frankfurt und ausgerechnet dann steht das Spiel des Jahres für die Eintracht-Fußballer an. Bassist Reimer Bustorff (dritter von links) nahm es entspannt. Bei den Hamburger Indie-Veteranen läuft es schließlich gerade wie geschmiert. Ein Gespräch über Fluch & Segen der Digitalisierung, neue Wege in der Label-Arbeit und warum es so schwer ist, sich stets richtig zu verhalten.

Nachdem Kettcar einige Zeit auf Eis lag, habt ihr mit „Der süße Duft der Widersprüchlichkeit (Wir vs. Ich)“ jetzt recht schnell nachgelegt. Wieso sollte es eine Art Komplementärwerk zu „Ich vs. Wir“ sein?

Marcus textet ja hauptsächlich und ich mache auch meinen Teil. Bei „Ich vs. Wir“ haben wir uns zusammengesetzt und überlegt, worüber wir schreiben wollen. Jetzt waren wir einfach noch so drin, da wir uns mit vielen Sachen auseinandergesetzt hatten, dass wir noch vier Songs – „Weit draußen“ fällt da ein wenig raus –  politisch und gesellschaftskritisch schreiben konnten und wollten.

Der Rest, der noch gesagt werden musste?

Der Rest würde ich gar nicht sagen, vielleicht kommt da noch mehr. Es macht auf jeden Fall gerade Spaß und wir merken, dass das Leute hören wollen. Ich glaube auch, dass Kettcar die richtige Band ist, um Stellung zu beziehen und klar politisch nach vorne zu gehen.

War das der Grund, warum „Ich vs. Wir“ als erstes Lebenszeichen nach langer Zeit ein so dezidiert politisches Album geworden ist?

Wir haben ja überlegt, ob wir überhaupt noch eine Platte machen. Das stand ein bisschen auf der Kippe als wir Pause gemacht haben. Irgendwann haben wir uns dann getroffen und gefragt: Wollen wir noch mal angreifen, haben wir Bock noch mal zusammen Musik zu machen und haben wir noch was zu sagen? Das ist ja das Wichtigste. Wir sind dann relativ schnell auf ein – ich nenne es mal Konzept – gekommen und haben es dann glaube ich auch ganz gut hinbekommen, ein rundes Album draus zu machen, das sich mit Politik und Gesellschaft auseinandersetzt.

Es gab dann ja auch entsprechende Kritik: Einerseits wurde es hoch gelobt, andererseits als linke Träumerei abgetan und das ist noch eine der netteren Reaktionen. Wie habt ihr das aufgenommen?  

Ehrlich gesagt, habe ich damit gerechnet, dass es noch schlimmer wird. Du bringst einen Song wie „Sommer 89“ raus, das erste Lebenszeichen, da war es schon klar, dass du da was um die Ohren gehauen bekommst. Die Stimmung im Netz ist ja einfach so, entweder finden die Leute es gut oder sie finden es scheiße – und letztere sind ja meistens die, die es dann auch kundtun müssen. Mit einer schlechten Kritik ist man immer schneller dabei als mit Lob. Letztendlich sind wir da glaube ich noch ganz gut weggekommen, obwohl es speziell bei „Sommer 89“ schon ziemlich gebrannt hat. Aber da konnten wir gut mit leben, es sollte ja auch polarisieren.

Hat euch der Erfolg am Ende recht gegeben? Das Album hat sich ja auch sehr gut verkauft.

Vielleicht, ja. Für uns ist es wichtig, Denkanstöße zu geben. Wir wissen ja auch, dass wir mit unserer Musik nicht großartig etwas verändern, sondern nur eine Debatte anstoßen oder im Diskurs rühren können – und das haben wir erreicht.

Habt ihr es auch so wahrgenommen, dass ihr mit „Ich vs. Wir“ noch mehr Zulauf bekommen habt, von Leuten, die euch vielleicht vorher nicht so auf dem Schirm hatten, aber denen das Album einfach aus dem Herzen spricht?

Ich glaube schon. Gerade so ein Song wie „Sommer 89“ hat noch mal andere Leute auf den Plan gerufen, die vorher überhaupt nichts mit uns zu tun hatten, da es natürlich auch mit Blick auf die Teilungsgeschichte eine sehr klare Ansage ist. Wir haben im Nachgang sogar Post bekommen von Leuten, die wirklich betroffen waren und sich noch erinnern. Das ist sehr schön, wenn man so ein Gefühl in einem kurzen Popsong so transportieren kann, dass es die Leute am Ende berührt. Wir hoffen natürlich, dass es ein größeres Wir gibt, bei dem man auch da hinter stehen kann und das nicht gleich bedeutet, dass man konform ist oder sein muss.

Marcus Wiebusch hat in Interviews zum Album immer wieder betont, dass ihr heute ganz anders zusammenarbeitet als noch in euren Anfangszeiten. Wie kann man sich das vorstellen?

