Interview mit Simple Plan

Interview mit Simple Plan

Ende der 90er gegründet und in den 2000ern zu den Helden so mancher Teenager geworden. Simple Plan gehörten immer zu den Bands, die man entweder liebte oder einfach schrecklich fand – egal waren sie nie. 15 Jahre ist es inzwischen her, dass das Quintett ihr Debütalbum „No Pads, No Helmets… Just Balls“ auf den Markt gebracht hat und Dank Songs wie „Perfect“ auch gleich seinen Durchbruch feiern dufte. Nun sind die Herren allesamt der 40 näher als der 30, können auf fünf Alben und etliche Touren zurückblicken, machen allerdings noch immer die Musik, mit der sie sich damals vorgestellt haben: Verspielten Pop-Punk. Wir haben mit Gitarrist Sébastien Lefebvre (vierter von links) unter anderem über die musikalische Entwicklung der Band und das Verschwinden der Rockmusik aus dem Radio gesprochen.

Vor kurzem ist euer Debütalbum „No Pads, No Helmets… Just Balls“ 15 Jahre alt geworden. Kannst du inzwischen realisieren, dass bereits so viel Zeit seit dem Release vergangen ist?

Es ist wirklich schon lange her, das stimmt, es fühlt sich aber überhaupt nicht danach an. Wir lieben das, was wir machen noch immer. Wir sind unfassbar gerne auf Tour und so viele Alben haben wir bislang ja auch nicht veröffentlicht – gerade einmal fünf. Wären wir momentan nicht mit der Jubiläums-Tour unterwegs, würde ich wirklich nicht denken, dass das Album schon so alt ist. Mir kommt es nicht wie 15 Jahre vor.

Ihr habt euch 1999 gegründet, seitdem aber keinen wirklichen Wechsel im Band-Line-Up vorgenommen, es ist niemand ausgestiegen. Habt ihr in den vergangenen 18 Jahren wirklich nie ans Aufhören gedacht?

Doch, das haben wir wahrscheinlich alle, allerdings war uns auch immer bewusst, dass die Band wichtiger ist als wir. Wir haben die Band immer vorneangestellt und versucht, Privates rauszuhalten – auch den Fans zuliebe. Zusammenzubleiben war deswegen auch gar nicht so schwierig. Was dagegen tatsächlich schwierig ist, ist, relevant zu bleiben und gute Musik zu schreiben. Wir hatten das Glück, jederzeit mehr oder weniger erfolgreich zu sein, sodass wir immer motiviert waren und letztlich auch niemand die Band verlassen hat und wieder zurück zur Schule oder zur Uni gegangen ist.

Du hast es gerade schon erwähnt: Es ist sehr schwierig, relevant zu bleiben. Für euch war es scheinbar stets noch schwieriger, weil euch oft angekreidet wurde, ihr würdet Musik für Teenager machen, obwohl ihr alle schon in euren 30ern seid. Nehmt ihr euch solche Dinge zu Herzen?

Es ist interessant, dass du das ansprichst. Du bist nicht die Erste aus Deutschland, die das sagt, das scheint bei euch ja echt ein Thema zu sein (lacht). Ich glaube, als wir angefangen haben, konnte man uns schon gut mit Blink-182 und Good Charlotte vergleichen – worauf wir auch stolz waren! Anfang der 2000er waren diese coolen Rock-Bands mit der tollen Musik und starken Energie die Antwort auf all die Pop-Bands, Boy-Bands und Girl-Bands und es ist großartig, ein Teil davon zu sein.

Mit unserem ersten Album haben wir uns uns bekannten Themen gewidmet, die zu der Zeit natürlich auch mit dem Teenager-Dasein zu tun hatten. Ich war schließlich 18 als wir die Band gegründet haben! Die Musik ist zwar ähnlich geblieben, aber inzwischen haben sich die Dinge, über die wir sprechen, weiterentwickelt. Wir haben erst darüber gesprochen, wie es ist in einer Beziehung zu sein, dann wie es ist, verliebt zu sein. Es ist aber unglaublich, dass uns viele unserer Fans schon seit Jahren begleiten. Dass sie mit uns aufgewachsen sind und uns noch immer hören. Das ist etwas, was nicht viele Bands erfahren dürfen.

Wenn wir schon bei eurem Musikstil sind: Ihr beschreibt eure Musik selber gerne als Rockmusik oder Punkrock. Wie stehst du zum „Pop-Punk“-Begriff?

Ich habe da überhaupt kein Problem mit. Als es mit dem Punkrock angefangen hat, hatte er schon eine gewisse poppige Attitüde, was sich dann teilweise auch noch verstärkt hat. Wir wurden davon und von den Bands, die diesen Weg bereits eingeschlagen hatten, auch beeinflusst – vor allem von diesen Punkrock-Bands der 90er, wie NOFX, The Offspring und Bad Religion. Ich glaube, dabei geht es mehr um die Einstellung als um eine Aussage. Ich denke nicht, dass wir eine tatsächliche Message haben, weil wir immer mehr von der Musik beeinflusst wurden als von anderen Sachen. „Pop-Punk“ steht ja auch für starke Melodien und Musik, die Spaß macht, was uns sehr wichtig ist. Wir wollen Songs schreiben, die Leute mitsingen können!

