Interview mit The Tidal Sleep

Interview mit The Tidal Sleep

The Tidal Sleep gehören spätestens seit dem neuen Album „Vorstellungskraft“ zur absoluten Speerspitze des deutschen und europäischen Post-Hardcores. Im Rahmen ihrer Tour mit den Briten von Landscapes haben wir uns vor dem Wiesbadener Kesselhaus über nervige Vergleiche, Wortspiele und persönliche Ziele unterhalten, während die Meute nebenan zu Gentleman in den Schlachthof strömte.

Ihr seid insgesamt drei Wochen mit Landscapes auf Tour. UK habt ihr schon ausgiebig betourt. Was sagt die Lagerkoller-Skala?

Gar nichts. Wenn wir unterwegs sind haben wir super viel Spaß. Wir verstehen uns alle richtig gut und Landscapes sind auch super coole Typen. Da gibt’s eigentlich keinen Stress. Wir wollen ja auch unterwegs sein, um Spaß zu haben.

Wie seid ihr an die Tour gekommen?

Dieses mal lief das über Avocado-Booking. Nanouk ist ein guter Freund von uns, der das Booking da macht. Also wenn der da was für uns hat, dann machen wir das in der Regel auch.

Ihr wart ja nun viel unterwegs in den letzten Jahren. Ihr habt kleinere Touren mit diversen Hardcore-Bands gespielt, aber auch Festivals und sogar Touren mit Bands wie Silverstein und Boysetsfire. Merkt man da einen Unterschied in der Professionalität der Touren oder sind das letztlich alles die gleichen Idioten, die einfach nur Bock auf Musik machen haben?

Auf jeden Fall gibt es Unterschiede. Da hängt ein ganzer Tross an Menschen dran, die für die arbeiten. Und auch der Soundcheck bei denen, der geht dann einfach mal eine Stunde lang. Nicht so wie bei uns, wo wir dann letztlich nur gucken, ob es laut genug ist. Das ist halt letztendlich eine Rock-Produktion. Da gibt es schon krasse Unterschiede. Von den Leuten her: Genau so wie bei uns auch. Die sind genau so „bekloppt“.

Ihr habt gerade eine Split mit Orbit The Earth rausgebracht. Wie kommt so was? Ist da Christian von This Charming Man auf euch zugekommen und meinte: „Ey ihr beiden, macht mal was zusammen?“ oder habt ihr euch das selbst bei einem gemeinsamen Bier im Keller überlegt?

Das liegt jetzt schon eine ziemliche Weile zurück. Wir haben vor zwei Jahren mit denen eine kurze Tour gespielt mit, so für sechs Tage. Da wollten wir eigentlich gleich nachlegen, so innerhalb von drei Monaten was aufnehmen, aber das ist dann irgendwie nicht passiert. Aber die Idee ist eigentlich nie gestorben, wenn man da halt einmal drauf Bock hat. Und dann haben Orbit (The Earth) so ein wenig umstrukturiert und schon Songs aufgenommen, weil sie was aufnehmen wollten. Dann waren die da, wir haben uns im Oktober auch ein wenig Zeit nehmen können und dann hat es eben einfach gepasst.

Bei Splits ist das halt immer so ’ne Sache, bringt ja eigentlich keinem wirklich was. Das wird auch eher immer so ein wenig stiefmütterlich beachtet, aber Christian wollte das dann eben auch rausbringen. Da hatten wir Glück. Der hatte Bock drauf, weil er beide Bands mag und wir mögen Orbit halt auch wirklich gerne.
Was haltet ihr denn von Orbits Variante von Ghost Poetry? Und wie viel Spaß macht es selbst einen Song einer befreundeten Band in ein neues Gewand zu stecken?

Wenn ich ganz ehrlich bin, haben wir uns den Song von den Jungs ausgesucht, weil der für uns am leichtesten zu spielen ist. Die sind technisch einfach viel besser als wir! „Fading Transmission“ ist dann der Song gewesen, den wir spielen und ihm dabei eine eigene Note geben konnten. Mit den anderen Songs wäre das unmöglich gewesen. Die Variante von denen ist halt auch echt abgefahren. Aber das war uns vorher klar. Julian ist was Gitarre spielen angeht halt echt ein Besessener. Der nimmt das Ding dann anatomisch auseinander und macht da was Neues draus und das ist dann auch einfach super gut. Also die Geister scheiden sich ja dran. Manche finden die Nummern ja richtig beschissen, aber wir finden es ziemlich cool, sich so mit Songs von Freunden zu beschäftigen.

Ihr seid ja in eurer Anfangszeit oftmals mit diesem „The Wave“-Quatsch in Verbindung gebracht worden. Bekommt man das alles so mit? Nervt das dann auch teilweise, wenn man da immer in eine Schublade mit irgendwelchen Amibands gesteckt wird?

