Interview mit Rogers

Interview mit Rogers

Guter deutschsprachiger Punkrock mit Texten, die im Duden nicht auch als Beispiele für „plakativ“ aufgelistet werden können, ist in Deutschland mittlerweile zur Seltenheit geworden. Nach „Flucht nach vorn“ (2013) und „Nichts zu verlieren“ (2015) veröffentlicht das Düsseldorfer Quartett Rogers mit „Augen auf“ nun aber ihr drittes Album ebendieses Schlages. Wir haben uns mit Artur Freund, Chri Hoffmeier und Nico Feelisch (zweiter, dritter und vierter von links) zusammengesetzt und unter anderem erfahren, dass manchmal schon ein Gespräch über Punica ausreicht, um zu befürchten, man würde abgehört werden.

Ich finde, „Augen auf“ ist euer bisher politischstes Album. Gab es einen ganz konkreten Anlass dafür?

Chri: Das sollte es aber auch sein. Einen Anlass hatten wir nicht. Das Ziel war, eine geile Platte zu machen, mit der wir zufrieden sind.

Nico: Das kleine Konzept ist vielleicht, das wir eine Platte machen wollten, auf der wir ein bisschen direkter und bewusster politische Themen ansprechen. Wir sind der Meinung, dass man das gerade in solchen Zeiten nicht zu wenig tun kann.

Ich fand von der letzten Platte „Zugvögel“ schon sehr direkt, aber im Gegensatz zu „Nie euer Land“ ist das ja gar nichts.

Nico: Das ist aber auch eine Momentaufnahme als wir alle mal sehr sauer waren (alle lachen). Irgendwer meinte sogar, dass wir das so nicht aufnehmen könnten. Das könnten wir nicht machen, das sei viel zu hart. Aber es ist ja so.

Es ist nur super traurig, dass es so ist.

Nico: Natürlich. Aber genau deswegen haben wir gesagt, der Song muss genau so auf die Platte. „Mensch“ hat auch diesen super depressiven, angepissten Text – aber das kannst du nicht in andere Worte fassen. Warum soll man das verniedlichen? Es ist eben scheiße. Da muss man mal den Mund aufmachen.

Was mir beim neuen Album mal wieder aufgefallen ist, ist, dass ihr zwar direkt seid, aber nicht plakativ. Und dass es trotz allem noch sehr viel Raum für Interpretationen gibt.

Nico: Ich glaube, bei Texten, die nicht zu stumpf geschrieben sind, passiert es einfach, dass da so ein Raum entsteht. Ich möchte es nicht mit uns vergleichen, aber bei einem gut geschriebenen Buch oder einer gut geschriebenen Geschichte lässt es auch immer noch Raum für Interpretationen. Natürlich muss es manchmal auch so stumpf und geradeaus geschrieben sein, dass man es auf keinen Fall missverstehen kann. Aber es ist auch ein Qualitätsmerkmal, wenn man den Zuhörer oder den Leser die Möglichkeit gibt, Gedanken noch weiterzuspinnen.

Sind die Themen Sachen, die ihr selber „nur“ beobachtet oder auch selber erlebt habt?

Chri: Beides. Es ist immer viel aus dem eigenen Leben.

Nico: Es gibt auch Songs, wo man sich hinsetzt und sagt: „Über dieses Thema haben wir noch nie geschrieben, das sollten wir mal machen“ – und das gibt es auch auf der Platte, „Sie hören zu“ zum Beispiel.

Ist „Sie hören zu“ etwas wie George Orwell heute? Obama hat Merkel abgehört, vielleicht hört uns gerade Trump zu. Es wird bestimmt mehr überwacht wird, als man denkt.

Nico: Wir sind uns sicher, dass das definitiv möglich ist und dass man viel zu wenig mitbekommt und weiß.

Chri: Das fängt auch schon bei der Payback-Karte an. Du kannst das so krass sehen wie du möchtest, aber du gibst Informationen von dir. Alles Informationen, die sie über dich verscherbeln.

Artur: Eigentlich stört mich dieser Verkauf der Daten auch viel mehr als dass die Unternehmen meine Daten haben. Wenn sie sich selber bemühen würden, meine Daten zu bekommen, damit sie mir nicht mit Sachen auf den Sack gehen, die mich nicht interessieren, ist fast schon okay. Du wirst permanent nur noch zugemüllt. Meiner Meinung nach ist das große Verbrechertum der Verkauf und der Handel der Daten. Aber da sind wir alle anderer Meinung. Das ist auch ein offenes Thema.

