Interview mit Radio Havanna

Interview mit Radio Havanna

„In meiner perfekten, idealen Welt gibt es keine Ungleichheit. Es spielt dort keine Rolle, wer man ist, wo man herkommt oder wen man liebt. Und dort wird auf jeden Fall auch immer die Sonne scheinen – klimatisch und politisch ist es eine Traumwelt.“ Oliver Arnold (rechts im Bild), Gitarrist der Berliner Polit-Punkrock-Band Radio aus Berlin, hat ganz genaue Vorstellungen von seiner persönlichen Utopie. Dass es eine solche wohl niemals geben wird, ist ihm aber durchaus bewusst. Auf ihrem neuen Album „Utopia“ haben sie sich so unter anderem den Themen gewidmet, die die Entstehung ihrer Utopie verhindern: Parteien wie die AfD und Homophobie.

Bei eurem letzten Album „Unsere Stadt brennt“ wurde viel darüber diskutiert, wie viel Pop der Punk vertrage. Habt ihr bei „Utopia“ explizit drauf geachtet, dass es gerade musikalisch eine gute Mischung aus Poppigem und tatsächlichem Punk oder Punkrock werden würde?

Es war ziemlich natürlich. Das einzige, was wir uns gefragt haben, war, was uns als Band eigentlich ausmacht, wo wir herkommen und was uns beeinflusst hat. Wir machen seit so vielen Jahren zusammen Musik und es war uns wichtig zu überdenken, was unser roter Faden ist. Obwohl wir uns auch privat mittlerweile für viel Musik begeistern können, die teilweise sehr weit vom Punk weg ist, sind wir immer wieder beim Punk gelandet. Wir fühlen uns am wohlsten, wenn wir ein ganz simples Punkrock-Lied schreiben. Das war eine wichtige Erkenntnis und hat auch viel Spaß reingebracht.

Bezüglich des Titeltracks „Utopia“: Muss wirklich alles geändert werden, damit eine Utopie entsteht?

Das finde ich nicht. In dem Song wollen wir ein sehr intensives Bild darstellen – ich selber möchte Europa nicht in die Luft sprengen und neu aufbauen. Wenn man das Glück hat in Deutschland aufzuwachsen, geht es den meisten wirtschaftlich erstmal ganz gut. Man hat Zugang zu Bildung und erhält Dinge, die man gerade hier als selbstverständlich ansieht, von denen man sich aber nicht vorstellen kann, dass sie dem Großteil der Menschen nicht zur Verfügung stehen. Den Menschen in der westlichen Welt geht es schon ganz gut, aber unabhängig von den positiven Aspekten gibt es natürlich auch viele Probleme, die ich gerne mit einer Dynamitstange in die Luft sprengen würde – gerade, wenn es um Homophobie oder Sexismus geht.

Was mich oft überrascht, ist, dass Homophobie so ein Thema ist. Ich dachte eigentlich, Schwulsein ist so ein alter Hut, dass es in Deutschland keinen mehr schocken kann. Aber die Leute haben im Alltag merklich ein Problem damit oder verstehen es noch nicht. Es ist auch nicht nur ein Phänomen vom Land. Homophobie ploppt auch in Teilen der Gesellschaft auf, wo man sie erstmal gar nicht vermutet.

Bei dem Song „Homophobes Arschloch“ habe ich zunächst etwas sehr Plakatives erwartet und war von der tatsächlichen textlichen Tiefe überrascht. Ist es eine Antwort auf „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten?

Da habe ich noch gar nicht drüber nachgedacht, es war also nicht so geplant, aber ich weiß, was du meinst. Wir wollten den Song sehr plakativ benennen, damit man sich erstmal daran stößt, gucken muss und hängen bleibt. Der Text selber geht allerdings schon um ein paar Ecken und regt zum Nachdenken an. Aber anscheinend ist es ungewollt ein „Schrei nach Liebe“ in Anti-Homophobie geworden (lacht).

Ist gerade das Thema etwas, was ihr auch selber beobachtet habt?

