Interview mit La Dispute

Interview mit La Dispute

Die Band gebe nicht gerne Interviews heißt es im Vorfeld. Da freut sich der Interviewer natürlich erst einmal, bietet sich ihm da offensichtlich eine rare Gelegenheit. Irgendwann fragt er sich aber: Warum eigentlich? Langweilen sie bloß die ewig gleichen Fragen zu Tode? Oder hat da womöglich jemand was gegen Journalisten? Immerhin die anbahnende Angst entpuppt sich schnell als unbegründet: Sänger Jordan Dreyer ist freundlich, gar zuvorkommend. Des Rätsels Lösung lässt aber nicht lange auf sich Warten. Sprühen seine Texte geradezu vor Originalität, ist der Redner Dreyer ziemlich wortkarg. Sein neuer Seemannsbart täuscht nicht darüber hinweg: Hier sitzt ein schüchterner Literat, der am liebsten seine Lyrics für sich sprechen lässt. Also am besten auf seinem Terrain beginnen um dieser Ausnahmeband La Dispute auf die Schliche zu kommen!

Stageload: Fangen wir mal etwas unorthodox an und zwar mit dem ersten Gedanken, der mir kam, als ich „Rooms Of The House“ hörte: Du hast ein Faible für Kurzgeschichten oder?
Jordan: (lacht) Ohja! Ich liebe Kurzgeschichten.

Stageload: Dacht’ ich’s mir doch. Haben dich Kurzgeschichten auch zum oder beim Schreiben von „Rooms Of The House“ inspiriert?
Jordan: Ob mich diesmal Kurzgeschichten inspiriert haben? Eher nicht, viel stärker war es bei unserem letzten Album. Auf „Wildlife“ sollte jeder Song eine eigene Kurzgeschichte erzählen. Auf „Rooms Of The House“ ist es mehr eine durchgängige Erzählung von Anfang bis zum Ende. Aber ich glaube schon, dass man sie durchaus auch als einzelne kleine Geschichten über ein fiktives Ehepaar begreifen kann.

Stageload: Du singst diesmal fast ausschließlich über ziemlich banale, alltägliche Dinge, hinter denen sich am Ende aber dann doch eine tiefgreifende Botschaft zu verbergen scheint. Ganz besonders fällt das bei „Objects In Space“ auf. Was ist die Message gerade dieses Songs?
Jordan: Ich bin mir gar nicht sicher ob er eine spezifische Message hat. Das ganze Album ist eine Abfolge von Geschichten, die sich zu einem großen Bild zusammenfügen. Daher habe ich es erst gar nicht versucht in einzelnen Songs besondere Statements abzugeben. Das Ziel war es, verschiedene Szenen einer Beziehung aufzugreifen und daraus eine große Story zu machen. Wenn man jetzt „Objects In Space“ einzeln betrachtet, würde ich sagen er handelt vielleicht davon, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Aber solche Gedanken waren für mich während des Schreibens nie ein Thema. Ich wollte einfach eine fesselnde Erzählung erschaffen!

Stageload: Was hat euch überhaupt dazu bewogen diesen großen Schritt vom hochdramatischen Geschehen auf „Wildlife“ zum eher normalen, unspektakulären auf „Rooms Of The House“ zu wagen?
Jordan: Hauptsächlich die Tatsache, dass wir das Gegenteil eben auf „Wildlife“ gemacht hatten. Diese ganzen tragischen Ereignisse, das Album war ziemlich harte Kost. Aber das Feld hatten wir damit abgearbeitet. Danach wollte ich mich wieder neu herausfordern und eben versuchen über alltäglichere, unscheinbarere Tragödien ebenfalls zu schreiben.

Stageload: Euch gefallen grundsätzlich völlig neue Herausforderungen oder? Viele andere Hardcore-Bands schreiben ja Album für Album über dieselben menschlichen Abgründe und fahren damit auch nicht zwangsläufig schlecht.
Jordan: Andere Bands, andere Ansätze, das ist doch wunderbar so. Für uns ist es immer schon wichtig gewesen von Projekt zu Projekt zu denken. Mit neuen Prozessen beginnen und am Ende sehen in welche Richtung es geht. Mit „Rooms Of The House“ wollten wir etwas für uns komplett Neues ausprobieren: Die Musik auf’s Allernotwendigste reduzieren und dabei extrem präzise zu Werke gehen. Ich glaube gerade das hat das Album zu dem gemacht was es letztendlich geworden ist.

