Interview mit Silverstein

Interview mit Silverstein

Die Mitte der 2000er waren die Hochzeiten des Emocore. Und sie waren mittendrin: Silverstein. „My Heroine“ oder „Smile In Your Sleep“ mutierten zu Überhits der dezent sentimentalen My Space-Generation, „Discovering The Waterfront“ war eines der Alben schlechthin. Schwarz gefärbter Seitenscheitel (ohne historischen Bezug), pinke Akzente (gerne auf den obligatorischen schwarzen Chucks) und Silverstein-Shirt waren 2005 ein todsicheres Outfit. Heute, zehn Jahre später, ist dieser Aufzug von deutschen Schulhöfen so gut wie verschwunden und mit ihm auch viele der Bands aus dieser Zeit der süßen Tränen. Silverstein aber sind immer noch da – mit neuen Frisuren und mittlerweile acht Alben auf der Habenseite. Viel Material also um heute Abend Frankfurt zu beschallen, im Mittelpunkt aber soll ein alter Bekannter stehen: „Discovering The Waterfront“. Die Kanadier laden zum zehnten Geburtstag ihres Klassikers. Im Vorfeld zur Party haben wir uns mit Gitarrist Josh Bradford (32) und Schlagzeuger Paul Marc Koehler (31) getroffen. Während sich das ehemalige Kirchenschiff im Frankfurter St. Peter gemächlich füllt, wagen wir eine Reise durch die Bandgeschichte – auf den Spuren von „Discovering The Waterfront“, bis zu diesem lauen Frühlingsabend in 2015. Ein Gespräch über das Erwachsenwerden in einer Band, ihr Fabile für streng durchdachte Konzept-Alben und die alten Emocore-Weggefährten.

Heute Abend feiern wir den zehnten Geburtstag von “Discovering The Waterfront”. Erinnert ihr euch noch daran wie ihr das Album damals geschrieben habt?
Paul Marc: Das war eine richtig lustige Zeit. Ich glaube wir haben damals überhaupt nicht realisiert, wie groß dieses Album mal wird und was wir mit ihm erreichen werden. Es lief auch alles recht entspannt ab. Eigentlich denkt man ja, die Arbeit an einem Album ist immer stressig, aber wir hatten tatsächlich einfach nur unseren Spaß.

Josh: Wir hatten an diesem Punkt ja bereits “When Broken Is Easily Fixed” auf der ganzen Welt veröffentlicht. Das Schreiben von “Discovering The Waterfront” nahm aber vergleichsweise deutlich mehr Zeit in Anspruch. Wir haben etwa einige Songs von unseren alten, in Eigenregie veröffentlichten EPs noch mal aufgenommen. Für „Discovering The Waterfront“ setzten wir uns auch zum ersten Mal überhaupt als Band zusammen und sagten: So, wir machen jetzt ein Album.

Paul Marc: Genau das hat es glaube ich für uns auch so spannend gemacht und im Endeffekt dazu geführt, dass wir so eine gute Zeit hatten.

Josh: Dazu kam noch, dass wir das Album in Kalifornien aufgenommen haben – das erste Mal Studioarbeit weg von zu Hause. Dieser ganze Prozess fühlte sich gut an und machte tierisch Spaß, gleichzeitig nahmen wir die Arbeit aber auch äußerst ernst. Uns wurde da zum ersten Mal bewusst, dass wir das hier gerade als professionelle Musiker machen.

Bei all dem Spaß, den ihr bei eurer Arbeit empfindet, kann man nun nicht behaupten, dass eure Musik als solche auch nur ansatzweise amüsant ist, im Gegenteil. Wo holt ihr ein „Smile In Your Sleep“ her, während ihr gleichzeitig trotzdem gut drauf seid?
Paul Marc: Ich glaube uns gelingt da eine gute Balance: Wir nehmen uns selbst nicht allzu ernst und wir haben einen Heidenspaß am Musik machen. Die Musik aber nehmen wir verdammt ernst. Und all diese Seriosität und intensive Energie packen wir in unsere Musik. Gleichzeitig sind wir aber abseits davon unbeschwerte, fröhliche Leute, die ihr Leben genießen. Ich glaube das ist ein gelungener Kontrast zur Musik.

