Interview mit Lygo

Interview mit Lygo

„Alles ist egal“ betonen Lygo auf ihrem neuen Album „Schwerkraft“ immer wieder – doch was sollte heute eigentlich nicht egal sein? Sänger und Bassist Jan Heidebrecht hat sich mit uns im Interview über ebendiese Frage unterhalten und außerdem verraten, warum Politik zum Punk, aber nicht ausschließlich Punk zur Politik gehört und „Schwerkraft“ nicht nur auf eine Weise der logische Nachfolger von „Sturzflug“ und „Misere“ ist.

Werdet ihr – falls das überhaupt jemals der Fall gewesen sein sollte – noch immer mit Heisskalt und der gemeinsamen Single „Leben wert“ in Verbindung gebracht, an der auch Lirr beteiligt waren?

Wir werden sogar oft auf Konzerten gebeten, den Song zu spielen, aber da das Instrumentale von Heisskalt kam und wir nur die Texte zusammen gemacht haben, können wir das Lied quasi gar nicht. Deswegen spielen wir es auch nicht live. Aber ja, darauf werden wir oft angesprochen. Ich glaube, das Feature hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Aber du nicht das Gefühl, dass euch viele als das ewige Heisskalt-Feature sehen, sondern schon als eigenständige Band?

Auf jeden Fall. Durch die Tour und das Feature sind Leute auf uns aufmerksam geworden, aber es war nie so, dass wir ausschließlich als Feature-Band gesehen wurden.

Lass uns über euer neues Album „Schwerkraft“ sprechen. Es ist eure erste Platte, die mich direkt beim ersten Durchlauf abgeholt hat – habt ihr etwas anders gemacht?

Eigentlich nicht. Wir sind beim Schreiben genauso vorgegangen wie schon bei den anderen Platten: Einer bringt Ideen mit und zusammen arbeiten wir die jeweiligen Songs aus. Wir hatten auch keine neue Vorgehensweise, haben also keine neuen Methoden ausprobiert. Vielleicht haben wir uns einfach mit der Zeit und den Releases weiterentwickelt.

Ihr habt erneut mit Nico Vetter aufgenommen. Ihr kennt euch inzwischen ziemlich gut – wirft er auch Ideen ein?

Genau, das ist unser Haus und Hof-Mischer, mit dem sind wir immer sehr zufrieden. Nachdem wir die Grundideen einigermaßen fertig hatten, haben wir Proberaumaufnahmen gemacht und sie Nico und Fabian Mohn, dem Gitarristen von Neufundland, geschickt, auch ein guter Freund von uns. Die haben daraufhin Anmerkungen gemacht, wie, dass wir einen Teil besser weglassen und dafür vielleicht einen anderen wiederholen sollten. Wir schätzen ihre Meinung sehr – gerade was das Musikalische angeht.

Wer schreibt bei euch eigentlich die Texte?

Bei „Schwerkraft“ war es wie bei „Sturzflug“: Simon und ich haben das etwa 50:50 aufgeteilt. Bei dem neuen Album ist es nun auch so, dass wir die Texte, die wir singen, auch selber geschrieben haben. Bei „Misere“ hat Simon den größten Teil der Texte geschrieben, jetzt ist es wieder ausgeglichen.

Habt ihr euch vorher zusammengesetzt und überlegt, von was das Album handeln soll, damit die Songs zueinander passen?

Ich würde es eher als Prozess bezeichnen. Wir haben angefangen, neue Lieder zu schreiben, neue Texte. Die Themen begegnen uns im Alltag, sie beschäftigen uns. Was wir vermeiden wollten, war, dass wir zwei Songs über dasselbe Thema schreiben, da haben wir uns abgesprochen. Wir haben uns aber kein großes Konzept bezüglich der Themen überlegt.

Am Ende haben wir uns natürlich Gedanken gemacht, wie es ein rundes Ding wird – zum Beispiel durch den Ablauf der Lieder. Die Songs kamen nacheinander zusammen; wir haben im zweiten Schritt geschaut, wie wir sie als Gesamtwerk vollenden können. Was den Bogen spannt, ist die Zeile „alles ist egal“, die auch zum Schluss mit der gleichen Melodie und in derselben Tonart in „Flughafen“ wieder auftaucht – das ist unser Rahmen und dazwischen werden die Geschichten erzählt.

Vor allem textlich wirkt das Album auf mich gleichermaßen wütend, traurig und frustriert – nicht nur, weil momentan sehr viele schlimme Dinge passieren, sondern auch wenig gute, über die man sich ehrlich freuen kann. Was meinst du dazu?

Wir verarbeiten mit dem Album und in den Texten viele persönliche und alltägliche Sachen, die uns beschäftigen. Wir sind keine explizit politische Band, die das große Weltgeschehen thematisiert, sondern eine, die im kleinen Rahmen aufzählt. In dem Lied „Gründe“ sprechen wir über die Dinge, die uns als Menschen bewegen und wütend machen. So versuchen wir, alles zu verarbeiten.

Da ich es bei euch durchaus schwierig finde, eure Musik in eine der sprichwörtlichen Schubladen zu stecken, bezeichne ich sie einfach als „irgendwas mit Punk“. Gehören Politik und Punk für dich zusammen?

