Interview mit La Dispute

Interview mit La Dispute

Warum sich Jordan Dreyer lieber „dramatic speaker“ als Sänger nennt, wie ihn seine Partnerin unterstützt und weshalb La Dispute ihr eigenes Label auf Eis gelegt haben.

All die Kreuze am Straßenrand, die Blumen und Fotos jener, die tragisch verunglückt sind – sie haben einen nachdrücklichen Eindruck auf Jordan Dreyer gemacht. Nicht nur einmal fährt er auf dem aktuellen La Dispute-Album gedanklich die „Fulton Street“ ab. Vor der vorletzten Show auf der Europa-Tour im Wiesbadener Schlachthof sind derlei düstere Grübeleien aber weit weg: Ein lockerer Dreyer sitzt da im Klappstuhl vor dem Nightline. Einer, der sich langsam, aber sicher wohl fühlt in seiner Rolle – bei aller Bescheidenheit, natürlich.

Die Veranstalter hier in Wiesbaden haben euch in etwa so angekündigt: Eine verwunschene Reise zu Orten, an denen Leute auf verschiedene Art zu Tode gekommen sind. Was hältst du davon? 

Das ist wohl keine ganz unzutreffende Beschreibung.Unsere Musik handelt ja seit je her von ziemlich dunklen Themen und auch der Tod ist ein immer wiederkehrendes Motiv. Aber so klingt es schon sehr grausam. Natürlich geht es bei uns oft um emotional sehr aufwühlende und oft tragische Ereignisse, doch ich glaube, auch dann können Shows fröhlich oder sogar kathartisch sein.

Nach „Rooms Of The House“ bist du auf „Panorama“ zu deinem alten, persönlichen Stil zurückgekehrt und hast über alltägliche Erlebnisse und Beobachtungen geschrieben. Wie kam’s zu der Kehrtwende?

Auf „Rooms Of The House“ wollte ich komplett aus einer fiktionalen Perspektive schreiben. Und als wir dann anfingen an  „Panorama“ zu arbeiten, habe ich versucht den Stil beizubehalten, aber recht schnell festgestellt, dass er für dieses Projekt nicht passte. Um die Blockade zu lösen habe ich mich dann wieder auf meine alte Art zu schreiben besonnen und auf die Dinge fokussiert, die ich einfach am besten durchdringe – und das sind sind nun einmal alltägliche Begebenheiten, mit denen du permanent konfrontiert bist. Wenn du immer und immer wieder dasselbe tust und die selben Geschichten hörst, brennt sich all das in dein Unterbewusstsein ein.

Ist das einfacher für dich als komplett fiktive Geschichten zu schreiben? 

Schwer zu sagen. Ich habe so oft über Erlebnisse von anderen Menschen geschrieben und da besteht immer die Schwierigkeit, die Geschichte dieser Person auch richtig darzustellen. Wenn ich dagegen einen Song aus meiner Sicht schreibe, will ich natürlich auch ehrlich zu mir sein und den Personen, die darin vorkommen . Da müssen die Details stimmen.

Von einem fiktionalen Standpunkt hat man da weniger Druck. Du kannst dich mehr auf die Entwicklung der Charaktere konzentrieren, ohne dass es irgendwelche Folgen haben könnte, falls du am Ende etwas falsch dargestellt hast, weil ja ohnehin alles erfunden ist.

Bekommst du auch manchmal Feedback von den Leuten aus deinen Songs? 

Manchmal, ja. Immerhin war dieses Mal auch sehr klar, dass ich in den Songs über mich und meine Gedanken und Erlebnisse schreiben werde. Daher habe ich versucht gegenüber den Leuten, die in den Stücken vorkommen, transparent zu sein – insbesondere gegenüber meiner Partnerin. Sie hat mich sehr bestärkt, so zu schreiben und ich glaube, dafür braucht es einiges an Mut, das ist nicht selbstverständlich. Bei der Entstehung von „Panorama“ war sie generell sehr beteiligt.

Habt ihr schon einmal überlegt, zusammen zu schreiben? 