Josh: Egal wie glücklich du gerade auch sein magst, es gibt immer Dinge im Leben, die schlichtweg deprimierend sind und dich runterziehen. Das Musik machen ist für uns ein Weg all dies loszuwerden. Diese Energie zu kanalisieren und etwas Positives daraus zu machen, das ist das Ziel. Und danach können wir wieder unseren Spaß haben.

Dieser Gegensatz zwischen bedrückter Stimmung auf der Platte und gelöster in der Band, auch live, hält sich mittlerweile acht Alben lang. Spielt ihr bisweilen zumindest mit dem Gedanken auch in eurer Musik positiver zu werden?
Paul Marc: Unzählige Künstler haben sich irgendwann für einen radikalen Wandel entschieden und diesen damit beschritten, ein ganzes Album zu schreiben, das sich völlig von seinen Vorgängern löste. Auch bei uns gab es Veränderungen in all der Zeit. Veränderungen in verschiedenste Richtungen. Aber diese fanden in zwei oder drei Songs statt und eben nicht gleich auf einem ganzen Album. Auf diese Weise geschieht es vertraut genug und bleibt für unsere Fans greifbar. Wir wollen sie nicht verprellen, sondern ihnen einfach hier und da eine neue Emotion, ein neues Gefühl oder einen neuen Sound präsentieren.

Viele Leute mögen trotzdem sagen, wir haben uns kaum verändert, aber das stimmt nicht. Wir haben es eben nur auf eine Art getan, die niemanden vor den Kopf gestoßen hat.

Als ihr 2005 “Discovering The Waterfront” raus gebracht habt, war hier in Deutschland der Emocore-Hype auf dem Höhepunkt und Silverstein eine der ganz großen Nummern. Wie viel habt ihr damals davon mitbekommen?
Paul Marc: Niemand hat uns damals wirklich erklärt, wie wir Europa anpacken sollen. Es hieß immer bloß, tourt da so oft es geht. Wir aber waren total beschäftigt damit kreuz & quer durch Nordamerika zu fahren und eine Show nach der nächsten zu spielen. Wir hätten jemanden gebraucht, der uns da einfach rausgeholt und ab nach Europa verfrachtet hätte. So kamen wir erst nachdem „Discovering The Waterfront“ schon einige Monate draußen war hierhin und dann auch nur für ein paar wenige Shows. Ich glaube wir haben damals nicht mal ansatzweise so viel Zeit in Europa verbracht wie wir es hätten tun können.

Wir wussten aber auch nicht, was wir hier erwarten sollten. Als wir dann da waren dachten wir bloß: Überall kommen Leute zu den Shows, cool, also lasst uns so weitermachen. Wir hatten einfach unseren Spaß. Aber dass die Fans uns derart feiern und auch so treu bleiben sollten, haben wir erst mal gar nicht realisiert.

Josh: Jahre später, als wir für eine ausgiebige Tour nach Europa kamen, haben wir dann gemerkt: das ist ja der Wahnsinn! Die Fans hier sind mit die leidenschaftlichsten überhaupt, besonders in Deutschland. Ihr könnt euch für Rock-Musik begeistern wie kaum ein anderes Land. Und jetzt wo wir das wissen, lieben wir es einfach herzukommen (lacht).

Auch heute Abend wird vor allem wieder auf „My Heroine“, „Smile In Your Sleep“ und Co gewartet werden, die alten Hits also. Wie geht ihr damit um, wo ihr doch seitdem so viel mehr geschrieben habt?
Josh: Das Interessante ist ja: Auch wenn viele Leute uns durch diese Songs erst kennen und schätzen gelernt haben, spielen sie doch bei einigen neuen genau so verrückt vor der Bühne. Gerade dass sie sich also nicht bloß für die Klassiker interessieren, fühlt sich wirklich großartig an.

