Interview mit Tonbandgerät

Interview mit Tonbandgerät

Einst vor 11 Jahren als Schülerband gegründet, zählen Tonbandgerät heute zu einer der beliebtesten Popbands in der deutschsprachigen Musiklandschaft. Stets authentisch und am Boden geblieben erzählen die Hamburger uns im Gespräch, was sich in den letzten Jahren bei ihnen verändert hat und was an der neuen Platte anders ist. Wir haben Ole (Gesang), Isa (Bass), Jakob (Schlagzeug) und Sophia (Gitarre) in Berlin getroffen.

Ihr seid im Moment auf großer Deutschlandtour, wie geht’s euch soweit und was habt ihr bisher Spannendes erlebt?

Ole: Es ist jetzt unsere dritte Tour und man kann die Touren mittlerweile ein bisschen vergleichen, was ganz spannend ist und es ist eine sehr schöne Tour soweit. Es macht echt Spaß! Es sind fast überall mehr Leute da und die Konzerte werden immer schöner. Ich weiss nicht, ich habe so das Gefühl, dadurch dass wir drei Alben haben, kann man die Konzerte noch besser planen, weil man einfach von drei Alben auswählen kann. Für mich ist es soweit die schönste Tour, würde ich sagen.

Wie habt ihr die Setlist gestaltet? Habt ihr eure Songs insofern ausgewählt, dass ihr erstmal geschaut habt, ob ihr Lust hättet diese live zu spielen?

Isa: Genau, wir haben uns lange untereinander abgesprochen, worauf wir so Lust hätten und dann auch noch auf Instagram und Facebook bei den Fans nachgefragt. Dann haben wir alles aufgeschrieben, eine Strichliste geführt und haben dann geguckt, ob sich das deckt und ob es cool ist.

Ole: Manchmal ist es ja auch so, dass manche Songs, die man selbst nicht mega auf dem Zettel hat, plötzlich zu Fan-Lieblingen werden. Ich weiss noch, dass wir auf der ersten Tour den Song “Hirngespenster” gespielt hatten. Wir hatten ja eh das ganze Album gespielt und der war auf einmal so der Fan-Liebling und damit hatten wir nicht gerechnet.

Was waren die schönsten Momente mit euren Fans auf dieser Tour?

Sophia: Generell natürlich, dass das neue Album gut angenommen wurde. Das ist ja immer die Sorge, wie die Fans das finden. Das läuft aber sehr gut. Ich finde es krass, dass manche Fans seit dem ersten Album mitreisen. Zum Beispiel haben wir uns bei der ersten Tour hingekniet, um mit einem Jungen ein Foto zu machen und der ist jetzt größer als wir. Er reist immer mit seinem Papa an und sowas finde ich auch sehr schön.

Das neue Album “Zwischen all dem Lärm” ist nun seit drei Monaten draußen. Ihr habt die Platte in den legendären Hansa Studios aufgenommen, wo einst Depeche Mode und David Bowie auch ihre Platten aufnahmen. Tim Tautorat hat diesmal euer Album produziert. Wie war die Zusammenarbeit mit ihm?

Jakob: Na, super cool auf jeden Fall! Bevor wir ins Studio gegangen sind, hatten wir auch lange davor überlegt, mit wem wir das machen und hatten uns ein paar Kandidaten angeguckt. Im Endeffekt waren wir super happy mit Tim. Wir sind total zufrieden mit den Ergebnissen! Auch mit der Arbeit im Studio.

Was waren die Highlights im Studio, während ihr an eurem Album gearbeitet habt?

Ole: Die Hansa Studios sind an sich mit ihrer Geschichte schon sehr toll, weil dort großartige Platten aufgenommen wurden. Aber im Endeffekt war wieder das Schönste für mich, ich weiss nicht, ob es euch auch so geht… (richtet sich an seine Band)

Sophia: Der Gesang?

(alle lachen).

