Interview mit Nothing

Interview mit Nothing

Im Zusammenhang mit dem Treiben von Musikern und Bands verwendet man ja gerne den Begriff der Authentizität. Nun, wenn das auf eine Band der momentanen, alternativen Musiklandschaft zutrifft, dann wohl auf Nothing. Hier wird kein Blatt vor den Mund genommen, die Bühne erobert man gerne mal sturzbetrunken und am Ende kommt doch ein beachtliches Gesamtbild dabei herum. Verträumte, melancholische Klänge, geschwängert von einer unvergleichbaren Schwermut. In Wiesbaden haben wir uns mit Domenic Palermo und Gitarrist Brandon Setta bei Bier und Whiskey über den Aufnahmeprozess zu „Tired Of Tomorrow“, Schlägereien und Martin Shkreli alias „Pharma Bro“ unterhalten.

Im Zuge eures Albums „Guilty Of Everything“ konnte man lesen, dass da viele Ideen aus deiner Zeit im Gefängnis stammen.

Domenic: Was die Texte angeht auf jeden Fall.

Wie darf man sich das vorstellen? Waren das einfach nur flüchtige Ideen oder hast du dich da wirklich intensiv mit auseinandergesetzt?

Domenic: Viel davon war so geschrieben oder zumindest von der Zeit inspiriert. Wir haben auch einiges davon dann im Studio geschrieben. Das war für mich nicht nur der Gefängnisaufenthalt, sondern eine ganze Dekade, in der einfach viel Scheiße passiert ist. Das waren schlimme zehn Jahre und da hat sich einiges angesammelt. Das war dann nur die Spitze des Eisbergs.

Wie war denn der Schreibprozess für „Tired Of Tomorrow“ im Vergleich? Als ihr „Guilty Of Everything“ veröffentlicht habt, hat ja kaum jemand etwas erwartet. Dafür hat das Album einige Wellen geschlagen. Habt ihr über die Erwartungen an den Nachfolger nachgedacht, oder einfach drauf los geschrieben?

Brandon: Wir haben uns da keine großen Gedanken drüber gemacht. Zu der Zeit war einfach einiges los bei uns, was wir dann in der neuen Platte verarbeiten konnten.

Domenic: Die Platte ist da teilweise sogar etwas in den Hintergrund gerückt. Wir hatten eine Aufgabe, das war uns bewusst. Es standen schließlich die Termine und es gab sicherlich auch eine Erwartungshaltung. Aber es ist halt auch einiges an Mist passiert, der uns ziemlich gestresst hat. Es war auf jeden Fall stressiger als mit dem Album davor. Ich habe noch nie so viel Zeit in einem Studio verbracht. Das war aber vergleichsweise einfach. Wir haben knapp einen Monat im Studio gelebt und es war doch recht komfortabel. Wir haben verdammt viel Geld bekommen, das wir verprassen konnten, für Verpflegung und so weiter. Wir haben uns also jeden Abend besoffen, teilweise auch schon tagsüber. Das hätte ich locker ein Jahr so durchziehen können. Keine Verantwortung für irgendwas, außer Musik zu schreiben und aufzunehmen. Der ganze Mist, der aber außerhalb des Studios vor sich ging, hat uns dann doch auch ziemlich beansprucht, zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichem Ausmaß. Da hat dann schon mal jemand von uns vier Stunden alleine in einem Raum verbracht, nur auf sein Handy starrend und sah dabei aus als hätte er einen Nervenzusammenbruch. Irgendwer anders saß da und hat versucht Kyle sechs Stunden lang dabei zuzuschauen wie er Schlagzeug spielt. Das wird anstrengend. Wenn ich ehrlich bin glaube ich doch nicht dass ich das ein Jahr lang hätte durchziehen können, wo ich so darüber nachdenke. (lacht) War am Ende ehrlich gesagt gar nicht so spaßig.

Bevor ihr das Album aufgenommen habt, wurdest du auf Tour mit Cloakroom und Merchandise ziemlich heftig zusammengeschlagen. Was ist da passiert?

