Interview mit Val Sinestra

Interview mit Val Sinestra

Die Berliner Punkrocker haben sich nach einem Schweizer Alpengebiet benannt, sind allerdings aus der Hauptstadt und möchten eh lieber nach Japan. Bassist Max und Sänger Chris sagen uns, wo sie gerne sind, wo sie nie wieder hingehen oder wo sie schon immer mal hin wollten.

Berlin ist groß. Wohin verschlägt’s euch trotz der erschlagenden Auswahl immer wieder?

Max: Das Cassiopeia auf dem RAW-Gelände in der Revaler Straße ist einer dieser Orte, die sich wie ein roter Faden durchziehen – von den frühen Anfängen bis zuletzt zu unserem Jahresabschluss 2016. Ich habe da schon gespielt, als der Club noch aus einem einzigen Raum bestand. Uns treibt so vieles immer wieder da hin: Partys genauso wie Filmpremieren oder Festivals, und vor allem Konzerte. Wir haben großartige Shows von Every Time I Die, Sport, Honningbarna oder Black Tusk gesehen und selbst dort mit Darkest Hour, Frank Carter and the Rattlesnakes und John Coffey gespielt. Das ganze Gelände drumherum mit dem Kletterturm und der Skatehalle, dem Biergarten und dem Freiluftkino ist einfach der Hammer. Wir hoffen also sehr, dass trotz aller Bebauungspläne und der allgemein furchtbaren Stadtentwicklung das Gebiet ums Cassio noch lange so bleiben kann wie es ist.

Chris: Das Chagall am Senefelder Platz hat uns auch schon mehrmals einen Ort für wichtige Bandgespräche und denkwürdige Feiern geboten. Immer ein guter Anlaufpunkt, um den Abend langsam zu starten oder schnellstens zu beenden – am besten immer bei einem großen Krusovice und einer Sauerkraut-Suppe. Ansonsten gehen wir gern mal Platten shoppen im CoreTex, Bis aufs Messer oder bei VoPo Records.

Was ist für die Band ein besonders wichtiger/symbolträchtiger Ort?Max: Zum Einen tatsächlich das Val Sinestra. Ich war im Februar 2016 zum ersten Mal dort und das war schon ziemlich abgefahren. Es gibt in dem Tal lediglich das Kurhotel und im Winter ist die einzige Zufahrtsstraße gesperrt. Dann geht es acht Kilometer über schmalste Wege und verrostete Brücken zu Fuß durch den Wald. Und ganz oben hinter einer Kurve kommt dann dieses alte Hotel.
Ein anderer Ort dürfte die alte WG von einem Kumpel sein, in der ich 2007 unseren Schlagzeuger Säsh kennen gelernt habe. Die Musik war ziemlich lahm und irgendwann hab ich an dem Abend The Bronx angemacht. Da kam irgendein Kloppi ins Zimmer gerannt und war direkt am Ausrasten. Das Gespräch ging dann so: “Hi, ich Bass. Du?” – “Ich Schlagzeug. Bock auf Jam?” Und dann ab dafür.

Chris: Ich denke ein wichtiger Ort war für uns alle Brighton. Dort konnten wir uns nicht mehr hinter Verstärker-Wänden oder einem übersteuerten Mikrofon verstecken, dort ging’s ums Töne treffen. Wir alle waren angespannt und nervös. Unser Produzent Jag war sehr direkt und manchmal sehr laut, hat jedoch das Letzte aus uns rausgekitzelt.

Ein Ort, an dem ihr irgendwann sein wollt?Max: Tokyo! Ganz oben auf der Liste steht, einmal mit der eigenen Band in Tokyo zu spielen. Keine Ahnung wieso, aber irgendwie habe ich das im Kopf seit meiner ersten Band… Ich bin gespannt, wie das ankommt, wenn sich ein Haufen Japaner ne halbe Stunde von uns anschreien lässt.Chris: Ich mag Brighton und könnte mir vorstellen, dort einmal zu leben. Es fühlt sich wie meine zweite Heimat an. Ansonsten ist und bleibt Berlin meine Nummer 1. Bisher war die Stadt immer gut zu mir/uns, musikalisch wie auch beruflich.