Ich schätze ihren Input mehr als den von allen anderen um mich herum. Auf eine gewisse Weise ist sie präsent in allem, was ich schreibe. Aber ich habe bislang noch nicht wirklich darüber nachgedacht, dass wir tatsächlich zusammen schreiben könnten. Ich frage sie natürlich um Rat, wenn ich nicht weiterkomme und sie hilft mir sehr – auch weil sie sehr ehrlich ist. Sie redet nicht um den heißen Brei herum. Wenn ich sie frage, ob etwas mies ist, sagt sie mir sehr deutlich, ja, das ist Mist.

Du hast im Interview mit dem „Rolling Stone“ gesagt, dass du dich nicht als Sänger siehst. Was bist du denn dann? 

Ich arrangiere mich mit diesem Titel, aber ich fühle mich immer unwohl mit jeder Art von Kategorisierung. Ich tue mich schwer, mich selbst als Autor zu bezeichnen, da ich mich dann unweigerlich mit Menschen vergleichen würde, die ich bewundere und die mich sehr beeinflusst haben. Da ist es kompliziert für mich zu sagen, ja, ich bin ein Autor, weil ich das Gefühl habe, mich so in eine Reihe zu stellen, in die ich nicht gehöre. Mit dem Titel Sänger verhält es sich ähnlich. Zumindest habe ich mich mit der Idee angefreundet, über die Jahre eine gewisse musikalische Sensibilität erworben zu haben. Ich bin sicherlich ein Performer, ein Lyriker und stehe auch am Mikrofon, aber ich zögere, mich Sänger zu nennen. Ich singe ja auch nicht gerade oft, ich flirte hier und da mit der Melodie, aber öfter spreche ich sozusagen auf eine aggressiv-lebhafte Art. Ich bin also ein „dramatic speaker“  (lacht).

Ihr habt drei recht aufwendig animierte Videos zu Songs aus „Panorama“ veröffentlicht. Wie sind diese entstanden? 

Wir haben uns schon sehr früh entschieden, dass wir dieses Mal Künstler von außen ins Boot holen wollen. Auch für das Album-Artwork, worum sich bei den letzten Platten Adam (Anmerkung der Redaktion: Bassist Adam Vass) gekümmert hat. Unser Ziel war es, mehr kollaborativ zu arbeiten und Künstler einzubinden, die wir einerseits für ihre Arbeit und als Personen schätzen und die anderseits unterrepräsentierten gesellschaftlichen Gruppen angehören. Also haben wir uns nach weiblichen, LGBTQ und dunkelhäutigen Künstlern umgeschaut. Dass wir verschiedenste Animationen in den Videos haben wollten, war auch im Vorfeld klar.

So kam der Ball ins Rollen und Adam sprach Sarah an (Anmerkung der Redaktion: Sarah Schmidt, verantwortlich für das Video zu „ROSE QUARTZ / FULTON STREET I“). Wie wir Daisy getroffen haben, weiß ich nicht mehr genau (Anm. der Redaktion: Daisy Fernandez, verantwortlich für das Video zu „FOOTSTEPS AT THE POND“), aber sie arbeitet in der Gaming-Branche, so war klar, dass sie einen anderen Stil hat, als Sarah.

Es war wirklich cool und eine Bestätigung als Künstler, den eigenen Song quasi wegzugeben und dann einfach zu sehen, was ein anderer aus deinem Werk macht. Wir haben ihnen völlig freie Hand gelassen und die verschiedenen Videos sind richtig stark geworden. Mehr werden es aber nicht. 

 

„Panorama“ war nun euer Epitaph-Debüt, nachdem „Rooms Of The House“ auf eurem eigenen Label (Better Living) erschienen ist. Warum habt ihr euch für den Schritt entschieden?

Epitaph ist ja einer der ganz großen Namen im Punk-Bereich und wir haben schon einmal Gespräche mit ihnen geführt, als wir an „Rooms Of The House“ arbeiteten, uns dann aber letztlich für einen anderen Weg entschieden – mehr oder weniger ein eigenes Label aufzubauen. Ich glaube, unsere Zurückhaltung hatte auch damit zu tun, Kontrolle an ein Label abgeben zu müssen. Mit „Better Living“ haben wir dann gelernt, wie viel Arbeit ein eigenes Label verschlingt. Auf eine gewisse Weise war das sehr erfüllend, aber wir mussten uns auch mit vielen Problemen herumschlagen, die wir nicht erwartet hatten.

