Against Me – White Crosses

Against Me - White Crosses

Against Me – White Crosses

„Erwachsen Werden“ ist im Musikgeschäft eine Sache für sich. Und gerade wenn es sich dann um im weitesten Sinne Punkrocker handelt stellt sich die Frage, geht das überhaupt? Against Me! aus der Punkrock-Hochburg Gainesville, Florida zumindest versuchen den Spagat. Sänger Tom Gabel ist eben erst Vater geworden, bei Bassist Andrew Seward ist Nachwuchs unterwegs. Doch wer glaubt, das Quartett würde jetzt sesshaft, ist schief gewickelt.


„White Crosses“ ist das sechste Studioalbum von Against Me! und zunächst einmal sticht eine Neuerung ins Auge: Einer ist der Punkmusik-Phase nämlich doch entwachsen: Drummer Warren Oakes. Ermüdet vom Leben als Musiker und ständigem Touren hat er sich entschlossen sich zur Ruhe zu setzen und hat nun ein Restaurant eröffnet. Doch Gainesville wäre nicht Gainesville, wenn nicht direkt ein hochkarätiger Nachfolger in den Startlöchern stehen würde. Ersetzt wird Oakes durch George Rebelo, seines Zeichens Mitglied der legendären Hot Water Music um Chuck Ragan und laut einem Interview mit Gabel im Ox der vielleicht beste Drummer Floridas. Somit wurde den immer wieder aufkommenden Gerüchten um eine Auflösung ein jähes Ende erteilt. Es waren also alle Weichen gestellt um drei Jahre nach dem Erscheinen von „New Wave“ eine neue Platte aufzunehmen.
Was ist das nun für eine Platte? Nun, der Weg von eben diesem „New Wave“ wird konsequent weiter gegangen. Man entfernt sich immer weiter vom rotzigen Folk-Punk alter Tage, wird poppiger, die Songs klingen eingängiger und besitzen großes Hitpotential. Natürlich wird es hier und da selbsternannte „Fans der ersten Stunde“ geben, denen dass aufstoßen mag, doch wer sich mit der benötigten Objekitivität mit der Musik auseinander setzt wird merken, dass das ganze zwar sicher etwas glattgebügelt klingt, man Against Me! Letztlich musikalisch aber absolut keinen Vorwurf machen kann. Und ob sich eine Punkband „verkauft“, merkt man nun mal weniger an der Musik, sondern vor allem an den Lyrics – und hier schrauben Against Me! keinen Gang zurück. Hatte sich Gabel zuletzt noch großteils mit der eigenen Szene auseinander gesetzt, so spielen nun allerhand unterschiedliche Themen eine Rolle.
Der gleichnamige Opener von „White Crosses“ handelt so von einem Feld mit 4.000 demonstrativen weißen Kreuzen in einem Dorf, in dem Gabel mit seiner Familie lebte, die symbolisch für Abtreibungen stehen sollen. Der Refrain mit „white crosses on the church lawn / I want to smash them all“ zeigt, wie übertrieben zur Schau gestellt dies auf den charismatischen Sänger wirkt und lässt „White Crosses“ zugleich zu einem Pro-Choice-Song (Pro Choice: Frauen sollen bei Behinderung o.Ä. selbst entscheiden, ob sie ihr Kind austragen wollen) avancieren. Der Titel „I Was A Teenage Anarchist“ erklärt sich quasi von selbst, hier wird (mit einem Augenzwinkern an Melancholie) mit der Vergangenheit aufgeräumt und zugleich vor zu viel Idealismus gewarnt. Auch ein Track über eine zerbrochene Beziehung darf nicht fehlen und wird mit „Because Of The Shame“ auch prompt geliefert.
„Ache with Me“ kommt mit einer großen Portion Indie-Rock daher und zeigt die sentimentale Seite von Against Me! und auch die restlichen Songs bewegen sich musikalisch zwischen Rock, (Street-)Punk und Indie und sind im Sachen Inhalt derart abwechslungsreich, dass letztlich dabei ein Album herauskommt, das zwar viele Fans der Band und/oder des „Punk“ enttäuschen wird, prinzipiell aber musikalisch und inhaltlich von vorne bis hinten zu überzeugen weiß, obgleich auch ich sagen muss, dass es vielleicht an der ein oder anderen Stelle zu glatt ist. Stört aber letztlich kaum.
Against Me! sind also endgültig erwachsen geworden. Im positiven Sinne.

Autor Sascha Schüler
Wohnort Magdeburg
Beruf Student
Dabei seit Juni 2010
Deine Aufgabe bei Stageload Reviews, Interviews
Top-Alben American Football - American Football, Comadre - Comadre, DIIV - Oshin, Title Fight - Hyperview, Julien Baker - Turn Out The Lights, Deafheaven - Sunbather, Nothing - Guilty Of Everything
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