Interview mit KMPFSPRT

Interview mit KMPFSPRT

Das dritte Album, der dritte Schlagzeuger – falls sich eine – wenn auch unfreiwillige – Kontinuität bei der Kölner Punkrock-Band KMPFSPRT zeigt, dann wohl diese. Im Interview berichtet Gitarrist und Sänger David Schumann (rechts im Bild) unter anderem von dem Gefühl, sich jedes Mal wieder aufraffen zu müssen und nichtsdestotrotz weiterzumachen und von seiner Erfahrung, nur auf die Hautfarbe reduziert zu werden.

Es scheint schon Tradition zu sein, dass ihr bei jedem Album einen neuen Drummer habt. Ist es nicht unfassbar demotivierend, sich jedes Mal ein neues Mitglied suchen zu müssen, bevor es weitergehen kann?

Ja, das ist total furchtbar, es ist schrecklich. Wenn jemand sagt, dass er aufhört, steht man schon vor dem Scherbenhaufen seiner Existenz. Man weiß nicht, ob man jemand Neues findet, der gut zur Band passt und das auch musikalisch drauf hat. Das ist jedes Mal eine Katastrophe und „demotivierend“ beschreibt es eigentlich ganz gut.

Es fühlt sich ein bisschen so an, als würde einem der Boden unter den Füßen weggezogen werden, man steht vor dem gefühlten Nichts. Weil wir aber selber so motiviert sind und so viel Spaß daran haben, gab es für uns nie die Option, dass wir ebenfalls aufhören. Nach dem ersten Schock haben wir uns immer den Mund abgewischt und weitergemacht. Wir haben gesucht und jedes Mal jemanden gefunden. Wir haben das große Glück, dass in unserem Freundeskreis viele Leute Musik machen. Als Max aufgehört hat, haben wir mit Nico direkt jemanden gefunden und als Nico aufgehört hat, haben wir mit Plotzki direkt jemanden gefunden – wobei Nico und Plotzki auch schon früher Aushilfsschlagzeuger bei uns waren, wenn Max mal nicht konnte. Die beiden Lösungen lagen also recht nahe.

Weil sie längere Zeit keine Musik mehr gemacht haben und arbeiten, ist es auch für sie selber krass. Ihnen muss bewusst sein, dass sie verdammt viel Zeit für Musik und die Band aufbringen müssen. Zum Glück war es immer okay und es ging jedes Mal weiter. Ich hoffe, dass wir jetzt mit Plotzki mehr als nur ein Album machen können (lacht).

Habt ihr vorher schon mal mit ihm in einer Band gespielt? Also außer die Konzerte, bei denen er bei euch Aushilfsschlagzeuger war?

Er war der Schlagzeuger von Fire In The Attic, der alten Band von Richard und Dennis. Im Prinzip sind wir jetzt Fire In The Attic plus ich (lacht). Es ist aber schon ungefähr zehn Jahre her, dass sie zusammen in einer Band gespielt hat und weil sie dort einen anderen Sänger hatten und komplett andere Musik gemacht haben, kann man das nicht vergleichen. Dennis und Richard wussten dadurch aber trotzdem schon, wen wir mit Plotzki bekommen. Dass er ein sehr guter Schlagzeuger ist. Jemand, der gut mitmacht und mitarbeitet. Jemand, der sich in den Dienst der Truppe stellt, obwohl es manchmal nervig ist und man keine Lust hat, an einem Sonntag verkatert in den Proberaum zu fahren. Auf Plotzki kann man sich verlassen.

Nico hat Max mal als „Frickler“ bezeichnet und sich selbst als „hau-drauf-Schlagzeuger“. Kann es sein, dass Plotzki nun eine Art Zwischending ist?

Max ist ein Frickler, das stimmt. Er hat Musik und Schlagzeug studiert und ist wahrscheinlich einer der besten Schlagzeuger, die im deutschen Punk-/Hardcore-Bereich existieren. Nico und Plotzki kommen weniger von der klassischen Frickelei, als von Groove, Punk und Draufhauen – was natürlich nicht heißen soll, dass sie schlechtere Schlagzeuger sind, auf keinen Fall! Sie sind nur weniger fricklig, sondern gradliniger und grooveorientierter, was den Songs aber gut tut.