Domenic: Nennen wir es mal einen versuchten Raubüberfall, bei dem ich vielleicht nicht übermäßig angemessen reagiert habe. Also lag ich drei Tage im Krankenhaus. Mein Kopf hat ganz schön was abbekommen, ich hatte einige Knochenbrüche, mein Schädel und auch einige Konchen im Rücken waren angebrochen. Meine Rübe ist auf Basketballgröße angeschwollen. Danach war ich etwa drei Monate lang nicht der Alte, ich glaube ich bin es immer noch nicht. Ich habe das Gefühl, ich bin reizbarer. Vielleicht bilde ich mir das nur ein, aber ich hab da echt leichte Kriegsflashbacks, posttraumatische Belastungsstörung oder so. Ich war ziemlich am Arsch und mega durchgeknallt. Das kann aber auch einfach schon vorher der Fall gewesen sein, wer weiß. Vielleicht such‘ ich mir nur Ausreden.

Ihr habt auf dieser Tour keine Band, die fest mit euch unterwegs ist.

Domenic: Wollten wir. Da wir aber einen ganzen Monat unterwegs sind, scheint das bei niemandem in den Kalender gepasst zu haben. Wir haben mit Bands wie Chain Of Flowers darüber gesprochen, aber irgendwie hat es nicht funktioniert. Ich weiß aber auch nicht wieso, bin ja nicht unser Booking Agent. Also haben wir die Tour in kleine Häppchen aufgeteilt. Ein paar Tage mit Fear Of Men, dann mit Man Ist Not A Bird, dann eben Chain Of Flowers – ich müsste die Poster sehen, ich will niemandem krumm kommen. (lacht)

Brandon: Wir haben also einfach versucht, möglichst viele befreundete Bands auf dieser Tour zu besuchen. Das ging aber alles so schnell rum, dass es ab und an verwirrend wird.

Domenic: Ja, das macht’s nicht einfacher. Letztens noch gedacht „Hey, erinnert ihr euch wie wir mit Chain Of Flowers unterwegs waren?“ Das ist dann einfach nur ein paar Tage her.

Wenn man nicht ständig mit den gleichen Leuten unterwegs ist, macht es das einfacher? So in Bezug auf Lagerkoller und Co.

Domenic: Ja, das hat Vorteile. Wir kotzen uns gegenseitig schon öfter mal an. Oft ist man trotzdem zusammengepfercht und muss irgendwie damit umgehen. Was wir immer versuchen: Man tauscht einfach mal für ein paar Tage die Freunde. Oder hat auch einfach mal ein paar Tage niemanden um sich. Wenn es da andere Bands gibt, so lang das keine Arschlöcher sind, dann kannst du einfach mal einen Tag bei denen mitfahren. So etwas kommt vor, hat auf dieser Tour aber alles erstaunlich gut funktioniert.

Du hast zuvor ja auch schon in Hardcorebands gespielt. Gibt es da Unterschiede mit einer Hardcoreband auf Tour zu sein und mit einer Band, die eure Musik macht?

Domenic: Kann ich gar nicht so genau sagen, meine Touren waren da alle ziemlich mies. Er (zeigt auf Brandon) war beispielsweise mit More Than Life auf Tour. Bei mir war das 2000 und 2001 und da waren die Zeiten ja auch noch ganz anders. Wir mussten verdammt nochmal Karten lesen und so einen Mist! Das hat genervt. Da haben wir uns letztens noch drüber unterhalten. Kannst du dir vorstellen auf Tour zu sein und kein beschissenes GPS zu haben? Da hat man sich einfach dran gewöhnt. Als wir hier mit Dead Swans und Horror Show (Anm. d. Red.: Domenics alte Band) auf Tour waren, hatten wir auch keinen Fahrer wie heute. Auf physischer Ebene fühlt sich das heute also alles einfacher an als damals, auf der anderen Seite wird der mentale Stress aber gefühlt größer. Man wird ja auch nicht jünger.

Meinst du du hast irgendwann keinen Bock mehr auf die Musik die ihr jetzt macht und würdest du dann überlegen, nochmal zurück zu den Wurzeln zu gehen? Klingt ja nicht gerade so.

