Interview mit Muncie Girls

Interview mit Muncie Girls

Soll das Vereinte Königreich ein Mitglied der Europäischen Union bleiben – kaum etwas beschäftigt die britische Insel in den letzten Monaten mehr und konfrontiert die Bevölkerung mehr mit der Frage „was wäre, wenn?“. Auch Luke Ellis, Lande Hekt und Dean McMullen (v.l.n.r.), aka. Muncie Girls, haben viel darüber nachgedacht, was sie tun würden, wenn es tatsächlich zum Austritt aus der EU kommt. Ihre Antwort: „Wir würden auf jeden Fall irgendwie versuchen, das Land zu verlassen und auf das Festland zu kommen – auch, wenn uns das wahrscheinlich nicht gestattet werden würde. In England würden wir aber nicht bleiben!“ Überraschend ist diese Antwort der Punkrock-Band aus Exeter wahrlich nicht. Immerhin haben sie in ihren Texten bislang fast immer klar Stellung bezogen, was ihre Haltung zu gesellschaftlichen und politischen Problemen im Land betrifft. Auch bei dem kommenden Debütalbum „From Caplan To Belsize“ hat sich daran nichts geändert. Wir haben im Interview mal hinter die Kulissen geschaut.

Seit eurer Gründung 2011/2012 habt ihr jedes Jahr etwas veröffentlicht, sei es eine EP oder eine Split. Jetzt, 2016, folgt nun endlich euer Debütalbum „From Caplan To Belsize“.

Lande: Stimmt, aber ich weiß gar nicht, ob das jetzt wirklich so ein langer Zeitraum war. Also ob „endlich“ das passende Wort ist. Wir wollten einfach keine Songs auf das Album packen, die wir schon auf den EPs veröffentlicht hatten, und mussten dementsprechend neue schreiben, was uns, glaube ich, etwa ein Jahr gekostet hat. Es hätte theoretisch sogar noch länger dauern können, aber wir wussten natürlich, dass der Release nicht ewig warten kann. Es war uns allerdings wichtig, dass die Songs nicht nur zusammen kommen, sondern auch zusammen Sinn machen.

Dean: Genau das ist auch etwas, zu dem wir früher nicht im Stande gewesen wären.

Aber obwohl du, Lande, gerade schon sagtest, dass ihr eure Songs nicht doppelt veröffentlichen wollt, sind dennoch zwei vom Album, „Gone With The Wind“ und „Pet Cemetary“, auch auf der Split mit den Sandlotkids erschienen. Warum habt ihr für diese denn dann keine Extra-Songs geschrieben?

Lande: Eigentlich ist es nur ein Song, weil unser Cover von „Pet Cemetary“ mehr eine B-Seite ist und deswegen nicht so wirklich zum Album gehört.

Luke: „Gone With The Wind“ wollten wir aber ohnehin schon vor dem Release von „From Caplan To Belsize“ als erste Single veröffentlichen und als dann die Idee mit der Split aufkam, erschien es uns diese Art der Präsentation interessanter. „Pet Cemetary“ kam dann noch dazu, weil es sonst für eine Split irgendwie zu wenig gewesen wäre, zwei Songs pro Band sind da einfach besser. Jetzt haben wir die erste Single des Albums mit einer B-Seite kombiniert und dann kommen ja auch noch die beiden Tracks von Sandlotkids dazu – das ergibt ein schönes Paket.

Seitdem ich die Tracklist von der EP gesehen habe, frage ich mich, warum ihr – auch wenn es eine B-Seite ist – ein Cover von einem Ramones-Song rausgebracht habt. Immerhin konntet ihr von Anfang an beweisen, dass ihr in der Lage seid, selber gute Songs zu schreiben.

Lande: Nun ja, das Album ist mit seinen zehn Songs nicht unbedingt lang und obwohl wir mit „From Caplan To Belsize“ sehr glücklich sind, wollten wir, als wir im Studio waren, trotzdem noch etwas Besonderes aufnehmen und ein Cover ist dafür echt die einfachste Lösung – auch wenn man bedenkt, dass wir so nicht einen unserer eigenen Songs zur B-Seite degradieren mussten. Wir lieben jeden einzelnen Song auf dem Album und es hätte uns im Herzen wirklich weh getan, wenn wir einen von ihnen quasi hätten weggeben müssen.

Weihnachten 2014 haben wir außerdem zu Hause, sogar verkleidet, ein Ramones-Cover-Set gespielt – da kam dann auch die Idee auf, irgendwann mal was von ihnen aufzunehmen. Als wir dann im Studio waren, fiel es uns wieder ein und wir haben es ausprobiert. Es war die beste, aber auch die einfachste Lösung (lacht).

Dann kommen wir doch endlich mal richtig zum neuen Album. Wer hat euch beim Aufnehmen unterstützt?

Dean: Wir waren dafür ja in Southampton in England und konnten Lewis Johns, den uns ein Freund empfohlen hat, als Produzenten gewinnen. Das war echt cool, weil wir auch große Fans von den Alben sind, an denen er schon mitgewirkt hat. Bei dem letzten Sharks-Album („Selfhood“, 2013) war er zum Beispiel auch dabei.

Vor ein paar Wochen (Anmerkung der Redaktion: das Interview wurde am 3. Dezember geführt) habt ihr euer letztes Musikvideo zu „Gas Mark 4“ veröffentlicht. Warum habt ihr euch für den Song entschieden?

Lande: Das ist eigentlich gar nicht so spannend. „Gas Mark 4“ ist ganz einfach einer unser Lieblingssongs vom Album und weil wir auch so unglaublich gerne Musikvideos drehen, durfte der natürlich nicht fehlen.

Dean: Weil wir die so gerne machen, wird es wohl auch noch ein, zwei weitere geben.