Auch aufgrund der Produktion war der Unterschied zwischen „Jugend mutiert“ und „Intervention“ riesig. Die Entwicklung von „Intervention“ zu „Gaijin“ wirkt auf mich dagegen sehr fließend. Meinst du, das kann neben einem ähnlichen Schlagzeuger auch daran liegen, dass ihr im selben Studio aufgenommen habt?

Ich glaube, das liegt tatsächlich an dem Studio und der Produktion. Wir haben beide Alben mit Sebastian Blaschke im Gottesweg Studio aufgenommen. Die Songs sind aber sehr unterschiedlich, „Gaijin“ ist sehr viel härter und geht wieder mehr in die „Jugend mutiert“-Richtung. Aber weil es dieselbe Produktion ist, klingen die beiden Alben trotzdem wie aus einem Guss. Ich denke, wenn „Jugend mutiert“ auch dort aufgenommen worden wäre, würde es ähnlich klingen.

Würdest du „Gaijin“ als eine Momentaufnahme bezeichnen?

Weil du keine Songs in einen luftleeren Raum schreibst, sondern in der Welt, in der du existierst, ist jedes Album eine Momentaufnahme. Die Welt hat Einfluss auf dich und du spiegelst das in deinen Songs wider. Bei „Gaijin“ ist es sogar ziemlich extrem, weil die Welt, in der wir leben in den letzten zwei, drei Jahren immer weiter nach rechts gerückt, immer schlimmer und immer unerträglicher geworden ist. Auf uns rollt gerade eine riesige rechte Welle zu, von der ich denke, dass wir sie unbedingt aufhalten müssen – das war auch eines der Dinge, die beim Schreiben der Songs für „Gaijin“ immer im Hinterkopf waren.

„Gaijin“ ist nun wahrscheinlich das Produkt einer Welt, die man nicht mehr versteht und von der man kein Teil mehr sein will, wenn überall nur noch Hass und Ignoranz und Dummheit herrschen. Für mich ist es eine Momentaufnahme von den Dingen, die im Moment gerade falsch laufen. Und ein Album, das diejenigen feiert, die dagegen aufstehen und sagen, „wir lassen uns nicht spalten, wir sind Freunde, keine Gegner, lasst uns zusammen solidarisch sein“.

Nicht nur wegen des Albumtitels, sondern auch aufgrund der textlichen Inhalte hat mich „Gaijin“ immer wieder an dein Buch „Tokyo Diaries“ erinnert, in dem du unter anderem beschrieben hast, wie du dich in Japan nicht immer wohlgefühlt hast, weil viele oftmals nur den Ausländer in dir gesehen haben, oder dass die Gesellschaft sehr oberflächlich denkt. Ich hatte das Gefühl, dass ihr diese Erfahrung nun auch auf Deutschland, Europa und die USA projiziert.

Da ist was dran. Und es ist natürlich auch kein Zufall, dass der Albumtitel mit „Gaijin“ ein japanischer ist. In Japan habe ich die Erfahrung gemacht, wie es ist, Ausländer zu sein. Die meisten Leute hier in der Punk-Szene haben diese Erfahrung nie gemacht – zumindest optisch bist du in Deutschland der gesellschaftliche Mainstream. Wenn du auf einmal in einem anderen Land lebst, auf einem anderen Kontinent, wo die Menschen anders aussehen als du und du nur wegen deiner Hautfarbe immer auffällst, merkst du, was es bedeutet, nicht dazuzugehören. Egal, wie sehr du dich bemühst. Es ist eine ziemlich ärgerliche und sehr prägende Erfahrung, dass Leute es nicht schaffen, einfach nur den Menschen zu sehen und immer auf Sachen wie die Hautfarbe gucken. Die ganze Welt spaltet sich auf. Die Menschen leben immer mehr gegeneinander und immer weniger miteinander – dabei sind wir doch alle Gaijin. Wir sind alle Außenseiter, wir sind alle Ausländer.

