Interview mit Patric Hartung (Tourmanager von u.a. Obey The Brave)

Interview mit Patric Hartung (Tourmanager von u.a. Obey The Brave)

Nicht jeder ist dafür geboren, in einem Nightliner unterwegs zu sein, geschweige denn, darin zu schlafen, und nicht in jedem Land werden die Bands so gut behandelt, wie in hierzulande. „In Deutschland hat eine Band Get-In um 13 Uhr, es steht Frühstück da, es gibt dies und das und ab da an wird sich einfach gekümmert“, sagt Patric Hartung. „In den USA ist dagegen um 17 Uhr Get-In, jeder bekommt seinen Zehn-Dollar-Buy-Out – und wenn du vor der Zeit da bist, lässt dich nicht einmal einer rein. Die interessiert nur, dass eine Band an dem Abend spielt und sie ihre Gage bekommt. Der Rest ist egal.“ Patric begleitet seit 2015 Bands als Tourmanager. Jahrelang hat er für Stageload Shows fotografiert, dementsprechend viele gesehen und war dann für ein paar Tage auf der Never Say Die!-Tour Mercher für Deez Nuts. „Von da an war es ein Selbstläufer“, erinnert er sich. „Mir wurden immer mehr Sachen und Aufgaben angeboten“. Für Light Your Anchor hat er sein Tourmanager-Debüt gefeiert, momentan begleitet er Obey The Brave durch Europa. In wenigen Tagen steht wieder die Never Say Die!-Tour auf dem Programm. Im Interview erzählt er uns die Wahrheit über Tourrider, was passieren muss, dass auch er mal sauer wird und wie es so bei Bushido zugeht.

Mit was für Bands warst du bislang unterwegs?

Ich habe Light Your Anchor etliche Male gemacht, außerdem Obey The Brave, das Stage-Management bei der Never Say Die!-Tour, ganz am Anfang eine halbe Ghost Inside-Tour und sonst lokale Produktionen im Raum Köln und Ruhrgebiet und da alles durch die Bank: Von Bushido bis zu kleinen Hardcore-Bands in der Trompete in Bochum, wo einhundert Leute reinpassen.

Lief diese lokale Show mit Bushido anders ab als bei Hardcore-Bands?

Wenn wir es von der Produktionsseite sehen, ja. Es gab einige Nightliner und ordentlich Catering. Wenn der ganze Abou Chaker-Clan mit auf Tour ist, ist es definitiv schon was Anderes. Aber ansonsten kocht der auch nur mit Wasser.

Wo und wann fängt deine Arbeit als Tourmanager an und wo hört sie auf?

Das kommt ganz auf die Größe der Tour an. Bei einer kleinen Light Your Anchor-Tour fängt die Arbeit drei Tage vorher an, bei einer größeren Obey The Brave-Festivaltour sind es schon zwei, drei Wochen. Und sie hört erst auf, wenn deine Künstler zuhause sind, alles bezahlt ist, die letzten Belege eingetroffen sind und die Booking-Agentur alles abgerechnet hat – am letzten Tourtag also noch lange nicht.

Gerade wenn ihr quer durch Europa tourt, was jetzt mit Obey The Brave und Stray From The Path der Fall ist, hast du bestimmt auch ab und an mit Veranstaltern zu tun, die du noch nicht kennst. Testest du da die Grenzen aus, indem ihr beispielsweise einen übertriebenen Rider (Anmerkung der Redaktion: Liste von Wünschen und Forderungen einer Band) schreibt?

Es gibt wirklich Menschen, die das tun. Es gibt Bands, die das erste Mal auf Tour sind oder neue Veranstalter haben, die dann draufschreiben, sie bräuchten einhundert rote M&Ms – aber das würde ich nie tun. An dem Tag selbst merkt man, was und wie der Veranstalter das macht, wie gut er das macht und wie sehr er dahinter ist. Wenn man in diesem Geschäft arbeitet, sieht man sich aber auch immer zweimal im Leben, irgendwann kommt man nochmal vorbei und weiß, das und das geht, das und das nicht. Dann kann man die Wünsche und Forderungen auch darauf anpassen.

Was steht denn bei euch jetzt auf dem Tourrider?

Nichts Außergewöhnliches, ich weiß nicht, was sich da manche Menschen vorstellen. Wenn wir bei dem Essen anfangen, ist das Ausgefallenste zwei CLIF Bars und griechischer Joghurt – aber auch nur, weil wir zwei Leute haben, die Tag für Tag ins Fitnessstudio gehen und einfach ihre Proteine brauchen. Ansonsten ist es ganz normales Zeug von Obst, Gemüse, Süßigkeiten, Get-In-Food, über Frühstück, Lunch, zum Dinner einen Salat, ein warmes Essen, einen Nachtisch, das war es. Bei Getränken ist auch nicht wirklich was Exotisches dabei: Softdrinks, Energydrinks, Bier, ein bisschen Cider, vielleicht mal eine Flasche Wodka, nichts Extremes.