Ich glaube, dass Politik mit vielen Sachen zusammengehört und man sie aus dem Alltäglichen auch nicht herausbekommt. Politik gehört in den Punk, aber theoretisch auch in andere Musikgenre. Es muss nicht explizit darüber gesungen werden, aber viele Künstler und Künstlerinnen positionieren sich klar und machen auf bestimmte Themen aufmerksam. Historisch gesehen ist das Politische natürlich immer im Punk gegenwärtig.

Du hast euch gerade als nicht „explizit politische Band“ bezeichnet hast, ihr aber mit „Gründe“ einen deutlich politischen Song auf „Schwerkraft“ habt: Ist es für dich eine Art „Pflicht“, sich heutzutage als Band politisch zu positionieren?

Ich würde es nicht als „Pflicht“ bezeichnen, aber ich denke, es ist eine gute Eigenschaft, wenn man es macht. Letztlich hat man einfach eine Vorbildfunktion. Wenn du als Band auf der Bühne stehst und eine Ansage gegen Sexismus, Rassismus und Homophobie machst, kommt das bei den Leuten auch an und kann im besten Fall noch was bewegen. Ich finde es wichtig, dass sich eine Band durch Social Media oder eben auch auf der Bühne äußert, wenn etwas passiert. Wenn man es in die Texte integrieren möchte, ist das genauso gut – ich höre mir immer sehr gern Bands an, die explizit politische Texte machen. „Gründe“ hat es nicht durch den „Zwang“, dass man ein politisches Lied auf der Platte hat, draufgeschafft, sondern ist der eigene Wunsch, es klar auszudrücken.

Bei dem Mitlesen der Texte habe ich mir nicht selten gedacht, dass ihr ein starkes Faible für Poesie haben müsst.

(lacht) Simon hat sich in der Zeit sehr viel mit anderer Literatur, Lyrik und Poesie beschäftigt. Wie wir es auch in „Flughafen“ beschreiben: Wir schreiben sehr gerne Geschichten über Gefühle. Wir möchten Gefühlslagen in einen Kontext bringen.

Manche schreiben Songs direkt, wenn etwas passiert, andere lassen alles sacken und schreiben erst sehr viel später darüber, wenn sie genau wissen, wie sie das Erlebte beschreiben wollen. Wie machst du das?

Ich schreibe Sachen, die ich erlebe, meistens erst einmal runter – in Textform oder nur mit irgendwelchen Stichwörtern. Nach einiger Zeit gehe ich den Text nochmal an und mache den tatsächlichen Songtext daraus. Das ist aber kein Prozess von zwei, drei Jahren, sondern dauert etwa einen Monat. Die Themen sind also immer aktuell.

Ist „Schwerkraft“ für dich der logische Nachfolger von „Sturzflug“?

Da es unser zweites Album ist, haben wir es an „Sturzflug“ angelehnt und auch das Schema der ein-Wort-Titel durchgezogen: „Sturzflug“, „Misere“, „Schwerkraft“. Man wird heruntergezogen.

Wenn man von so vielen Dingen nach unten gezogen wird, ist es dann schwierig, sich weiterhin zu motivieren, Musik zu machen?

Das nicht, weil die Musik als Ventil dient. Für meinen Teil ist es eher schwierig in Zeiten, in denen es mir gut geht, Texte zu schreiben. Ich habe nicht das Bedürfnis darüber zu schreiben, wenn es mir gut geht – dafür gibt es andere Musikrichtungen. Ich schreibe, wenn es mir schlecht geht, und kann vieles dadurch besser verarbeiten.

Wenn ihr schon betont „alles ist egal“ – was sollte nicht egal sein?

Zwischenmenschlichkeit sollte nicht egal sein, das Leben miteinander – mit Freunden wie mit Fremden. Man sollte respektvoll miteinander umgehen. In der heutigen Zeit scheint das vielen egal zu sein.

Außerdem dürfen wir euch die Herbsttour von Lygo präsentieren:
12.10. – Oberhausen – Druckluft
13.10. – Münster – Gleis 22
14.10. – Hamburg – Hafenklang
16.10. – Bremen – Tower
17.10. – Hannover – Mephisto / Faust
18.10. – Stuttgart – Juha West
19.10. – Nürnberg – Club Stereo
20.10. – Trier – Ex Haus
21.10. – Wiesbaden – Kesselhaus / Schlachthof
23.10. – Ulm – Club Schilli
24.10. – München – Sunny Red
25.10. – Dresden – Chemiefabrik
26.10. – Berlin – Badehaus
27.10. – Halle – Reil78
28.10. – Köln – Artheater
Tickets gibt es hier.
Foto: Sebastian Igel
Autor Leonie Wiethaup
Wohnort Nähe Münster
Beruf PR-Assistenz
Dabei seit Februar 2015
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, News, Gewinnspiele
Top-Alben Apologies, I Have None - London; The Wonder Years - No Closer To Heaven; Cold Reading - Sojourner; Shoreline - You Used To Be A Safe Place; Twoonacouch - And I Left
Die besten Konzerterlebnisse Jimmy Eat World @ Skaters Palace, Münster, Frank Carter & The Rattlesnakes @ Dour Festival, The M-Pire Strikes Back-Festival 2016

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