Ole: Nee! (lacht mit). Aber wenn man im Studio ist, ist es immer am Schönsten, wenn ein Song, den man vorher im Proberaum selbst für sich produziert hat, dann im Studio auf einmal zusammenkommt und man dabei merkt: “Ah toll! Jetzt ist der Song da, wo er sein soll”. Für mich sind das richtig tolle Momente.

Wie waren die bisherigen Reaktionen und das allgemeine Feedback auf das neue Album?

Isa: Bis jetzt gab es kein richtiges Feedback, aber die Leute, die auf den Konzerten sind, singen sehr viel mit von den neuen Songs und das ist ja eigentlich das beste Kompliment, das man bekommen kann.

Ole: Wir waren so richtig gespannt, weil der Song “Reisegruppe Angst und Bange” das erste Zeichen vom neuen Album war, den wir mit Jan Windmeier als Feature hatten und es klingt ja schon anders als alles andere, was wir bisher mit Tonbandgerät veröffentlicht haben. Der ist schon ein bisschen krawallig und da waren wir sehr gespannt, wie die Leute darauf reagieren, ob die das überhaupt gut finden oder nicht. Aber selbst da waren die Fans eigentlich sehr cool und meinten: “Ja geil, gute Nummer!”.

Passenderweise knüpft meine nächste Frage an das Feature mit Jan Windmeier von Turbostaat an. Wie ist die Zusammenarbeit mit ihm entstanden?

Isa: Über unseren Produzenten Tim ist es entstanden, der auch mit Turbostaat zusammenarbeitet. Wir hatten uns einen Feature-Gast für den Song gewünscht und sind alle große Turbostaat-Fans. Tim hat uns einfach mal angeboten, dass er nachfragen könnte, ob Jan Lust hat, das zu machen und der hat dann zugesagt. Das war echt super cool.

Als ich in das Album mal reingehört habe, hatte ich danach das Gefühl, als sei ich mit meinen Emotionen Achterbahn gefahren. Ihr singt über das Älterwerden, über Bindungsphobie wie bei “Mein Herz ist ein Tourist” und welche Herausforderung sonst noch das Erwachsensein mit sich bringt. Habt ihr im Songwriting-Prozess gemeinsam über eure Erlebnisse gesprochen und dann vereinzelte Themen erarbeitet, worüber ihr dann einen Song geschrieben habt?

Ole: Das ist ganz spannend, dass du es so zusammenfasst, es geht ums Älterwerden. Wir hatten für dieses Album 70 bis 80 Demos, also unglaublich viele Songs und selbst uns war überhaupt nicht klar, wie das Album werden wird oder ob es überhaupt einen roten Faden hat. Das war am Anfang nicht klar und wir haben dann diese 12 Songs ausgesucht. Dabei sind wir aber nicht nach dem Prinzip vorgegangen “Wie könnte das konzeptmäßig passen?” sondern “Was sind die stärksten und schönsten Songs für uns?”

Sophia: Nein, das haben wir nicht gemacht, dass wir uns einzelne Themen überlegt hätten. Ich glaube, das könnten wir auch nicht. Ich finde, ein Song entsteht auch nicht, wenn man beispielsweise sagt: “Heute, fehlt uns noch das Thema XY”, und dann schreiben wir einen Song. So arbeiten wir zumindest nicht, sondern es ist schon impulsiver.

Ole: Es war nicht so, dass wir alle im Sitzkreis saßen und unsere Emotionen freien Lauf gelassen haben.

Wie in der Therapie.

Sophia: (lacht). Für das nächste Album vielleicht.

Ole: Das wird dann wohl ein Konzeptalbum.

Zu den 70 bis 80 neuen Songs, die ihr währenddessen geschrieben habt: Wie konntet ihr stets die Motivation aufrechterhalten, Texte zu schreiben? Wart ihr teilweise sehr anspruchsvoll und dachtet zwischendurch “Okay, ich hätte doch gerne einen besseren Text, also verwerfen wir lieber das Ganze”?

