Interview mit KMPFSPRT

Interview mit KMPFSPRT

Über zwei Jahre liegen zwischen „Jugend Mutiert“ und „Intervention“. Zwei Jahre, in denen sich bei der Punkrock-Band KMPFSPRT einiges verändert hat – nicht zuletzt auch der Sound. War das Debütalbum noch kratzig und laut, ist der Zweitling vorherrschend glatt und poppig. Einen neuen Schlagzeuger haben sie außerdem. Und natürlich auch noch ein neues Label. Wir haben uns mit Bassist Dennis Müller (links) und Lead-Gitarrist David Schumann (zweiter von rechts) vor dem YUCA in Köln in die Sonne gesetzt und unter anderem über Buchhaltung, Charts und Frei.Wild-Fans gesprochen.

„Intervention“ hattet ihr bereits vor dem Labelwechsel aufgenommen und euch damit klanglich sehr verändert. Habt ihr das gemacht, damit ihr zu mehr Labels passt?

David: Wir haben einfach Songs geschrieben, die wir schreiben.

Dennis: Die Songs sind wirklich wieder einfach so entstanden. Der Sound ist natürlich eine Sache des Studios, von daher hat sich natürlich schon irgendwie irgendwo etwas verändert, klar.

Man darf aber auch nicht vergessen, dass zwischen den beiden Alben zwei Jahre liegen. Wenn man jedes Jahr ein neues herausbringt, ist es sicher einfacher, Entwicklungen über mehrere Alben zu verteilen. Über zwei Jahre war es natürlich ein größerer Schritt. Einem selber fällt diese Veränderung aber gar nicht auf, für uns ist der Sound natürlich gewachsen. In den zwei Jahren ist einfach viel passiert, allein schon, dass Nico, der ja sehr pop-affin ist, zu uns gekommen ist, was uns dann natürlich auch nochmal beeinflusst hat.

David: Wir waren von Fire In The Attic bis zu „Jugend Mutiert“ auch immer in demselben Studio, wir haben über zehn Jahre immer bei Gernhard aufgenommen, und jetzt wollten wir einfach mal was Neues, was Anderes ausprobieren. Deswegen waren wir im Gottesweg Studio.

Dennis: Es war auf jeden Fall so, dass sich das bei allem gezogen hat, weil wir bei vielen Sachen einfach mal was Neues ausprobieren wollten. Dass wir gewechselt haben, also Label und Studio, heißt aber nicht, dass irgendwer, Redfield, Uncle M oder das Gerndard Studio, irgendwas falsch oder schlechte Arbeit gemacht hätte. Es ist nur auch einfach für den kreativen Ablauf super wichtig, auch mal mit anderen Menschen zu arbeiten. Dasselbe ist ja jetzt auch mit den Videos passiert, da haben wir ja auch mit anderen gearbeitet. Das ist echt nicht, weil wir mit den alten Sachen unzufrieden waren, sondern weil es nochmal einen kreativen Schub gibt.

Und was ist mit dem Kratzigen passiert?

David: Da muss man zwischen dem Kratzigen in der Produktion und dem Kratzigen in der Stimme unterscheiden. Also ersteres wollten wir einfach weg haben, weil wir der Meinung sind, dass „Jugend Mutiert“ rückwirkend einfach nicht toll klingt. Man hört den Gesang schlecht, man versteht nicht, was Richard singt, es übersteuert an vielen Stellen.

Dennis: Ich habe immer gedacht, das wäre gar nicht so, aber dann haben wir uns bei Nico mal zusammengesetzt und die neue Platte mit der alten verglichen – also Song für Song im Wechsel – und das ist der Wahnsinn. Bei „Jugend Mutiert“ sind einzelne Song bei, wo du dich echt wunderst, dass wir das vom Sound her überhaupt durchgewunken haben.

David: Das stört mich aber gar nicht so, weil es zu dem Zeitpunkt einfach gepasst hat.

Lasst uns ein bisschen mehr auf einzelne Songs eingehen. Ist „Antithese“ so etwas wie eine Fortsetzung von „Musikdienstverweigerer“?