Ein Ort, an den ihr nie wieder zurückkehrt?Max: Der Speicher in Pasewalk. Hab dort 2004 mit meiner alten Band gespielt. Es war Ende November und trotzdem mussten wir rausgehen, um uns aufzuwärmen. Zum Essen gab es kalte Nudeln und kalten Kartoffelbrei und als uns dann gegen 5 Uhr morgens nach der schlechtesten Oi-Party überhaupt mitgeteilt wurde, dass wir auf der Bühne schlafen “dürfen”, war klar… weg und nie wieder zurück.Chris: Eberswalde. So gerne ich dort aufgewachsen bin, kann ich mir nicht mehr vorstellen, dort zu leben. Die Einöde, Langeweile und Engstirnigkeit dort nervt.
Wofür müsst ihr mal wieder Platz schaffen, wörtlich oder übertragen?

Max: Bandshirts. Ich hab, keine Ahnung wie viele ich habe und es werden immer mehr. Obwohl ich meist sowieso Karohemden trage, ist ein Bandshirt halt mehr als der Stoff im Schrank. Es sind Geschenke von befreundeten Bands oder Erinnerungen an tolle Abende mit den Kumpels oder einfach nur an großartige Konzerte. Oder ein Dankeschön dafür, dass man ne Band bei sich zu Hause beherbergt hat, ohne die Leute vorher gekannt zu haben. Oder man greift in den Schrank, zieht ein Shirt raus und erinnert sich an Bands, die es nicht mehr gibt. Dann hört man die Platte dazu und einem fällt wieder ein, warum man die Band geil fand und wie der Abend dazu war. Als Beispiel kann ich da Cancer Bats nehmen – ich finde die Platten nicht so mega gut, aber jedesmal, wenn ich die Band live sehe, packt es mich so dermaßen, dass ich wieder ein Shirt kaufe. Oder Every Time I Die, wo ich vor dem Konzert schon weiß, dass ich nach der Show ein neues Shirt brauche.

Chris: Ich hebe gerne Dinge auf: Konzertkarten, Poster, Promo-CD’s, alte Platten oder Musik-DVD’s, kaputte Skateboards. Das ist alles in meiner Wohnung verteilt und ergibt ein schönes Stillleben.
Übertragen sollte ich in meinem Kopf Platz schaffen für das Beenden meines Studiums… Aber für Dinge wie dieses Interview nehme ich mir definitiv lieber Zeit als für meine Bachelorarbeit.
Der beste Platz, um…

…ein Date zu haben.Max: Wenn man wirklich was füreinander übrig hat, ist jeder Platz der Beste. Dann kann es ein Park sein, ein Metal-Konzert, ein Stripclub, die Assi-Eckkneipe mit Vereinsstammtisch oder der Bürgersteig in der Kopernikusstraße. Ansonsten läuft’s auch beim besten Essen im tollsten Restaurant oder in der hippsten Bar nicht.Chris: Konzert, dann Bar, dann Bett.

…Leute zu beobachten.Max: Die U-Bahn. Egal ob in Berlin, München, London, Shanghai – was in der U-Bahn abgeht, ist einfach immer wieder geil. Von Typen, die sich rasieren oder die Zehennägel knipsen bis über mega aufgetakelte Mädels, die in ihrem eigenen Erbrochenen liegen. Von Menschen, die mit sich selbst reden über alkoholgeschwängerte Polit-Talks oder zwei Menschen, die sich frisch kennengelernt haben und einfach überinander herfallen.Chris: Einfach mal ne halbe Stunde an den Kotti stellen… man weiß nie was passiert.
…für sich zu sein.

Max: Das eigene Klo. Irgendwie ist man darauf geeicht, immer erreichbar zu sein, und sich direkt zu entschuldigen, wenn man es nicht ist. Auf dem Klo ist das anders. Tür zu, ein Magazin in die Hand und Ruhe. Manchmal sitz ich auch einfach nur deshalb zehn Minuten auf’m Deckel.

Autor Enno Küker
Wohnort Köngen
Beruf Student
Dabei seit Mitte 2011
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews
Top-Alben ...kommen und gehen. Evergreens: Brand New - The Devil and God Raging...// Emery - I'm Only A Man // Every Time I Die - The Big Dirty // Limp Bizkit - Chocolate Starfish And...// Taking Back Sunday - Tell All Your Friends // Die Toten Hosen - Opium Fürs Volk // KIZ - Urlaub fürs Gehirn (Economy Version)
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