Chri: Das Beste war damals, als wir uns im Bus über Punica unterhalten haben – wann unterhält man sich denn mal über Punica? Irgendwer hat dann sein Handy aufgemacht und das Erste auf Facebook war Punica-Werbung – ohne, dass wir irgendwas eingetippt haben.

Das ist gruselig.

Artur: Wir haben auch probiert, das zu tricksen, indem wir die ganze Zeit irgendwas ins Handy gesagt haben, aber da ist nichts passiert. Vielleicht war es auch nur Zufall. Oder der Typ, der das Thema angestoßen hat, hat tatsächlich am Vortag Punica gekauft oder beim Lieferservice bestellt. Alleine das reicht ja theoretisch schon. Wenn die jetzt permanent alles tracken würden, wären das Datenmengen, die wahrscheinlich kein Server der Welt packen würde.

Ich glaube, wenn man so denkt, würde man auch sehr schnell sehr paranoid werden.

Chri: Voll!

Nico: Darum geht es auch ein bisschen in dem Song. Deswegen ist es auch bei dem Grad, wo teilweise Leute denken „übertreib mal nicht“, aber teilweise auch denken „scheiße, das kann wirklich so sein“. Das war für uns das Interessante an dem Text. Dass man guckt, dass man so gerade auf der Grenze bleibt. Es soll kein Song über eine Person sein, die komplett paranoid ist, aber auch kein Song, der sagt „unsere ganzen Daten werden gesammelt, findet euch damit ab“.

Früher habt ihr mit Radio Havanna gefeatured, auf der Bonus-CD sind Feine Sahne Fischfilet und die Kassierer dabei – auf dem Album selber aber jemand ganz Anderes: Sebastian von Madsen. Wie kam es dazu?

Nico: Als wir wussten, was auf das Album draufkommt, haben wir bemerkt, dass es viel abwechslungsreicher und anders ist als die Platten davor. Deswegen haben wir gesagt, wir sollten es auch so featuren lassen, dass es anders ist. Einfach mal Sachen anders machen. Wir waren teilweise auch mit anderen Leuten im Studio, wir wollten andere Leute dazuholen. Wir haben zwar wieder mit Micha zusammengearbeitet, mit dem wir bisher jede Platte gemacht haben, aber wir haben auch noch jemanden dazugeholt, der uns noch nicht so lange kennt. Der draufgucken konnte und sagen konnte: „Es ist cool, dass ihr das seit sechs Jahren so macht, aber wollt ihr das nicht vielleicht mal so machen?“. Perfektion von allen Seiten.

Artur: Die Feature hätten auch nicht gut auf das eigentliche Album gepasst. Wenn man das grob kategorisieren möchte, ist das eigentliche Album Sex Pistols und das andere Rise Against – beides Punkrock, aber schon echt eine andere Nummer. Die Kassierer hätten auf dem eigentlichen Album nicht geklappt, auf dem anderen klappt es dagegen schon.

Sind neben solchen geplanten Sachen auch Songs dabei, die auf dem letzten Drücker entstanden sind?

Nico: „Wohin“ ist der letzte Song, der für die Platte geschrieben wurde. Den haben wir noch im Studio fertig geschrieben.

Artur: Es sind aber immer die Songs, die man so kurz vorher schreibt, die besonders cool werden. Das sollten wir jetzt immer machen. Zwölf Songs in einer Woche.

Nico: „Morgen Album, Leute“ – „Ja, okay, ich fang jetzt an“ (alle lachen).

Das nächste Album einfach live einspielen – one take-mäßig.

Artur: Die Bonus-Platte ist tatsächlich live eingezockt – und mit Alkoholpegel. Und keinem geringen.

War das dann auch eine spontane Idee? Aus dem Suff heraus?

Chri: Eher aus der Marihuana-Laune heraus. Wir sind keine Säufer.

Artur: Wir trinken echt nur, wenn wir müssen.

Chri: Aber wir kiffen immer, wenn wir können (alle lachen).

Foto: Kay Özdemir

Autor Leonie Wiethaup
Wohnort Nähe Münster
Beruf PR-Assistenz
Dabei seit Februar 2015
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Top-Alben Apologies, I Have None - London; The Wonder Years - No Closer To Heaven; Cold Reading - Sojourner; Shoreline - You Used To Be A Safe Place; Twoonacouch - And I Left
Die besten Konzerterlebnisse Jimmy Eat World @ Skaters Palace, Münster, Frank Carter & The Rattlesnakes @ Dour Festival, The M-Pire Strikes Back-Festival 2016

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