Ist schon komisch. Klar, man kennt die Bands und ich persönlich mag die auch, aber unser damaliger Gitarrist beispielsweise hat überhaupt keine Ahnung davon. Der hat hauptsächlich so 90er Emo und Post-Rock gehört. Von dem kommt halt auch dieser ganze Delay- und Reverb-Gitarrenkram. Der wusste einfach gar nicht, dass es das gibt. Und letztlich ist das eben auch ein relativ einfaches Muster, eine Band zu hören wo es ein wenig Melodie gibt und Geschrei dabei ist und dann zu sagen: Das hab ich schon mal gehört! Das hat dann nicht gleich mit „The Wave“ zu tun. Das Ding an sich ist ja auch nur ein Witz unter Bands gewesen. Ist natürlich aber schön, wenn man mit solchen Bands verglichen wird, es gibt durchaus Schlimmeres!

Denke ich auch. Auf der anderen Seite ist durch diese Bands ja auch die Musikrichtung, also dieser emotionale Post-Hardcore, auch wieder etwas mehr in den Fokus gerückt. Würdet ihr sagen, dass das auch für neuere Bands wieder ein wenig den Weg geebnet hat?

Wir sind ja zunächst alle schon mal relativ alt im Vergleich. Ich würde einfach sagen, das ist eine recht logische Weiterentwicklung von 90er Emo und Hardcore, das gab es auch letztlich alles auch schon vorher. Bloß nicht in der Größenordnung.

Ist schon krass, wenn man sieht wie Pianos Become The Teeth oder vor allem La Dispute teilweise vor ganzen Hallen spielen.

Ja, das ist teilweise echt riesig geworden. Das gab es halt einfach wenn man sich beispielsweise Pg. 99 auf Tour angeschaut hat nicht. Da waren dann maximal hundert Leute. Vom Sound her ist das ja schon relativ ähnlich. Gut, vielleicht nicht direkt Pg. 99, aber die Grundlagen. Die gab es eigentlich schon immer.

Was die Musik letztlich angeht, seid ihr mittlerweile in Deutschland ja doch schon eine etablierte Größe, auch über die Grenzen hinaus bekannt. Könnt ihr euch vorstellen, irgendwann mal auf einem größeren Label zu landen oder ist der Ethos von This Charming Man genau euer Ding?

Ehrlich gesagt: Keine Ahnung. Sag niemals nie. Aber generell sind wir mit dem Label super zufrieden. Die Ein-Mann-Sache hat natürlich ihren Charme, aber Christian ist eben auch einfach ein sehr guter Freund. Ich wüsste jetzt nicht was wir ändern wollen sollten. Die Idee, groß zu werden oder einen auf „Next Big Thing“ zu machen, gibt es bei uns auch nicht. Deswegen gibt es da schon mal keine Notwendigkeit.

Wenn man sich so etwas vornimmt, klappt es ja zumeist sowieso nicht.

Wir wollen das auch gar nicht. Schön wäre es, wenn es mal ein amerikanisches Label geben würde, das unsere Platten auch wirklich rausbringt und nicht immer nur darüber redet. Das wäre uns für die nächste Platte auf jeden Fall ganz wichtig, damit man dort dann eventuell auch mal touren kann.

Wo wir schon bei euren Platten sind: Die letzte LP habt ihr „Vorstellungskraft“ genannt. Ansonsten ist ja alles international auf Englisch gehalten. Wie kam es dann dazu?
Das ist letztlich eigentlich ein interner Witz, beziehungsweise einfach ein Wortspiel. Dadurch dass wir so verstreut wohnen, haben wir nur relative schlechte Demos aufgenommen, immer mit dem Zusatz: Stellt euch vor wie das ist, wenn wir das mal richtig produzieren lassen! Deswegen war es dann einfach so, dass wir viel „Vorstellungskraft“ gebraucht haben, um die Platte fertig zu schreiben. Und generell kann man glaube ich sagen, dass es auch ein ziemlich ausdrucksstarkes Wort ist, wenn man sich da mal mit beschäftigt. „Imagination“ wäre halt irgendwie ziemlich lame gewesen.

Hat definitiv mehr Durchschlagskraft. Wo ihr gerade schon angesprochen habt, dass ihr so verstreut wohnt: Ihr habt ja mal so mehr oder weniger im Raum Mannheim angefangen. Wie sieht das jetzt aus, läuft der Schreibprozess da immer ganz reibungslos? Oder stellt einen das gerne mal vor Probleme?

