Interview mit Wicca Phase Springs Eternal

Interview mit Wicca Phase Springs Eternal

Von Tigers Jaw zu Wicca Phase könnte der Genre-Unterschied kaum größer sein. Adam McIlwee alias Wicca Phase Springs Eternal erzählt vor seiner einzigen Deutschland-Show in Berlin, wieso er seine alte Band verlassen hat und wie er zu Witchhouse kam.

Interview und Fotos von Christian Schwarz

Wie läuft die Tour bisher und wie waren die Shows mit Turnstile? Wie ist es für dich, Support für eine Band aus einem komplett anderen Genre zu spielen?
Die Tour läuft großartig. Die letzten fünf Tage in Großbritannien waren interessant, aber nichts, das ich nicht schon teilweise gewohnt wäre. Der Großteil der Konzertbesucher kam schließlich wegen Turnstile und freute sich auf groovy Hardcore und Stagedives, was ich ihnen natürlich nicht bieten kann. Vor einem Publikum zu spielen, das entweder keine Ahnung hat, was ich mache, generell noch nie diese Art von Musik gehört hat oder mich aktiv ablehnt, war sehr fordernd. Aber ich hab‘ Spaß daran. Jetzt haben vor zwei Tagen in Paris meine Mainland-Shows begonnen und von heute Abend an supportet mich Cremation Lily, worauf ich mich schon sehr freue.

Bemerkst du im Vergleich zu deiner ersten EU-Tour im Sommer große Unterschiede – sei es die Anzahl der Menschen oder die Reaktionen, die dir diese entgegenbringen?
Mir war auf meiner ersten Tour nicht bewusst, dass wir so wenig Schlaf bekommen würden, weil wir so viele frühe Flüge und Züge erwischen mussten. Mit diesem Problem müssen wir uns diesmal wieder herumschlagen, aber ich bin darauf viel besser vorbereitet. Verantwortungsbewusst zu sein und zu wissen, dass ich auf mich achten muss, wenn ich nicht ständig erschöpft sein will, erleichtert einiges. Ich weiß, dass das eine langweilige Antwort ist, weil es nichts mit den Shows direkt zu tun hat, aber es ist dennoch ein sehr großer Unterschied zum letzten Mal. Ansonsten bin ich gerade bei knapp der Hälfte der Tour angekommen und spiele zusätzlich in ein paar neuen Städten, deswegen ist es schwer zu sagen, wodurch sich die Shows mit Blick aufs erste Mal unterscheiden. Allerdings ist mir aufgefallen, dass die Anzahl an Interview-Anfragen und Presse-Terminen gestiegen ist, und mir mehr Fans im Vorhinein schreiben, dass sie sich auf die Shows freuen. Das freut mich sehr und ich hoffe, dass dieser Trend noch etwas länger anhält (lacht).

Ich habe gelesen dass du 2019 ein Indie/Alternative Album veröffentlichen willst – kannst du uns hier mehr Informationen geben? Soll es als Wicca Phase Springs Eternal veröffentlicht werden, oder ein neues Projekt?
Nagel mich nicht aufs Datum fest (lacht). Zu der Zeit, als ich das Interview gegeben habe, dachte ich, dass es 2019 veröffentlicht wird, was auch weiterhin möglich ist. Gemeinsam mit Pat (Brier) und Dennis (Mishko) von Tigers Jaw, schreibe ich neue Songs, obwohl zurzeit Dennis die meiste Zeit investiert. Hätte Wicca Phase eine Band, dann wäre es genau dieses Projekt, aber wir werden es wohl unter einem neuen Namen veröffentlichen. Es ist im Moment etwas schwierig für uns, Zeit zu finden und zu planen, aber wir sprechen oft darüber und hatten sogar eine Full Band-Probe im April. Ich treffe mich oft mit Dennis und wir bringen uns gegenseitig die Songs bei, die wir geschrieben haben. Es ist noch vieles unklar, weil ich noch nicht sagen kann, was in den nächsten sechs Monaten mit Wicca Phase passiert.

War es eine bewusste Entscheidung, nach Tigers Jaw ein Projekt ohne Band zu starten?
Ja, auch wenn es etwas kompliziert zu erklären ist. Es gibt zwei Gründe und sie haben beide nichts mit Tigers Jaw an sich zu tun. Zum einen fällt es mir persönlich schwer, Entscheidungen mit vier anderen Menschen zu treffen, ganz egal ob Wichtiges wie das Album-Artwork oder Unwichtigeres, wie wohin wir auf Tour essen gehen. Zum anderen ist es der künstlerische Aspekt eines Musik-Projekts und das Eingehen von Kompromissen. Ich mache sehr gerne genau das, was ich will – und nur was ich will. Sobald ich das Gefühl bekomme, Wege gehen zu müssen, die von meiner ursprünglichen Vision und meiner genauen Vorstellung ablenken, macht mich das sehr unglücklich. Das präzise Kommunizieren, wie die von mir geschriebenen Songs klingen sollten und was sie ausdrücken und vermitteln sollten, wurde sehr schwierig für mich.