Stageload: Falls du schon an das nächste Album denkst: Können wir eine ähnliche Richtung erwarten?
Jordan: Keine Ahnung! Wenn die Ideen entstehen, werden wir mit der Zeit kreativ, aber wirklich Planen tun wir ein Album nie. Das entwickelt sich ganz natürlich.

Stageload: Ihr seid ja jetzt schon eine Weile auf Tour. Wie kamen die neuen Songs denn so live an, insbesondere die ruhigen?
Jordan: Super! Gerade die kamen sogar mit am besten an. Das Feedback war bislang wirklich überragend.

Stageload: Tatsächlich?
Jordan: Ja, tatsächlich. Es ist immer interessant zu sehen wie sich Songs auf die Bühne übersetzen lassen. Alle Songs haben ihren Platz auf den Alben und gleichsam auch im Set. Wie die Leute gerade auf die weniger aggressiven Songs reagieren ist richtig cool.

Stageload: Ihr habt „Rooms Of The House“ in einer einsamen Hütte in North Michigan aufgenommen. Was war es, dass euch da hin verschlagen hat?
Jordan: Zunächst einmal war das ein Ding der Notwendigkeit. Wir wohnen normalerweise an völlig unterschiedlichen Orten. Einer von uns ist verheiratet und lebt mit seiner Frau in Australien, der andere zweieinhalb Stunden von unserer Heimatstadt entfernt, wo ich wohne und der nächste ist mittlerweile in Boston zu Hause. Wir sind komplett verstreut, also mussten wir uns für das Album an einem Ort zusammenrotten, da wir uns so nicht einfach jeden Dienstag zur Probe treffen können. Andererseits wollten wir so etwas aber ohnehin immer schon mal versuchen. Komplett isoliert zu sein und sich nur auf die Musik zu konzentrieren. Jetzt haben wir es eben mal gemacht, weil wir es mussten.

Stageload: Warum habt ihr eigentlich euer altes Label „No Sleep Records“ verlassen?
Ach, nur für neue Möglichkeiten. Wir stehen den Leuten da immer noch sehr nahe, aber wir wollten einfach mal etwas anderes machen, eben unser eigenes Label haben. Als sich dann die Möglichkeit dazu ergeben hat, erschien es uns als der beste Schritt.

Stageload: Hattet ihr also auch Angebote von anderen Labels?
Ja, die gab es. Das war schon komisch, weil völlig neu für uns. Am Ende haben wir uns aber für die Konstellation entschieden, die uns die meiste Kontrolle bietet.

Stageload: Was habt ihr mit eurem Label „Better Living“ denn in Zukunft so vor?
Jordan: Wir haben über Lyrik geredet, Platten von befreundeten Künstlern, Kunstbände; eigentlich alles was sich irgendwie machen lässt.

Stageload: Lesen wir also bald auch Bücher von dir?
Jordan: Naja, erstmal muss ich die ja schreiben (lacht)!

Stageload: Kurz vor Tourstart ist einer eurer Gitarristen, Kevin, ausgestiegen um stattdessen fortan auf eine Gitarrenbauer-Schule zu gehen. Wie ist es so zum ersten Mal ohne ihn unterwegs zu sein?
Jordan: Super seltsam! Es ist als fehle einem ein Familienmitglied. Kevin war so lange mit uns unterwegs, da dauert es eine Weile bis man sich an sein Fehlen gewöhnt. Aber wir haben mit Corey einen guten Freund von uns als neuen Gitarristen gewinnen können. Da ist es einerseits immer noch blöd, dass Kevin nicht mehr dabei ist, andererseits ist es aber auch cool, Corey jetzt hier zu haben. Auf jeden Fall ist es eine deutlich spürbare Veränderung.