Am Anfang haben wir halt zwei bis dreimal die Woche proben können, weil wir alle so nah zusammen gewohnt haben. Das war dann auch häufiger mehr Jammen als alles andere. Am Ende war dann ein Song fertig. Und jetzt ist es so, dass alle sozusagen Hausaufgaben zu erledigen haben. Also wenn der Schlagzeuger und ich Songs schreiben, dann nehme ich mir statt dem Bass halt mal die Gitarre in die Hand. Unser Gitarrist schreibt gerade im Bus an neuen Songs. Da kommen wir irgendwann in den Proberaum und arbeiten ganz gezielt daran. Das gibt dann schon mal ein bisschen Ausschuss, aber Streitereien gibt es da eigentlich keine.

Ihr habt ja auch schon Besatzungswechsel hinter euch. Wie viel mehr Möglichkeiten gibt es gerade einer Band wie euch, wenn ein zweiter Gitarrist dazustößt?

Marc ist ja unser „Hardcore-Gitarrist“. Er hat ja früher schon bei Trainwreck diese Schiene gefahren, während Matze eher so unser Popper ist. Das ergänzt sich gut. Beide wissen, was sie können und machen das dann auch echt gut zusammen. Wir hatten die erste Probe und sind dann direkt auf Tour gefahren. Die beiden haben sich nicht gekannt, haben nur zuhause mitgespielt. Dann haben wir die Setlist mit den Songs hingelegt, die wir spielen wollten – und wir haben die am Stück durchgespielt! Die beiden wussten intuitiv, was sie spielen können und was sie wo spielen wollen und das hat sich super ergänzt.

Ihr könnt jetzt auf grob vier Jahre Bandgeschichte zurückschauen, habt zwei Alben geschrieben, Splits und EPs rausgebracht, ausgiebig getourt. Wo geht’s noch hin für The Tidal Sleep?

Wir wollen auf jeden Fall wieder eine Platte schreiben. Amerika wäre dann schön, wie gesagt. Japan zu touren wäre auch spitze. Wir schauen mal. Wir haben alle Bock, das noch eine ganze Zeit so weiter zu machen.

Ist Japan zu touren nicht ziemlich schwierig und vor allem auch extrem teuer?

Ja, Japan geht eigentlich nur auf Einladung. Die melden sich, wenn sie dich gut finden. Mal schauen ob da irgendwann mal was geht. Für uns ist touren ja eh Urlaub, da wäre so etwas wie Japan halt wirklich cool.

Zum Ende: Ihr hattet diese spezielle Soli-Shirt für die Rote Flora in Planung, mit dieser Guns ‚N Roses Anspielung. Ich musste da selbst erstmal googlen wo genau das Problem lag. Könnt ihr das nochmal kurz abreißen und dann – viel wichtiger – darauf eingehen, was Orte wie die Flora für eine Bedeutung haben, auch für euch?
Die Idee war auch wieder mehr oder minder ein dummes Wortspiel. „Power of Illusion“ und so weiter. Das war ähnlich wie bei „Vorstellungskraft“, aus ein paar schlechten Witzen ist da irgendwas entstanden. Dann haben wir uns gedacht, wir machen eben so ein Rip Off Shirt, das gibt es ja häufig. Das wollten wir dann für den guten Zweck machen. Wir versuchen auch immer irgendwie ein wenig Kohle für diverse Benefizsachen zu machen. Diesmal ging es um die Flora. Kevin, der da die Konzerte veranstaltet, sagte uns, dass wir dort spielen können dieses Jahr. Wir bekamen es aber irgendwie zeitlich nicht hin. Also haben wir uns gedacht, wir machen halt ein Shirt und die Kohle davon geht an die Flora, weil das definitiv unterstützenswert ist. Wir fühlen uns dort sehr zuhause, haben alle auch mit früheren Bands schon dort gespielt. The Tidal Sleep haben einmal dort gespielt. Es ist einfach schön, so etwas Alternatives und Abseitiges zu haben.
Dass das mit dem Shirt dann so lief war für uns alle ein wenig überraschend. Wir wurden dann in einem Kommentar darauf hingewiesen, dass es da diesen pikanten Song-Inhalt gibt (Anmerkung der Redaktion: in „One In A Million“ aus dem Album „G N‘ R Lies“(1988)). Da haben wir auch gleich ohne groß nachzudenken gesagt, dass das natürlich auch für uns nicht vertretbar ist. Wir haben uns zwar gedacht, dass das Trottel sind, wie das bei solchen Bands halt häufiger der Fall ist. Aber dass das solche Trottel sind, war uns dann eben zunächst auch nicht klar.

Steigt man ja auch nicht immer direkt dahinter.

Genau. Die Sache mit dem Benefiz für die Flora ist aber nicht gestorben. Ich weiß allerdings nicht, ob wir jetzt ein Shirt machen oder irgendwas anderes.

Autor Sascha Schüler
Wohnort Wechselt
Beruf Nein
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews
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