Interview mit Sophia

Interview mit Sophia

Mit 19 vom Zuhause San Diego nach New York gezogen, ein Jahr später weiter nach London. Durch Einwanderungsprobleme nach Brüssel gegangen, dort dieselben Probleme bekommen und seitdem zwischen den beiden Städten am Pendeln. Im letzten Jahr dann zurück nach Kalifornien – zum ersten Mal seit 15 Jahren und ganze 25 Jahre nach dem Auszug – und dort schließlich die Erkenntnis, dass Amerika nicht mehr das Zuhause ist. „Alles ist unglaublich offensichtlich nicht Europa“ sagt Robin Proper-Sheppard lachend. Beinahe unglaublich, dass der Frontmann der Indie-Rock-Band Sophia überhaupt lachen kann, schließlich kam es erst am Tag zuvor in seinem Brüsseler Zuhause zu mehreren Anschlägen – unter anderem an dem Flughafen, an dem er sich noch am Vortag befand.

Wie hast du von den gestrigen (22. März) Anschlägen erfahren?

Ich war für Interviews in Mailand und als ich morgens aufgewacht bin, hatte mir eine Freundin aus London geschrieben: „Bitte sag mir, dass du gerade nicht in Brüssel bist“. Auf der Seite des „Guardian“ habe ich dann erfahren, warum sie so besorgt war. Ich kann immer noch nicht glauben, was da passiert ist. Ich weiß, dass sehr viele Menschen verletzt und getötet wurden, aber mit der Bombe im Zug und der Kalaschnikow am Flughafen – sie wollten wirklich ein Massaker anrichten. Weißt du, es bricht einem das Herz und macht unendlich traurig, wenn man an Paris denkt, aber wenn es dann noch in der eigenen Stadt passiert, ist es persönlich noch viel schlimmer.

Die Anschläge von Paris wurden ja auch in Brüssel – Molenbeek, um genau zu sein – geplant, was meinem Apartment sehr, sehr nah ist. Und als das passiert ist und die belgische Regierung quasi die gesamte Stadt dicht gemacht hat, meinten viele noch, dass sie überreagieren würden. Und jetzt passiert auf einmal so etwas. Gerade wo die Leute fast wieder zur Normalität zurück gefunden haben. Brüssel ist wie ein kleines Dorf, in dem jeder jeden kennt und sich niemand fragen will, ob es einem Freund noch gut geht oder nicht. Wir gelangen nur einfach an einen Punkt, an dem es ihnen egal ist, wem sie das Leben nehmen.

Obwohl wir darüber wahrscheinlich Stunden reden und diskutieren könnten, sollten wir trotzdem auch über deine Musik sprechen. Lass uns doch zunächst ein bisschen die Geschichte der Band Sophia zusammenfassen, die meisten unserer Leser werden die wahrscheinlich nicht kennen.

Traurig, traurig, traurig – und traurig (lacht). Viele könnten aber vielleicht The God Machine kennen, die Band, die sich später irgendwie zu Sophia entwickelt hat. Obwohl ich sogar ein Streichquartett benutzt hatte, war die Musik vom ersten Album noch sehr schwer und dicht, die vom zweiten dann aber schon zurückgenommener, was ich bei und mit Sophia auch fortgesetzt habe.

Sophia ist auch persönlicher als The God Machine, wo es sehr viel um Existentielles und Spirituelles ging. Zu der Zeit war mein bester Freund an einer Gehirnblutung verstorben und obendrein noch meine erste große, feste Beziehung in London zu Ende gegangen. Das hat mich musikalisch so beeinflusst, dass deswegen alles viel dunkler und eben auch zurückgenommener wurde. Daraus hat sich Sophia entwickelt.

Sehr oft wird Sophia als ein Band-Kollektiv um dich herum beschrieben. Würdest du es deswegen mehr als ein Solo-Projekt betrachten oder ist Sophia tatsächlich eine Band?

(zögert) Ich habe es Sophia genannt, weil ich es als eine Band sehe. Ganz egal mit wem ich arbeite, wir erschaffen immer etwas, das mich zu mehr als einem bloßen Singer/Songwriter macht. Man kann Sophia natürlich auch als ein Solo-Projekt sehen, weil es auch als ein solches funktionieren würde, aber ich möchte es so nicht bezeichnen. Sophia bin ich – und eine Gruppe von Musikern um mich herum.