Ihr fühlt euch also nicht wie Caleb Followill (Kings Of Leon), der von den ständigen „Sex On Fire“-Sprechchören nur noch genervt ist?
Josh: Ich kann mir vorstellen, wie hart das ist, aber wir waren nie die Band mit dem einen Hit, der alles andere in den Schatten stellte. Wir haben permanent weitergeschrieben, neue Platten veröffentlicht und so eben auch ständig neue Fans gewonnen. Viele von denen haben „Smile In Your Sleep“ und „My Heroine“ erst gehört, nachdem sie unsere neuen Sachen entdeckt hatten. Sie sind also quasi rückwarts gegangen. Es ist jedenfalls ein gutes Gefühl zu wissen, egal was wir aus unserem Song-Katalog spielen, die Leute werden begeistert sein.

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Dieses Jahr feiert ihr nicht nur zehn Jahre “Discovering The Waterfront” sondern auch 15 Jahre Silverstein. Wie habt ihr die Veränderungen im Musik-Business über all die Jahre erlebt?
Josh: Als wir unsere ersten Schritte als Band machten, war das Internet nicht mal ansatzweise so wichtig für Leute, um sich Musik zu beschaffen wie es das jetzt ist. Diese Wandlung mit zu erleben war äußerst spannend.

Paul Marc: Und es ist ja nicht so, dass Anfang der 2000er niemand Songs runtergeladen hat, nur war die Technologie einfach bei weitem noch nicht ausgefeilt genug für eine große Masse. Zehn Minuten haben da für einen Song nicht gereicht. Mittlerweile kannst du Musik streamen wann und wo immer du gerade Lust hast. Jedes Mal wenn wir ein Album gemacht haben, sahen wir uns Veränderungen ausgesetzt, neuen Trends, die du irgendwie einbinden musst. Ich glaube wir versuchen neue Entwicklungen immer zu würdigen, aber gleichzeitig fokussieren wir uns doch stets auf das, was wir machen und machen unser Ding wie wir es immer durchgezogen haben.
Ihr seid nun beide Anfang dreißig; euer gesamtes Erwachsenenleben spielt ihr in Silverstein. Wie fühlt sich das an in diesem Mikrokosmos Band aufzuwachen, während ihr um euch herum Freunde habt, die ganz normale Jobs machen und ein ebenso normales Leben führen. Verstehen die eure Welt?
Paul Marc: Wir machen das hier ja jetzt schon so lange, da glaube ich schon, dass einige um uns herum diese Welt in der wir da leben verstehen. Vor allem weil sie ja schon dabei waren, als wir noch in den Läden bei uns zu Hause gespielt und über die Wochenenden kleine Touren veranstaltet haben. Was wir jetzt erleben ist ja an sich das Gleiche, nur in viel größer. Aber natürlich gibt es da auch viele, die zwar versuchen nachzuempfinden, was wir erleben, es aber nicht schaffen. Und es ist auch schwer zu erklären.

Josh: Ich glaube, du kannst all das hier nicht vollends verstehen, solange du es nicht selbst erlebt hast. Wir können uns wirklich glücklich schätzen, dass wir Familien und Freunde haben, die uns in dem was wir tun so grandios unterstützen. Sie freuen sich immer darauf, wenn wir zurückkommen, anstatt uns über die Zeit zu vergessen (lacht). Sich dieser Unterstützung sicher sein zu können macht unseren Job so viel einfacher. Ohne sie wäre das ein ziemlich einsames Dasein.

Kommen wir zu eurem neuen Album, “I Am Alive In Everything I Touch”. Es ist wieder ein Konzeptalbum geworden, euer drittes mittlerweile. Was fasziniert euch so sehr an der Idee eine große, allumfassende Geschichte zu erzählen?
Paul Marc: Zunächst einmal hilft es ungemein das Ganze zusammen zu halten. Vor allem aber arbeitet man so viel fokussierter. Normalerweise versuchst du ja schlichtweg gute Songs als solche zu schreiben, hier aber geht es darum zu versuchen, das bestmögliche Gesamtwerk zu schaffen und etwas zu haben auf das du dich permanent beziehst. Macht das Sinn zusammen? Passt dieser Song hier wirklich? Solche Fragen stellen sich bei dieser Herangehensweise und geben unserer Arbeit so noch eine weitere Dimension.

