Interview mit Stick To Your Guns

Interview mit Stick To Your Guns

Stick To Your Guns sind spätestens seit der Veröffentlichung ihres Albums „Diamond“ das Aushängeschild des modernen und politischen Hardcore. Wütende Breakdowns in Kombination mit melodischen und eingängigen Refrains haben den Amerikanern weltweit eine große Fanbase verschafft. So spielten Stick To Your Guns sogar im Frühjahr diesen Jahres eine Show in Kenia. Auf „True View“, der neuesten LP, stehen wieder vermehrt persönliche Themen im Mittelpunkt und das obwohl es angesichts weltweiter Krisenzustände sicher genug politischen Sprengstoff zu verarbeiten gäbe. Sänger Jesse Barnett erklärt im Interview, wie es zu dieser textlichen Entwicklung kam, die insbesondere sein eigenes Privatleben betraf.

Das neue Album dreht sich aus meiner Sicht um das Thema „Selbstreflektion“. Würdest du mir zustimmen und falls ja, was hat euch dazu bewogen, dieses Thema in den Fokus des Albums zu rücken?

Der Begriff „Selbstreflektion“ trifft es sehr gut, wie ich finde! Weißt du, wir Menschen tendieren immer dazu großartige Pläne für unser Leben zu machen. Dabei vergessen wir oft, wie sich innerhalb von Sekundenschnelle viele Sachen grundlegend ändern können. Bei mir haben sich viele dieser Sachen in den letzten Monaten bzw. Jahren grundlegend geändert. Ich bin etwa aus Montreal zurück nach Los Angeles gezogen, was ich mir eigentlich nicht mehr hätte vorstellen können, weil meine langjährige Beziehung geendet ist. Das war ein Moment, der mich dazu gebracht hat, viel über mich selbst und mein Verhalten nachzudenken. Wie bin ich durch mein bisheriges Leben gegangen und nun an diesem Punkt angelangt? Dabei habe ich festgestellt, dass ich nicht nur Menschen um mich herum, sondern auch mich selbst verletzt habe. Es war keine leichte Zeit für mich.

Sicher werden sich einige Leute fragen, warum es zur Zeit von Trump kein mehr politisches Album geworden ist. Aber man hört gerade von so vielen Bands aus der Hardcore- und Punkszene „Fuck Trump“, ich wollte jedoch etwas anderes bieten. Es ist natürlich nicht so, dass ich damit nicht einverstanden wäre, wenn jemand „Fuck Trump“ sagt. Ich denke die ganze Welt ist sich mehr oder weniger einig, was diese Sache angeht. Jedoch habe ich das Gefühl, dass es für eine gesellschaftliche Veränderung enorm wichtig ist, bei sich selbst anzufangen. Death By Stereo haben es passend auf den Punkt gebracht: „Saving the world is great but I’ve got to save myself first“.

Das wäre auch meine nächste Frage gewesen: Wieso habt ihr euch in politisch so unruhigen Zeiten gegen ein politisches und für ein persönliches Album entschieden?

Ich denke es war kein Zufall, dass auch meine persönliche Welt zu dieser Zeit in großer Unruhe war. Schau dir nur mal die Lage in Amerika an. Beziehungsweise ja nicht nur Amerika! Weltweit gibt es ein Erstarken von nationalistischen Bewegungen. Das ist inakzeptabel. Ich war immer jemand, der sich gegen solche Entwicklungen und Ungerechtigkeit eingesetzt hat aber um dazu in der Lage zu sein, musste ich zuerst meine inneren Probleme bekämpfen. Nur so konnte ich zu einer Person werden, die stark und sicher genug ist dieser Welt draußen zu begegnen.

Haben die anderen Bandmitglieder in der letzten Zeit ähnliche Veränderungen in ihren Leben durchgemacht oder betrifft dieses Thema mehr ausschließlich dich als Texter der Band?

Es spiegelt schon mehr meine Perspektive wieder, aber die anderen können das alles nachvollziehen. Josh hat gerade geheiratet, Chris ist Vater geworden, George hat sich ein Haus gekauft – sie befinden sich alle an anderen Punkten mit ihrem Leben, als ich es gerade tue aber ich bin sehr dankbar sie an meiner Seite zu wissen.

www.youtube.com/watch?v=v-3xL8IXdyQ

Du hast es in der ersten Frage schon teilweise thematisiert aber ich würde dich trotzdem gerne danach fragen: Wir können weltweit beobachten, wie faschistische und rassistische Bewegungen an Macht gewinnen. Man denke nur an die Geschehnisse in Charlottesville vor wenigen Wochen. Wie schätzt du die Lage ein und wie lässt sich das Erstarken dieser Leute bekämpfen?

Ich denke auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort. Es gibt auch keine einfachen Lösungen für dieses Problem. Viele Faktoren müssen zusammenkommen, um die Welt zu einem fortschrittlicheren Ort zu machen. Eine der wichtigsten Sachen ist – wie überall – Bildung! Wenn du dir diese Leute ansiehst, dir anhörst, was sie sagen und glauben und ihre Herkunft betrachtest, ist es offensichtlich, dass es sich um ein Bildungsproblem handelt. Viele Menschen wachsen an Orten auf, an denen es nur eine feste Denkweise gibt, die niemals hinterfragt oder durch andere Denkweisen ergänzt wird. Aber gerade das ist wichtig! Und es macht auch die Hardcore-Szene so besonders: Hier kommen viele Leute mit verschiedensten Lebensphilosophien und Lebensgeschichten aus aller Welt zusammen. Wir alle sind uns einig darüber, dass Intoleranz nicht zu akzeptieren ist.

