Interview mit Of Mice & Men

Interview mit Of Mice & Men

Vor einem Jahr war Austin Carlile gezwungen, aus gesundheitlichen Gründen Of Mice & Men zu verlassen – nicht nur für ihn und die anderen Mitglieder ein herber Schlag, sondern auch für die Fangemeinde. Würde die Band dennoch weiterhin bestehen bleiben? Und wenn ja – wie? Im Interview hat uns Sänger und Bassist Aaron Pauley (zweiter von links) von der ungewissen Zeit nach dem Ausstieg berichtet, von seiner neuen Rolle als Leadsänger und von der Wichtigkeit des am 19. Januar erschienenen Albums „Defy“.

War Austin noch Teil der Band als ihr angefangen habt, an eurem neuen Album „Defy“ zu arbeiten?

Wir haben erst acht oder neun Wochen, nachdem er uns gesagt hat, er würde aussteigen, begonnen, neue Songs zu schreiben. Anfang November war das. Wir haben uns Zeit genommen, ein bisschen gejamt und sehr intensiv darüber nachgedacht, wie und ob wir überhaupt mit der Band weitermachen wollen. Die Frage stellte sich aber nicht lange, weil wir alle gleichermaßen inspiriert und enthusiastisch waren.

Aber es gab sie? Ihr musstet wirklich überlegen, ob ihr nach Austins Austritt noch weitermacht?

Absolut! Nach allen großen Veränderungen – sei es nun bezüglich eines Jobs, einer Beziehung oder Freundschaft – kommt immer die Frage nach dem nächsten Schritt auf.

„Unbreakable“ und „Back To Me“ habt ihr bereits vor Monaten veröffentlicht – war es zu dem Zeitpunkt bereits klar, dass es ein neues Album geben würde?

Es war für uns noch unklar, ob es wirklich ein Album werden würde – uns war vor allem wichtig, dem Label und den Fans zu zeigen, dass wir noch immer da sind und Songs abliefern können. Außerdem haben wir zu der Zeit sehr viele Konzerte gespielt; Shows, für die wir gebucht wurden, lange bevor Austin Of Mice & Men verlassen hat. Wir wollten zeigen, dass wir da und stark sind und keine Angst vor dem haben, was die Zukunft für uns bereit hält. Dass wir nach wie vor immer unser Bestes geben.

Wir haben die beiden Songs zusammen mit Howard Benson innerhalb von zehn Tagen im Studio aufgenommen. Die Wochen und Monate, in denen wir auf Festivals wortwörtlich vor hunderttausenden Menschen gespielt haben, waren eine großartige und unglaubliche Erfahrung. Wir haben während des Festivalsommers wieder gemerkt, wie sehr wir die Leute mit unserer Musik bewegen können und versucht, diese Energie mit ins Studioalbum zu nehmen. Als wir wieder zuhause waren, sind wir so ziemlich direkt wieder ins Studio gegangen, um das Album fertig zu schreiben. Ich glaube, wir waren nur 14 Tage zuhause und haben an neuem Material gearbeitet.

Das waren auch die ersten Tracks, die ihr ohne Austin geschrieben habt, richtig?

Genau, zwei von sechs oder sieben, die es aber nicht alle auf das Album geschafft haben. Wir fanden aber, dass „Unbreakable“ und „Back To Me“ lyrisch wie musikalisch genau die Dinge beinhalten und zeigen, wo wir uns sehen.

Hat sich der Songwritingprozess nach Austins Ausstieg verändert?

Der Grund, warum wir wieder zusammengekommen sind und an neuer Musik gearbeitet haben, war, dass wir das Schreiben von neuer Musik als eine Art Therapie für uns selber gesehen haben. Um die große Veränderung besser verarbeiten zu können, um zu heilen und um uns durch die Zeit zu helfen. Der Prozess an sich war aber mehr oder weniger derselbe. Wir haben uns und unsere Musik, unseren Sound, wiedergefunden und uns Gedanken über den Weg gemacht, den wir mit „Defy“ gehen wollen; mit den neuen Songs und mit den anstehenden Shows. Es beginnt und endet mit der Musik (lacht).