Wir haben mehr diskutiert und tatsächlich auch wieder mehr zusammen geschrieben. Es hatte sich irgendwann so eingespielt, dass Marcus die Texte geschrieben und Songentwürfe präsentiert hat und die Texte im Grunde nicht angerührt werden. Heute zerlegen wir das Ganze wieder mehr. „Revolver entsichern“ ist das beste Beispiel, da haben wir einen Song gemeinsam geschrieben. Ich hatte eine Grundidee, dann hat Marcus übernommen und wir haben uns die Bälle zugespielt.

Also mehr Teamarbeit.

Genau! Das ist ein bisschen dadurch zustande gekommen, dass ich mit Marcus am Kieler Theater die Musik für „Die Räuber“ gemacht habe. Über dieses Projekt hat sich unsere Arbeitsweise verändert und auch die anderen sind jetzt ganz anders mit im Boot.

Ging es deshalb auch viel schneller mit einer neuen EP?

Bestimmt. Ich hoffe, wir bleiben jetzt am Ball, denn wir haben wieder richtig Blut geleckt. Die Platte zu machen hat tierisch Spaß gemacht und dann direkt dranzubleiben und jetzt wieder unterwegs zu sein, das fühlt sich einfach sehr gut an.

Thematisch ist die EP nun wieder harte Kost. „Palo Alto“ ist ein sehr überzeichnetes Beispiel für die negativen Auswirkungen der zunehmenden Digitalisierung. Wie seht ihr das Thema generell, mit eurer Arbeit bei Grand Hotel van Cleef habt ihr ja auch noch die wirtschaftliche Perspektive?

Das ist natürlich total überspitzt dargestellt und deshalb habe ich am Ende auch noch diesen durchgeknallten Charakter eingefügt, der völlig verloren ist, damit klar wird: Die sind halt alle am Rande des Wahnsinns. Das ist nicht unsere Meinung oder unsere Position. Der Song zeichnet ein drastisches Bild von fünf Personen, die im Zuge der Digitalisierung verlieren und hintenüber fallen. Das Stück gibt denen eine kleine Stimme. Eine Lösung zeigt er natürlich nicht auf, ich habe da auch keine Idee für.

Ich weiß nur, dass wir Schritt halten müssen und sitze auch jeden Tag mit dem Handy herum oder streame Musik. Ich lebe das Ding voll mit, das ist eben der Fortschritt und ich bin keiner, der sich da verweigert, die Digitalisierung bringt ja auch viel Gutes mit sich. Sie erleichtert uns viel, insofern ist dieser Song auch gar nicht fortschrittskritisch gemeint. Er zeichnet einfach nur ein Bild von Leuten, deren Jobs verschwinden.

Das wird die Zukunft sein und da muss man eben umdenken. Das macht der Song, bei mir zumindest. Ich setze mich mit der Thematik auseinander, was mit diesen Leuten passiert, welche Lösungsmöglichkeiten es gibt. Vielleicht muss man irgendwann doch über ein Grundeinkommen diskutieren. Ich fände es gut, wenn sich der ein oder andere durch den Song auch ein paar Gedanken macht.

Wie hat sich denn eure Label-Arbeit bei Grand Hotel van Cleef durch die Digitalisierung verändert?

Wir haben uns relativ zeitig breit aufgestellt. Schon ziemlich früh haben wir das ganze Live-Ding selbst gemacht, das war anfangs noch outgesourct und wurde von einer Booking-Agentur organisiert. Die Agentur haben wir dann selbst gegründet und machen die Live-Konzerte, was immer noch gut funktioniert und total lukrativ ist. Wir haben außerdem einen eigenen Verlag gegründet und versuchen, so viel selbst zu machen wie es geht.

Wir hatten auch recht schnell einen Digitalvertrieb, als es mit Downloads los ging und haben das ausprobiert. Wir verweigern uns da nicht und ich sehe natürlich auch, dass die Leute streamen wollen und keinen Bock mehr haben, sich massenhaft CDs in die Bude zu stellen. Das kann ich total nachvollziehen, weil es mir genau so geht – so wenig Romantik Musikhören dann vielleicht auch noch hat. Ich habe noch einen Plattenspieler und leg‘ mir ab und an eine Platte auf, andererseits bin auch ich ein normaler Konsument, der streamt und ein Abo hat. Mit dem Label gehen wir diesen Weg mit.

Die ganze Social Media-Arbeit etwa hat sich total verändert. Da bin ich übrigens total raus. Von Facebook und Co habe ich keine Ahnung ,da bin ich auch nicht angemeldet, nie gewesen und bin froh, dass wir junge Leute haben, die sich da viel besser auskennen, weil sie damit groß geworden sind.

Sind Spotify und Co eher Fluch oder Segen?