David: Es sind beides Songs, die etwas gegen Nazis sagen, insofern also schon. Ich denke aber, dass „Musikdienstverweigerer“ noch etwas allgemeiner ist, weil der ja auch von Leuten handelt, die Musik falsch verstehen. „Antithese“ geht ganz klar gegen die Pegida- und AfD-Scheiße.

Dennis: „Musikdienstverweigerer“ haben die Leute, gegen die es war, auch zum Teil nicht gerafft. Deswegen sahen wir jetzt auch die Notwendigkeit, dass, wenn sie das schon nicht raffen, wir jetzt eben noch deutlicher werden müssen.

David: Es hat aber auch jetzt immer noch nicht funktioniert. Uns schreiben immer noch Frei.Wild-Fans, dass sie uns gut finden. Beim nächsten Album müssen wir also noch so einen Song machen, der noch deutlicher ist. Vielleicht müssen wir einfach so etwas wie „scheiß Frei.Wild-Fans, hört auf, unsere Musik zu hören“ reinschreiben. Wahrscheinlich wird aber auch das noch immer nicht reichen (lacht).

Wie oft bekommt ihr solche Nachrichten?

Dennis: Immer mal wieder. Nach dem Halli-Galli-Ding hat uns auch einer geschrieben: „Ey, ich dacht‘, ihr seid ’ne geile Band, aber dann hab ich die Shirts gesehen. Ihr gehört echt in die Tonne!“.

David: Das ist dann auch nicht mehr witzig.

Wie kam es eigentlich zu Halli-Galli?

David: Die hatten uns schon zu „Jugend Mutiert“-Zeiten angefragt, aber weil das Album zu der Zeit schon etwas länger draußen war und wir auch nicht einfach zwischen zwei Alben dahin wollten, hat es einfach nicht gepasst. Und weil die Montagnachmittag in Berlin aufzeichnen und man dann schon um 12 Uhr da sein muss, fällt eben auch ein ganzer Arbeitstag weg. Das kannst du dann eben auch nur machen, wenn es auch wirklich Sinn macht.

„Wir bleiben wach“ ist auch noch ein Song, der auf „Intervention“ hervorsticht – wegen des Frauengesangs. Wen habt ihr dafür geholt?

David: Bianca Wroblewski war das, die macht heute auch das Licht für uns. Wir wussten von Anfang an, dass wir Frauengesang brauchen und als wir uns angehört hatten, was sie so macht, waren wir sofort hin und weg. Dann haben wir sie vom Fleck weg engagiert.

Dennis: Gerade inhaltlich ist das für uns auch ein sehr wichtiger Song. Deswegen war es cool, dass wir daraus etwas Besonderes machen konnten.

Inwiefern wichtig für euch?

Dennis: Den Text hat Richard geschrieben. Zwei, drei Monate nachdem sich ein guter Freund von uns, den wir zu dem Zeitpunkt schon lange nicht mehr gesehen hatten, das Leben genommen hat. Wahrscheinlich ist der Text ein bisschen schwierig zu verstehen, weil viele Sachen vorkommen, die auf Erlebnisse von früher beruhen. Samstags, 15 Uhr war zum Beispiel immer die Zeit, wo wir geprobt haben. Es sind halt alles Insider, die Außenstehende eigentlich gar nicht verstehen können. Ich glaube nicht, dass jemand den Song richtig interpretieren kann, der nicht auch dabei war.

David: Wenn man die Reviews liest, sieht man, dass viele den Song als eine Erinnerung an die Jugend interpretiert haben. Ist er natürlich auch irgendwo, aber im Endeffekt geht es eben um den Tod von dieser ganz speziellen Person. Natürlich trauert man, aber auf eine positive Art und Weise.

Dennis: Man feiert das Leben!

Ich glaube, so langsam verstehe ich euer Album ein bisschen besser. Findet ihr denn, dass es massentauglicher geworden ist?