Eine der großen Veränderungen von Of Mice & Men ist natürlich, dass du nun der Leadsänger bist. War es von Anfang an klar, dass du den Job übernehmen würdest?

Wir haben sehr viel und lange darüber geredet – auch mit Austin, der sogar ein paar Leute vorgeschlagen hat, die wir dafür in die Band holen könnten. Wir waren uns aber einig, dass man eine Person nicht so einfach ersetzen kann – nicht nur innerhalb der Band ersetzen kann, sondern auch in der Familie, die wir sind. Wir haben uns mit dem Gedanken, jemand Neues in die Band zu holen, nicht wohl gefühlt. Und außerdem: Wer wäre besser geeignet, Of Mice & Men weiterzuführen als Of Mice & Men?

Ich mag den Titel „Leadsänger“ allerdings überhaupt nicht. Ich bin einfach ein Sänger und Teil der Geschichte – ebenso wie der Bass, die Gitarren oder das Schlagzeug. Ich bin derjenige, der die verrückten Geräusche mit dem Mund macht (lacht). Es war uns wichtig, unsere eigene Geschichte zu erzählen, und der Begriff „Leadsänger“ lässt es so aussehen, als sei es nur meine.

Ich habe bei vielen Bands das Gefühl, dass sich die Leadsänger und Frontmänner oftmals als das Gesicht der Band sehen, als den wichtigsten Teil und nicht als einen Teil davon.

Das erlebe ich auch manchmal so. Wenn ich mir aber vorstelle, ohne Tino auf der Bühne stehen zu müssen – das wäre kaum eine Show! Bei „Defy“ ist es jetzt genauso, jede noch so kleine Spur ist für das Gesamte sehr wichtig. Bei uns ist jeder gleich wichtig; jeder Beitrag, alles, was wir zusammen machen. Wir teilen auch das Geld gleich und gerecht auf. Wir sind eine Familie und jeder ist kostbar und wichtig. Der Wechsel zu den full-time Vocals fühlt sich deswegen auch nicht zu anders an. Wir sind nun eine Person weniger, deswegen müssen alle anderen etwas mehr machen – so einfach ist es.

Hast du, als es sicher war, du würdest die Vocals vollständig übernehmen, versucht, deine Stimme so klingen zu lassen, wie es von den Fans erwartet wird? Vielleicht sogar ein bisschen wie Austin?

Nein, überhaupt nicht. Ich versuche, so sehr nach mir selbst zu klingen, wie es mir möglich ist – und das haben wir auch als Band versucht. Wir wollten wie niemand Anderes klingen, sondern nur nach uns. Ich war schon bei anderen Bands der Screamer und habe auch während der Live-Shows von OF Mice & Men Screamingparts übernommen. Für mich sind die Vocals nur ein anderes Instrument.

Hast du die anderen Mitglieder manchmal um Rat gefragt, wenn du nicht wusstest, wie du einen Part am besten singen solltest.

Absolut! Ich glaube, Songwriting lässt sich gut mit Tennis oder Pingpong vergleichen. Manchmal spiele ich den Ball gegen die Wand, manchmal funktioniert es, wenn ich alleine schreibe – aber es ist immer besser und auch der einzige Weg, um selber besser zu werden, wenn man mit jemand anderem spielt. Ich habe so sehr oft mit Tino gespielt. Er und Austin haben die Lyrics zu „Pain“ geschrieben und Tino und ich zu „Relentless“. Tino hat auch schon für seine alte Band Texte geschrieben. Ein großer Teil des Schreibprozesses ist, dass ich einfach nur mit den Jungs rede. Wir verbringen sehr viel Zeit zusammen, in der wir uns auch einfach nur unterhalten. Und weil wir das machen, muss ich beim Texten auch nie überlegen, wie sich die anderen und was wohl die anderen über eine bestimmte Sache denken – weil wir so viel reden, weiß ich es bereits.