Isa: Alles ist ein bisschen notgedrungen passiert, weil wir einen Wechsel von unserer alten Plattenfirma (Universal) zu einer neuen Plattenfirma (Sony) hatten. Die alte Plattenfirma war auch nicht zufrieden mit den Songs, die wir abgeliefert haben. Dann mussten wir notgedrungen weiterschreiben, weil sie sich anderes Material gewünscht haben. Danach mussten wir gucken, ob es für uns schon cool war oder ob wir weiterschreiben wollten. Ob es unseren Ansprüchen genügt und haben stets weitergemacht.

Ole: Gerade das ist auch ein sehr starkes Gefühl, das wir zum ersten Mal hatten. “Ohh, die Plattenfirma findet das nicht so gut”. Das ist schon ein starkes Gefühl, was auch in vielen Songs irgendwie drin ist.

Ihr habt das unter anderem also verarbeitet.

Isa: Ja, wahrscheinlich.

Sophia: Ja, aber eher nicht plakativ. Ich glaube, niemand will einen Song darüber hören, dass eine Band sich unverstanden fühlt (alle lachen).

Sophia: Im Album wird dennoch der Zweifel hörbar.

Ole: Genau, einfach so als Grundgefühl.

Nachdem ihr endlich alle 12 Songs für die Platte festgelegt habt, was war das für ein Gefühl im Anschluss ein neues Album fertiggestellt zu haben?

Ole: Ein großer Stein ist vom Herzen gefallen. Einfach, weil es ein längerer Prozess war, das bei den ersten beiden Platten nicht so war – da hatte es sich eher natürlich angefühlt, die zu machen. Die waren zwar nicht “einfach”, aber es ging viel einfacher. Bei der dritten Platte waren so viele Hürden und deswegen ist uns ein riesen Stein vom Herzen gefallen, als es fertig war.

Euch gibt es nun seit 11 Jahren. Ich kann mir vorstellen, dass ihr schon in gewissermaßen eine Familie geworden seid. Wie lautet euer Geheimrezept so lange zusammenzubleiben?

Jakob: Beziehungsratgeber Ole!

Ja bitte, danach sehnen wir uns.

(alle lachen).

Ole: Das ist eine gute Frage.

Isa: Wenn wir das selber wüssten (lacht).

Jakob: Man muss natürlich zusammenpassen. Wir mögen uns alle und haben uns noch nicht zerstritten (lacht). Das ist schon wichtig, dass man miteinander kann und gerade dass man auch zusammenarbeiten kann, weil das natürlich ein Großteil dessen ist, was wir machen. Aber ein großer Bestandteil ist auch , dass man miteinander rumhängt, auf Tour ist, im Proberaum hängt. Ja, das funktioniert gut bei uns.

Wenn ihr jungen angehenden Künstlern oder Bands da draußen Ratschläge für ihren weiteren Weg geben könnt, welchen Fokus als Musiker bzw. beim Musikmachen sollte man nicht aus den Augen verlieren?

Alle (übereinstimmend): Spaß!

Sophia: Das ist für uns das Wichtigste.

Isa: Ohne das macht’s alles keinen Sinn.

Ole: Immer noch, ja. Wenn es irgendwann keinen Spaß mehr macht, dann lass’ es…

Sophia: Dann mache es anders. Nicht “lass es”. (alle lachen).

Was sind eure Wünsche als Band für die Zukunft?

Ole: Wir haben als Band gelernt, dass man nicht super weit in die Zukunft schauen sollte. Das macht keinen Sinn. Die Dinge kommen doch immer anders. Aber wir haben so ein großes Ding für nächstes Jahr. Wir werden unsere erste eigene Show im Stadtpark in Hamburg haben. Das ist eine sehr große, schöne Bühne, auf der wir schon immer spielen wollten und das ist echt ein großer Step für uns. Das Konzert haben wir auch schon gebucht und da gibt’s schon Karten. Für uns ist es wirklich sehr aufregend jetzt. Das ist so das nächstgrößere Ding (lacht).

Foto: Dennis Dirksen

Autor Geraldine Hutt
Wohnort Berlin
Beruf Studentin
Dabei seit 2018
Deine Aufgabe bei Stageload Fotos
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