Sophia wurde 1996 gegründet, was es inzwischen schon 20 Jahre alt macht. Jetzt geht es nach sieben Jahren Pause weiter – vielleicht genau wegen des 20-jährigen Jubiläums?

Ich wünschte, ich hätte daran gedacht (lacht). Ich habe es tatsächlich erst realisiert als ich wieder Interviews gegeben habe und die Leute meinten, „Fixed Water“ sei vor 20 Jahren veröffentlicht worden (Anmerkung der Redaktion: „Fixed Water“ ist das Debütalbum von Sophia (1996)). Der Anstoß war aber wahrscheinlich, dass ich wieder zurück in Kalifornien war und erkannt habe, dass das nicht mehr mein Zuhause ist, was sich dann in der Musik wiedergefunden hat.

Finanziell wäre es nur wirklich besser gewesen, wenn ich vor fünf Jahren ein neues Album veröffentlicht hätte – das wäre allerdings nicht so gut geworden und hätte auch nicht so eine starke Aussage gehabt, da bin ich mir sicher. Und, um ehrlich zu sein, hat Sophia gar nicht so ein großes Publikum und je älter wir werden, desto kleiner wird es. Hätte ich vor fünf Jahren ein Album veröffentlicht, mit dem sich niemand identifizieren kann, dann hätten wir wahrscheinlich auch noch den Rest verloren. Jetzt und mit dem neuen Album in der Tasche fühle ich mich, als könnte ich gleich noch ein weiteres schreiben.

Wie ist es für dich, nach so langer Zeit mit neuer Musik zurück zu sein? Bist du sehr nervös?

Ja! Jeder, mit dem ich im Musikbusiness zusammenarbeite, meinte, dass sich die Industrie in den letzten Jahren sehr verändert hat. Deswegen weiß ich jetzt auch nicht, was ich erwarten kann – was das Publikum oder auch die Verkaufszahlen betrifft. Was mir allerdings noch mehr Angst macht, ist, dass das neue Album ganz anders klingt als die früheren Sophia-Alben

Aber die Unterschiede gab es auch schon früher, es hat ja nie ein Album genau wie das davor geklungen. Ich persönlich finde, dass man „As We Make Our Way (Unknown Harbours)“ anhört, dass es ein Sophia-Album ist, auch wenn es viel positiver als sonst klingt.

Ich war noch nie ein Freund von einfachen Songs, weswegen es wahrscheinlich auch Jahre gedauert hat, bis ich „It’s Easy To Be Loney“ fertiggestellt hatte. Ich kann mich noch daran erinnern wie ich in meinem Apartment in Brüssel an dem Song und der Zeile „we’re the sum of our choices and the mistakes that we make“ gearbeitet habe und mir irgendwann „we’re the sum of our choices and the chances we take” einfiel, was die wohl positivste Zeile in meiner ganzen Karriere ist. Die Fertigstellung des Albums hat dennoch noch ein paar Jahre gedauert, weil ich immer wieder Sachen oder ganze Songs rausgeworfen habe – sogar noch am letzten Tag im Studio.

Bist du wirklich so ein großer Perfektionist?

Ja, manchmal schon. Ich habe auch fast das gesamte Album zweimal aufgenommen. Die erste Version habe ich aber nicht weggeworfen, weil ich so ein Perfektionist bin, sondern weil ich einfach nicht das Gefühl hatte: Das ist genau das, was ich wollte. Ein Album kann noch so perfekt aufgenommen sein, hat es kein Gefühl, ist es nicht nur unperfekt, sondern ein einziger Misserfolg. Etwas wegzuwerfen ist für mich trotzdem immer eine große Entscheidung, weil ich auch einfach nicht das Geld dafür habe. Ich konnte nur schlicht und einfach nicht mit dem Album leben. Und als ich dann irgendwann doch das Gefühl bekam, wurden die kleinen Elemente nach und nach immer wichtiger: Der Klang, die Schichten, die Struktur, die Atmosphäre – ich habe in alles sehr viel Zeit investiert. Wahrscheinlich zu viel.