Da bin ich zwiegespalten. Es wird ja schon lange diskutiert, wie Künstler gerecht entlohnt werden und da wird man einen Weg finden müssen. Ich bin noch jemand, der gerne ein Album durchhört und ständig nur Singles zu haben, macht mich ein bisschen fertig. Da entferne ich mich schon etwas davon.

Verdient ihr mit Schallplatten noch wirklich Geld? Vinyl ist zwar im Trend, aber ja doch auf überschaubarem Niveau.

Wir haben jetzt das erste Jahr, in dem Vinyl ein bisschen rückläufig ist, da muss man sehen, wie es sich entwickelt. Dass wir nach wie vor damit verdienen, merkt man schon daran, dass wir einige Sachen noch mal auf Platte rausgebracht haben. Das nimmt man eben mit. Reich werden wir davon aber nicht.

Das größte Geschäft macht man immer noch mit Touren?

Genau. Bei Kettcar und Thees Uhlmann, wenn das neue Album dann hoffentlich irgendwann mal kommt, funktionieren natürlich auch Spotify und Apple Music. Da verkaufen wir auch noch CDs und Vinyl. Die aktuelle EP kommt ebenfalls noch mal als 10“, das fühlt sich einfach gut an aus Künstlerperspektive.

Mit Spotify verdienst du dann erst, wenn du als Künstler eine gewisse Bekanntheit erlangt hast?

Du verdienst ja schon pro Stream. Aber das ist sehr unterschiedlich. Bei Abonnenten bekommst du einen anderen Betrag als bei den Gratis-Nutzern, die Werbung angezeigt bekommen. Und obendrein gibt es noch verschiedene Werbe-Kategorien, wo du auch anders vergütet wirst. Was du durch Streams bei Spotify verdienst, ist also extrem unübersichtlich. Ich kann für uns auch nicht genau sagen, was wir für einen Stream bekommen. Bei Youtube ist es ähnlich, lässt du Werbung vor deinem Video zu, bekommst du mehr als wenn du es werbefrei belässt.

Es ist demnach extrem schwer zu kalkulieren, da sich die großen Player nicht in die Karten schauen lassen?

Es gibt zum Beispiel Merlin, ein Zusammenschluss von unabhängigen Tonträgerherstellern, die mittlerweile einen Deal mit Youtube geschlossen haben und keiner kennt ihn. Aber da kannst du eben wenig machen. Ich bin ja auch nicht frei davon. Ich nutze auch Youtube.

Das will die EP auch ein bisschen zeigen. Es ist eben kontrovers, das gilt für das ganze Leben. Das sieht man bei „Natürlich für alle“ gut, wo es um Konsum geht: Hilft es jetzt, wenn ich Bio oder Fairtrade kaufe, was bewirkt das, kann es vielleicht sogar die Welt verändern? Da gibt es auch Stimmen, die sagen, es ist völlig egal, was du kaufst, weil dein persönliches Konsumverhalten sowieso nichts verändert. Da müssen andere Maßstäbe angelegt werden, zum Beispiel mit Hilfe der Politik.

Ich selbst versuche natürlich auch bewusst Sachen zu vermeiden, bei Amazon kaufen zum Beispiel. Trotzdem habe ich ein Samsung-Smartphone oder ein iPhone permanent am Mann. Aber irgendwie musst du ja auch im Alltag klar kommen.

Man kann immer versuchen, sich nach seinem eigenen Maßstab möglichst „gut“ zu verhalten, aber sollte eben nicht denken, dass man vor allem gefeit ist.

Genau, das geht halt einfach nicht. Wir haben den Song auch intensiv diskutiert, weil man manchmal einfach hilflos ist in solchen Situationen. Ich stehe im Supermarkt und bin verloren. Da zähle ich mal nur die Hälfte vom ursprünglichen Preis, aber frage mich dann, ist das jetzt korrekt? Kann man das machen? Ich glaube, das geht vielen so.

Vor allem, weil man ja nicht in allen Situationen „gut“ oder „richtig“ handelt. Einerseits lebt man vielleicht vegetarisch oder vegan und reist trotzdem mal um die Welt. Das kann einem dann auch vorgehalten werden.

Ja, das geht ganz schnell, auf einmal hast du dein CO2-Konto überzogen. Ich finde es sehr schwierig, sich da zu verorten, das treibt mich sehr um.

Es ist aber ja schon ein guter Anfang, sich seine Entscheidungen gut zu überlegen und so einen kleinen Beitrag zu leisten.

Zumindest für das eigene Gewissen, man muss ja auch selbst damit leben. Kritisieren kann man einen natürlich immer. Sicher kann man mich zum Beispiel dafür belächeln, dass ich sage, ich kaufe nicht bei Amazon, konsumiere aber an anderer Stelle mehr, als es manch einer für richtig hält. Aber irgendwo muss man ja anfangen. Das finde ich sehr spannend und es macht auch Spaß, sich damit auseinanderzusetzen und erst recht darüber zu schreiben. Das ist nichts, was mich zermürbt.

Bild: Andreas Hornoff

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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