Habt ihr trotz deiner eigenen Erfahrungen auch beispielsweise mit Geflüchteten gesprochen, wie sie hier aufgenommen wurden beziehungsweise aufgenommen werden?

In Köln habe ich mal mit ein paar Jungs aus Eritrea geredet, die in der Nähe vom Stereo Wonderland, wo ich manchmal auflege, in einem Geflüchtetenheim wohnen. Ihr Englisch war nicht so gut, deswegen konnte man leider nicht so tief ins Gespräch gehen, aber sie waren eigentlich sehr froh und dankbar, hier zu sein und nicht mehr verfolgt zu werden. Es war ihnen so wichtig, in Sicherheit zu sein, dass sie noch gar keinen Gedanken daran verschwendet hatten, diskriminiert zu werden.

In manchen Songs beschreibt ihr das Desinteresse und den Egoismus der Gesellschaft; dass Aufmerksamkeit und der Aufmerksamkeit Willen gewollt und angestrebt wird. Nehmt ihr euch dabei komplett raus?

Nein, das kann man auch nicht. Es ist aber schon so, dass die Welt in Flammen steht, unsere Generation sich aber nur für ein schönes Selfie bei Instagram interessiert. Das heißt natürlich nicht, dass man zu hundert Prozent und jeden Tag politische Arbeit verrichten muss – jeder lebt auch sein Leben und man kann auch egoistisch sein und Spaß haben. Uns geht es aber um die generelle Haltung. Dass wir gerade an einem Scheideweg stehen und gucken, wo wir hin wollen. Wo wollen wir hin als Gesellschaft? Wo wollen wir hin als Menschen? Wo wollen wir hin als Welt? Ich finde, dass man gerade jetzt mit den vielen Rechten überall, eigentlich mehr Stellung beziehen müsste. Dass Leute, die bis jetzt eher unpolitisch waren, viel mehr ihre Meinung sagen und sich um die Welt kümmern müssten. Menschen ertrinken im Mittelmeer, sterben in der Wüste auf der Flucht. Überall sind Kriege, es werden Bomben auf Kinder geworfen – und die Leute ziehen sich eine Line und dancen im Club auf irgendeine Elektro-Musik. Ich kann das nicht verstehen. Ich wünschte, die Welt wäre sehr viel wütender und es würde einen viel größeren Aufschrei geben. Ich denke, wenn man zusammen auf die Straße geht, dann kann man solche Dinge wirklich beenden – Kriege, Hunger, was auch immer. Ich ärgere mich über diese Generation, die so krass um sich selbst kreist und so desinteressiert und unpolitisch ist.

Wir sind aber keine Lehrer und wollen den Leuten nicht sagen, was sie tun müssen. Wir können nur unsere Sicht der Dinge schildern. Wir sind ja auch nicht 24/7 angepisst, wir haben auch Spaß und feiern gerne (lacht). Wir hängen mit unseren Freunden und Freundinnen rum und haben eine gute Zeit – das darf man auch nicht vergessen. Wir sind außerdem einfach nur eine Punk-Band. Wir bemühen uns mehr ums Miteinander, als ums Gegeneinander. Ich habe keinen Bock, die ganze Zeit mit Fingern auf Leute zu zeigen und zu sagen „du musst mehr machen und du machst dies und das falsch“. Ich denke, wir können Dinge nur positiv vorleben – und vielleicht inspiriert man damit ja jemanden.

Foto: Michael Winkler

Autor Leonie Wiethaup
Wohnort Nähe Münster
Beruf PR-Assistenz
Dabei seit Februar 2015
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, News, Gewinnspiele
Top-Alben Apologies, I Have None - London; The Wonder Years - No Closer To Heaven; Cold Reading - Sojourner; Shoreline - You Used To Be A Safe Place; Twoonacouch - And I Left
Die besten Konzerterlebnisse Jimmy Eat World @ Skaters Palace, Münster, Frank Carter & The Rattlesnakes @ Dour Festival, The M-Pire Strikes Back-Festival 2016

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