Domenic: Ich glaube nicht, dass das die Richtung wäre, die ich einschlagen würde, wenn mir der Kram hier keinen Bock mehr macht. Ich glaube der nächste Schritt geht in die Richtung: Was kann ich tun, um auf der Bühne noch weniger machen zu müssen? (lacht) Das ist alles Weiterentwicklung, für mich zumindest. Bei Horror Show hab ich mich unglaublich verausgabt, bei Nothing zu Anfang auch, aber nicht mehr so viel wie eben bei Horror Show. Jetzt mache ich das immer noch ab und an, manchmal stehe ich aber auch einfach nur da wie so ein Fettsack. Ich würde gerne irgendwann an den Punkt kommen, an dem ich auf der Bühne im Bett liegen kann und nur ins Mikrofon rede. Oder gar nicht rede. Einfach nur im Bett auf der Bühne, liege ich da und schlafe. Und die Leute zahlen 15 Dollar, während ich nichts machen muss. (lacht)

Brandon: Behalt‘ deine Ideen besser für dich! Das ist das nächste Ding.

Domenic: Ich glaube, wir sind da nur zwei Schritte von entfernt. Wir holen uns einfach ein Hochbett auf die Bühne, auf das wir uns setzen, auf unsere Handys starren und die Leute dürfen uns dabei zuschauen. Meinst du das würde funktionieren? Das ist zumindest das was das deutsche Publikum die meiste Zeit so macht wenn wir spielen, habe ich das Gefühl. Hallo? Aufwachen!

Hört man häufiger.

Brandon: Wir haben ein paar Shows in Deutschland gespielt und irgendwie war das alles komisch. Leute außerhalb haben uns aber auch schon gesagt, dass deutsche Shows beschissen wären, weil es keine Bewegung gäbe.

Domenic: Ist aber auch an anderen Orten so, Manhatten zum Beispiel. Brooklyn war immer total cool, aber in Manhatten hast du das Gefühl, die Leute sind nur angepisst. Warum kommt ihr überhaupt rum? Nicht dass ich irgendwem vorschreiben will, dass er sich zu bewegen hat. Berlin war aber ganz cool!

Brandon: Die größeren Städte waren okay. Als wir gestern wo auch immer waren (Karlsruhe, Anm. d. Red.), war das fürchterlich. Alle Leute auf der Show hätten in die Hälfte dieses Backstage-Raums gepasst. Wenn wir nach den Songs Danke gesagt haben, herrschte Totenstille. Total verrückt, das hat mich ziemlich fertig gemacht.

Klingt ziemlich mies.

Domenic: Die Show an sich war gut. Das Publikum nur einfach unfassbar ungelenk. Das ist für uns in anderen Ländern immer schwierig, wenn wir die Sprache nicht sprechen. Ich versteh‘ das ein oder andere, aber das wars. Ich denke aber auch, dass du von den Leuten nicht erwarten kannst, deinen Job zu machen. Irgendwo muss der Vibe herkommen. Wir haben wirklich leise Shows in Italien gespielt, die haben richtig gebockt. Da war der Vibe einfach da. Und nach den Songs gab’s immerhin auch immer Applaus. Manchmal spielst du Konzerte, bei denen die Menge sich komisch fühlt, bei kleineren Venues oder weniger anwesenden Zuschauern. Dann werden sie angespannt und alles wird komisch. Wenn ich in einem Raum voller angespannter Menschen bin, möchte ich am liebsten weglaufen. (lacht)

Wiesbaden ist da an sich aber eine ganz gute Adresse hier.

Brandon: Ja, das haben die Leute, mit denen ich mich gestern draußen unterhalten habe, auch gesagt. Lassen wir uns überraschen.

Ihr standet bei Collect Records unter Vertrag, da sollte „Tired Of Tomorrow“ eigentlich veröffentlicht werden. Nun war das aber das Label, das zu einem großen Teil von Martin Shkreli finanziert wurde. Wie habt ihr das herausgefunden? Auch nur über die Medien? Und was waren eure Reaktionen?

Domenic. Irgendwer hat mich darauf hingewiesen, nachdem er etwas über den Typen gelesen hatte. Also hab ich mich an die Sache dran gesetzt und irgendwann dem Label gesagt: Leute, wir haben da ein klitzekleines Problem mit eurer Label-Politik! Ich habe anfangs nur darüber gelesen, dass das dieser Typ ist der den Preis eines HIV-Medikaments so exorbitant in die Höhe getrieben hatte. Dann habe ich mir aber mal den großen Zusammenhang angeschaut und eben auch zum ersten mal mit den Hinterleuten des Labels Kontakt gehabt, bis dahin kannten wir nur Jeff. Ich musste mich da durch einiges durcharbeiten, konnte mir aber am Ende ein ganz gutes Bild von der Persönlichkeit dieses Typen machen. Wie er in die Position kam, in der er war, also dieser Punkt an dem es überhaupt möglich ist, so eine Scheiße mit den Preisen für solch ein wichtiges Medikament abziehen zu können. Das ist natürlich nicht einfach, da hin zu kommen, du musst schon absolut skrupellos sein. Ich habe Zeug über Hedge-Fonds und so weiter gelesen, Kram von dem ich bis dato keinen blassen Schimmer hatte. Es war ziemlich leicht nachzuvollziehen, dass der Kerl eine Menge Leute abgezogen hat, um in seine letztliche Position zu kommen. Das scheint der normale Weg dafür zu sein. Ich habe zumindest nicht das Gefühl, dass es da eine friedliche Karriereleiter an diesen Punkt gibt, an dem du Menschen so schamlos ausnehmen kannst.