Lande: Oder sogar zu jedem Song einen. Wir könnten einen Film machen!

Das haben Fall Out Boy ja zum Beispiel auch bei ihrem vorletzten Album „Save Rock And Roll“ so gemacht.

Luke: Oje, Fall Out Boy. Lieber schnell zum nächsten Thema!

Dann lasst uns über eure Texte beim neuen Album sprechen, die fallen immerhin schon deutlich auf, weil sie sehr deutlich und klar formuliert worden sind und man deswegen auch sofort versteht, was ihr mitteilen wollt. „I Don’t Wanna Talk About It“ ist da meiner Meinung nach ja das beste Beispiel.

Lande: Findest du wirklich? Wow, ich empfinde das gar nicht so! Also ich freue mich sehr, dass du das so siehst, weil ich den Song, bis du das gesagt hast, echt gehasst habe (lacht). Ich habe ihn zwar geschrieben, aber den mochte ich immer am wenigsten. Jetzt werde ich mir den aber wohl noch ein paar Mal anhören und noch einmal darüber nachdenken.

Dean: Das haben tatsächlich auch schon mehrere gesagt, was mich wirklich immer wieder aufs Neue schockt, weil ich das nämlich auch nicht verstehen kann. So richtig mochte ich den auch nie.

Lande: Ich weiß auch einfach nicht mehr, warum er mir, als ich ihn geschrieben habe, so wichtig war (lacht).

Das lass uns den Moment doch mal Revue passieren lassen. Wann hast du den Song denn geschrieben?

Lande: Das war im letzten Sommer, als wir ein paar der Songs als Demos aufgenommen haben. Wir waren im Studio und vier Tracks waren schon fertig und der fünfte in Arbeit und es war wortwörtlich mitten in der Nacht, zwei Uhr oder so, Luke und Dean haben ein bisschen rumgespielt und rumprobiert und ich an dem Song geschrieben. Als ich fertig war, haben wir dann den Text und die Musik zusammengebracht.

Luke: Du redest gerade über „No Recording“ und nicht über „I Don’t Wanna Talk About It“, das weißt du schon, oder?

Lande: Das ist doch derselbe Song, der sollte doch am Anfang „No Recording“ heißen und wir haben ihn dann später umbenannt. (Überlegt kurz) Ach nein! Gar nicht, das sind doch zwei ganz unterschiedliche Songs (beide lachen).

Die Geschichte erklärt aber auf jeden Fall den Text von „No Recording“!

Lande: Aber wann habe ich denn dann „I Don’t Wanna Talk About It“ geschrieben?

Luke: Also den Refrain haben auf jeden Fall nur wir beide geschrieben.

Lande: Ach ja, stimmt, das ist aber tatsächlich schon eine halbe Ewigkeit her! Jedenfalls fiel mir, als wir die Songs für „From Caplan To Belsize“ nochmal überarbeitet haben, der Refrain wieder ein und wir haben ihn eingebaut. Es war aber auch einer der letzten Songs, die entstanden sind. Genau, so war das, tut mir Leid (lacht).

In dem Song prangert ihr auf jeden Fall wie fast bei allen Anderen auch Themen aus Politik und Gesellschaft an. Recherchiert ihr dafür vorher oder seid ihr tatsächlich immer auf dem neusten Stand?

Lande: Ich recherchiere eigentlich nicht wirklich. Ich hinterfrage zwar seit Jahren politische Dinge, aber ich würde mich niemals als Experte bezeichnen. Ich spreche das an, was mir auch als „Ungebildete“ auffällt und mich stört, aber beim Texten sind mir Gefühle wichtiger als Fakten oder Zahlen. Ich glaube, deswegen schreibe ich auch vor allem, wenn ich wütend oder nachdenklich bin.

Haben die Songs denn dann auch einen autobiographischen Hintergrund?

Lande: Die Songs sind natürlich alle sehr persönlich und auch alle aus meiner beziehungsweise aus unserer Perspektive geschrieben, aber ein starker Einfluss war auch das Buch „The Bell Jar“ von Sylvia Plath – nicht was die Texte im Detail angeht, aber neben dem Albumtitel, der ja auch aus dem Buch stammt, reflektieren der Aufbau und die Entwicklung des Albums einige meiner Interpretationen von „The Bell Jar“. Die Protagonistin Ester Greenwood ist zum Beispiel auch genauso alt wie ich es war, als ich die Songs geschrieben habe – und vielleicht habe ich mich deswegen auch noch ein bisschen mehr mit dem Buch verbunden gefühlt –, aber „From Caplan To Belsize“ nimmt auf keinen Fall direkten Bezug zu Plaths „The Bell Jar“.

Also spielt das Album zwar in gewisser Weise auf das Buch an, soll aber kein Soundtrack oder Ähnliches sein?

Lande: Nein (alle lachen). Wir würden uns natürlich geehrt fühlen, wenn jemand das Buch verfilmen möchte und unsere Musik gerne als Soundtrack verwenden will, aber wir haben das Album nicht darauf ausgelegt (lacht)!

„From Caplan To Belsize“ wird am 4. März über Uncle M veröffentlicht und kann hier vorbestellt werden.

Autor Leonie Wiethaup
Wohnort Nähe Münster
Beruf PR-Assistenz
Dabei seit Februar 2015
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, News, Gewinnspiele
Top-Alben Apologies, I Have None - London; The Wonder Years - No Closer To Heaven; Cold Reading - Sojourner; Shoreline - You Used To Be A Safe Place; Twoonacouch - And I Left
Die besten Konzerterlebnisse Jimmy Eat World @ Skaters Palace, Münster, Frank Carter & The Rattlesnakes @ Dour Festival, The M-Pire Strikes Back-Festival 2016

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