Gefühlsmäßig konnte ich somit nicht zu 100 Prozent meine künstlerische Freiheit genießen und das machen, was ich wirklich wollte. Und zusätzlich dazu musste jedes Bandmitglied ebenfalls voll und ganz hinter dem stehen, was ich mache, was quasi unmöglich ist, wenn alle ihrer eigenen Vision nacheifern. Also muss entweder sehr viel Vertrauen da sein, oder es ist ein totalitäres Aufzwingen von Ideen. Und niemand will in einer Gruppe von Menschen sein, in der eine Person allen anderen seine Vision aufzwingt. Also hielt ich es für das Beste zu gehen – nicht unbedingt, um die Musik zu machen, mit der ich 2011/2012 begann, sondern um Dinge umzusetzen, die mir als Einzelperson musikalisch möglich waren. Heute arbeite ich mit einigen Produzenten und Personen, die Instrumentals für mich machen, aber ich kann mich ausdrücken wie ich will, Songstrukturen aufbauen, die ich haben möchte und muss niemanden fragen ob das okay ist, weil alles unter meinem eigenen Namen läuft.

Wie kam es damals 2011/2012 dazu dass du diese Witchhouse/Electronic/Hip Hop Richtung einschlagen wolltest?
Ich war schon immer interessiert an elektronischer Musik, und von einem sehr jungen Alter auch an Hip Hop. Meine ersten gekauften Alben und Singles waren Puff Daddy, Mase, Busta Rhymes und Notorious BIG. Als ich Wicca Phase ins Leben rief, wollte ich einfach düstere elektronische Musik machen. Ich wusste zu Beginn nicht wirklich, wie das funktioniert und auch nicht, wie es im Endeffekt klingen würde. Ich begann mit Drum Loops und verzerrten Keyboard Melodien, bevor ich mich weiter mit Witchhouse auseinander setzte und zu verstehen begann, dass es 808-Drum Machines, verzerrt mit viel Subbass Hits und ähnlichen Dingen sind. Ich hatte wenig Einblick in diese Welt der Musik, aber ich war sehr aktiv auf Tumblr und lernte Leute wie Cold Hart kennen, der zu der Zeit für Lil B produzierte. Er kreierte Beats und anderen Menschen rappten dazu. Es war spannend und neu für mich zu sehen, wie diese Musik-Szene funktionierte und der Grund, warum ich damit begann. Heute sind Gitarren ein sehr großer Teil dieses Genres, was gut für mich als Gitarrenspieler ist (lacht).

Oftmals, wenn Künstler ihren Sound stark verändern oder neue Projekte starten, machen sie ihre Fangemeinde mit einem neuen Genre bekannt. In deinem Fall mit einer Art der Musik, die meines Wissens nach in dieser Form damals noch nicht existiert hat. Denkst du, dass du viele Menschen, die dich bei Tigers Jaw geschätzt haben, in diese jetzt populäre Form des Trap/Hip Hop/Witchhouse mitgebracht und eingeführt hast?
Ja, das denke ich schon. Es war nicht meine Intention, aber ich höre es immer wieder – es kommt sehr oft vor, dass mich jemand anspricht und sagt „Ich höre deine Musik seit Tigers Jaw“. Ich bezweifele. dass diese Personen diese Art von Musik schon gehört haben, als ich noch bei Tigers Jaw gespielt habe – falls es diese Form von Musik da überhaupt schon gab. Natürlich gab es Hip Hop und Indie und elektronische Musik damals schon. Es wirkt aber so, als hätte diese Szene, in der ich mich bewege – ich weiß leider nicht welche das ist – in den letzten Jahren einen starken Aufwärts-Trend erlebt. Die Menschen, die mich seit den frühen Tagen von Wicca Phase begleiten, konnten die Entwicklung dieser Szene von der Geburtsstunde an verfolgen. Lustigerweise passiert es mir in letzter Zeit auch öfter, dass ich von jemandem angesprochen werde, der Tigers Jaw und Wicca Phase hört, aber nicht weiß, dass der damalige Sänger von Tigers Jaw und Wicca Phase dieselbe Person ist.

Misery Club veröffentlichte diesen Sommer die erste EP – was kommt als nächstes?
Das wissen wir noch nicht genau. Wir haben Anfang Oktober wieder einige Songs aufgenommen, ohne einen wirklichen Plan, was damit passieren soll. Es ist einfach ein Anlass für mich, um mit Jon (Simmons), Jonah (Fantasy Camp) und Zubin Musik aufzunehmen und abzuhängen. Wir haben eine Hütte für ein Wochenende gemietet und einfach sehr spontan geschrieben und aufgenommen, so ist dann die erste EP entstanden. Alles ist sehr spontan – die meiste Zeit nehmen wir Songs auf, die Minuten davor geschrieben wurden. Misery Club ist ein sehr aktiver Group-Chat und es wird definitiv noch mehr kommen, aber wie genau bleibt abzuklären. In diesem Fall ist es sogar angenehm, andere Menschen mit Meinungen zu haben, weil ich nicht alles alleine zerdenken muss. Dadurch geht’s weitaus schneller als bei Wicca Phase.

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