Einer der früheren Sophia-Songs, „Technology Won’t Save Us“, hat diese tiefe und emotionale Hintergrundgeschichte mit dem Jungen und seinem Vater, die vor der Küste Cumbrias ertrunken sind. Gibt es so etwas auch bei „As We Make Our Way (Unknown Harbours)“?

Nichts, das so dunkel ist, es ist vielmehr (zögert) – ich glaube, der Unterschied zwischen diesem Album und den früheren ist, dass die anderen viel von mir und meiner Sicht auf alles gehandelt haben. Eigentlich sollte dieses auch „As I Make My Way“ heißen, doch als ich meinen Freunden immer wieder etwas vorgespielt hatte und erstes Feedback bekam, merkte ich, dass die Songs nicht nur von mir handelten, sondern sich viele genauso fühlen. Deswegen habe ich auch den Titel verändert. Viele Leute, die ich kenne, sind 30, 40 oder 50 Jahre alt, verheiratet, haben eine Familie, ein Haus und dann passiert ganz plötzlich etwas, das alles verändert, und sie fragen sich, wie es weitergehen soll – das ist die Idee von „Unknown Harbours“. „Wo werden wir unser Zuhause finden?“, „Wo finden wir einen sicheren Hafen?“.

Die Texte sind im Großen und Ganzen aber nicht mehr so traurig wie früher. Was hat sich verändert?

Ich würde es als eine positive Melancholie bezeichnen (lacht). Die Ironie ist, dass ich immer noch von Trennungen singe, aber über keine spezifischen, weil ich zwar Beziehungen, aber keine große Liebe in den sieben Jahren hatte, was es mir erlaubte, alles mal ein bisschen distanzierter zu betrachten. „Don’t Ask“ handelt zum Beispiel von einer Beziehung, die nicht funktioniert hat, es ist also schon ein persönlicher Song, handelt aber von keinem bestimmten Moment wie andere Sophia-Songs. Ich habe mich quasi ein bisschen „breiter“ und ungenauer ausgedrückt.

Geplant war das aber ganz und gar nicht. „You say it’s alright“ ist so auch eine Zeile, von der viele wahrscheinlich auch erst nach langem Überlegen wirklich wissen, was sie tatsächlich bedeutet. Dass es unglaublich schmerzt, wenn man ganz genau weiß, dass es jemandem nicht gut geht, er es dir gegenüber aber nicht zugeben will. Du willst das, was dem Anderen Schmerzen bereitet, beseitigen, aber in Wirklichkeit bist du der Grund, warum es dem Anderen nicht gut geht. „You say it’s alright“ ist nur eine Zeile, aber dafür eine sehr finstere.

Von Beginn an hatten die Musik und die Lyrics immer etwas Dunkles und Trauriges in sich, es gab aber dennoch immer etwas, das man sich herausziehen und Trost darin finden konnte. Glaubst du, dass dies bei so traurigen Texten notwendig ist?

Wenn ich einen Song schreibe, denke ich überhaupt nicht darüber nach, ob sich Leute damit identifizieren können, ich schreibe einen Song, weil es etwas gibt, das ich unbedingt sagen möchte und muss. Anders herum hätte ich als Musiker aber keinen Sinn und Zweck, wenn die Leute die Songs nicht nachempfinden könnten. Ich muss nicht auf der Bühne stehen und Songs singen, die die niemand versteht, das wäre pure Eitelkeit und worin liegt da der Sinn? Ich bin schließlich kein Popstar (lacht). Pop-Musik handelt davon, dass sich Leute ihr Leben wegtrinken. Meine Musik bringt vielleicht manche zum Trinken, weil sie vorher nicht wussten, wie traurig sie eigentlich sind (lacht).

Autor Leonie Wiethaup
Wohnort Nähe Münster
Beruf PR-Assistenz
Dabei seit Februar 2015
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, News, Gewinnspiele
Top-Alben Apologies, I Have None - London; The Wonder Years - No Closer To Heaven; Cold Reading - Sojourner; Shoreline - You Used To Be A Safe Place; Twoonacouch - And I Left
Die besten Konzerterlebnisse Jimmy Eat World @ Skaters Palace, Münster, Frank Carter & The Rattlesnakes @ Dour Festival, The M-Pire Strikes Back-Festival 2016

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