Ich wusste immer direkt von den Ideen und Vorschlägen der anderen. Bei uns ist es jederzeit kollaborativ. Wann immer jemand helfen und etwas beisteuern möchte, kann und soll er es machen. In der Vergangenheit hat jeder schon mal etwas zu den Lyrics beigesteuert. Musikalisch genauso. Wenn jemand eine Idee hat, was das Ganze besser machen könnte – selbst, wenn es nichts mit seinem Instrument zu tun hat – sind wir froh darum.

Bittest du deine Freunde und Familie auch um Feedback?

Ja, aber nicht bevor das Album fertig ist. Wenn du Leute nach ihrer Meinung zu etwas, das noch nicht fertig ist, fragst, bekommst du so viele unterschiedliche Antworten wie Menschen, die du darauf angesprochen hast. Während der Entstehung bleiben wir mit unserer Musik lieber noch unter uns.

In fast jedem Interview, das ich bislang zu „Defy“ gemacht habe, haben die Leute nicht nur gesagt, wie sehr sie es mögen, sondern auch, wie sehr sie sich damit verbunden fühlen – und das ist für uns immer das Wichtigste. Dass die Leute etwas mit unserer Musik verbinden. Unser Publikum besteht zu einem großen Teil aus Menschen, die auch selber Musik schreiben; Leute, die Musik genauso lieben wie wir. Es ist großartig, Songs zu schreiben und zu wissen, die Hörer werden sie zu schätzen wissen und lieben.

Als ihr den Release eines neuen Albums bekannt gegeben habt, haben viele erwartet, ihr würdet euren Sound ändern – was nun offensichtlich nicht passiert ist. Gibt es dennoch Dinge, die ihr nun zum erstes Mal ausprobiert habt?

Wir waren schon immer sehr experimentell – auch als Austin noch in der Band war – und haben bislang auf jedem Album versucht, etwas Neues auszuprobieren. Das einzig Beständige an Of Mice & Men ist, dass wir experimentieren und neue Sachen ausprobieren. Das klingt wie ein Oxymoron, ist aber wahr. Wir wollten es uns mit unserem Stil oder unserem Songwriting nie zu bequem machen.

In einem anderen Interview hat Tino mal von Grenzen gesprochen. Dass ihr euch in der Vergangenheit nicht getraut hättet, eure Sachen den anderen zu zeigen, aus Angst, sie seien nicht cool genug. Weißt du, von welchen Dingen er gemeint haben könnte?

Ganz Verschiedenes. Zu Beginn ist jeder bei dem geblieben, was er auch in der Band gemacht hat, das hat sich aber auch ganz schnell geändert. Schnell hat jeder alles gemacht, in jedem Bereich geholfen und es ist alles so kollaborativ geworden, wie es jetzt ist. Wenn beispielsweise jemand eine coole Idee für ein Instrument hatte, was er selber aber nicht spielt, oder für die Lyrics, obwohl er selber nicht singt, dann vergessen wir unser Ego. Wir denken nicht an uns, sondern nur daran, was für den Song am besten ist.

Würdest du „Defy“ als ein neues Kapitel der Band betrachten?

Wenn man sich das anschaut, was die Band tief im Inneren ausmacht, ist es genau das – ein neuer Abschnitt, das nächste Kapitel.

Wovon handelt „Defy“, gibt es eine explizite Geschichte?

Es ist zwar kein Konzeptalbum, aber in jedem Song beschäftigen wir uns mit Veränderung. Mit einer Veränderung gehen immer auch die verschiedensten Emotionen einher und jeder geht anders damit um. Jeder Song ist unser eigener, einzigartiger Standpunkt zu Veränderungen und beschreibt das, was wir selber darüber denken und fühlen.

Denkst du manchmal daran, was die Hörer über die Lyrics denken werden oder könnten, während du sie schreibst?