Dann geht es euch also definitiv nicht so wie Billy Joe Armstrong von Green Day, der vor wenigen Monaten getwittert hat, dass er 2017 den „Pop-Punk“-Begriff für immer entwerten wolle?

Nein, auf keinen Fall! Wir wollen nichts entwerten, wir wollen nichts zerstören und auch niemanden hassen. Wenn man unsere Musik oder Pop-Punk generell mag, ist das schön, aber wenn man es nicht mag, ist das auch vollkommen okay. Wir stehen zu dem, was wir machen – ganz egal, was andere davon halten!

Ab Ende Mai kommt ihr im Zuge eurer „No Pads, No Helmets… Just Balls“-Jubiläumstour auch wieder nach Europa. Habt ihr euch vor der Planung eigentlich wegen der jüngsten Ereignisse und der Anschläge in beispielsweise Paris, Brüssel und Berlin Gedanken gemacht? Ob ihr wirklich in diesen Städten spielen wollt?

Ja, aber nur ganz kurz, weil wir es alle wollen. Es war nie wichtiger, etwas zu unterstützen, bei dem es ganz klar darum geht, zusammenzukommen, eine gute Zeit zu haben und für einige Stunden die Probleme zu vergessen. Wir sind, wer wir sind und wir machen das, was wir machen wollen. Und diese Liebeserklärung an die Musik ist heute extrem wichtig!

Apropos schwierige Zeiten: Ein paar Simple Plan-Mitglieder leben inzwischen in den USA. Stand seit Trumps Gewinn bei den Präsidentschaftswahlen jemals ein Rückzug nach Kanada zur Debatte?

Das weiß ich gar nicht, um ehrlich zu sein. Für viele Leute ist das ein sehr wichtiges Thema, wir versuchen uns aber aus der Politik herauszuhalten. Ich lebe in Kanada und bin da auch glücklich. Diejenigen von uns, die in den Staaten leben, scheinen dort aber ebenso glücklich zu sein. Ich glaube, man muss nicht immer gleich versuchen, die ganze Welt zu verändern, sondern lieber erstmal damit beginnen, aus seinem persönlichen Umfeld das Beste zu machen. Seine Kinder gewissenhaft zu erziehen, sich mit Freunden zu umgeben, die man allesamt zu schätzen weiß, und stets sein Bestes zu geben.

Neben Simple Plan bist du auch noch in anderen Projekten involviert, beispielsweise bei einer wöchentlichen Radioshow. Du hast mal gesagt, dass im Radio kaum noch Rockmusik gespielt wird – willst du mit deiner Sendung dagegenhalten?

Das stimmt auch, sie wird nicht mehr gespielt. Es ist aber nicht so, dass die Leute sie nicht hören wollen, sondern dass sie momentan im Radio einfach nicht angesagt ist. In den 90ern war das nicht so, da wurden sehr viele Rock-Bands gespielt, zu Beginn der 2000er wurden die aber immer mehr von Pop-Bands wie den Backstreet Boys oder Spice Girls abgelöst. Die Strömungen ändern sich immer und mit meiner Sendung möchte ich die Hörer auf Musik aufmerksam machen, die sie vielleicht noch nicht kennen, weil sie sonst nicht im Radio gespielt werden. Sicher, die Pop-Punk-Szene ist nicht mehr so ausgeprägt wie früher, aber sie ist immer noch da – hat nur eben nichts mit Mainstream zu tun. Ihr könnt euch in Deutschland glücklich schätzen, dass es dort nicht nur Rock-Bands gibt, sondern sie auch im Radio gespielt werden. In Nordamerika gibt es zwar genug Bands, sie bekommen diese Plattform in der Regel aber nicht. Ich bin froh, wenn ich Menschen mit der Musik bekannt machen kann, die ich selber sehr gerne höre.

Unser Review zum aktuellen Album „Taking One For The Team“ findet ihr hier: http://www.stageload.org/reviews/simple-plan-taking-one-for-the-team

Autor Leonie Wiethaup
Wohnort Nähe Münster
Beruf PR-Assistenz
Dabei seit Februar 2015
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, News, Gewinnspiele
Top-Alben Apologies, I Have None - London; The Wonder Years - No Closer To Heaven; Cold Reading - Sojourner; Shoreline - You Used To Be A Safe Place; Twoonacouch - And I Left
Die besten Konzerterlebnisse Jimmy Eat World @ Skaters Palace, Münster, Frank Carter & The Rattlesnakes @ Dour Festival, The M-Pire Strikes Back-Festival 2016

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