Dieses Mal wollten wir uns komplett auf die Musik konzentrieren und einfach ein gutes Album machen. Als Epitaph da wieder auf uns zugekommen ist, haben wir relativ schnell gemerkt, dass das passt. Epitaph wollte uns einfach machen lassen und uns eben helfen, das Album zu promoten und dafür zu sorgen, dass es möglichst viele Leute hören. Sie sind da wirklich sehr offen gewesen, was ihre Rolle angeht.

Also lief es nach dem Motto, ihr macht nach Gutdünken die Musik und wir kümmern uns um den Rest? 

Genau. Epitaph kam zum Beispiel schon sehr früh auf uns zu und signalisierte uns, dass es kein Problem sei, wenn wir nicht wollten, dass „Panorama“ in einigen Ländern über ein Major-Label vertrieben wird – dann werde das eben nicht gemacht. Sowas von einem Label zu hören, das ja auch finanziell überleben muss, war schon sehr cool.

Wie steht es jetzt um Better Living, existiert euer Label noch? 

Es existiert, ja, irgendwo da draußen im Universum und es ist nicht ausgeschlossen, dass wir uns ihm irgendwann wieder widmen werden, aber aktuell haben wir einfach nicht die Mittel uns auf Labelarbeit zu konzentrieren. Ich glaube aber schon, dass es von Seiten Epitaph machbar wäre, mal eine 7″ über Better Living zu veröffentlichen. Geplant ist aktuell aber nichts Derartiges.

Also wollt ihr auch keine anderen Bands unter Vertrag nehmen? 

Nein, wir haben aktuell schlicht keine Zeit, die Band und unser Alltag binden uns zu sehr, sodass wir uns da wirklich reinhängen könnten. Wir haben da schon mal drüber gesprochen, aber das beinhaltet eben auch einiges an Arbeit. Und es ist obendrein gar nicht so einfach, wenn du fünf Leute hast und sich alle einbringen sollen. Jeder hat seine eigene Vorstellungen und Fähigkeiten auf gewissen Gebieten. Ich persönlich bin da nicht allzu versiert, sodass ich kein ebenbürtiger Partner war. Wenn wir die Mittel, die Zeit und einen ausgereiften Plan haben, kann ich mir aber schon vorstellen, dass wir uns dem Thema einmal richtig widmen. Für jetzt konzentrieren wir uns aber voll auf La Dispute.

Seit ihr mittlerweile eigentlich Vollzeit-Musiker? 

Mehr oder weniger, einige von uns arbeiten noch ein wenig nebenbei, wenn wir nicht auf Tour sind. Brad macht etwas Filmmusik (Anm. der Redaktion: Schlagzeuger Brad Vander Lugt) und Adam arbeitet als freischaffender Künstler. Aber die Band ist für uns alle die Hauptbeschäftigung.

Wann habt ihr dieses Level erreicht? 

Ungefähr mit „Rooms Of The House“, aber die Frage ist: welches Level? Wenn du als Musiker hauptsächlich von deiner Kunst leben willst, ist das immer ein Kampf. So ist momentan einfach die Lage. Wir leben alle recht bescheiden, aber vernünftiger wäre es natürlich mehrere Einkommensquellen zu haben. Ich würde sage, ungefähr 90 Prozent der Musiker stocken ihr Einkommen etwas auf, indem sie etwa noch in einer Bar, beziehungsweise an einem Venue arbeiten oder eben selbstständig sind.

Meine Partnerin und ich leben von Toureinnahmen und Studienkrediten seit sie an der Uni ist. Wir zahlen unsere Miete, aber wir planen nicht so sehr für die Zukunft, dass wir uns um unsere Altersvorsorge kümmern.

Also immer fleißig weiter touren.

Ja, so kommt das Geld rein und dann musst du sparen, weil du nicht das ganze Jahr touren kannst (lacht). Theoretisch ginge das natürlich, aber irgendwann würden die Leute sich wohl nicht mehr für uns interessieren.

Foto: Benjamin Fischer

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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