Wo wir schon bei Alkohol sind: Musst du manchmal den Spielverderber spielen: „Jungs, ihr müsst morgen früh raus, seht zu, dass ihr euch nicht komplett abschießt“?

Das Gute an dieser Tour ist, wir haben sehr wenige Menschen, die trinken. Diejenigen, die trinken, können gerne die ganze Nacht machen, was sie wollen. Aber sie wissen auch, dass, wenn sie morgens um sieben Uhr aus dem Bett müssen, ich sie auch aus dem Bett ziehen würde. Sie kriegen dann ihre Quittung. Ich werde nicht sagen „du, trink jetzt mal weniger“ – es funktioniert eh nicht. Wenn sie das machen wollen, sollen sie das tun, aber sie müssen morgens trotzdem ihren Arsch hochkriegen. Das schaffen sie aber auch.

Hast du auf Tour Lust, die die Bands nach dem zehnten Abend noch anzugucken?

Nein, das kann ich ganz klar sagen. Würde ich diese Musik nicht mögen, würde ich es nicht tun. Aber würde mich jemand für eine Techno-Tour buchen und es würde alles drumherum stimmen, würde ich es wahrscheinlich auch machen, so ist es jetzt nicht. Man guckt es sich an, kennt das Set aber irgendwann eh auswendig. Man kann die Zeit auch nutzen, um schon mal andere Sachen für den nächsten Tag vorzubereiten.

Abgesehen davon, dass man dich, wenn alles stimmt, auch für eine Techno-Tour buchen kann: Bist du gerne Fan von den Bands, die du begleitest?

Ich finde, „Fan“ ist so ein schlimmes Wort. Das sind meistens die Menschen, die in der ersten Reihe stehen und damit vergleiche ich mich nicht. „Sympathisant“, ja, aber es muss nicht unbedingt sein. Wir können da ganz offen und ehrlich sein: Wenn das Geld und die Rahmenbedingungen stimmen, ist es eigentlich relativ egal, wer es ist. Im Endeffekt kommen sie auf dich zu, sie wollen dich für den Job haben, weil sie gehört haben, dass du entspannt und cool bist und das alles kannst. Aber es ist natürlich für einen selber fünfmal einfacher, wenn man mit einer Band tourt, die man schon durch ihre Musik kennt. Wo man weiß, wie sie ticken, weil sie entsprechend Hardcore, Metalcore oder Ähnliches machen – das ist definitiv einfacher, ja.

Verfallen größere oder US-Bands, Bands, die eine weite Strecken geflogen sind, um in Europa spielen zu können, auf Tour in ein „Rockstargehabe“?

Das kommt ganz darauf an, wer es ist. Wenn es eine kleine Band ist, die zum ersten Mal hierher kommt und denkt, Europa sei die schönste Welt zum Touren – was zum Teil auch stimmt – müssen die Menschen selber gucken, dass sie den Fuß auf den Boden behalten. Aber sobald sie einmal hier waren und wissen, wie es geht, gehen sie nicht davon aus, sie seien große Rockstars. Alles, was gefordert ist, sollen sie kriegen. Alles andere ist Gehabe von Menschen, die es noch nicht gelernt haben.

Greifst du dann manchmal ein und sagst „so nicht“?

Bei meinen ist es noch nie vorgekommen – und das wird es auch nicht, weil das alle sehr, sehr liebe Jungs sind, die keine Zwanzig mehr sind wissen, wie es funktioniert. Ihnen ist bewusst, was geht und was nicht. Würde es aber passieren, auch mit einer kleineren Band, definitiv, ja.

Musst du dann manchmal auch den Kindergärtner oder Aufpasser spielen, dass überhaupt noch alles seinen Gang gehen kann?

Wenn man neu mit einer Band zusammenarbeitet, guckt man eher danach, was man macht und wie sich entsprechende Leute verhalten, aber sobald man länger mit Leuten arbeitet, nicht mehr. Ich weiß, dass meine Jungs am Bus-Call immer da sind. Egal wie spät es ist, sie sind immer da. Sie verpassen nie einen.

„Babysitter“ würde ich nicht sagen, es sind alle erwachsene Jungs. Aber es gibt natürlich Tage, an denen sie extremes Heimweh haben und sie ein bisschen quengelig sind. Dann macht man alles dafür, dass es ihnen besser geht und dann ist die Aufgabe auch schon erfüllt.

Hast du auf Tour schon tatsächliche Extrema erlebt? Dass sich die Bands streiten, bei einer Show alles ausartet und irgendwelche Leute im Pit meinen, alles und jeden verprügeln zu müssen, oder auch Partys, die so ausarten, dass die Band danach kaum mehr in der Lage ist, die nächste Show zu spielen?

