Interview mit Thrice

Interview mit Thrice

Thrice haben noch nie irgendwo reingepasst. „Bei Punkrock-Shows hieß es, wir schreien zu viel, bei Screamo-Shows, wir schreien zu wenig, bei Hardcore-Shows, unsere Songs seien zu melodiös und bei den Rock-Events, dass wir nicht zu den anderen großen Rock-Bands passen“, so Schlagzeuger Riley Breckenridge. Doch ihre mittlerweile 20-jährige Karriere haben die Herren nicht zuletzt wohl auch ihrer Sonderstellung zu verdanken. Im Interview vergleichen die Brüder Riley und Eddie (Bass) die Taten von US-Präsident Donald Trump mit einem Autounfall, erzählen von ihrer Zusammenarbeit mit Epitaph Records und erläutern das große Konzept ihres mittlerweile zehnten Albums „Palms“.

Warum habt ihr euch nach so vielen Jahren dazu entschieden, die Zusammenarbeit mit Vagrant Records zu beenden?

Riley: Nachdem unser Vertrag mit Vagrant Records erfüllt war, hat es sich für uns richtig angefühlt, andere Möglichkeiten in Betracht zu ziehen und uns umzuschauen. Von Epitaph sind wir seit unseren Teenagertagen Fans, wir sind mit Epitaph-Bands aufgewachsen und haben vor dem Label sehr viel Respekt – wie es ihm gelingt, unabhängig zu bleiben, aber trotzdem erfolgreich zu sein. Als Epitaph Interesse zeigte und um ein Meeting bat, mussten wir nicht lange nachdenken – und dann sitzt du Brett Gurewitz von Bad Religion gegenüber. Er hat alles durchgemacht. Er hat in einer Punkband gespielt, war auf einem Indie-Label, auf einem Major-Label, leitet sein eigenes Label. Mit ihm über Geschäftliches zu sprechen hat sich angefühlt wie mit seinen Bandkollegen zu reden. Es ist total erfrischend mit jemandem zu sprechen, dessen Herz am rechten Fleck ist – gerade nach den Labelbeziehungen, die wir in der Vergangenheit durchlebt haben.

Waren die neuen Songs zu dem Zeitpunkt schon fertig?

Riley: Nein. Wir hatten Ideen, aber wir schreiben sehr langsam. Bei Epitaph zu signen, hat uns eine Deadline gegeben. Ab dem Zeitpunkt wussten wir, dass eine ganze Menge Arbeit vor uns liegt.

Eddie: Wir hatten so viele Songideen. Das Problem war nicht, wie wir die Songs schreiben, sondern, wie wir unsere vielen Ideen in nur einige wenige Songs unterbringen können. Letztlich haben wir viel mehr Tracks aufgenommen als nun auf „Palms“ sind.

Riley: Es macht wahrscheinlich nicht für viele Sinn, aber der Prozess erinnert mich ein bisschen an ein verrücktes Ablage-Projekt, an die Archivierung von sehr vielen Songs. Auf deinem Schreibtisch liegen ganz viele Dokumente und du musst dir überlegen, wie du sie am besten sortierst und zusammenbringst (lacht). Das alles braucht Zeit, aber wenn du sie investierst, landet irgendwann alles dort, wo es hingehört und alles ist ein bisschen aufgeräumter als zuvor.

Fühlt sich „Palms“ für euch nach eurer fünfjährigen Pause zwischen „Major/Minor“ und „To Be Everywhere Is To Be Nowhere“ wie das zweite zweite Album an?

Riley: Ein bisschen schon. Als wir wieder angefangen haben, war es für uns alle wie eine Wiedergeburt. Durch die lange Pause haben wir unsere Vergangenheit nicht ungeschehen gemacht, aber sie gab uns die Chance, neu anzufangen und es besser zu machen – wobei „besser“ natürlich total subjektiv ist (lacht).

Eddie: Trotzdem haben wir auf dem letzten Album „To Be Everywhere Is To Be Nowhere“ nicht alles gemacht, was wir wollten. Immer, wenn ein Album fertig ist, kommen noch weitere Ideen, die man hätte umsetzen können. Ein bisschen Druck ist da, weil die Leute die letzte Platte wirklich sehr mochten, glaube ich. Letztlich sind wir aber immer unseren Köpfen gefolgt und nicht dem Gedanken, was anderen Leuten gefallen könnte.

Erst neulich ist mir aufgefallen, dass dieses Jahr für euch sehr besonders ist: 20 Jahre Thrice und außerdem der Release eures zehnten Albums.

Riley: Es ist richtig cool und absolut surreal. Niemand von uns hätte das jemals gedacht. Eigentlich war es immer etwas, das wir nach der Schule oder nach der Arbeit gemacht haben: Mit Freunden rumjamen, Shows bei Leuten im Wohnzimmer spielen. Irgendwann wurden daraus Clubshows, tatsächliche Tourneen, ein Labelsigning und jetzt, 20 Jahre später, sind wir in Deutschland, am anderen Ende der Welt (lacht) und dabei, unser zehntes Album zu veröffentlichen.

Ich hatte bereits die Gelegenheit, mir „Palms“ anzuhören und hatte wieder einmal bei den Lyrics das Gefühl es mit Gedichten zu tun zu haben, mit kleinen Kurzgeschichten.

Riley: Dustin ist ein großer Leser, was sich oftmals auch auf seine eigenen Texte auswirkt. Er schreibt nicht nur Lyrics, sondern etwas, das man wirklich lesen sollte. Etwas Poetisches.

Sprecht ihr in der Band über seine Poesie?

Eddie: Manchmal.