David: Auf jeden Fall! Das ist aber nichts Schlimmes, solange man die Songs geil findet. Es ist ja nicht so, dass wir beim Schreiben gedacht haben, dass wir oder die Songs unbedingt massentauglich sein müssen – das wäre wirklich schlimm. Wir haben die Songs so geschrieben, wie wir sie immer schreiben. Wenn die jetzt wirklich massentauglicher sind, ist das halt so.

Dennis: Genau. Wir haben uns nicht in den Proberaum gestellt und gesagt, wir müssen jetzt massentaugliche Songs schreiben. So waren wir nie und so werden wir nie sein. Wir machen die Band ja nicht wegen der Karriere – obwohl es momentan ganz gut läuft. Wir haben gestern zum Beispiel die Mail bekommen, dass wir mit „Intervention“ auch in den Albumcharts sind. Auf Platz 64, glaube ich – genau zwischen Revolverheld und Frei.Wild (lacht). Aber wenn man sich die mal genauer anschaut, ist das auch nichts, worauf man stolz sein könnte.

Vielleicht gibt’s dann ja bald den ECHO.

David: Fänd ich schön, dann können wir den super ablehnen (lacht).

Um dann auch mal zum Punkt zu kommen: Nur wegen des Geldes würdet ihr nichts ändern?

David: Was für Geld?

Dennis: Das einzige Geld, das du als Band hast, ist das, was du anderen schuldest.

In den letzten Monaten habe ich aber tatsächlich öfter gehört, dass ihr nur zu People Like You gehen wollt beziehungsweise gegangen seid, weil die Broilers da sind und man da viel mehr Geld verdient.

David: Was für eine Scheiße ist das denn? Wer sagt denn so etwas? Das ist wirklich so eine infame Lüge und Verleumdung. Ich würde denjenigen echt gerne treffen und seinen Kopf durch diesen Tisch hauen.

Dennis: Das ist alleine deswegen schon totaler Blödsinn, weil das Album ja schon fertig war als wir zu People Like You gegangen sind. Wir haben „Intervention“ komplett alleine finanziert und wir stecken jeden müden Cent wieder in die Band. Es wäre natürlich bescheuert zu sagen, dass People Like You weniger Spielraum hätte als Uncle M oder so.

David: Das wollen wir ja auch. Wir wollen, dass mehr für die Band geschieht. Aber wir kriegen einen Scheiß! Wir sind eine scheiß Punk-Band, wir kriegen doch kein Geld. Wer glaubt, dass 2016 eine kleine Punk-Band Geld verdient, der lebt auf dem fucking Mars.

Dennis: Es ist aber witzig, das zu hören. Das wird einem ja sonst vorgeworfen, wenn man zu einem Major-Label geht und nicht zu People Like You. Slime und ZSK sind ja auch keine sell-out-Bands. Marathonmann sind seit der ersten Platte da, sind die deswegen seit dem ersten Moment eine sell-out-Band? Man muss auch bedenken, dass es heute in Deutschland nicht mehr so viele Punk-Labels gibt. Und natürlich gehen wir dann nicht zu Label XY, sondern zu einem, was größer ist. Alles Andere wäre dann ja ein Rückschritt und absolut unlogisch.

Man muss aber auch gucken, wie man „sie machen es wegen des Geldes“ definiert. Machen wir es, weil es ein größeres Label ist und die mehr Möglichkeiten haben? – Dann ja! Dann machen wir es wegen des Geldes. Machen wir es wegen des Geldes, was in unsere Taschen fließt und von dem wir jedes Jahr vier Wochen auf Ibiza abhängen? Nein! Das Geld hätte ich aber gerne.

Apropos Urlaub. Wart ihr wirklich „nur“ wegen des Videos zu „Intervention“ in Portugal?

David: Ja, tatsächlich (lacht). Aber bis jetzt hatten wir jedes beschissene Video im Winter in der Kälte gedreht, was furchtbar war.