Die Jungs sind echt die liebsten Menschen, ich wüsste eigentlich nichts. Es arten Partys aus, aber am nächsten Morgen sind alle wieder da und fit. Wenn, wie jetzt bei Neck Deep, Securities es übertreiben und nicht mehr wissen, was sie tun, könnte es aber definitiv passieren, dass es da mal Reibereien gibt. Auf dieser Tour war es in Finnland nicht so schön, was sie da mit den Kids gemacht haben, das haben wir ihnen dann auch gesagt. Aber ansonsten ist es relativ entspannt. Es ist nicht so, dass ein Fernseher durch eine Tür fliegt, wie das früher mal war. Die Geschichten, die man so hört, gibt es und sind auch so passiert, aber das spielt in dem Genre, in dem wir uns bewegen, keine Rolle.

Natürlich kann es sein, dass mal einer ausrastet, weil man gerade von Hamburg nach Moskau geflogen ist und dort alles drunter und drüber geht, weil wir keine Zeit haben oder dieses und jenes nicht stimmt – irgendwann reißt der Geduldsfaden. Aber dann kommt man 20 Minuten runter und dann ist auch alles wieder gut und es nimmt einem keiner übel. Und natürlich geraten Menschen mal aneinander, vor allem auf Tour. Im Endeffekt schmeißt man vier Bands zusammen in einen Bus, die sich vorher vielleicht kennen, aber vielleicht auch nicht und schaut, ob und wie sie vier Wochen miteinander auskommen. Da kann es schon sein, dass sich Leute dann nicht riechen können. Entweder müssen sie sich dann aus dem Weg gehen oder man redet darüber und klärt das.

Hat dich der Job charakterlich verändert?

Wegen den Abrechnungen kann ich viel besser mit Zahlen umgehen als zuvor. Ich passe mehr auf, was Leute um mich herum tun und ich bin, wenn ich nicht auf Tour bin, viel ruhiger geworden. Also ich schreie auf Tour nicht herum, das passiert immer in einer guten Tonlage, aber wenn ich zuhause bin, bin ich sehr, sehr ruhig. Wenn man 50 verschiedene Menschen am Tag um sich herum hat, wird man automatisch ruhiger.

Oder man wird lauter.

Das Lauterwerden ist aber das absolut Unproduktivste, das du machen kannst. Sobald du laut wirst, werden deine Künstler und Bands unentspannt und sobald das passiert, passieren Fehler und das sollte einfach nicht so sein.

Was muss passieren, dass du sauer wirst?

Der Veranstalter kann die Gage nicht zahlen, der Club ist zu klein, es ist nicht genug Platz für Merch, die Show ist dadurch scheiße, der Hausmischer kann nichts – das sind alles Sachen, die man vorher und viel früher regeln kann. Wenn die Show richtig scheiße läuft und nicht genug Geld da ist, kriegt man selbst das geregelt. Man muss einfach nur mit mir reden, allgemein muss man reden und dann bin ich da auch gelassen. Aber sonst werde ich schon laut. Irgendwann ist auch der Punkt erreicht, wo ich sage, ich möchte nicht mehr. Entweder es passiert so oder es werden andere Saiten aufgezogen, so doof es sich anhört. Ohne irgendwem drohen zu wollen – absolut gar nicht! Aber wenn man ein Konzert veranstaltet, weiß man im Vornherein, worauf man sich einlässt. Man sieht Verträge und man sieht die Leistungen in den Verträgen, wenn man sie unterschreibt. Dann sollte man auch wissen, was man zu tun hat, und wenn man das nicht tut, was die Konsequenzen sind.

Bist du jemals von einer Tour nach Hause gekommen und hast gesagt, mit dieser Band möchtest du nie wieder unterwegs sein?

Nein. Würde mich Band A anfragen und ich weiß schon vorher, sie ist so und so drauf und möchte das und das, würde ich sofort Nein sagen. Ich gehe auf Tour, weil mir das Spaß macht, aber wenn ich merke, dass ich mit der Einstellung der Menschen, für die ich arbeite, nicht klarkomme, dann lasse ich es gleich. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn eine Band dich gebucht hat und dann doch nicht dahintersteht oder mit deiner Arbeit, mit der andere fünfmal zufrieden wären, nicht zufrieden ist. Mir ist beides zum Glück noch nicht passiert. Das kann man aber auch vorhersehen. Irgendwer war schon mal mit ihnen auf Tour und kann einem erzählen wie sie drauf sind. Man hört sich schon vorher um und guckt dann.

Autor Leonie Wiethaup
Wohnort Nähe Münster
Beruf PR-Assistenz
Dabei seit Februar 2015
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, News, Gewinnspiele
Top-Alben Apologies, I Have None - London; The Wonder Years - No Closer To Heaven; Cold Reading - Sojourner; Shoreline - You Used To Be A Safe Place; Twoonacouch - And I Left
Die besten Konzerterlebnisse Jimmy Eat World @ Skaters Palace, Münster, Frank Carter & The Rattlesnakes @ Dour Festival, The M-Pire Strikes Back-Festival 2016

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