Ich habe dann also das Label verständigt und mit Jeff telefoniert. Hey man, das ist ziemlicher Mist! Keine Ahnung wie ich damit umgehen soll. Und dann sagen die mir, ich soll die Ruhe bewahren und das ganze aussitzen, mir keine Gedanken machen. Das hat für mich nicht wirklich Sinn gemacht, in dieser Situation die Ruhe zu bewahren! Die Fronten waren da ziemlich geklärt. Wir haben so viel von uns in dieses Album gesteckt, auf physischer wie mentaler Ebene, scheiße ich würde sogar sagen auf spiritueller Ebene! (lacht) Das war so verdammt viel Stress dieses Album fertig zu machen. Und uns war klar dass völlig abgesehen von dem, was dieser Kerl da abzieht das ganze auch auf uns zurückfallen würde. Weil dann eine Verbindung zwischen uns und ihm besteht. Das hat auch mit reingespielt, da muss ich nicht um den heißen Brei reden. Am Ende steht der Typ aber so in etwa für das genaue Gegenteil von dem, mit dem wir uns assoziiert sehen wollen. Das mussten sie verstehen.

Der Typ hat euch ja auf Twitter auch mehrmals angegriffen.

Domenic: Versucht sich über mich lustig zu machen? Über die Band? (lacht) Ich wollte ihm da überhaupt nicht die Genugtuung geben, ihm ernsthaft darauf zu antworten, deshalb sag ich ihm dann immer nur, dass ich ihn gerne ficken würde. Das finde ich witziger. Hey, du bist so heiß! Ich kanns kaum erwarten dich zu ficken! Da hat er irgendwann aufgehört zu antworten.

Ich glaube das ist die einzige Möglichkeit mit so einem Typen umzugehen.

Domenic: Das waren ja nicht mal wirkliche Angriffe, er hat einfach nur Müll über uns gelabert. Ich gehe auch davon aus, dass er mich mittlerweile für einen ziemlichen Psychopathen hält. Wahrscheinlich dachte er sich deshalb, er hält jetzt besser mal sein Maul. Wenn ich ihn auf der Straße sehen würde, würde ich ihm aller Wahrscheinlichkeit nach auch ziemlich die Fresse polieren. Das würde einige Leute glücklich machen. Aber dann lande ich wieder im Gefängnis oder er heuert am Ende noch einen Auftragskiller an, um mich umzubringen. Nicht dass es nicht sowieso genug Leute geben würde, die mich gerne tot sehen würden, also was soll’s… Am Ende haben wir also ihm und dem Label gesagt, dass sie uns am Arsch lecken können.

War die Platte da schon im Kasten und ihr habt dann einfach nur nach neuen Labels geschaut?

Domenic: Ja. Jeff hat uns dann den halben Betrag gegeben den wir bekommen sollten, damit wir die Aufnahmen bezahlen konnten. Anfangs hat er sich ziemlich gesträubt, das Album rauszurücken. Da waren wir schon so weit zu sagen, dann gibt es halt kein Album. Zu dieser Zeit wurden die Medien dann aber so richtig auf die Geschichte aufmerksam. Sein Vorhof stand also in Flammen, und während er versucht hat das ganze mit Wassereimern zu löschen, haben wir uns durch die Hintertür aus dem Staub gemacht. Er meinte dann nur „Was auch immer, ist mir egal, ist eh nur ein wenig Kohle.“ Sollte uns recht sein, wir sind also nochmal aus der Sache rausgekommen.

Autor Sascha Schüler
Wohnort Wechselt
Beruf Nein
Dabei seit Juni 2010
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