Dennis: Man darf das aber nicht überbewerten. Wir hatten halt für jedes Video ein gewisses Budget und zum zweiten war hier einfach so ein beschissenes Wetter. Naja, und wenn man böse ist, passiert in dem Video ja auch nichts. Wir laufen einfach nur durch Portugal.

David: Der Arbeitstitel war „KMPFSPRT looking at things“ (lacht). Es war aber günstiger als das Video davor, das muss man auch einmal sagen. Und während der anderthalb Tage hatten wir, obwohl es in dem Video zum Glück nicht so aussieht, auch echt Arbeit. Manche Dinge mussten wir echt oft machen. Zum Beispiel einen Berg hinaufsteigen – eine Szene, die nicht im Video gelandet ist.

„2014 24/7“ würde ich als einen der poppigsten Songs des Albums noch ansprechen wollen.

David: Der Text stammt von unserem Schlagzeuger, Nico, der sehr stark in der Arbeitswelt eingespannt war. Er hatte einen richtig krassen Job mit Geld und allem Drum und Dran – er war quasi erwachsen (lacht). Er hat dann aber irgendwann bemerkt, dass ihn dieses Leben, das er führt, nicht glücklich macht. Und als Max bei uns aufgehört hat, hat Nico die Chance ergriffen, seinen Job gekündigt und ist bei uns eingestiegen. Er wollte das tun, was er liebt, und nicht das, bei dem er denkt, dass er es tun muss. Jetzt spielt er mit Mitte 30 wieder in einer Punk-Band. Nico war jemand, der tatsächlich Geld hatte. Und er hat aufgehört, Geld zu haben, nur um bei KMPFSPRT zu spielen.

Dennis: Wenn es uns ums Geld ginge, hätte Nico seinen alten Job weitergemacht.

„Lichter“ ist ebenfalls absolut poppig – und meiner Meinung nach echt nicht KMPFSPRT.

Dennis: Dann ist „Atheist“ aber auch nicht KMPFSPRT. Dass du so denkst, liegt aber bestimmt an der Produktion. Wenn „Atheist“ so wie die neue Platte produziert wäre, dann würden die beiden Songs sich wenig nehmen, weil „Atheist“ auch einfach ein Pop-Song ist. Deswegen ist es auch eigentlich nichts Neues – es klingt nur in dem neuen Gewand anders. Die ganze Platte ist durchaus wesentlich aufgeräumter produziert, was genau diesen Effekt erzeugt.

„Jugend Mutiert“ ist auch irgendwie glatt, aber eben laut. Tatsächlich auch einfach zu laut, da ist alles am Anschlag. Auf der neuen Platte ist wesentlich mehr Dynamik drin und das macht, glaube ich, viel aus. Die Produktion macht viel davon abhängig, ob man eine Platte mag oder nicht. Ich kann dein Problem mit der Platte echt total nachvollziehen, weil es mir manchmal ganz genauso geht. Live ist das dann aber natürlich nochmal alles etwas anders. Die Songs gewinnen dadurch ja viel.

Habt ihr zum Schluss noch etwas, was ihr immer schon mal sagen wolltet?

Dennis: Wir machen das alles nur für’s Geld!

Unser Review zu „Intervention“ findet ihr hier: www.stageload.org/reviews/kmpfsprt-intervention

Einen Bericht mitsamt Bildergalerie von der Record Release-Show findet ihr hier: www.stageload.org/berichte/kmpfsprt-lyvten-05-05-yuca-koeln-mit-bildergalerie

Autor Leonie Wiethaup
Wohnort Nähe Münster
Beruf PR-Assistenz
Dabei seit Februar 2015
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, News, Gewinnspiele
Top-Alben Apologies, I Have None - London; The Wonder Years - No Closer To Heaven; Cold Reading - Sojourner; Shoreline - You Used To Be A Safe Place; Twoonacouch - And I Left
Die besten Konzerterlebnisse Jimmy Eat World @ Skaters Palace, Münster, Frank Carter & The Rattlesnakes @ Dour Festival, The M-Pire Strikes Back-Festival 2016

Hinterlasse einen Kommentar