Stageload: Wie ist seine Entscheidung gereift, die Band letztlich zu verlassen?
Jordan: Ich weiß nicht, er ist wohl an einem bestimmten Punkt angelangt, wo es für ihn feststand. Weißt du, manchmal ist es nicht gerade einfach lange weg von zu Hause zu sein. Völlig ohne Anker, jeden Tag an einem neuen Ort. Kevin hat einfach erkannt, dass er andere Zukunftspläne hat und beschlossen diese zu verfolgen. Das ist eine Entscheidung, die man zu respektieren hat! Wir sind absolut happy für ihn und wünschen ihm nur das Allerbeste. Er ist immer noch ein Bruder für uns, aber er wollte jetzt eben zu dieser Schule gehen und das nächste Kapitel seines Lebens aufschlagen.

Stageload: Hattet ihr keine Chance ihn noch mal umzustimmen?
Jordan: Wir haben’s versucht (lacht)! Aber am Ende ist es seine Entscheidung, nicht unsere und es ist sein Leben. Wir können nur jederzeit hinter ihm stehen und ihn unterstützen so gut es geht.

Stageload: Jetzt seid ihr wieder in Deutschland und ich weiß nicht, ob ihr es damals mitbekommen habt, aber ein Musikmagazin, das Visions, hat euch zum Release von „Wildlife“ als „Zukunft des Hardcores“ gepriesen…
Jordan: Ich erinnere mich (lacht).

Stagleoad: Wie war das für euch?
Jordan: Naja, wir haben das ja nie behauptet, das waren die Leute vom Visions. Über alles was in der Presse geschrieben wird, haben wir keine Kontrolle, da können Vorhersagen getroffen werden wie es beliebt. So was ist natürlich schon ein kühnes Statement und natürlich hat es uns auch ziemlich geschmeichelt, so etwas über uns zu lesen. Eigentlich freuen wir uns über alles was geschrieben wird. Aber wir sehen uns nicht als „Bewegung“ oder so, daran verschwenden wir keinen Gedanken. Wir versuchen einfach nur unsere Musik zu machen. So gut wie möglich.

Stageload: Nachdem im Visions „Wildlife“ mit dabei gewesen ist, wurde auf dieselbe Weise auch das neue Title Fight und Touche Amore-Abum supportet. Dieser verstärkte Fokus auf Punk/Hardcore hat ein bisschen mit euch angefangen!
Jordan: Eine tolle Sache! Übrigens wollten wir zuerst ablehnen, als das Visions wegen „Wildlife“ auf uns zukam. Für uns war es da glaube ich erst einmal wichtig zu verstehen wie die Leute beim Visions eigentlich ticken und was sie damals zu dieser Idee bewegte. Sie waren von Beginn aber immer wahnsinnig nett zu uns!

Stageload: Touche Amore sind ja auch gerade in Europa auf Tour. Plant ihr euch irgendwo noch zu treffen?
Jordan: Leider nicht. Unsere Wege haben sich glücklicherweise aber gerade gestern noch gekreuzt. Die Jungs sind einige unserer ältesten und besten Freunde überhaupt, da ist jede Gelegenheit sich zu treffen sehr gerne gesehen. Leider war’s für diese Tour eine einmalige Sache.

Stageload: Wenn du dir jetzt die Location hier anschaust, all die Shows die hinter euch liegen, die Labels, die euch signen wollten: Hast du dir jemals vorstellen können, dass ihr mal so gefragt sein würdet?
Jordan: Ich hätte mir niemals träumen lassen, mal die Gelegenheit zu haben nach Deutschland zu kommen und hier aufzutreten. Alles was mit dieser Band vom ersten Tag an geschehen ist, ist eine einzige, wunderbare Überraschung. Wir machen schlichtweg was wir lieben und uns ungemein wichtig ist. Dass wir damit durch die Welt reisen können ist ein Riesen-Bonus. Es gab noch keinen einzigen Moment auf Tour, an dem ich nicht völlig überwältigt war von dem was rund um mich herum geschieht.

Unser Review zum neuen Album, „Rooms Of The House”, findet ihr hier: www.stageload.org/reviews/la-dispute-rooms-of-the-house

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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