Ich denke mehr daran, was die Leute mit den Texten verknüpfen werden als daran, was sie kritisch darüber denken könnten. Jeder hat eine ganz eigene Vorstellung davon, was einen Text oder eine Zeile cool macht und was nicht – das ist aber nicht mein Gedanke. Für mich ist es viel wichtiger, dass man etwas damit verbinden kann. Bei Musik geht es einzig und allein um Emotionen. Es geht nicht um Technisches, sondern ob die Leute es hören können und dabei etwas fühlen. Meine Gedanken kreisen also immer darum, was die Leute später darüber denken könnten. Es geht mit dabei nur eben nicht darum, ob sie etwas kritisieren könnten, sondern beim Hören das fühlen, was ich auch fühle.

Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass auch die Punk- und Hardcore-Szene nicht von sexueller Belästigung verschont bleibt. Auf der einen Hand gibt es viele Bands, die gestehen, dass die Verwürfe sexueller Belästigung gegen sie der Wahrheit entsprechen. Dann aber auch Menschen wie Sam Carter von den Architects, die eine Show mittendrin abbrechen und jemanden im Publikum darauf hinweist, dass sein Verhalten falsch ist. Bemerkt ihr selber, dass das Thema allgegenwärtiger wird?

Ich glaube das passiert überall, am Arbeitsplatz, genauso wie auf Konzerten – und ich denke, das hat nichts mit dem Musikgenre zu tun. Es gibt zum Beispiel auch ein Countryfestival in Südkalifornien, das bestätigt hat, Dutzende Menschen wären vergewaltigt worden oder hätten sich über sexuelle Belästigung beschwert. Es wird immer wichtiger, dass sich die Leute darüber bewusst werden.

Ich habe auf unseren Shows immer ein Auge auf das Publikum, gerade beim Crowdsurfing. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, die Menschen auf unseren Konzerten zeigen anderen gegenüber Respekt. Ich sage auf Shows immer, man soll auf die Leute um sich herum achten und verstehen, dass es keinen Unterschied macht, woher ihr kommt, welche Farbe eure Haut hat, welchen Gott ihr anbetet – falls ihr überhaupt einen anbetet – oder ob ihr hetero-, homo-, bi- oder transsexuell seid – Rock’n’Roll ist eine große Familie und man sollte gegenseitig auf sich Acht geben. Meistens gibt es für diese Ansage sogar den lautesten Applaus des ganzen Abends.

Es ist schade, dass momentan so viel ans Licht kommt und dadurch deutlich wird, wie vielen es passiert. Es ist gleichzeitig aber auch gut, weil so viele Leute und Bands den Mut finden, über diese Dinge mit ihren Fans zu reden.

Du sagtest zwar, dass euer Publikum sehr respektvoll ist, aber ist dennoch etwas in der Art schon mal bei euren Shows vorgekommen?

Ich habe beobachtet, dass die Secruity gerade manchmal zu brutal ist. Sexuelle Belästigung habe ich allerdings noch nie gesehen – was aber natürlich nicht bedeutet, dass es nicht schon passiert sein könnte.

Könntest du dir vorstellen, wie du reagieren würdest, wenn du es doch mal beobachten würdest?

Ich glaube, 99% aller Menschen würden so reagieren wie Sam Carter. Ich habe neulich ein Video von Drake gesehen, wie er in einem Club dasselbe macht. Wir sollten versuchen, bei einem Konzert auf jeden aufzupassen – ganz egal, wie groß du bist, was dein Geschlecht ist oder wie du sexuell orientiert bist. Rock’n’Roll sollte für alle ein sicherer Ort sein.

Foto: Lindsey Byrnes

Autor Leonie Wiethaup
Wohnort Nähe Münster
Beruf PR-Assistenz
Dabei seit Februar 2015
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Top-Alben Apologies, I Have None - London; The Wonder Years - No Closer To Heaven; Cold Reading - Sojourner; Shoreline - You Used To Be A Safe Place; Twoonacouch - And I Left
Die besten Konzerterlebnisse Jimmy Eat World @ Skaters Palace, Münster, Frank Carter & The Rattlesnakes @ Dour Festival, The M-Pire Strikes Back-Festival 2016

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