Riley: Bei „Palms“ aber definitiv mehr als bei den früheren Alben. Dort behielt er das lyrische Konzept meist sehr nah bei sich und wir haben erst bei den Vocalaufnahmen bemerkt, worum es in den verschiedenen Songs überhaupt geht. Dieses Mal hat er allerdings sehr früh erzählt, was seine Gedanken sind und war offen für Anregungen und konstruktive Kritik – die es aber kaum gab. Ich halte ihn für einen großartigen Texter und selbst wenn ich nicht in der Band wäre, wäre ich Fan seiner Lyrics.

Mir ist aufgefallen, dass es sowohl textlich als auch musikalisch sehr emotional vor sich geht. Manchmal klingt alles eher wütend und frustriert, dann wieder total fröhlich. Gibt es bei „Palms“ einen roten Faden? Gibt es ein Oberthema?

Riley: Dustin hat sehr lange und intensiv mit uns über das „Palms“-Konzept gesprochen. Eine offene Handfläche kann sehr viel aussagen. Es kann Unterwerfung und Kapitulation signalisieren oder auch eine Begrüßung sein. Das Album handelt von Mitleid und Barmherzigkeit. Davon aufzuzeigen was schlecht ist und zu überlegen, wie man es besser machen kann. Wir sollten alle mehr kommunizieren und mitfühlend sein. In den Staaten passiert zurzeit sehr viel. Vieles polarisiert, es gibt viele Gründe, warum man zurecht wütend sein kann. Bei „Palms“ geht es darum, sich gegenseitig zuzuhören. Ohne Diskussion und Kommunikation kommt man nirgendwo hin. Man kommt nicht weiter, wenn man Leute ausschließt.

Wie hat sich euer Leben mit Donald Trump als US-Präsident verändert?

Eddie: Es ist schwierig, nicht konstant frustriert oder wütend zu sein – oder peinlich berührt.

Riley: Jeden einzelnen Tag passiert so viel Mist, dass es einem sehr schwierig gemacht wird, dem keine Aufmerksamkeit zu schenken. Man möchte sein Gehirn eigentlich auf etwas anderes konzentrieren, sich mit etwas anderem beschäftigen, aber man kann es einfach nicht.

Eddie: Es ist aber auch sehr unterhaltsam – nur auf eine falsche Weise. Als würde man einen Autounfall beobachten. Man schaut hin, weil man nicht wegsehen kann. Comedians machen Witze darüber, dabei ist das alles kein Witz, sondern etwas, das tatsächlich passiert – und das ist das Schlimmste daran. Es ist witzig, aber gleichzeitig auch absolut nicht witzig.

Riley: Unser Busfahrer hier in Deutschland hört beim Fahren Radio und selbst hier wird in den Nachrichten viel von Trump gesprochen. Es ist peinlich, dass nicht nur in den USA die Leute diesem Idioten ihre Aufmerksamkeit schenken, sondern er auch hier Thema ist. Du kannst dir bestimmt schon denken, wen wir bei der Wahl unterstützt haben, aber es tut uns trotzdem Leid.

Manche Elemente auf dem Album habt ihr nicht selber gespielt, sondern digital hinzugefügt – kleine orchestrale Details beispielsweise. Wie wollt ihr das auf die Bühne bringen?

Beide: Das wissen wir noch nicht (lachen).

Riley: Wir werden jedenfalls keinen Chor mit auf Tour nehmen, nur weil wir uns dazu entschieden haben, hin und wieder einen auf dem Album zu integrieren (lacht). Manches wird einfach als Sampler laufen, die wir dann passend einspielen werden. Wir können es uns nicht leisten, jeden Musiker mitzunehmen, nur damit er seine drei Minuten auf der Bühne live spielen kann (lacht).

Eddie: Wir werden aber nicht alles als Sampler machen. Manches fällt live auch weg, wenn es der jeweilige Song erlaubt.

Riley: Es ist total spannend, die neuen Songs nun für die Konzerte zu lernen. Sie so mit der Band zu studieren und zu spielen, wie es uns live möglich sein wird.

Habt ihr jemals einen Song geschrieben, den ihr live unmöglich spielen könnt, weil eure Band nur aus vier Leuten besteht und nicht aus 20?

Riley: „Salt And Shadow“, der Closingtrack vom letzten Album ist so einer. Er hat super viele orchestrale Elemente und sehr viele Schichten. Es würde nie klappen, den Song nur als Quartett zu spielen. Allerdings muss man sich auch immer bewusst sein, dass es stets einen Unterschied zwischen der Album-Version und der Live-Version eines Songs geben wird – und bei dem wäre es noch deutlicher als bei anderen. Ich denke, es ist am wichtigsten, ein Album so gut wie möglich zu machen. Wenn es dann ans Live-Set geht, kann man einem Song durch eine andere Spielweise neues Leben einhauchen.

Eddie: Live klingt alles anders als im Studio beziehungsweise in einem geschlossenen Raum. Wir versuchen immer, den Live-Aspekt, den Live-Sound Teil eines Albums werden zu lassen, aber es klappt nie. Es ist nie dasselbe.

Foto: Dan Monick

Autor Leonie Wiethaup
Wohnort Nähe Münster
Beruf PR-Assistenz
Dabei seit Februar 2015
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews, News, Gewinnspiele
Top-Alben Apologies, I Have None - London; The Wonder Years - No Closer To Heaven; Cold Reading - Sojourner; Shoreline - You Used To Be A Safe Place; Twoonacouch - And I Left
Die besten Konzerterlebnisse Jimmy Eat World @ Skaters Palace, Münster, Frank Carter & The Rattlesnakes @ Dour Festival, The M-Pire Strikes Back-Festival 2016

Hinterlasse einen Kommentar