Was ist denn die Story auf dem neuen Album?
Josh: Dieses Mal ist es weniger eine durchgezogene Geschichte geworden. Das Konzept ist sehr vielschichtig, es basiert auf der Idee eines Zyklus. Wenn du dir die Tracklist anschaust, heißen der erste und der letzte Song beide „Toronto“ – wir verlassen die Stadt, gehen auf Tour und kehren zurück. So kannst du das interpretieren. Es ist aber nur ein Teil der Story. Der Rest orientiert sich an einer Tour-Route durch Nordamerika. Verschiedene Songs ziehen ihre Inspiration aus Geschehnissen und Erinnerungen, die wir mit dieser oder jener Stadt verbinden. Ein Ort kann etwa für dich in einem ganz speziellen Licht erscheinen, nur auf Grund der Momente die du an ihm erlebt hast. Wir haben vor Kurzem zum Beispiel in London gespielt, in der gleichen Location, in der uns damals die Nachricht erreichte, dass Casey Calvert (Hawthorne Heights) gestorben ist. Dafür kann die Location nichts, dafür kann auch London nichts, auf keinen Fall. Aber bloß wieder just in demselben Raum zu sein, fühlt sich unbehaglich an.

Das klingt wie ein Album über das Tour-Leben einer Band
Paul Marc: Nein, das ist es nicht zwangsläufig. Es geht mehr um die Reise, die so jeder erleben kann. Vom Aufstehen, über den Weg zur Arbeit, durh die alltägliche Routine und wieder zurück. Zeiten verändern sich. Dinge verändern sich. Du selbst veränderst dich. Wie blickst du auf all das zurück? Wo stehst du eigentlich gerade in deinem Leben?

Josh: Du musst nichts von all dem wissen, wenn du die Songs hörst. Aber es ist die Inspiration dahinter.

Bei all den Jubiläen gibt es mit “I Am Alive In Everything I Touch” aber ja auch den Start in ein frisches Silverstein-Kapitel: Es ist euer erstes Album auf Rise Records. Ihr seid damit also jetzt als Alteingesessene in einem Boot mit vielen jungen aufstrebenden Bands. Wie kam es zum Wechsel von Victory Records?
Paul Marc: Wir kannten die Verantwortlichen schon eine Weile und als wir uns ohnehin gerade in Sachen Label umgeschaut haben, kamen sie an den Tisch und wir entschieden uns für die Zusammenarbeit. Das war ein ganz natürlicher Prozess.

Josh: Neben den Newcomern haben sie ja aktuell auch einige unserer Helden unter Vertrag. Das ist eine schöne Balance und sie erreichen ganz offensichtlich eine Menge Leute, die Interesse an unserer Art von Musik haben. Wir passen also zusammen.

Verfolgt ihr eigentlich auch noch den Werdegang von Bands, die mit euch in dieser Zeit groß raus kamen wie etwa From First To Last ?
Paul Marc: Mit einigen sind wir nach wie vor befreundet, ja. Aber da wurden die verschiedensten Wege eingeschlagen. Viele von ihnen machen aktuell Pause, touren kaum noch oder haben sich ganz aufgelöst. Wir sind einfach froh immer noch hier und uns treu geblieben zu sein.

Josh: Wir sind definitiv glücklich, dass wir es geschafft haben, kontinuierlich zu wachsen und weitermachen zu können mit dem Wissen, dass es da draußen Leute interessiert, was wir machen. Erst recht wenn wir uns vor Augen halten, wie einige ihrer Karrieren verlaufen sind.

Ihr seid also weit davon entfernt müde zu werden?
Josh: Sehr, sehr weit! Eigentlich haben wir aktuell sogar den meisten Spaß seit Beginn unserer Karriere.

Können wir uns also schon auf die 20 Jahre „Discovering The Waterfront“-Tour vorbereiten?
Josh: (lacht) Es gibt ja immer eine Menge zu feiern. Mal sehen was wir uns als Nächstes vornehmen.

Das neue Album der Kanadier, „I Am Alive In Everything I Touch“, erscheint am 15. Mai via Rise Records.

Autor Benjamin Fischer
Wohnort Frankfurt
Beruf Redakteur
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, Redigat
Top-Alben The Gaslight Anthem - The '59 Sound / The National - High Violet & Trouble Will Find Me / Bon Iver - Bon Iver
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