Eigentlich ist es mehr übertragen, aber dass Hooligans oder Fußball-Fans „schwul“ als Schimpfwort benutzen, sehe ich relativ oft. Ich möchte keineswegs alle Fußball-Fans in einen Topf schmeißen, das ist an prollige Leute gerichtet, die ich auch schon oft getroffen habe.

„Utopia“ ist euer erstes Album auf Dynamit Records – warum ein eigenes Label?

Im Vorfeld der Veröffentlichung haben wir mit einigen Labels gesprochen. Weil sich die Band aus Sicht von Plattenlabels ganz gut entwickelt hat, war es für viele interessant. Der Großteil der Gespräche war allerdings sehr anstrengend und wir haben festgestellt, dass wir unsere Band nicht so beibehalten können, wie wir wollen, wenn wir das einem Label in die Hand geben. Uns wurde immer klarer, dass wir die komplette Kontrolle – ideell wie finanziell – nur behalten können, wenn wir das selbst machen. Der Gedanke an einem eigenen Label gefiel uns extrem gut und wir haben daraufhin schnell entschieden, dass wir das genau so machen wollen. Wir haben zwar mit keiner Band darüber gesprochen, aber ich würde es auch nicht ausschließen, dass wir über Dynamit Records auch mal die Alben anderer veröffentlichen werden.

Vor ein paar Monaten, kurz vor der Bundestagswahl, habt ihr mit der Single „Faust hoch“ auch auf die gleichnamige Kampagne gegen die AfD aufmerksam gemacht. Hattet ihr schon die Vorahnung, die AfD würde einziehen?

Um ehrlich zu sein nicht – und dass die AfD mit 13 Prozent einzieht, habe ich mir in meinen schlimmsten Träumen nicht ausgemalt. Ich hatte immer die 10 Prozent-Hürde vor Augen, dass es am Ende nochmal deutlich schlimmer kam, fand ich unfassbar. Wir wussten schon vorher, wie gefährlich die AfD ist, wie bürgerlich sie rechtes Gedankengut aussehen lässt und es den Massen zugänglich macht. Wir wollten schon lange so eine Initiative gründen – auch, weil wir wussten, dass die Wahl ansteht. Anfang des Sommers haben wir den Song „Faust hoch“ geschrieben, der für uns als Namensgeber direkt passend war. Dann haben wir lange überlegt, wie wir das Ganze angehen wollen und haben uns dafür entschieden, das zu machen, was wir am besten können: Wir fragen unsere befreundeten Bands und Musiker. Unsere Idee war, die Fans von allen Musikern zu erreichen und zu signalisieren, diese Bands stehen alle ganz klar gegen die AfD – und falls jemand das noch nicht weiß, soll er sich bitte informieren oder eine andere Band hören (lacht).

Plant ihr besondere Aktionen oder geht es prinzipiell darum zu verdeutlichen: Diese Bands stehen für das Gegenteil, was die Partei ausmacht?

Zum einen geht es darum zu zeigen, dass wir für das Gegenteil stehen, aber wir wollen auch aufklären. Selbst Leute, die die AfD kacke finden, wissen manchmal gar nicht, was sie für abgefahrene, menschenfeindliche Dinge macht, wie sie sich finanziert, wie unprofessionell sie arbeitet, was es für ein echt furchtbarer Schlag Mensch ist. In unserer Online-Redaktion ist jemand aus der Amadeu Antonio-Stiftung, der sich im Alltag genau mit so etwas beschäftigt. Er bringt Fakten ans Licht, die nicht jeder weiß, und es ist ein toller Gewinn für uns. Ich bin immer extrem froh darüber, wenn er etwas findet, was wir den Leuten präsentieren können.

Foto: Viktor Schanz

Autor Leonie Wiethaup
Wohnort Nähe Münster
Beruf PR-Assistenz
Dabei seit Februar 2015
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, News, Gewinnspiele
Top-Alben Apologies, I Have None - London; The Wonder Years - No Closer To Heaven; Cold Reading - Sojourner; Shoreline - You Used To Be A Safe Place
Die besten Konzerterlebnisse Jimmy Eat World @ Skaters Palace, Münster, Frank Carter & The Rattlesnakes @ Dour Festival, The M-Pire Strikes Back-Festival 2016

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