Traurig aber wahr ist allerdings auch: Es gibt friedliche Lösungen und es gibt gewalttätige Lösungen. Und ich befürchte, dass beide Ansätze gebraucht werden bis wir einen Ort geschaffen haben, in dem Gewalt der Vergangenheit angehört. In der Auseinandersetzung mit Rassisten oder Faschisten kommt man irgendwann an den Punkt, an dem ganz klare Grenzen gezogen werden müssen – in der Sprache, die diese Leute verstehen. Und leider ist diese Sprache am Ende oft Gewalt. Ich glaube Gewalt kann alleine niemals eine nachhaltige Lösung sein, sondern es Bedarf einer Konversationen. Wir sollten hinterfragen, warum Menschen so geworden sind wie sie sind. Aber es gibt Leute, die sich jeder Diskussion verschließen und niemals von ihrer Position abweichen werden. Daher ist es wichtig mit der neuen Generation zu beginnen. Heute mögen viele noch Kinder oder Jugendliche sein, aber schon morgen sind sie verantwortlich für die Zukunft. Und hier kommen Bands ins Spiel. Wir haben die Möglichkeit durch unsere Musik positiven Einfluss auf die jüngeren Generationen auszuüben.

youtu.be/9KHwAlbUE-A

Zurück zum Album: „56“ ist ein eher ungewöhnlicher Song für STYG und erinnert an das Material deiner anderen Band Trade Wind. Wie kam es dazu?

Dieser Song ist erst im Studio entstanden. Wir haben uns gefragt: Welchen Vibe wollen wir musikalisch erzeugen bzw. was fehlt der Platte noch? Und da waren wir uns schnell einig, dass es etwas „rockigeres“ sein sollte. Es passt einfach zum Inhalt des Songs, in dem es darum geht, einen Menschen zu finden, der einem sehr viel bedeutet aber dann festzustellen, dass man sich gegenseitig schadet. Da schien uns dieser leichte Sound passender, als brachiale Breakdowns. Wobei leicht nicht das richtige Wort ist, denn die Thematik des Songs ist ziemlich tief schürfend. Es sollte etwas fragiler und düsterer klingen.

Die nächste Frage bezieht sich auf deine Tätigkeit als Songwriter. Insbesondere eure gesellschaftskritischeren Texte behandeln viele traurige und düstere Themen. Fällt es dir schwer, dich psychologisch dagegen abzugrenzen, etwa wenn du Themen zu neuen Texten recherchierst?

Das war eins meiner Hauptprobleme bei „Disobedient“! Ich habe so viel über Umweltzerstörung, Menschenrechtsverletzungen und andere schlimme Dinge gelesen, es hat mich verrückt gemacht. Mit diesem eher persönlichen Album ging es mir in dieser Hinsicht besser. Jedoch gibt es auch auf „True View“ einige gesellschaftskritische Songs, „Cave Canem“ ist einer davon. Er handelt von den Auswirkungen unseres Handelns auf Umwelt und Natur.

Hast du jemals darüber nachgedacht, wie dein Leben verlaufen wäre, wenn STYG nicht erfolgreich geworden wären? Hättest du es bereut so viel Zeit und Arbeit in diese Band gesteckt zu haben?

Gute Frage, ich weiß es nicht wirklich, darüber habe ich bisher nicht nachgedacht und werde es wohl auch nie tun. Es ist, wie es ist und es ist so, wie es sein soll. Natürlich könnte STYG eine größere Band sein – aber auch eine wesentlich kleinere. Es ist schwer zu beurteilen, wie es ohne STYG gewesen wäre, aber mit Sicherheit hätte ich Musik gemacht, denn ich liebe Musik, ich liebe es auf den großen Festivalbühnen zu stehen oder in kleine Clubs zu spielen, in denen die Leute völlig am Rad drehen. So wie es ist, ist es gut und ich versuche mich nicht auf die „Was wäre wenn…?“-Geschichten des Lebens zu fokussieren.

STICK TO YOUR GUNS – live 2017
auf Tour mit BEING AS AN OCEAN, SILENT PLANET und FIRST BLOOD
16.11. DE – Hamburg – Grünspan
17.11. DE – Nürnberg – Löwensaal
18.11. AT – Graz – PPC
22.11. DE – Rostock – Alte Zuckerfabrik
23.11. DE – Berlin – Festsaal Kreuzberg
24.11. DE – Münster – Skaters Palace
25.11. DE – Hannover – Faust
03.12. DE – Wiesbaden – Schlachthof
05.12. DE – Stuttgart – Im Wizemann
06.12. CH – Aarau – Kiff
07.12. DE – München – Backstage
08.12. DE – Leipzig – Felsenkeller
09.12. AT – Austria – Wien Flex
10.12. DE – Köln – Essigfabrik
Booking: Avocado Booking

Autor Jannik Holdt
Wohnort Mönchengladbach
Beruf Student
Dabei seit 2008
Deine Aufgabe bei Stageload Fotos, Präsentationen, Gewinnspiele
Top-Alben Have Heart - The Things We Carry / The Chariot - Long Live / Rise Against - Siren Song Of The Counter Culture / Another Breath - Mill City
Die besten Konzerterlebnisse "Ten It Around"-Tour von Comeback Kid in Köln

Hinterlasse einen Kommentar